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Kundenrezension

37 von 43 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Deutschland im Großen Krieg, 9. Februar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918 (Gebundene Ausgabe)
"Der Große Krieg" von Herfried Münkler ist die erste größere Gesamtdarstellung des Ersten Weltkriegs aus der Feder eines deutschen Autors seit der Arbeit Peter Kielmanseggs (Deutschland und der Erste Weltkrieg, Frankfurt a. M. 1968). Freilich stützt sich das im Frühjahr 2009 konzipierte (S. 922), also hastig recherchierte und schnell geschriebene Buch überwiegend auf Sekundärliteratur.

Anders als der Untertitel suggeriert, handelt die Darstellung leider nicht von der "Welt 1914 bis 1918", sondern lediglich von der Welt AUS DEUTSCHER PERSPEKTIVE. Während die Entscheidungen, Entwicklungen und Verhältnisse im Deutschen Reich breit abhandelt werden, müssen sich die anderen kriegführenden Nationen mit spärlichen Bemerkungen begnügen.

Die deutlichsten Akzente setzt Münkler in seinen politischen Analysen. Schon der Buchtitel ist programmatisch, signalisiert er doch, dass der Erste Weltkrieg nicht aus der Perspektive des Zweiten, sondern als eigenständiges Ereignis betrachtet werden soll (S. 11), das uns in gewisser Weise näher steht als die Vorgänge zwischen 1939 und 1945. Die weltpolitische Multipolarität auf die wir uns heute zubewegen, sei zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon Realität gewesen.

Aus Münklers Sicht lässt diese historische Parallele alle Deutungen zweifelhaft erscheinen, die den Kriegsausbruch von 1914 auf zwingende strukturelle Ursachen zurückführen. Wer die Gestaltungsmöglichkeiten der Politik in der Julikrise herunterspiele, müsse sie auch in heutigen Krisen für gering halten. So spreche alles dafür, dass der Krieg durch vermeidbare politische Fehler herbeigeführt wurde. Kapitalistische und imperialistische Rivalitäten, die Mängel der deutschen Verfassung oder der deutsche Militarismus hätten nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Letzterer sei ohnehin relativ gewesen, da der Anteil der Verteidigungsausgaben am Bruttosozialprodukt in Deutschland geringer war als in Frankreich und Russland (S. 63), und das Reich nur etwa 50 Prozent seiner Wehrpflichtigen einberief.

In der Julikrise hätten alle Großmächte Fehler begangen. "Die Zeit der einseitigen Schwarzweißzeichnungen in der Ursachenforschung zum Ersten Weltkrieg ist vorbei ..." (S. 784). Deutschland habe den Österreichern einen Blankoscheck erteilt, Russland den Serben und Frankreich den Russen (S. 100). Der Schlüssel zum Krieg habe in St. Petersburg gelegen. "Hätte man dort auf Mobilmachung und Kriegserklärung verzichtet, so wäre es nur zu einem Dritten Balkankrieg gekommen ..." (S. 101).

Nachdem er durch Ungeschicklichkeit in den großen Krieg hineingeschlittert war, habe der Reichskanzler Bethmann Hollweg bis zu seinem Rücktritt im Juli 1917 einen Verständigungsfrieden angestrebt, sich aber aus innenpolitischen Gründen genötigt gesehen, den Annexionisten Zugeständnisse zu machen. Bethmanns Dilemma sei nahezu unlösbar gewesen. "Um die von den Annexionisten geschürte Erwartung eines deutschen Sieges zu durchkreuzen, hätte er ... die schwierige militärische Lage Deutschlands öffentlich darstellen müssen. Das wiederum hätte die deutsche Position bei den Verhandlungen mit der Entente geschwächt, wenn sie denn unter diesen Umständen überhaupt zustande gekommen wären ..." (S. 624).

Sehr aufschlussreich sind die mentalitätsgeschichtlichen Ausführungen Münklers. Zu den großen Rätseln der Zeit gehört die Kriegseuphorie im Sommer 1914. Zwar betont die neuere Forschung den vorwiegend städtischen und bürgerlichen Charakter des Phänomens, doch mindert dies kaum seine politische Bedeutung. Münkler zufolge hat die Grundstimmung eines Teils der Bevölkerung damals den Charakter eines "mythischen Deutungsschemas" angenommen, das ein Sinnangebot für ALLE Volksangehörigen enthielt, indem es die Ereignisse in ein Gesamtgeschehen von unermesslicher Bedeutung integrierte. "Was auch immer sich im Einzelnen zugetragen haben mag und was die Menschen je empfunden haben - es wurde aufgesogen durch das mythische Schema, das Erlebnis und Empfinden mit Bedeutung ausstattete, beides dem Zufälligen entzog und den Einzelnen somit an etwas Größerem teilhaben ließ. So und NUR SO war, nachdem sich der Mythos erst einmal durchgesetzt hatte, die individuelle Erinnerung an die ersten Augusttage des Jahres 1914 kommunizierbar" (S. 229).

Die ausführliche Schilderung der Kampfhandlungen vermittelt ein recht klares Bild vom Geschehen an den Fronten, einschließlich derer in Nahost und Afrika. Da Münkler aber überwiegend darauf verzichtet, Ausgangsstärken und Verluste der beteiligten Armeen anzugeben, und kaum alternative Operationsszenarien diskutiert, kann der Leser den Ausgang vieler Schlachten nur bedingt nachvollziehen. Welche Erfolgsaussichten der Schlieffenplan oder die deutschen Frühjahrsoffensiven von 1918 hatten, bleibt nach der Lektüre des Buches unklar.

Überzeugend rekonstruiert Münkler den taktischen Lernprozess an der Westfront. Die frontalen Massenangriffe der ersten Kriegsmonate hätten fast zur beiderseitigen Ausblutung geführt. Der Ende 1914 angeordnete Übergang zum Stellungskrieg sei eine Notmaßnahme der militärischen Führungen gewesen, um den Zusammenbruch ihrer Armeen zu verhindern. Tatsächlich habe dieser Schritt die Verluste deutlich gesenkt (S. 298). In der Folgezeit sei es den Militärs gelungen, sich immer besser auf die Bedingungen des modernen Krieges einzustellen. Nachdem von 1915 bis 1917 alle großen Offensiven im Westen gescheitert waren, hätten die Optimierung der Artillerievorbereitung (S. 597; S. 687), die Entwicklung der Stoßtrupps (S. 470) und das Aufkommen der Infiltrationstaktik (S. 688) im Frühjahr 1918 wieder taktische Durchbrüche ermöglicht. Damit war der Stellungskrieg im Prinzip überwunden. Die Panzer erwiesen sich in diesem Zusammenhang als unwesentlich. Ihre große Stunde sollte erst im Zweiten Weltkrieg kommen.

Münklers Antwort auf die Frage, wie die Soldaten das Leiden und Sterben des Grabenkrieges so lange durchhalten konnten, ist originell. Soldaten, deren Überleben die Fähigkeit erforderte, unter Lebensgefahr kaltblütig entscheiden zu können, hätten sich als heroisch betrachten MÜSSEN, um ihre Handlungsfähigkeit zu bewahren. "Man war überzeugt, dass die Niedergeschlagenen und Verzagten mit größerer Wahrscheinlichkeit fallen würden. Zumindest ein wenig heroisch zu sein, wurde in dieser Hinsicht zur Überlebensstrategie" (S. 467). Infolge ihrer Selbstheroisierung hätten die Soldaten den Krieg länger ertragen, als man es sich in der postheroischen Gesellschaft unserer Zeit vorstellen kann.

Anders als die Operationsgeschichte scheinen die sozialen und wirtschaftlichen Aspekte des Krieges Münkler kaum interessiert zu haben. Das Thema ist ihm nur 30 Seiten wert (S. 563-593).

Trotz großer materieller und personeller Unterlegenheit habe Deutschland gute Aussichten besessen, den Krieg nicht zu verlieren, denn Ende 1917 seien Frankreich und England kriegsmüde und Russland durch die Revolution gelähmt gewesen. Leider habe den glänzenden Lernerfolgen des deutschen Heeres eine Lernblockade der deutschen Politik gegenübergestanden (S. 20). Mit der von großen Teilen der Öffentlichkeit, zahlreichen Intellektuellen und einer Mehrheit des Reichstags gestützten Entscheidung zum uneingeschränkten U-Boot-Krieg (S. 522) habe das Reich die USA in das Lager der Entente getrieben und seine Niederlage besiegelt. So wurde die Tragweite vermeidbarer politischer Fehler ein zweites Mal demonstriert.

Obwohl Münkler weder intime Quellenkenntnis noch eine jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Großen Krieg vorweisen kann, ist ihm ein eindrucksvolles Buch gelungen, das ebenso faktengesättigt wie anregend ist.
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Ersteintrag: 16.05.2014 08:03:18 GMT+02:00
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Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.06.2014 10:50:19 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 09.06.2014 10:51:40 GMT+02:00
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