"Simkin saß in seinem Büro unter endlosen Reihen von juristischen Büchern in einem großen Sessel. Der Mensch wird geboren, um Waise zu werden und Waisen zu hinterlassen, aber ein Sessel wie dieser Sessel ist ein großer Trost, wenn man ihn sich leisten kann."
Diese Stelle aus dem Roman "HERZOG" ist mir über 40 Jahre im Gedächtnis geblieben - und hat unter anderem natürlich dazu geführt, dass ich mir einen schönen bequemen Ohrensessel im Oxford-Stil besorgt habe. Die kleine Passage zu Beginn des Romans birgt schon in sich die gesamte Message: Nicht gänzlich verzweifeln, wie es in bestimmten intellektuellen Schichten immer wieder en vogue ist, sondern es genießen, dass es im Leben auch immer wieder kleine Dinge gibt, die Trost, Mut und sogar Freude geben.
Dazu zählen die erotischen Begegnungen - in diesem Fall RAMONA (aus Buenos Aires; "Sie ging mit schneller Bestimmtheit und klapperte mit den Absätzen auf energische, kastilianische Art. Sie betrat einen Raum herausfordernd, mit leichtem Stolzieren" ...) - genauso wie die kleineren Freuden des Alltags: Aufschreiben von Kinder-Gedichten, musizieren, der Besuch eines Fisch-Geschäftes - und sei es nur, weil an diesem Ort mit allen seinen Gerüchen und Geräuschen positive Kindheits-Erinnerungen wieder lebendig werden:
"Mich hat meine Mutter bestimmt verwöhnt. Einmal bei Einbruch der Nacht hat sie mich auf einem Schlitten über krustiges Eis und das kleine Glitzern des Schnees gezogen. In der Nähe des alten Lebensmittellladens begegneten wir einer alten Baba, die sagte: WARUM ZIEHST DU IHN, TOCHTER? Mama, dunkle Ringe unter den Augen. Sie atmete schwer. Sie trug den abgewetzten Seehundsmantel. Getrocknete Fische hingen bündelweise im Laden, ein ranziger Zuckergeruch, Käse, Seife ..."
Den Nobelpreis für Literatur hat Saul Bellow wahrlich verdient für die Präzision seiner Sprache - und den optimistischen Grundton, zu dem er trotz aller sporadisch durchschlagenden Verzweiflung immer wieder humorvoll zurückzukehren imstande ist ...