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Kundenrezension

am 29. November 2011
Egal, was man von Willy Loman letzten Endes halten mag - Dustin Hoffman, der in Volker Schlöndorffs Verfilmung des Bühnenstücks "Death of a Salesman" den tragischen alten Mann spielt, ist definitiv nicht "a dime a dozen", sondern vielmehr - wenn man sich einfach mal einige der völlig unterschiedlichen Rollen, die er im Laufe seines Lebens gespielt hat, vergegenwärtigt, wird man dem wohl zustimmen - einer der größten Schauspieler unserer Zeit. Seine Darbietung des am Schmerz über den Verlust seines ältesten Sohnes zerbrechenden, zwischen Jähzorn, Hoffnung und Selbstbetrug herumirrenden, von den Zeitläuften gnadenlos zertretenen Handlungsreisenden bewegt und verstört auch noch heute, nach einem guten Vierteljahrhundert. Als Zuschauer weiß ich nicht recht, wie ich Willy Loman emotional begegnen, ob ich ihn bemitleiden, ihn verachten oder mich über ihn ärgern soll, und diese Spannung, die die Auseinandersetzung mit dem Film so fruchtbar macht, ist nicht zuletzt Hoffmans Spiel zu verdanken. Freilich hatten er und Schlöndorff mit Arthur Millers Stück eine großartige Vorlage, die eben nicht zu didaktisch normierten Aussagen im Sinne politisch korrekter oder ideologischer Eindeutigkeit neigt - läßt sich "Death of a Salesman" nun als Antikapitalismuskritik lesen? Oder als Abrechnung mit dem Amerikanischen Traum? Oder als Seelenstudie eines Vaters, der so einiges falschgemacht hat? Und ist Willy ein tragisches Opfer - wobei "tragisch" in seinem eigentlichen Sinne verstanden werden sollte - oder einfach nur ein sich selbst und seine Familie belügender Narr?

Millers Stück läßt keine eindeutigen Antworten auf diese Fragen zu, und Schlöndorff hat meines Erachtens auch recht daran getan, einen zurückhaltenden, ruhigen Regiestil zu wählen, anstatt sich in inszenatorischer Selbstbeweihräucherung zu ergehen. Und auch Hoffman schafft es, seinen Willy Loman mit all den Widersprüchlichkeiten, den Ecken und Kanten eines wirklichen Menschen auszustatten, wo manch anderer Schauspieler eventuell eindimensional in die Larmoyanz eines unter dem Rad des Kapitalismus gebrochenen Mannes abgeglitten wäre. Was John Malkovich als Biff angeht, so bin ich mir trotz Malkovichs Können immer noch nicht sicher, ob dieser Schauspieler hier die perfekte Wahl war, denn meines Erachtens ist Malkovich ein wenig zu intellektuell, zu feingeistig für den Biff, der in meiner Vorstellung beim Lesen des Stücks erwuchs.

Schlöndorff hält sich eng an die Vorlage und setzt, wie oben bereits angemerkt, nur sparsam inszenatorische Effekte ein. Am wirkungsvollsten tut er dies gleich am Anfang, als Willy vor seiner Frau Linda im Schlafzimmer darüber sinniert, wie sich die Gesellschaft verändert habe, und sich zu seinen Worten "There's more people! That's what's ruining this country! Population is getting out of control. The competition is maddening!" die Kamera in die Höhe entfernt und den Blick zum ersten - und fast einzigen Mal - für die Erkenntnis öffnet, daß Lomans Haus nur eine Kulisse ist, jenseits deren sich finstere Nacht und wuchtige Apartmenthäuser erstrecken. Ein ergreifender Kommentar über den Traumtänzer Willy, der in der Nußschale seiner brüchig gewordenen Träume auf einem Meer von menschlicher Gleichgültigkeit umhertreibt! Viele andere Metaphern sind eher dezent und lassen dem erstklassigen Script den Vortritt - wie etwa die Bäume in Lomans Garten, die stets Herbstlaub tragen, oder die Schatten der Fenster, die aus dem nächtlichen Jugendzimmer Biffs und seines Bruders eine Art Gefängnis machen. Schlöndorff setzt mit behutsamer Hand Akzente, da er weiß, daß die Geschichte des Handlungsreisenden keiner Unterstreichungen und Annotationen bedarf. Sie ist uns heute wohl noch vertrauter denn 1985, als Biffs Vorwurf "you blew me so full of hot air" zwar auf den einen Vater und die andere Mutter zutreffen mochte, es aber noch keine Casting-Shows gab, die am laufenden Band, im Jahrestakt, Ausnahmetalente aus Horden verkannter Genies herausfischen, während das Arbeitsleben um diese Inseln billiger Träume herum immer rücksichtsloser mit dem "Humankapital" umgeht, dies aber hinter wohlklingenden Phrasen, die irgendwie nach Habermas klingen und uns zeigen, wie menschlich und gerecht doch alles zugeht, zu verbergen weiß.

Es spricht wohl einiges dafür, daß Miller heute seinen "Salesman" noch fast genauso schreiben würde wie damals - und auch diese kraftvolle Verfilmung hat nichts von ihrer Wichtigkeit verloren.
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