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Kundenrezension

am 13. September 2012
Wenn ich den jetzt reinmache, wird eine Woche lang kein Kind verhungern auf der Welt. Vier Schritte Anlauf, wie immer. Ich muss da nicht mitzählen. Das ist wie Autofahren, wie atmen, wie schlucken, ich muss nicht darüber nachdenken, es geht wie von alleine, so wie man beim Autofahren auf einem Stück Brot rumkauen und gleichzeitig durch die Nase durch das herunter gekurbelte Fenster Abgasgeruch einatmen und nebenbei hupen kann, weil der vor einem zu langsam fährt. Es ist klar, dass ich nach links unten schieße. Aber für den Torwart denke ich jetzt angestrengt an rechts oben. Rechts oben, rechts oben. Rechts oben würde gut aussehen, aber gut aussehen tut auch ein 0:0, vom ästhetischen Standpunkt betrachtet sind diese zwei Nullen mit einem Doppelpunkt dazwischen einfach furchtbar schön. Okay, ein 8:8, das wäre eine wahre Augenweide, aber so ein Ergebnis ist beim Fußball doch eher nicht zu erwarten. Ich werde jetzt das 0:0 abschaffen. Ich werde den Ball links unten ins Tor hämmern, während rechts oben ruhig jemand Staub wischen kann.
Wenn eine Woche lang kein Kind verhungert auf der Welt, ob das wirklich auffällt? Ich immerhin werde besser schlafen, meine Frau im Arm halten, morgens erfrischt erwachen und beim Frühstück die Zeitung aufmerksam wie nie lesen.
Nein, der Torwart wird nicht immer größer. Natürlich kann man sich das einreden, aber die Wahrheit ist: Er steht in diesem großen Kasten und breitet hilflos die Arme aus. Als würde auf ihn angelegt werden. Dabei ist er so klein, dass es gar nicht so leicht ist, ihn zu treffen. Und wenn ich ihm zwischen die Augen schieße, wird er umfallen und doch sofort wieder aufspringen und quicklebendig herum rennen, weil seine Stirn meinem Schuss standgehalten hat und der Ball zurückgeprallt ist. Kopfweh hat er dann später. Vom Alkohol. Aber ich schieße nach links unten, direkt neben dem Pfosten jage ich den Ball ins Netz. Kein Grund zu feiern für den.
Man muss die Geräuschkulisse ausblenden. Hör nicht hin, was die grölen, wer weiß, ob da nicht einer laut ruft, dass du nach links unten schießen wirst. Du darfst gar nicht hinhören, blende das aus, das Volk, den Pöbel, das Publikum, das da steht in lächerlichen T-Shirts und mit doofen Mützen auf dem Kopf, Schals im Sommer, Männer, die Schnauzbärte tragen wie kleine Snacks für zwischendurch. Blende das aus. Frauen, die Zeit ihres Lebens scheinbar kein Interesse für irgendwas entwickelt haben und jetzt hier stehen beim Fußball, wegen der Stimmung, klar, gekleidet wie Männer, doofe Mützen, Schals im Sommer, als Snack zwischendurch wirklich eine Bifi in der Handtasche. Wer mag die noch küssen dann? Blende sie aus. Man muss sie einfach aus dem Kopf verbannen. Wenn das gelingt, weiß man, dass man konzentriert genug ist. Da ist dann nur noch dieses Surren im Schädelinneren. Und da ist der Ball. Das Tor. Und dazwischen ein Zeitraum, den es zu überbrücken gilt, links unten, ein Schuß. Das ist fast wie Autofahren, das könnte man vergleichen mit atmen, schlucken fällt mir noch ein, ein ähnlicher Automatismus. Vier Schritte.
Erfahre ich das überhaupt, wenn einer einen Herzinfarkt kriegt, weil der Ball für ihn zu langsam fliegt, weil der Blickwinkel täuscht, weil nicht klar ist in diesem allerersten Moment, auf diesem ersten Meter von elf, dass links unten nicht rechts oben ist, wo der Torwart hinfliegt. Der kleine Kerl schnellt tatsächlich bis in den Torwinkel hinauf und fällt dann mit weit geöffnetem Mund und starren Augen von soweit oben herab, dass er sich sämtliche Knochen brechen muss. Und wenn einer tot umfällt bei meinem Schuß. Wenn danach eine Woche lang kein Kind verhungert auf der Welt, dann dreh ich jubelnd ab, dann blende ich die Geräuschkulisse wieder ein und dreh sie auf bis zum Anschlag. Bin ich mehr als ein Fußballspieler jetzt? Wie nennt der Torwart mich? Wenn eine Woche lang kein Kind verhungert auf der Welt, bringen die sich dann gegenseitig um, weil das Essen erst recht nicht reicht für alle. Wenn eine Woche lang kein Kind verhungert auf der Welt, soll ich das als Verdienst für mich beanspruchen? Wenn ich jetzt das Tor schieße, soll ich dann so tun, als wär ich's nicht gewesen? Wenn eine Woche lang kein Kind verhungert auf der Welt, dann verhungern in der Woche darauf doppelt so viele, weil die Vorräte schon alle sind. Und überhaupt: die Welt ist so groß, dass es schwer fällt, eindeutige Zusammenhänge herzustellen. Vielleicht verhungern eine Woche lang keine Kinder auf der Welt, weil irgendein Golfspieler ein Hole-In-One geschafft, irgendein Radiomoderator sich ein Jahr lang nicht versprochen, irgendein Anwalt seinen ersten Mandanten erfolgreich verteidigt hat, irgendein Aufzug zehn Jahre lang nicht stecken geblieben ist, irgendeine Doktorarbeit zum Thema Scheitern doch noch rechtzeitig fertig geworden ist, irgendein Typ innerhalb von drei Monaten tatsächlich 35 Kilo abgenommen, irgendein Torwart einen Elfmeter gehalten hat. Weil irgendein Torwart einen Elfmeter. Den ich verwandelt habe. In Gedanken. In Gedanken gehalten hat. Ich nehme vier Schritte Anlauf und schieß ihn nach links unten, zur Hölle damit, ich tu das für mich und will heute gut schlafen und erholt erwachen morgen früh und nicht zu früh und nicht zu spät und nicht zu groß und nicht zu klein. Ich will natürlich nicht, dass Kinder verhungern. Nicht auf der Welt und auch nicht hier. Aber ich bin nicht dafür verantwortlich. Und ich rette die Welt nicht, wenn eine Woche lang keine Kinder. Ich rette die Welt nicht. Etwas Grundlegendes muss. Grundlegendes muss verändert. Muss verändert werden. Sowas wie Atmen, sowas wie Kauen und Schlucken. Kauen und schlucken. Das ist letzlich wie Autofahren. Ich geh aber jetzt lieber zu Fuß. Sind ja nur elf Meter, sind ja nur vier Schritte. Vorsichtshalber zähl ich mit.
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