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Customer Review

on November 26, 2004
Über die Autobiographie von Bob Dylan: „Chronicles"
Dieses Buch war vom großen Schweiger nicht zu erwarten gewesen. Nicht von, nicht über ihn und schon gar nicht so. Bob Dylan hat bereits mit dem ersten Band seiner dreibändigen „Chronicles" eine bemerkenswert unverschlüsselte, ungeschwätzige und uneitle Autobiographie vorgelegt, die Dylan vor allem als Essayisten von großer Hellsicht präsentiert.
Dylan hat Stil und Würde. Seine Sprache ist geradeheraus und präzise. Seine Begeisterungsfähigkeit gebiert Pathos, das Luthers Einsicht folgt, „wes das Herz voll ist, dem läuft das Maul über". Kein abschätziges, frivoles, gar skandalträchtiges Wort über Freunde, Weggefährten und Kollegen. Kein Altmännergeschwätz und Bettgeschichten über Liebschaften, Verflossene und Ehefrauen. Stattdessen Lob, Verständnis und Bewunderung, da und dort galante Komplimente, im äußersten Fall ein „I had other things to do" (Ich hatte anderes zu tun). Da und dort Namedropping über Idole und Lesefrüchte. Und Dylan bleibt, was er immer war, diskret, beinahe ängstlich darauf bedacht, seine und die Privatsphäre seiner Familie zu schützen. Manche haben das mit Paranoia zu erklären versucht. Man könnte es auch, nach einem seiner Songs nennen: „Dignity", Würde.
Und doch ist dies nicht das Buch eines feigen Schmeichlers, sondern eines hellsichtigen Mannes, der sich in aller Bescheidenheit falsche Bescheidenheit nicht leisten wollte. „To live outside the law you must be honest" (Um außerhalb des Gesetzes zu leben, musst du aufrichtiug sein) heißt eine Zeile in dem Song „Absolutely Sweet Mary". Er wusste, was er an sich hatte: „Picasso had fractured the art world and cracked it wide open. He was revoltionary. I wanted to be like that" (Picasso hatte die Kunstwelt aufgebrochen und weit gespalten. Er war revolutionär. So wollte ich sein.). Weil er stets wusste, auf welchen Schultern er stand, griff Dylan beherzt nach den schönsten Früchten ganz oben am Baum. Und er offenbart sich als jemand, der seine Grenzen kennt. Über den Song „What was it you wanted" von „Oh Mercy" schreibt er: „Maybe a couple of years earlier I might have rejected it, never finished it. Not now, though" (Vielleicht ein paar Jahre früher hätte ich den Song zurückgewiesen, nicht beendet. Freilich nicht jetzt.) Nun, der Mann hat annähernd tausend Lieder geschrieben.
Ohne Umschweife, ohne Vorwort, ohne überhaupt über den Titel „Chronicles" hinaus zu erklären, worum es geht, steigt Dylan ein. Erstes Kapitel „Markin' up the score". Im Deustchen mit sinnreichem Mehrsinn. Score einmal als die Partitur zu verstehen, die Dylan freigibt. Oder als die Zeche, die er abzeichnet. Oder auch: „Worum es hier geht". Es geht um seinen ersten Plattenvertrag, um den großen CBS-Produzenten John Hammond, der Dylan den ersten Vertrag gab. Und es geht um das winterkalte New York, das einen jungen Romantiker in Coffee Houses und Musikclubs empfängt, der Clausewitz liest und Fellini Filme schaut. Vier weitere Kapitel, eines über Dylans Genese als Songwriter,„The Lost Land" (Das verlorene Land), die Begegnung mit Woody Guthrie.
Dann die Zeit nach dem Motorradunfall, sein Mißbehagen um die Protestbewegung, die Belagerung seiner Familie durch sogenannte Fans und die Entstehung des eher „kleinen" Albums „New Morning" (Neuer Morgen), das dem Kapitel auch den Namen gibt. Kein Wort über die großen drei „Bringing it all Back Home",„Highway 61 Reviseted" und „Blonde and Blonde". Und Abschätziges über seine Alben dazwischen. Er spricht über eine anregende aber inkompatible Zusammenarbeit mit dem Dramatiker Archibald MacLeish. Und er wiederholt erneut: „All I'd ever done was sing songs that were dead straight and expressed powerful new realities. I had little in common with and knew even less about a generation that I was supposed to be the voice of" (Alles was ich jemals getan habe, war, grundehrliche Lieder zu singen, die machtvolle neue Wirklichkeiten ausdrückten. Ich hatte wenig gemein mit und wusste noch weniger über die Generation, deren Stimme ich angeblich war.)
Dann „Oh Mercy" (Gnade), die Zusammenarbeit mit dem kanadischen Produzenten Daniel Lanois für die Aufnahmen von „Oh Mercy" in New Orleans, dem wirklich alten Amerika. Mit hinreisenden Geschichten umrankt, nicht garniert, die Dylan als großartigen Romancier vorstellen, der seinen ersten Roman noch zu veröffentlichen hätte. Dann wieder zurück in New York, 1961, im Kapitel „River of Ice" (Eisfluss). Seine Liebe zu Suze Rotolo und seine Epiphanie über einige Songs von Bertholt Brecht und Kurt Weill. Seine Entdeckung, dass es jenseits des Folksongs eine Welt zu entdecken gilt, die eine zeitgemäße künstlerische Sprache erfordert. Dylan würde liefern und wächst zum mächtigsten Songwriter des letzten Jahrhunderts.
Das alles ist lesenwert über die Person Bob Dylans hinaus, weil Dylan so ein hinreisender, präziser, Bild-reicher Schreiber ist. Jemand der die lange Form der „Chroniken" als fünf Essays über Kunst, die Medien und die wahren Werte beherrscht. Nicht der große Rätsel-Schamane, sondern ein kenntnisreicher, gebildeter Mann, der die Widersprüche nicht auflöst, sondern in einem Bild zusammenfasst, so dass wir sie erkennen können.
Diese Besprechung basiert auf dem amerikanischen Original
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