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Kundenrezension

am 29. Mai 2014
Etwa eine Milliarde Euro werden die deutschen Steuerzahler für den Umzug des Auslandsgeheimdienstes mit dem verharmlosenden Namen „Bundesnachrichtendienst/BND“ bezahlen müssen, der vom bayerischen Pullach in einen Gigantomanie beweisenden Komplex in Berlin wechselt. Und das in einer Zeit, da dieser Spionagedienst in so negative Schlagzeilen geraten ist, wie seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland nicht. Er soll verfassungswidrig gehandelt haben und sogar an der vom höchsten deutschen Gericht schon lange verbotenen anlasslosen Massenausforschung von Zig Millionen Menschen beteiligt gewesen sein, die sein US-amerikanischer Kumpan NSA weltweit durchgeführt hat und weiter praktiziert.
Die „Schlapphüte“ scheinen aber mit Tränen in den Augen ihr auch historisch äußerst anrüchiges Domizil zu verlassen; denn sie beauftragten einen professionellen Fotografen damit, einen Bildband zu erarbeiten, in dem hochwertige Fotos gesammelt sind, der nun nach mehr als zwei Jahren Arbeit unter dem Titel „Nachts schlafen die Spione“ erschienen ist. In einem Vorwort schreibt der angesehene Fotokritiker Klaus Honnef: „Die tatsächliche Motivation für den Auftrag an den Fotografen dürfen wir getrost dem Reich der Spekulation überantworten.“ Aber warum denn nennt der BND sie nicht? Offensichtlich ist dort Geheimniskrämerei zu einer lächerlich erscheinenden Sucht geworden. Welches Staatsgeheimnis könnte sich um Himmels Willen denn nur hinter der Motivation verbergen müssen, einen Bildband in Auftrag zu geben! Martin Schlüter hat ihn erhalten. Im erwähnten Vorwort findet sich noch ein bemerkenswerter Satz, in dem Honnef schreibt, der Spionageapparat BND habe die Aufgabe, herauszufinden, „was Feind und (uneingestanden) Freund außerhalb der deutschen Grenzen im Schilde führen; was von ihnen gedacht und was geplant wird.“ Wie kommt der Verfasser dazu, den „Freund“ zu erwähnen? Welche Informationen hat er? Vielleicht jene, die eingangs erwähnt sind? Der BDN wird einen Teufel tun und eingestehen, auch „Freund“ auszuspionieren. Ein offenes Geheimnis ist es allemal, wie einige andere auch. Erinnern wir uns nur an den Einsatz in der Haftanstalt Stuttgart-Stammheim gegen die Angeklagten im ersten „RAF-Prozess“ und ihre Anwälte. Zwei baden-württembergische Minister mussten ihre (Schlapp-)hüte nehmen als Bauernopfer, damit weiter verborgen werden konnte, dass der strikt nur für das Ausland zuständige BND im Inland gewerkelt hatte.
Schaut man sich die solche Wirklichkeiten verdrängenden und ungesetzliche Praktiken der „Pullacher“ damit verharmlosenden, aber sehr professionellen, selbstverständlich gesichtslosen Auftragsfotos an, schaudert es einen. Nett, zu erfahren, dass der BND einen Tennisplatz in Pullach hat. Pikanter sind die Einblicke in die „Präsidentenvilla“, wegen ihrer Geschichte. Der deutsche Auslandsgeheimdienst schämte sich nicht, die Räume von Martin Bormann übergangslos zu übernehmen, der immerhin seines Zeichen Privatsekretär mit hohen Nazifunktionen eines der widerlichsten Völkermörder der Menschheitsgeschichte war, Adolf Hitler. Sogar den Bunker dieses Diktators hat der BND übernommen, der Gebäudekomplex wird tatsächlich noch immer „Bohrmann-Siedlung“ genannt. Das ist mal Geschichtsbewusstsein vom Feinsten! Keine Berührungsängste. Der heutige BND ist aus der „Organisation Gehlen“ nahtlos hervorgegangen. Der Generalmajor aus der Nazizeit, Reinhard Gehlen, hatte sich den USA ergeben. Die haben ihn als ersten Leiter eines Spionagedienstes in Deutschland eingesetzt, vermutlich war ihnen die radikal antikommunistische Haltung wichtiger als seine anrüchige Vergangenheit. Gehlen schleuste dann etwa 400 ehemalige Kumpane aus den Naziorganisationen SS, SD und sogar der Gestapo in seinen Dienst. Das muss man wissen, wenn man zu den Fotos in diesem Bildband die Namen Gehlen und Bormann liest.
Metallwerkstätten, eine Schneiderei, einige Sitzungs- und Aufenthaltsräume und sogar einen Vorraum zum Schießstand durfte Schlüter ablichten – alles ohne Menschen, versteht sich. Zur weiteren Verschleierung hat er nur nachts Aufnahmen gemacht – im Dunkeln lässt sich’s gut munkeln. Auf den letzten Seiten (156/159) verabschiedet sich der Band mit einem harmlosen Blick ins Wichtigste, das IT-Zentrum. Es wird in Bayern bleiben. Nur graue Seitenwände von Metallschränken sind zu sehen. Kein Wort zur geografischen Nähe der US-amerikanischen Abhörantennen. Nach dem deutschen Verfassungsschutz musste schließlich auch der BND zugeben, das NSA-Programm „XKeyscore“ zur Ausspähung von Internetnutzern zu benutzen – „im Rahmen der Gesetze“ versteht sich.
Mit Sicherheit wird der Bildband vielseits als ein Kunstwerk der Fotografie betrachtet werden und nicht unter dem Blickwinkel eines Auftrage durch den umstrittensten deutschen Spionagedienst.
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