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Kundenrezension

am 30. Mai 2009
Es heißt zwar, wenn man über eine Sache nichts Gutes zu sagen habe, dann solle man lieber schweigen, aber so groß war meine Enttäuschung, dass ich nicht einfach über diese Neuverfilmung von Heinrich Breloers Buddenbrooks hinweggehen kann und möchte. Hätte irgend jemand anderes diesen Film abgeliefert, nun ja, es wäre mir wohl der Mühe nicht wert gewesen, mich weiter damit zu befassen. Aber gerade von einem Breloer, der mit den "Manns" ja eine wirklich ganz außergewöhnliche Film-Doku zustande gebracht hat, von einem Menschen, der sich rühmt, Thomas Mann so gut zu verstehen wie kaum ein anderer und der sich den Anspruch gestellt hat, eine ordentliche Literaturverfilmung vorlegen zu wollen, von so einem Breloer hätte ich dann schon irgend etwas Repräsentables erwartet.

Vorweg sei gesagt: Man kann natürlich in 2,5 Stunden nicht das ganze Buch darstellen. Man kann und muss Kürzungen vornehmen. Und gekürzt wurde, gnadenlos: Die erste Generation, Sesemi Weichbrodt ("Sei glöcklich, du gutes Kend"), Clara, Tiburtius, Erika Grünlich und Elisabeth, Weinschenk, Schwarzkopfs, Krögers (die die "Verfallsymptome" ja noch deutlicher zeigen als Buddenbrooks), Klothilde, die drei Damen Buddenbrook, die "Dunkelmänner", die Religiosität, die Jerusalemabende, die langen Sterbeszenen, usw...

Aber damit kann man leben. Obwohl alles oben Genannte wesentliche und wunderbare Bestandteile des Buches sind, kann man sie streichen und sich auf ein paar wenige, einzelne Charaktere beschränken. Und hier ist der Punkt, in dem Breloer in meinen Augen völlig versagt hat. Bis auf Christian, das Blumenmädchen Anna und Morten hat er meines Erachtens keinem seiner Charaktere die Eigenschaften zukommen lassen, die Thomas Mann ihnen in liebevoller Detailtreue das ganze Buch hindurch zugedacht hat. Das soll nicht heißen, dass dieser Film an schlechten Schauspielern krankt. Sämtliche Darsteller haben die ihnen vorgelegten Rollen sehr gut dargestellt. Das Problem liegt, wie gesagt, in der Konzeption der Rollen, die auf mich einfach flach, oberflächlich und wenig differenziert wirken:

Konsul: Armin Müller-Stahl ist zweifelsfrei ein begnadeter Schauspieler aber für diese Rolle einfach zu alt; der Konsul war bei seinem Tod gerade Mitte 50. Außerdem werden ihm plötzlich viele Attribute des alten Buddenbrook zugedacht: Die erste Ehe, die Geschäftsübergabe an den Sohn, die Worte "Kurios, kurios..." beim Sterben. Nun waren Vater und Sohn aber grundauf verschieden und sind per se in einer Person einfach nicht vereinbar. Der Vater war ein dem weltlichen zugewandter Gentleman, der das Leben zu genießen wusste, der Sohn von hoher Religiosität. Auf die Ehe mit Grünlich drängt der Konsul ja letzten Endes nur, weil letzterer mit Selbstmord droht und der Konsul als guter Christ eine solche Schuld nicht auf sich nehmen will. Und der christliche Konsul, als Grünlich sich Tonys überdrüssig erklärt, geht auf Grünlich zu, klopft ihm auf die Schulter und meint, "Fassen Sie sich. Beten sie." In dieser Handlung steckt viel mehr Ironie als in dem rohen Schlag nach Grünlich mit dem Stock. Und was ist mit dem tiefen Verständnis, das den Konsul und Tony durch diese Affaire miteinander verbunden hat?

Konsulin: Thomas Mann beschreibt sie folgendermaßen: helle, besonnene Stimme, ruhige, sichere und sanfte Bewegungen. Iris Berben jedoch hat, was die Anmut und Erhabenheit der Konsulin betrifft, nichts weiter anzubieten hat als ein sich ständig wiederholendes "Wie beliebt?". Die ganze Haltung und Sprache der Konsulin, all die vielen französischen Wörter, derer sie sich so elegant bedient, nichts ist geblieben, kein einziges "Assez, dies interessiert uns durchaus nicht" (so daß sie demnach konsequenterweise ihren Mann auch nicht beim Kosenamen "Jean" hätte nennen dürfen). Iris Berben wirkt in der gesamten Konzeption der Rolle viel zu hart. Sowohl in der Konfrontation mit Tony bezüglich Grünlichs Antrag (im Buch fragt sie lediglich sanft verwundert "Wozu dieses Echauffement?") als auch nach Tonys Rückkehr aus München. Es ist die Konsulin, die ihr mehr oder weniger verständnisvoll zuhört. Das harte "Tony, du machst uns keinen Skandal" sind Toms Worte (der hier im Film allerdings vollstes Verständnis für Tony aufzubringen scheint). Auch von der tiefen Religiosität der Konsulin und den "Dunkelmännern", mit denen sie immer ihr Haus bevölkert ist nichts geblieben.

Tony: Sie ist der Charakter, der einen das ganze Buch hindurch durch ihre Wichtigkeit, ihr Überlegenheitsgefühl gegenüber Hagenströms, das übersteigerte Würdegefühl zu Firma und Familie, ihr "Kinderweinen" und ihre Ansichten dem Leben gegenüber immer wieder zum Lächeln bringt. Unvergessen ihre vielen Redewendungen, die ihr Thomas Mann in liebevoller Weise und wiederholtem Maße das ganze Buch hindurch zugedacht hat: "Ich bin keine Gans mehr", "Wie es im Leben so geht", "Ich habe das Leben kennen gelernt", "Dieser Filou"", "Auf den Steinen sitzen" sowie Mortens Ansichten - über die Rangordnung der Stände, die Bedeutungslosigkeit der Anzeigenblätter und den Scheibenhonig, dem man vertrauen kann - die sie in bestimmten Lebenslagen immer wieder zum besten gibt. Ein durch und durch liebenswerter Charakter, ein wenig naiv, ein wenig kindlich, eben einfach Tony. Die neue Tony wirkt dagegen völlig beherrscht und vernünftig. Sowohl das Heiratsersuchen Grünlichs als auch die Tatsache, dass er bankrott gemacht hat, nimmt sie mit erstaunlicher Gelassenheit, ja teilweise schon Keckheit, entgegen. Man kann kaum nachvollziehen, warum die neue Tony die erste Ehe überhaupt eingegangen ist. (Abgesehen von Grünlichs Selbstmorddrohung hätten im Buch auf jeden Fall Mortens Eltern diese unstandesgemäße Ehe zu verhindern gewusst.) Im Film hätte man den beiden Freidenkern es Mangels obiger Fakten durchaus zugetraut, sich über die Konventionen hinwegzusetzen. Aber gar nicht nachvollziehen kann man, wie diese vernünftige Tony die zweite Ehe mit Permaneder eingehen konnte. Keine langen Zweifel, sie heiratet ihn einfach. Punktum. Und welch Verschwendung, eine der schönsten Szenen des Buches, wenn Tony aus München zurückkehrt und in die Rockfalten der Mutter nach und nach die ganze Geschichte mit Babette schildert, gipfelnd in "dem Wort". Im Film wirkt sie auch in dieser Szene gelassen und sachlich. Sicher, Jessica Schwarz spielt die ihr zugedachte Rolle sehr gut. Nur leider hat diese Rolle für mich mit Tony Buddenbrook nicht mehr viel zu tun.

Christian: Einer der wenigen Charaktere, die vom Prinzip her gut angelegt sind, dessen ganze Marotten aber nie richtig zur Geltung kommen: "Ich kann es nun nicht mehr", "Es ist eine Qual", "Du lieber Gott", "Die Nerven in der linken Seite, sie sind alle zu kurz", das Pulver und der Fächer, die Notwendigkeit, mit einem Streichholz zu Bett gehen, kein Geld zu haben für Zahnpulver, der winkende Mann auf Sofa, der Drang, aus dem Fenster springen, das plötzliche Verstummen während der Darbietung einer Geschichte, all das wird mit keinem Wort erwähnt. Er klagt nur ein einziges Mal über Schmerzen im Bein. Entsprechend kann sich Thomas durch die nicht vorhandene "widerliche Selbstbeobachtung" auch nicht brüskiert sehen. Die Konfrontationen der beiden Brüder schöpfen ihr Potential bei weitem nicht aus. Und der des Buches unkundige Filmzuschauer muss sich fragen, hinter was für Gitter Christian am Ende des Films geraten ist.

Thomas: Was ist geblieben von diesem Mann, der ständig mit sich selbst zu kämpfen hat? All die Korrektheit, die Selbstzweifel, die innere Seelenqual, der Drang, mehrmals täglich die Kleider zu wechseln, die russischen Zigarren, mit denen er sich beständig zu betäuben versucht, Schopenhauer? Der neue Thomas ist farblos und in der Charaktergestaltung wenig differenziert. Er wirkt von Anfang bis Ende extrem homogen. Lediglich seine Haare werden gegen Ende unordentlicher, was allerdings mit dem "echten" Thomas, der gerade gegen Ende auf sein Äußeres um so mehr Wert legt, nicht mehr viel zu tun hat. Seiner Anna gegenüber war Thomas im Buch zum Abschied sehr korrekt, einfühlsam und offen ("Wirf dich nicht weg"). Zu allem Übel wirkt er auf mich auch noch dermaßen unattraktiv, dass es sehr schwer nachzuvollziehen ist, wie Gerda für diesen Mann ihr Amsterdam hat verlassen können. Jedenfalls, wenn man die Gerda Thomas Manns vor Augen hat.

Gerda: Im Buch hat sie schweres, dunkelrotes Haar und ist von einer fremdartigen, introvertierten Erscheinung. Die neue Gerda? Ein junges, rothaariges Mädel, das an Rätselhaftigkeit nicht viel zu bieten hat, dafür aber stellenweise recht keck wirkt. Im Buch lässt Gerda Thomas nicht lange auf das Jawort warten, im Film wird das Kennenlernen vorverlegt auf eine Zeit, in der Tom noch mit Anna zusammen ist und der Vater noch lebt. Wozu? Gerdas Verhältnis Thomas gegenüber, das im Buch all die Jahre hindurch mit "respektvoller Höflichkeit" oder "gegenseitiger Vertrautheit und Nachsicht" beschrieben wird, wirkt zu Ende des Films von Gerdas Seite aus nur noch hart und zynisch. Sie ist eine der wenigen, die im Buch für Christian Verständnis aufbringen kann, im Film nimmt sie nun von ihm kaum Notiz. Und was soll bitte der holländische Akzent? Thomas Mann, der in seinem Buch nicht nur Platt auf Platt schreibt und Bayerisch auf Bayerisch sondern jegliche sprachlichen Eigenheiten hervorhebt ("... er sagte ,Achung` statt ,Achtung`", "...er sagte ,Infamje` statt ,Infamie`") hätte es uns schon wissen lassen, wenn Gerda, deren Familie ja ursprünglich aus Dresden stammt und die mit Tony zusammen im Lübecker Pensionat war, einen solchen Akzent gehabt und ständig "Dony" gesagt hätte.

Hanno: Eine Figur, die in den neuen Film eingeführt wurde, so scheint es, weil man sie eben nicht ganz weglassen kann. Hanno ging völlig unter. Weder seine sensible Persönlichkeit kam zur Geltung, noch sonst irgend etwas. Seine Albträume? Seine Urlaube am Meer? Seine Unterrichtsstunde? Sein Klavierspiel? Die intensive Freundschaft mit Kai? Die Todessehnsucht? All diese Dinge, die Thomas Mann so detailgereu geschrieben hat. Umsonst. Lediglich ein Satz Schopenhauers, der im Buch allerdings ganz dem Senator zueigen ist, wird nun Hanno zugedacht. Und in großen Strecken des Films ist Hanno einfach zu alt.

Grünlich: Auf die Frage, warum Breloer ihm den goldgelben Backenbart genommen hat, antwortete dieser, man müsse ja glaubhaft machen, warum Tony ihn zum Mann genommen habe. Ich persönlich finde diese ihm im Film anhaftende prominente Warze jedoch als wesentlich widerwärtiger als der Backenbart es gewesen wäre (und der im Buch im Gegensatz zur Warze dann ja auch immer wieder beschrieben wird). Sein Auftritt wirkt, wie so viele Szenen im neuen Film, viel zu gehetzt, als ob man bewusst Zeit einsparen wolle. Da Grünlich so typische Redewendungen wie z.B. "Das putzt ganz ungemein" fehlen, was kann sich der Zuschauer der Neuverfilmung dann unter der "Putzsucht" vorstellen, die Grünlich Tony vorwirft (was im Buch übrigens nicht geschieht)? Vom "regen und findigen" Filou ist leider nicht viel geblieben.

Kesselmeyer: Im Buch eine sehr lustige Person, genau das richtige Maß an Humor in die Szene bringend, die hier aber mit dem wiederholten, affenartigen Gegackere so völlig und über alle Maßen überzogen wird, dass man nicht lachen sondern peinlich berührt lächeln muss.

Permander: Breloer will ihn nicht "peinlich" darstellen, da man sonst nicht verstünde, warum Tony ihn geheiratet hat. Von der modernen Tony versteht man es aber ohnehin nicht. Nur der "echten" Tony wird man die Motive - der bedingungslose Wunsch, Tom und der Firma zuliebe die Schande der ersten Ehe wieder gut zu machen - abnehmen. Und im Übrigen: Wenn Breloer Permaneder nicht peinlich erscheinen lassen will (was er im Buch nun einmal ist, und zwar ganz gezielt), warum lässt er ihn dann in Gegenwart der Konsulin von selbst aus Platz nehmen? Im Buch wartet er immerhin auf eine Aufforderung.

Hermann Hagenström: Auf die Frage, warum in aller Welt Tony plötzlich für Hagenström zärtliche Gefühle hegt, meint Breloer, er habe den (Halb)Juden menschlicher darstellen wollen. Nun, dann hätte er ihn ja blond lassen können, wie im Buch (auch seine Schwester Julchen gleicht im Film eher einer Spanierin). Im Buch kommt Hagenström aber gar nicht so schlecht weg (er wird nur als "dick" beschrieben, wogegen der neue Hagenström zur attraktivsten Person des ganzen Filmes avanciert), lediglich in der Weidenmann Verfilmung von 1959 ist er ein kleiner Fiesling. Aber zärtliche Gefühle sind bestimmt das letzte, was Tony für dieses "dahergelaufene Geschmeiß" empfindet. Im Film nicken die beiden sich dann und wann immer verhalten lächelnd zu. Und als das Haus der Mutter dann ausgerechnet an Hagenström verkauft wird, ist es wohl die tiefste aller Demütigungen, die Tony in ihrem ganzen Leben widerfährt. In der Neuverfilmung erinnert sie sich stattdessen rührselig des Tanzes auf dem Ball (den es ja gar nicht gab). Schade, denkt man sich da als Zuschauer, dass sie ihn damals nicht einfach geheiratet hat. Vieles wäre erspart geblieben.

Andere Charaktere werden zwar kurz eingeführt, aber welchen Sinn sieht Breloer darin, Grobleben (bzw. hier Corl Smolt) sturzbetrunken an die Wiege des jungen Hanno zu schicken? Wer kann verstehen, was es mit Gosch eigentlich auf sich hat? Was soll die Szene, in der der Konsul am Grab seines Schwiegervaters steht, wenn dieser bis dahin gar nicht in dem Film eingeführt war? Was haben wir uns unter der "priesterlichen Kopulation" vorzustellen, die uns im stolzem Ton wiederholt aus der Familienchronik entgegen geflüstert wird? Und Weihnachten bei Buddenbrooks, eine im Buch so detailliert beschriebene Schlüsselszene, sie wird hier degradiert zu einem kurzen In-Szene-Setzen des Hustens der Konsulin, der dann nach einer noch kürzeren Sterbeszene schon an deren Sarg endet.

Und dass Breloer, bei all seinen Kürzungen und Entfremdungen nun auch noch Dinge in die Handlung einführt, die es bei Thomas Mann gar nicht gibt, das ruft nun mein größtes Unverständnis hervor. Vor allem, da die Zeit sowieso schon begrenzt ist und man im Schweinsgalopp von einer Szene in die nächste gejagt wird. Die Leiterwagenjagd zu Beginn? Gut, sie macht Sinn, wenn man - entgegen dem Buch - die Handlung auf einer Freundschaft zwischen Buddenbrooks und Hagenströms ansetzt. Aber kostbare Zeit nimmt sie dennoch ein. Was noch? Nun ja, immerhin darf man nun als Zuschauer teilhaben an der Hochzeitsnacht von Gerda und Thomas, die trotz unbeholfenem Hin-und-Her-Schiebens der nackten Körper aber dennoch ekstatisch höchst beglückend zu sein scheint (was immer Breloer uns dadurch mitteilen will, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis), ebenso an dem Liebesleben zwischen Thomas und seinem Blumenmädchen, dem von Christian und Aline Puvogel, und natürlich dem Permaneders und Babettes. Auch wird uns Gerdas schöner Busen dargeboten, wenn Tony sie pflegt. Ich bin weiß Gott nicht prüde, aber gehören solche - der Handlung völlig unzuträgliche - Szenen heutzutage in einen Film, wenn man ihn bereits ab 6 Jahren freigeben will...? Oder anders gefragt: Hätte irgend jemand den Film schlechter gefunden, wenn er diese Szenen nicht gehabt hätte..? Wir dürfen Senator Möllendorpf beim wiederholten Kuchenessen beobachten bis hin zu dem Zeitpunkt, als Tony (!) ihn totgefressen in seiner kleinen Absteige entdeckt (wobei sich jeder, der das Buch nicht kennt, fragen muss, warum die Möllendorpfs in einer solchen Absteige hausen, denn soviel Zeit im Film auf das Hinarbeiten zu dieser Szene verwandt wird, so wenig werden die Umstände, unter denen der Senator aufgefunden wird, hinterher geklärt). Und wir dürfen der Senatorin beim wiederholten Beobachten der Gesellschaft und ihren bissigen Kommentaren über die Schulter blicken. Im Buch erscheinen die beiden Charaktere nur drei Mal kurz in Nebensätzen. Nun werden sie zu Running Gags aufgebauscht, währenddessen der Humor und die Ironie, die Thomas Mann seinen Protagonisten zugedacht hat, völlig unter den Tisch fällt.

Viele Anleihen, die im Buch ebenfalls nicht vorkommen, hat Breloer übrigens bei Weidenmann gemacht: Christians Clubrechnung, die er über die Firma laufen lässt, die Verlegung der Hochzeit von Tom und Gerda, die im Buch nur mit einem Satz erwähnt wurde, von Amsterdam nach Lübeck, Tonys Rückkehr aus München während eines rauschenden Balles, Christians Gespräch mit der Konsulin über Aline, Toms und Annas Begegnung auf der 100-Jahr-Feier, der Verkauf des Hauses in der Mengstraße (der eigentlich schon direkt nach dem Tod der Konsulin stattfindet) ganz am Ende des Films mit Tony, Gerda und Ida um den halb gedeckten Tisch. Sicher: Weidenmann selbst geht mit der Handlung noch "gnadenloser" um, aber schließlich maßt sich der alte Film ja auch nicht an, eine "ordentliche Literaturverfilmung" zu sein sondern nennt sich im Vorspann "frei nach Thomas Mann" Und obwohl auch der alte Film sich nicht viel der Mann'schen Sprache bedient, benutzt er aber dennoch viele der dem Roman so typischen Redewendungen, und die meisten der Charaktere sind sehr gut getroffen.

Bei aller Schelte, will ich aber gerne einräumen, dass es auch in der Breloer Verfilmung einige sehr gute Momente gibt: Die Szene, in der Tony ihre Füße im Sand ausstreckt und sich ganz dem Zauber der See hingibt (ähnlich wie Hanno es bei Wirth tut), der Abschied von Christian an Thomas Sarg (ebenfalls eine Anleihe bei Wirth) und vor allem die Schlussszene. Die letzten Worte, in denen Tony an der Welt zu verzweifeln droht und (in diesem Falle) Idas Es ist so!" mit der Kamerafahrt, die zeigt, wie das Leben weitergeht, diese Szene finde ich bei Breloer intensiver und besser gelungen als in den vorigen Versionen. Kostüme und Kulisse sind grandios (obwohl 6 Mal Holstentor vielleicht ein wenig viel des Guten ist...), Kamera, Licht, Farben und Musik vermitteln einen ganz zauberhaften Eindruck. Hätte Breloer den Geist, der über diesen wenigen Szenen schwebt, auf den ganzen Film erstrecken können, es hätte vielleicht ein kleines Meisterwerk werden können. Leider war dem nicht so.

Breloer meint, all seine Änderungen seien notwendig gewesen, um Buddenbrooks für die moderne Zeit verständlich zu machen. Hält er uns Deutsche inzwischen für so niveaulos, dass wir Thomas Mann in der Sprache Thomas Manns nicht mehr verstünden? Was erwartet uns in den nächsten 20 Jahren? Eine Tony, die meint "Ey, Grünlich, isch find disch voll unkrass, Alder."? Ich bin sicher, da Kulisse und Kostüme deutlich machen, in welcher Zeit wir uns befinden, hätte das Publikum die Original-Sprache wohl verkraftet. Es gibt ein gewisses kulturelles Erbe, das wir uns gerade in der heutigen Zeit der allgemeinen Volksverblödung bewahren sollten. Wirklichen Mut hätte Breloer zeigen können, indem er - wenn das Streben nach Aktualität ihm so wichtig ist - die Handlung auf unsere heutige Zeit angepasst hätte. (John von Düffel z.B. ist es extrem gut gelungen, seine Theateradaption von Buddenbrooks relativ zeitlos mit minimalem Bühnenbild (5 Stühlen und einem Tisch) und modernen Kostümen - jedoch in der schönen Sprache Manns - in ganz brillanter Weise umzusetzen.) Oder aber, Breloer wäre an Buddenbrooks herangegangen wie an die "Manns", indem er verfilmte Szenen des Buches den tatsächlichen Gestalten gegenüber gestellt hätte, auf denen Buddenbrooks ja basieren. Aber die künstlerische Freiheit", den Geist des Buches nach eigenem Gutdünken einfach derart umzugestalten, das hätte ich gerade von einem Breloer nicht erwartet.

Bis jetzt hat Breloer seinen Film nur an der Weidenmann Verfilmung von 1959 gemessen. Die 11-teilige Fernsehserie von Franz Peter Wirth hat er bisher nur einmal angesprochen, und zwar in Zusammenhang mit seinem Kameramann Gernot Roll, der bereits an der Fernsehserie mit gewirkt hatte und seine neuerliche Arbeit als "Wiedergutmachung" betrachte. Dies zitiert Breloer mit einem leicht süffisant anmutenden Lächeln, so dass es fast den Eindruck erweckt, er benutze Rolls Worte um seinerseits die Fernsehserie in einem nicht so guten Licht dastehen zu lassen.

Wenn allerdings Breloers Buddenbrooks demnächst in verlängerter Fassung im Fernsehen gezeigt werden, wird er sich an gerade diesem Maßstab messen müssen. Der 11-Teiler von Franz Peter Wirth ist in meinen Augen nicht nur die beste Buddenbrooks-Verfilmung, nicht nur die beste Thomas-Mann-Verfilmung, sondern eine der besten Literaturverfilmungen überhaupt. Sicher, auch dort gab es Kürzungen und kleinere Änderungen. Aber die Serie lebt durch die Kurzweiligkeit und die Sprache - entweder den 1:1 Dialog in den Worten Thomas Manns, die herrliche Erzählform Caninenbergs oder auch die Bilder, die sich einfach Zeit lassen und auch ohne Worte die Stimmung des Romans so wunderschön einzufangen vermögen. Sämtliche Protagonisten - von Martin Benrath und Ruth Leuwerik als Konsul und Konsulin, Reinhild Solf, Volkert Kraeft und Gerd Böckmann als Tony, Tom und Christian, Michael Degen als Grünlich - bis in die kleinste Nebenrolle (Klaus Schwarzkopf als Kesselmeyer, Heinz Baumann als Weinschenk) sind einfach ideal besetzt, und das Gesamtkunstwerk, das sich einem präsentiert, ist einfach von überwältigender Genialität.

Von Leuten, die das Buch kennen, hört man über Breloers Neuverfilmung fast durchweg stark enttäuschte Worte. Von Leuten, die das Buch nicht kennen, hört man, auf Nachfrage, wie sie den Film denn fanden, ein "nett". Die wenigsten werden nach Sichtung dieses Films also den Ansporn haben, die Romanvorlage kennen zu lernen. Schade, denn dies hatte ich mir durch die Neuverfilmung erhofft.
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