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Kundenrezension

am 3. August 2014
Ich bin verwundert ob der Tatsache, dass bis heute noch keine Rezension zu diesem wirklich außergewöhnlichen Werk geschrieben wurde. Mag sein, dass der Titel "Moralische Integrität - Kritik eines Konstrukts" im ersten Augenblick nicht die Assoziationen freisetzt, die das Buch eigentlich freisetzen sollte, denn man wird sich wohl erst einmal keine besonderen Vorstellungen machen; was kann schon ein Buch mit einem Titel, der insbes. auf den Begriff der Integrität rekurriert, beitragen, außer eben eine Analyse, die sich in den Zusammenhang mit Begriffen wie Moral oder Ethik stellt - und damit einmal mehr einen, wie es uns scheint, unaufhörlichen Diskurs vorantreibt, an dem den Philosophen mehr gelegen ist, als einem nicht so mit dem Denken beschäftigten Gemüt wie dem meinen.

Aber was Schmid uns hier darbietet, ist nicht nur schon aufgrund der Form, nämlich einer hochgradig spannend gestrickten Dramaturgie wegen, äußerst lesenswert, nein, es ist auch ganz nebenbei ein Abriss aktueller Handlungstheorie, die sich vom isolativen (wenn man mir dieses Wort gestattet) Schema eines Individualismus versucht frei zu machen und die Dimension des Wir in die Überlungen von Handlung, insbes. moralischem Handeln, zu involvieren.

Gut, das vermag den einen oder anderen bis hierher auch unbeeindruckt lassen, habe ich meine Fazit nun schon eingangs gezogen und wird dies auch dem Werke (noch) nicht gerecht sein. Die Dramaturgie dieser "Kritik" basiert auf die uns (mehr oder weniger) bekannten Milgram-Experimente. Sie erinnern sich an den Psychologieunterricht. Da wurden diese mit Sicherheit erwähnt oder sogar diskutiert. Erlauben Sie mir die Short Version: Milgram, seines Zeichens Psychologe, hat in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts mit mehreren Personen ein Experiment durchgeführt: die eingeladenen Personen sollten teilnehmen an einem Versuchsaufbau, bei dem es um Lernpsychologie ging dergestalt, dass die eingeladene Person den "Lehrer" spielen sollte, und eine ihr im Vorfeld vertraut gemachte Person den "Schüler". Der Lehrer sollte Wortpaarbildungen mit dem Schüler "durchspielen", wobei - und das war der "Witz" des Experiments - der Lehrer die "Möglichkeit" (warum ich das Wort in Anführungsstriche setze, hat seinen Grund, dazu später mehr) hatte, bei einer falschen Antwort dem Schüler einen Stromschlag zu versetzen. Dabei sollte untersucht werden, inwieweit sich die Sanktionen auf das Lernverhalten auswirken. Der Schüler saß dabei in einem anderen Zimmer, verbunden mit dem Apparat, der unterschiedliche Voltzahlen auswies, den seinerseits der Lehrer bediente, um bei falschen Antworten eben die (skandierenden) elektrischen Stromschläge zu verpassen, wobei man ihm im Vorfeld zeigte, was 45V "anrichten", gleichsam betonte, dass die max. Voltzahl (ich denke, es waren 450V) keine Gewebeschäden auslösen würde. In dem Zimmer, in dem sich der Lehrer befand, saß auch der Versuchsleiter als das Experiment überwachende Instanz.

Der Lehrer, die eingeladene Person, wusste damals nicht, dass die ganze Versuchsanordnung Fake ist, und tatsächlich sowohl Schüler als auch Versuchsleiter lediglich schauspielerisch wirkten, d.h. auch die Schreie, Abbruchbitten, Schmerzen waren Täuschung. Milgram ging es nie um die Lernpsychologie einer etwaigen Kausalität zwischen Sanktion und Lerneffekt. Nein, es ging ihm um die Frage, wie weit würden seine Lehrer gehen in diesem Experiment. Niemand hätte erwartet, dass auch nur einer die 450V "drückt" (also bis zum Ende geht). Tatsächlich aber hat sich gezeigt, dass fast 2/3 der Personen das Experiment durchgezogen haben. Ein Schock! Und eine Person unter ihnen ist nun das "philosophische Versuchskaninchen" von Herrn Schmid: Elinor Rosenblum.

Ich möchte aus Respekt vor der Dramaturgie des Buches darauf verzichten, sie jetzt tiefer einzuführen. Elinor war eine der Personen, die es bis zu den 450V "gebracht hat" und - und das ist es, um was es Herrn Schmid geht - die große Frage lautet, warum hat sie es getan, obwohl sie selbst "nicht WOLLTE" und genauso gelitten hat wie der angebliche Schüler, und das Experiment nicht einfach abbrach - denn, es war ja nur ein Experiment? Schmid führt uns nun ganz charmant durch die einzelnen Theorien: wir begegnen nun Begriffen wie Autorität (in Bezug auf den Versuchsleiter), Gehorsam, Normativität, Pflichtbewusstsein, Motivation intern/extern, Erklärung und Rechtfertigung als Grundformen der Handlungsbeschreibung, motivierende Gründe und rechtfertigende Gründe, volitionale Externalität und motivationale Externalität, Wunsch und über die Entscheidung gehend Intention, konativer und volititver Internalismus, Disposition und Rolle, Willensschwäche und Willensstärke, Gesinnung und Verantwortung, gemeinsame Festlegungen, kognitive Kooperation, megakommunikatives Axiom.

Und er wird zeigen, dass alle vorgebrachten Überlegungen nicht ausreichen, um das Verhalten von Elinor zu erklären bzw. zu verstehen. Darin liegt zum einen die Genialität des Werks, denn auf subtile Weise bringt es dem Leser die verschiedenen philosophischen Positionen nahe, zum anderen aber führt er uns zu seiner ganz eigenen Interpretation des Experiments. Am Ende kommt er zu einer viel banaleren Erklärung, warum Elinor und die anderen, die nicht abgebrochen haben, sich bis zum Ende haben "verleiten" lassen. Und dieses kluge und eloquente Spiel der Falsifikation hin zu einer Neubewertung des Experiments per se macht das Buch zu einem wahren Schatz, den es - wie ich jedenfalls empfinde - zu heben gilt.

In diesem Sinne hoffe ich, dass ich hier einen Anreiz schaffen konnte, auch wenn ich nicht ins Detail gehen kann, ohne dem ganzen den Rubrum "Spoiler" aufzusetzen. Jedenfalls habe ich lange schon nicht mehr eine so spannende und lehrreiche - und eben mal etwas andere Handlungstheorie gelesen.
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