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Kundenrezension

am 25. August 2013
Auf die Biographie von Hope Solo hatte ich mich sehr gefreut. Eine der besten Fußballerinnen der Welt, die nicht nur Auslandserfahrungen in Schweden und Frankreich sammelte, sondern auch die Geburt der ersten beiden (leider sehr kurzlebigen) US-Profiligen WUSA und WPS miterlebte und mit der Nationalmannschaft Olympiasiegerin und Vizeweltmeisterin wurde, sollte einiges über den Alltag einer Profifußballerin zu erzählen haben. Diese Erwartungen hat Solos Biographie auch erfüllt. Maßlos gestört hat mich allerdings der private Teil - der allerdings der Grund sein dürfte, dass die Biographie in Amerika eines der bestverkauften Fußball-Bücher überhaupt ist.

Nun darf es den Leser zugegebenermaßen nicht wirklich überraschen, dass eine Biographie auch über Privates und Familiäres berichtet, und in Maßen ist dagegen auch überhaupt nichts einzuwenden. Aber Hope Solo widmet den gefühlt größten Teil des Buches ihrer überaus komplexen Familiensituation: Der kriminelle, später obdachlose und zu Unrecht des Mordes verdächtigte Vater, die alkoholkranke Mutter, das Verhältnis der Eltern zueinander, das unverhoffte Wiedersehen mit ihrem Vater nach jahrelanger Funkstille, sein plötzlicher Tod - all das wird in (jedenfalls mir) viel zu großer Detailfreude beschrieben. Zudem bekommt das Ganze häufig einen allzu rührseligen Touch, etwa, wenn Hope über weite Passagen aus tatsächlichen oder fiktiven Briefen ihres Vaters an sie oder umgekehrt zitiert oder ausführlich beschreibt, wie sie nach seinem Tod bei Spielen der Nationalelf Teile seiner Asche mit aufs Feld nahm, um sie zu verstreuen.

Ein zweiter - bei mir einen schalen Beigeschmack hinterlassender - Aspekt: Hope Solo präsentiert sich als ziemlich unsympathische, überaus egozentrische Fußballerin, die Menschen, welche nicht in gleicher Weise an sie glauben wie sie selbst, schnell mit kalter Verachtung straft, und die sich immerzu und ständig ungerecht behandelt fühlt. Dummerweise wurde sie einige Male offenbar tatsächlich ungerecht behandelt (etwa vom früheren Nationaltrainer Greg Ryan und der Weltmeistergeneration - dazu sogleich), und es fällt ungeheuer schwer, sich angesichts all der anderen Warum sind alle nur so böse zu mir?"-Passagen darauf einzulassen. Weinerlich beschwert sie sich, dass sie von einer Freundin nicht als Trauzeugin auserkoren wurde, und fordert recht dreist Verständnis dafür, dass diese Freundschaft jahrelang weitgehend eine Einbahnstraße war. Sie sei eben Profisportlerin mit einem anstrengenden Leben. Nationaltrainerin Pia Sundhage, zunächst schwärmerisch verehrt, erntet böse Worte, als sie in einem Testspiel vor der WM 2011 die Ersatzkeeperin einsetzte, um sich von deren Leistungsstand zu überzeugen, anstatt der lange verletzten Hope Solo jede nur denkbare Einsatzminute zuzubilligen. Hope fordert von anderen größtmögliche Rücksichtnahme (auf ihre persönliche Situation wie z.B. nach dem Tod ihres Vaters, auf Verletzungen usw.), scheute sich aber nicht, nach dem verlorenen WM-Halbfinale 2007, bei dem Trainer Greg Ryan überraschend ihr Konkurrentin Briana Scurry ins Tor gestellt hatte, öffentlich zu verkünden, dass das Team mit ihr - Solo - gewonnen hätte. Ausführlich beschreibt sie den daraus resultierenden Konflikt mit dem Trainer (der sie bei einem Gespräch sogar tätlich angegriffen haben soll) und ihren Mitspielerinnen, beschreibt - in der Tat befremdliche - Sitzungen, in denen das Team über sie zu Gericht saß. Die von ihr geschilderten Situationen sind derart absurd, dass sie an Streitereien einer Mittelschulklasse erinnern: Wenn Hope einen Fahrstuhl betrat, gingen andere Mitspielerinnen raus. Kam sie nach dem Training in den Pool, verließen ihn die anderen. Auf dem Hotelflur ging man aneinander vorbei, als würde man sich nicht kennen. Es gab Versuche, Hope um die ihr zustehenden Prämien zu prellen und von der Nach-WM-Tour der Nationalelf auszuschließen. Wieder und wieder wurden von ihr öffentliche Entschuldigungen gefordert und die Abgabe vom Verband vorformulierter Presserklärungen.

Diese Passagen machen den eigentlichen Reiz des Buches aus, weil sie viel vom Innenleben der US-Frauennationalmannschaft verraten. Ebenso erfährt man einiges über das (teilweise recht amateurhafte) Gebaren der US-Profiklubs, denen bislang durchweg kein allzu langes Leben beschieden war. Mit der NWSL wurde vor einigen Monaten der dritte Versuch gestartet, in den USA eine Frauen-Profiliga zu etablieren. Hope Solo ist natürlich dabei - mit dem Klub Seattle Reign. Das Projekt scheint finanziell auf etwas sicheren Füßen zu stehen - so werden zum Beispiel die Gehälter der Nationalspielerinnen von den Fußballverbänden der USA, Kanadas und Mexikos gesponsert. Zudem verlief der Auftakt durchaus verheißungsvoll - in der Hochburg Portland kamen im Schnitt 13.000 Zuschauer. Dennoch bleibt abzuwarten, ob der Zuspruch auf Dauer ausreicht, um eine Profiliga zu tragen.

Fazit: Hope Solos Biographie ist einen Kauf wert, wenn man sich für den (amerikanischen) Frauenfußball interessiert, da es kein vergleichbares Werk gibt, das einem derartige Einblicke gewährt. In Kauf nehmen muss man allerdings Hope Solos allzu rührselig erzählte (und jedenfalls mich nicht wirklich interessierende) Familiengeschichte und den Umstand, dass einem die Torhüterin mit dem schönen Vornamen hinterher vielleicht nicht mehr ganz so sympathisch ist.
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