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Kundenrezension

TOP 500 REZENSENTam 13. September 2013
Etwas als schlicht zu bezeichnen, muss nicht zwingend auch als Kompliment gemeint sein. Hier unbedingt. Elton Johns Album Jahrgang 2013 "The diving board", sein 34. Sudiowerk seit er 1969 mit "Empty sky" debütierte, ist im allerbesten Wortsinn schlicht, transparent, wohltuend unaufgeregt und ohne jeden Schnörkel als akustischen Ballast.

Mit viel (manchmal auch zu viel) Klanggarnitur hat Elton John in der Vergangenheit gern gearbeitet, meist auch durchaus geschmackvoll, vor allem auf den vielen legendären Alben in den 1970ern und auch wieder in den 90er Jahren auf "The one" und "Made in England" gelang es stilecht die Kompositionen mit wenn es sein musste ganzen Orchestern und/oder diversen Spielereien aufzupumpen, obwohl auch sie ohne viel Drumherum ausgekommen wären, auf Solokonzerten beweist er es zuweilen. In den 80ern gelang dies seltener. Wenn auch kommerziell wie stets eindrucksvoll erfolgreich, klang in dieser Dekade vieles mit billigem Synthie-Geklingel und Geklapper überladen oftmals doch arg verkitscht, vieles nach kalkuliertem Erfolg eines routinierten Vollprofis.

Es wundert schon ein wenig, dass in der öffentlichen Berichterstattung bisher kaum bis überhaupt nicht gewürdigt wird, dass Elton John mit Anbruch des neuen Jahrtausends kaum mehr auf die Charts schielt. Er schreibt und produziert gezielt am Mainstream vorbei - und wird dabei immer großartiger!

Schon das 2001er "Songs from the West Coast" klang wie aus einer anderen Zeit, ohne die vielen Effekte und elektronischen Klangspielzeuge, derer er sich zwanzig Jahre lang ausgiebig bedient hatte. "Peachtree road" (2004) und "The Captain and the Kid" (2006) folgten stur dieser Richtung und mit dem bisher jüngsten Werk, "The union" (2010), schuf er gemeinsam mit Leon Russell zweifellos einen weiteren echten Klassiker, ein Album, was auch in Jahrzehnten noch Menschen kennen, mögen und verehren werden.

Wird "The diving board" nun auch so ein Klassiker? Die Chancen stehen gut, die Substanz hat es. Und es hat sogar potentielle Hits - vorausgesetzt die Radiostationen spielen zur wirklichen Abwechslung nicht ewig nur einen seiner über zwanzig größten Hits bis man sie irgendwann einfach nicht mehr hören mag, sondern öfter mal eine neue Single.
Mit "Home again", der ersten Auskopplung, beweist Sir Elton einmal mehr, dass er das perfekte Songwriting beherrscht, wie nur sehr wenige. Nicht zuletzt auch dank des bemerkenswerten Textes von (wie fast immer) Bernie Taupin ist allein dieses Lied die Anschaffung der Platte wert. So etwas fehlte auf den letzten Alben. Nicht, dass ich es allzu sehr vermisst hätte. Elton John ist einer der ganz wenigen Künstler, der ein beinah drei Stunden Konzert geben kann und selbst wenn er ausschließlich seine großen Hits spielen würde, kämen nicht alle unter, es sind einfach zu viele - wer kann das noch von sich behaupten? Ein Bedarf aus Mangel an Ohrwürmern besteht also nicht im geringsten. Der eher Songwriter artige Stil seiner letzten Alben passt ganz hervorragend zu ihm und es ist nur zu bedauern, dass er zugunsten eben jener Vielzahl großer Hits in seinen Konzerten meist nur sehr wenig davon erklingen lässt.

Auf dem neuen Album aber gelingt ihm das Kunststück, wieder wie vor sehr sehr langer Zeit weit zurück in den 70ern, Songs zu entwickeln, die nicht mit dem aufdringlichen Gestus eines Ohrwurms daher kommen, eben nicht wie "I'm still standing" oder "Can you feel the love tonight", sondern subtiler vorzugehen. Songs, die sich an den Hörer heranschleichen, die Idee, die Töne, die Story in den Mittelpunkt stellend - und verflixt, es ist klammheimlich doch ein Ohrwurm!
"Home again" ist so ein Song, einer der melancholischen Sorte, aber eben keine mit Violinen verhangene Überballade, sondern aus innerer, substanzieller Intensität kraftvoll. Die im Älterwerden tiefer gewordene Stimme Elton Johns, trägt nicht unwesentlich dazu bei, Süße in Würde zu wandeln.
Aus der eher rhythmischen Fraktion sind unbedingt "Oscar Wilde gets out" und "Can't stay alone tonight" zu nennen. Keine wilden Rocknummern, schon gar keine Popsongs, sondern Uptempo-Stücke, mit absolut gemeinen nicht mehr vergessbaren Melodielinien. Gemein natürlich auch wie schlicht im besten Wortsinn!

Die Platte ist insgesamt noch deutlich transparenter und aufgeräumter als die anderen vier Alben der letzten zwölf Jahre. Das bringt das ganzheitlich ohne Aussetzer wirklich allerbeste Songwriting perfekt zur Geltung. Insbesondere auch der Opener "Oceans away" und der Titelsong "The diving board" lassen neben dem schon erwähnten "Home again" erhabene Eleganz zu Tönen werden, stilvoll schlicht eben. Kein wuchtiger Pomp.

Und ja, da besteht zunehmend eine Ambivalenz zum Kleidungsstil des Künstlers. Gab es in der Mitte der 90er Jahre eine Phase, wo man ihn meist in gedeckten Farben oder gar komplett in schwarz auf Bühnen und Covers erlebte, glitzert und funkelt es inzwischen doch wieder recht üppig um und an ihm. Auf sein neues Album lässt das keine Rückschlüsse zu. "The diving board" ist unaufdringlich und überzeugt, einfach weil es ist, es braucht keinen Schein, keinen Glamour. Pure Substanz, keine mit Kitsch übergekleisterten Schwächen in der Architektur.
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