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Kundenrezension

216 von 241 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Flammendes Plädoyer für eine "Konversion zum Können" (306), 1. Mai 2009
Rezension bezieht sich auf: Du mußt dein Leben ändern: Über Anthropotechnik (Gebundene Ausgabe)
Nach mehr als 700 Seiten, die inhaltlich und sprachlich nur als überwältigend zu bezeichnen sind, steht der Schreiber dieser Zeilen nun vor der Herausforderung, zumindestens in Ansätzen zu vermitteln, welche Ideen und Konzepte im Zentrum dieser Darstellung stehen und warum sie eine möglichst breitgefächerte Leserschaft verdient. Dass es dabei zu Vereinfachungen kommen wird, lässt sich nicht vermeiden.

Im Zentrum von "Du mußt dein Leben ändern" steht der Mensch. Der Mensch als ständig übendes Wesen, welches sich bemüht, in dieser Welt einen Platz für sich, einen Sinn zu finden. Für dieses Bestreben verwendet Sloterdijk den Begriff Anthropotechnik. Diese doch recht technokratisch anmutende Bezeichnung erklärt Sloterdijk als "die mentalen und physischen Übungserfahrungen, mit denen die Menschen verschiedenster Kulturen versucht haben, ihren kosmischen und sozialen Immunstatus angesichts von vagen Lebensrisiken und akuten Todesgewißheiten zu optimieren" (23). Hier kommt der Gedanke zum Ausdruck, dass alles menschliche Streben, alles menschliche Üben, aus dem Bewusstsein unserer eigenen Endlichkeit resultiert und dass somit auch die gesamten Errungenschaften unserer Kultur Ergebnisse von Übungen sind. Sloterdijk formuliert anschaulich: "In Wahrheit steht der Übergang von der Natur zur Kultur und umgekehrt seit jeher weit offen. Er führt über eine leicht zu betretende Brücke - das übende Leben" (25).

Ich denke, dass man zugespitzt formulieren kann, dass Sloterdijks Darstellung im Grunde genommen nichts anderes ist, als ein Blick auf die Übungsverfahren des Menschen in den vergangenen 3000 Jahren. Dabei liefert der Autor unter anderem eine Tour de Force durch die abendländische Philosophiegeschichte, wobei ein Denker ganz eindeutig im Zentrum des Buches steht: Friedrich Nietzsches. Das Denken Nietzsches im Hinterkopf formuliert Sloterdijk den Kerngedanken seiner Darstellung: "Sein Leben ändern heißt nun: durch innere Aktivierung ein Übungssubjekt heranbilden, das seinem Leidenschaftsleben, seinem Habitusleben, seinem Vorstellungsleben überlegen werden soll. Subjekt wird hiernach, wer an einem Programm zur Entpassivierung teilnimmt und vom bloßen Geformtsein auf die Seite des Formenden übertritt. Der ganze Komplex, den man Ethik nimmt, entspringt aus der Geste der Konversion zum Können" (306). Dies ist im Grunde genommen nicht weniger als eine Neuformulierung des Nietzscheanischen Übermenschen. Der Mensch selbst nimmt sein Leben in die Hand, der Mensch selbst will formen und nicht bloß geformt werden, der Mensch selbst kreiert die Maßstäbe seines Handelns, seine Wertegerüst oder, in den Worten Sloterdijks, seine Übungszone. Sloterdijk zeigt sich ganz deutlich als Nietzscheaner, wenn er im Sinn der Ausweitung der menschlichen Übungszone und der menschlichen Möglichkeiten die schöpferische Kraft des in unserer Kultur oft verschmähten Egoismus betont: "Wo man den Egoismus vermutete, um ihn in flüchtigen Bösesprechungs-Verfahren zu verdammen, findet man bei genauem Hinsehen die Matrix der herausragenden Tugenden" (378). Die Ähnlichkeit zwischen dem übenden Menschen und dem Übermenschen ist nicht nur phonologischer, sondern auch und vor allem semantischer Natur. Sloterdijk selbst nimmt hierzu indirekt Stellung und formuliert: "[D]er 'Übermensch' impliziert kein biologisches, sondern ein artistisches, um nicht zu sagen: ein akrobatisches Programm" (178).

Eng zusammenhängend mit der Auseinandersetzung mit Nietzsche und gleichsam geprägt von seinem Denken ist Sloterdijks Analyse des Religionsphänomens, welches er konkret mit Bezug auf seine Fragestellung nach dem übenden Leben behandelt. In seiner typischen Art definiert Sloterdijk Religionen als "mehr oder weniger mißinterpretierte anthropotechnische Übungssysteme und Regelwerke zur Selbstformung im inneren wie äußeren Verhalten" (134). Religionen haben stets etwas Pathologisches an sich, sprich, die Neurosen oder Psychosen eines Individuums oder einer Gruppe schaffen es, sich mit einer Aura einer absoluten Wahrheit zu umgeben. In einem der Höhepunkte des Buches zeichnet Sloterdijk die Genese einer Religion am Beispiel von Scientology nach (133-175). Bezüglich seiner Fragestellung interpretiert Sloterdijk Religionen als außer Kontrolle geratene Übungssysteme, welche ihre Mitglieder auf Kosten der Bildung einer Gruppenidentität missbrauchen. Religionen, so Sloterdijk, entstehen dadurch, "daß ein ethischer Übungsprozess zu Zwecken kollektiver Identitätsbildung umfunktioniert wird - auf diese Weise wandelt sich die spirituelle Übung von der anspruchsvollen Rückzugsform in die billige Besessenheit, die man die Konfession nennt. Dieser 'Glaube' ist Hooliganismus im Namen Gottes" (372).

Dies waren nur zwei, wenn auch zentrale, Aspekte, die in "Du mußt dein Leben ändern" angesprochen werden. Weitere Übungszonen, die behandelt werden sind, eigentlich logischerweise, das Bildungssystem und der Sport. Gerade im Sport sieht Sloterdijk das Potential, die Möglichkeiten des Menschen auszuschöpfen und zu neuen Höhen zu treiben. Diese Möglichkeiten wurden in den vergangenen Jahrzehnten jedoch mehr und mehr korrumpiert. Hier findet sich ein besonders exemplarisches Beispiel für Sloterdijks Sprachduktus, wenn er schreibt, dass der Sport den "schon jetzt vorgezeichneten Weg der Selbstzerstörung weiter[geht], auf der debile Fans ko-debile Stars mit Anerkennung von ganz unten überschütten, die ersten betrunken, die zweiten gedopt" (660). Vielleicht ist es nur persönlicher Geschmack, aber meiner Ansicht nach wird dieser Satz genialer, je öfter man ihn liest.

Fazit: "Es lässt sich nicht leugnen: Die einzige Tatsache von universaler ethischer Bedeutung in der aktuellen Welt ist die diffus allgegenwärtig wachsende Einsicht, daß es so nicht weitergehen kann" (699). Und genau aus diesem Grund liest sich Sloterdijks Buch wie ein flammendes Plädoyer für die Ausweitung der Übungszonen eines jeden Menschen. Der übende Mensch ist die Quelle aller Kultur, lebender Ausdruck des Menschenmöglichen. Es wirkt streckenweise so, als wolle Sloterdijk uns an den Schultern packen, um uns aus unserer Passivität, die uns gerade in Krisenzeiten zu überwältigen droht, zu reißen und uns an den akrobatischen Über-Übungsmenschen in uns zu erinnern. Dabei muss jeder Mensch bei sich selbst beginnen: "Man rettet sich nicht selbst, indem man die Welt rettet" (636) zitiert Sloterdijk passend. Daher ist auch die Wahl der Pronomen im Titel unbedingt ernst zu nehmen: DU musst DEIN Leben ändern!
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1-8 von 8 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 03.05.2009, 17:55:01 GMT+2
Zuletzt vom Autor geändert am 04.05.2009, 08:25:14 GMT+2
kpoac meint:
Sloterdijks grosses Essay verdient in kleinen Happchen verdaulich aufbereitet zu werden. So wie Sie die für Sie bedeutenden zwei Aspekte verwenden, sind weitaus andere von ebensolcher Relevanz. Allein die Interpretation des Rilke Gedichtes verdient nähere Betrachtung, wie auch die Zusammenhänge von Foucault und Nietzsche.
Aus diesem Grunde habe ich unter meiner Rez den ersten Kommentar verfasst. Denn wo jedermann von "Aufhebung der Religion" in diesem Werk spricht, sehe ich Gegenteiliges. So wie Sloterdijk das Metaphysische bedenkt, denkt er letztendlich religiös. Da wo Sie Seite 272 zitieren, zeigt P.Sl. auf, was schief gehen kann, wenn das Kontinuum der Selbstüberzeugung im Üben reißt. 10 Seiten später zeigt er mit Paulus die christliche Zielgerichtetheit als athletische Erfolgsorientierung (1.KOR 9,26). In Folge wird er "Glauben" als Antizipationseffekt erklären (Movebo in Ableitung zu Placebo), so, als wenn die innere Vorstellung zurückwirkt wie bei Rilkes Apollo Torso, der zum betrachtenden Subjekt für den Betrachter wird, was eben auch an ihn glauben heisst. Und mit Heidegger folgt er dem Endlichkeitsbewusstseins des Diesseits und spürt dem Zeichens der Hingezogenheit zum Höchsten nach, der Transzendenz (usw.). (Ihren Kommentar bei mir habe ich dort beantwortet.)

Ihre hervorgehobene Bedeutung von der "Konversion ins Können" muss die Differenz von Konversion und oppotunistischer Kehre (Assimilation) deutlich machen. Sie haben ja auch Assmann gelesen. Im Gegensatz zur Assimilation, die das völlige, erinnerungsfreie Eintreten in eine neue Kultur meint, ist der Konvertit gebunden an seine Vergangenheit und diese erinnert ihn immer wieder an die neue, freie eigene Entscheidung eines kulturellen Wechsels. So sieht Sloterdijk den Wechsel von Passiv nach Aktiv und verbindet diesen Schritt zur Askese Nietzsches. Also einen Schatten zu überspringen in die Hochkultur.

Ich teile Ihre Meinung, dass Sloterdijk mit diesem Buch eine breite Leserschaft verdient. Ihr Beitrag ist ebenso lobenswert wie hilfreich, dazu beizutragen. Danke.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 07.08.2010, 15:37:24 GMT+2
Lieber Herr Dienstbier,

herzlichen Dank für Ihre Rezension.

Sie überzeugte mich davon, dass nach wie vor -ich kenne vom Autor bereits einige Bücher, in deren zweifelhaften Genuss mich das Erbe einer dementen Großtante brachte...- Sloterdijk Dummschwätzer und Scharlatan par excellence ist...Wenn diese unsägliche Verquickung von dank neologistischen Virtuositäten kaschierten Binsenweisheiten und selbstverliebter Verbalonanie, die sich allein einer Generalabsage an begriffliche Klarheit, logisch-argumentative Schärfe und Orientierung an Empirie verdankt, die Frucht Deutschlands intellektueller Elite darstellt, welche es stolz zu beklatschen gilt, wundert mich nur noch wenig...Nicht, dass freies Assoziieren nicht inspierend sein könnte (wenngleich sein Platz es de origine woanders liegt...); nicht, dass die Welten dichtende Rhapsodie nicht ihre Berechtigung besäße - doch ist ihr Wert ein vom Geschmack des Rezipienten abhängiger ästhetischer. Mit Denken hat das herzlich wenig zu tun....

Veröffentlicht am 08.11.2011, 15:59:05 GMT+1
Zuletzt vom Autor geändert am 08.11.2011, 16:16:54 GMT+1
Langsam lesen meint:
Herr Dienstbier, falls ihre Rezension tatsächlich die Essenz von Sloterdijks Buch beinhaltet, dann ist das schon etwas mager (nicht ihre Rezension...).
Nebenbei: Dass Nietzsches Übermensch ein ethischer Mensch sein soll oder werden soll, ist eine eindeutig falsche (oder zumindest einseitige) Interpretation Nietzsches. Siehe dazu z.B. das Buch "Moralischer Nihilismus" von W.Schröder. Dass jegliches Handeln durch Eigeninteresse (=Egoismus) motiviert wird (genauer zu bezeichnen als "Wille zur Lust" (in einem umfassensten Sinn) ist eine Trivialität welche Einsicht durch Dichotomien wie gut/böse verdeckt wird.
Bei Sloterdijk frage ich mich wie er zur Frage des freien Willens steht. Da er einen solchen kaum behaupten wird, fehlt seinem ganzen Buch irgendwie die Basis. Handkehrum wirkt er auf mich doch auch wie ein Mensch, der sehr von seiner eigenen Autonomie überzeugt scheint (gerade auch als sein Bestmögliches gebender "Übender", wie er sich in diesem Kontext sinngemäss bezeichnete).

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 01.12.2013, 02:14:46 GMT+1
Zuletzt vom Autor geändert am 01.12.2013, 02:16:09 GMT+1
Dr. Klaus meint:
Danke, werte Gesinnungsgenossen, für die wertvolle & für meine Forschung inspirierende Diskussion. Die Nietzsche-Interpretation ist m.E. eher als nebensächlich zu betrachten, auch die - zu Recht - formulierte Frage nach dem "freien" Willen ist berechtigt, dennoch möchte (auch) unterstreichen, dass Herrn Sloterdijk für sein umfassendes und "erleuchtendes" Werk primär zu danken ist.
Zwar wird es angesichts Umfang und Komplexität wohl - leider- keine allzubreite Leserschaft, erreichen, doch bestätigt mich unsere Diskussion in meiner Wahrnehmung: "Der Kollaps der Erde lässt sich nur verhindern, wenn eines rechtzeitig die ganze Menschheit umfasst: das universalisiert empathische, das biospährische Bewusstsein" (J. Rifkin "Die empathische Zivilation", S. 424).
Lasst uns bitte "Führen, Gestalten, Bewegen" für "Werte und Weisheit für eine globalisierte Welt" (Dalai Lama, Laurens van den Muyzenberg: Führen, Gestalten, Bewegen).
BG KW

Veröffentlicht am 04.12.2014, 19:10:58 GMT+1
Zuletzt vom Autor geändert am 04.12.2014, 19:14:54 GMT+1
Darkenwood meint:
Der Status Quo und seine Meriten - Versuch einer Verteidigung.

Um es gleich vorab zu sagen - ich habe Herrn Sloterdiks Opus Magnus nicht gelesen. Ich habe es auch nicht vor. Ich entnehme jedoch dieser und einigen anderen Rezensionen, dass es von mir verlangt mein Leben zu ändern, im Sinne und im Wege einer kontinuierlichen Selbstoptimierung.
Diese Forderung ist mir von anderer Seite - man könnte auch sagen: in anderem Gewande - bereits seit Längerem bekannt.

Ich sollte schon ein Adler sein, weil wir alle fliegen können. Vorzugsweise aus unserer Komfortzone. Ich sollte meine Soziale Intelligenz ausweiten. Ich sollte meine Kommunikationsfähigkeit verbessern. Ich sollte mich meiner Sterblichkeit stellen und sie verarbeiten. Ich sollte mir meiner schmerzlichen Grenzen bewusst werden, und sie dann ausweiten. Ich sollte, dies vor Allem, beständig an mir arbeiten. 24/7. Überhaupt, und immer, und überall. Ich sollte schlanker, sportlicher, kompetenter, aber dabei ausgeglichener, dynamischer, aber dabei ruhiger und entspannter, teamfähiger, aber dabei individueller, reflektierend, aber dabei der Realität zugewandter, selbstkritischer, aber dabei selbstbewusster, weiblicher, aber dabei genderunabhängiger, gelassener, aber dabei sensibler werden. Ich sollte mir mehr Zeit für Muße und Entspannung nehmen, aber dabei mehr Zeit in die Steigerung meiner beruflichen und gesellschaftlichen Leistungsfähigkeit investieren. Ich sollte mich vermehrt gesellschaftlich engagieren, dabei aber verhindern, dass ich mich im Gutmenschentum verliere. Ich sollte Verständnis und Toleranz gegenüber Allen und Allem üben, dabei aber meine säkulare westeuropäisch-aufgeklärte Wertegrundhaltung mehr wertschätzen und nie kompromittieren. Ich sollte mich dem Pazifismus öffnen, aber die Verteidigung der Freiheit mit der Waffe in der Hand aufgrund der gestiegenen Verantwortung meines Heimatlandes in der Welt nie ableugnen. Ich sollte als Frau das Kinderkriegen nicht vergessen, aber dabei die Werte der Emanzipation, vor Allem die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frau als oberstem Ziel, niemals vergessen.

Ich sollte mich, und dieses mehr als irgendetwas Anderes, völlig frei entfalten, ich sollte mich völlig frei entwickeln, weiter entwickeln und weiterentwickeln und fortentwickeln - immer dahin und immer so, wie irgendjemand anders, nur nie ich selbst, das für richtig hielt. Nichts, aber auch gar nichts an mir, in mir oder von mir durfte auch nur ansatzweise so bleiben, wie es war. Nichts an mir war gut, alles musste anders werden, das war und ist die Grundmaxime unserer freien individuellen Selbstbestimmung des (in meinem Fall der) Einzelnen in der pluralistischen Gesellschaft, die Alles und Jeden akzeptiert, nur nie so, wie er oder sie gerade ist.

Ich sollte, um mit Sloterdijk zu sprechen, das Leben üben, üben, üben.

Es machte sich nie jemand die Mühe, mir zu sagen, wann ich bei so viel Leben üben eigentlich noch leben soll.

Ich möchte es einmal, bevor die Endlichkeit meiner Existenz, die mir durchaus bewusst ist, mich einholt und zum Schweigen bringt, mit aller gebotenen Deutlichkeit aussprechen: Ich möchte das nicht! Ich WILL nicht.

Und zum Beweis, dass es sich hier nicht um eine philosophisch, vielleicht sogar psychiatrisch-pharmakologisch zu korrigierende Fehlinterpretation des Begriffs der freiheitlich-individualistischen Gesellschaftsordnung handelt, möchte ich es auf mich nehmen, eine kurze Verteidigung, soweit meine bescheidenen, weil ungeübten, geistigen Fähigkeiten dies erlauben, dessen zu verfassen, was als Einziges in dieser unserer pluralistischen Gesellschaftsordnung keine Lobby hat: Eine Verteidigung des Status Quo. MEINES Status Quo, so, wie ich ihn mir geschaffen habe, mit all meinen Fehlern, mit all meinen Eigenheiten, mit allem, was ihn zu meinem macht, was mich zu "mir" macht.

Mein Leben, so wie es ist, hat sich entwickelt. Manches von mir so gewollt, vieles fremdbestimmt, ich weiß, es gehört sich nicht, das zuzugeben, aber ich stehe zu meiner mentalen Orientierung, ich oute mich hiermit: Es hat sich keiner, auch der Übendste nicht, jemals ganz und vollständig selbst gemacht.

Mein Leben, so wie es ist, hat seine komfortablen Aspekte. Ich verdiene, was ich zum Leben brauche, es gehört mir, ich muss mich nicht bedanken. Ich wohne, wie's mir beliebt, ich bin verheiratet und finde das gut, Kinder haben wir nicht, das tut mir nicht Leid, ich wohne in der Stadt, in der ich wohnen wollte, ich bin ein Einzelgänger ohne Facebook-Account, ohne das, was man so Freundeskreis nennt (dafür ist die Zahl zu klein) und ohne die geringste Sehnsucht, daran irgendetwas zu verändern. Ich MAG meine Komfortzone, ich bin fast 50 Jahre alt geworden, bevor ich sie so hatte, wie ich sie haben wollte, und ich werde sie NICHT verlassen. Es mag ja nie zu spät sein für einen Neuanfang, ich sehe bloss nicht ein, warum ich einen brauche.

Ich mache keine Fernreisen, weil ich das Fliegen wenig komfortabel finde, und nehme mir trotzdem das Recht heraus, mir meine Meinung über die Welt zu bilden. Ich orientiere mich dabei an den großen Historikern unserer Zeit, und an den männlichen Experten, die über Frauen schreiben. Ich gehe davon aus, dass nicht jeder Altertumsforscher eine Reinkarnation von Ramses II ist und dass nicht jeder männliche Genderforscher bereit ist zur Geschlechtsumwandlung. Man muss also nicht immer und Alles "selbst erlebt" haben, oder "dabeigewesen" sein, um eine dezidierte Meinung zu haben.

Ich brauche Alice Schwarzer nicht, um zu wissen, dass ich eine Frau bin. Die Bunte brauche ich dazu übrigens auch nicht. Bei der Frage: "Übst Du noch oder lebst Du schon?" tendiere ich zu der Antwort: "Was geht Dich das an?"

So, wie ich bin, bin ich nicht geboren, sondern geworden. Es gibt Schönere und Hässlichere, Klügere und Dümmere, Friedlichere und Gemeinere, Schlankere und Dickere als mich, und egal, wie viel ich übe, daran würde sich niemals etwas ändern. Ich bin jetzt fast ein halbes Jahrhundert auf der Welt, habe viel gelassen und viel gemacht und kann, in den Augen derer, die mich optimieren wollen, doch nichts richtig machen. Egal, wie viel ich übe, daran würde sich niemals etwas ändern. Ich habe viel erreicht, aber es würde niemals reichen. Ich bin mit Einigem gescheitert, damit bin ich umgegangen (was bleib mir denn auch anderes übrig?), aber dieser mein Umgang war nie richtig. Jahre meines Lebens bin ich losgelaufen, dem nachgelaufen, was der Guru des Tages als Maßstab des Optimum verkündete, immer war's verkehrt, wenn ich ankam.

Ich habe etwas Revolutionäres, etwas Unerhörtes, moralisch, gesellschaftlich, ökonomisch, ökologisch zutiefst Verwerfliches, menschlich völlig Inakzeptables getan: Ich bin stehen geblieben.

Und ich habe etwas ebenso Unerhörtes, Revolutionäres festgestellt: Stehen zu bleiben ist der erste Schritt des Aufrechten Ganges.

Mein Status quo, so wie er ist, ist mir nicht geschenkt worden. Er ist das Ergebnis, mit allen Schwächen, Imperfektionen, Quirks, Lächerlichkeiten, und pathetischen Momenten, meines bisherigen Lebens. In 10 Jahren wird er das Ergebnis meines bis dahin gelebten Lebens sein. So, wie er jetzt ist, ist dieser Status ICH. Ich übe ihn nicht, ich habe ihn gelebt, und ich lebe ihn täglich, ich habe keine Zeit zum Üben, ich habe ja nur dieses eine Leben, das ich leben kann.

ICH zu sein, ist die Herausforderung meines Lebens, und so lange mir unsere Verfassung offiziell das Recht einräumt, so ICH zu sein, wie ICH das will, nehme ich mir das Recht heraus, bei meinem Status Quo zu bleiben. Bei ihm stehen zu bleiben. Er hat seine Meriten. Wer vor lauter Üben und Optimieren und Verändern noch nicht alle seine Augen verloren hat, der mache mal eine ganz neue Übung: Er gehe hin und sehe; und wenn, was er sieht, gut ist, dann soll er es so lassen. Es erfordert viel Mut und Kraft, ich weiß. Man muss dazu halt an sich arbeiten......

Veröffentlicht am 02.10.2015, 23:15:13 GMT+2
Tiede meint:
" Subjekt wird hiernach, wer an einem Programm zur Entpassivierung teilnimmt und vom bloßen Geformtsein auf die Seite des Formenden übertritt."
Objektiv betrachtet, "Sprachdurchfall" ?

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 04.10.2015, 20:27:02 GMT+2
Darkenwood meint:
Kam mir, ehrlich gesagt, auch so vor.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 20.06.2016, 11:07:49 GMT+2
Henrik S. meint:
In der Tat, "Verbal-Onanie" ist das passende Wort für das Konvolut Sloterdijkscher Wort-Akrobatik. Nicht, dass er nicht durchaus einige interessante und diskutable Erkenntnisse in seinem "Werk" darlegen würde. Wie er das aber tut, ist arrogant, egoman und absichtlich abgehoben. Auf jeder der fast 800 Seiten 1-3 nachzuschlagende oder selbst erfundene (Fremd-)Worte. Man könnte ein paralleles Lexikon dazu herausgeben. Die gesamte Diktion zudem ist in einem philosophen-akademisch-übertriebenen Deutsch (Franz., Engl., Latein. Griech.) verfasst, damit jeder merkt: Ich, Sloterdijk, habe die tollste Allgemeinbildung, das überragende fachliche Spezialwissen, die intelligentesten Analysefähigkeiten ... und Du, elender Leser, wirst dabei doch hoffentlich nicht folgen können!
Mit anderen Worten: Das Buch "Du sollst Dein Leben ändern" ist für einen winzigen Kreis von hochintellektuellen Leuten geschrieben, die in dem Oeuvre zu der Erkenntnis gelangen sollen "Der Sloterdijk hat doch mehr Ahnung als meine Wenigkeit".
In realiter aber lässt sich die Essenz des Werkes in einfachen Sätzen zusammenfassen: Der Mensch lernt ständig dazu (übt sich). Was und womit er das tut, nennen wir mal Anthropotechnik (tolles Wort, habe ich, Sloterdijk, selbst erfunden). Leider üben nur wenige auf hohem Niveau (Artisten, Akrobaten, Künstler und natürlich Sloterdijk). Überhaupt sind die Leistungen in Sport, Technik und Wissenschaft nicht so hoch einzuschätzen, wie die der Denksportler (ich, Sloterdijk). Die Masse der Leute ist zu dumm, um da mitzukommen. Außerdem wird sie durch die konservativen Institutionen (Kirche etc.) am Üben gehindert. Allerdings dürfen die Simplen den Top-Athleten beim Üben zuschauen und sie bewundern. Dabei tröpfelt ein wenige Erkenntnis sogar auf die dumpfe Masse herab. Insgesamt aber fürchtet sie sich vor dem Tod, bzw. einer imaginären Großen Katastrophe ... und bleibt deshalb in geistiger Umnachtung gefangen. Der Liebe Gott kann da auch nicht helfen, denn entweder ist er tot, es hat ihn nie gegeben oder es gibt zu viele Götter und der Mensch weiß nicht, welcher Gott am erfolgreichsten sein könnte. Am Ende sollte der Mensch versuchen, sich ethisch zu bessern. Welcher Maßstab dabei angelegt werden könnte, weiß ich (Sloterdijk) auch nicht, aber alle bisherigen Maßstäbe finde ich (Sloterdijk) unter meiner Würde. Andere Erklärungen oder Erkenntnisse zum Menschsein, wie Genetik, Neurowissenschaft u.v.m. habe ich (Sloterdijk) entweder integriert oder für unsinnig befunden ... und das kann doch keiner widerlegen, oder? Schön, dass es in den Feuilletons Rezensenten gibt, die nicht begreifen, was ich (Sloterdijk) da geschrieben habe und die, um sich keine Blöße zu geben, mein (Sloterdijks) Werk in den Spiegel-Himmel loben.
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