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Kundenrezension

am 26. Februar 2014
Vorweg: ich bin Familienrichter und, wie ich hoffe, einer von denen, die Herr Tsokos und Frau Guddat für eine absolute Ausnahme halten: ich kann bestätigen, was für entsetzliche Misshandlungen gerade durch Eltern und Stiefeltern gang und gäbe sind, und es schaudert mich immer noch, wenn ich Fotos von Säuglingen mit Bissverletzungen, Schädelbrüchen usw. sehe. Was Erwachsene ihren Kindern antun, können die meisten Menschen sich kaum vorstellen.

Was mich wundert: ich weiß nicht, ob das ein besonderes Berliner Phänomen ist, von der die Autoren berichten, aber nirgendwo hier in meiner Stadt, wo ich mich viel mit Kollegen austausche und eine enge, gute Zusammenarbeit mit dem Jugendamt und der Polizei, mit medizinischen ebenso wie mit psychologischen Sachverständigen, mit Flexiblen Familienhilfen und Ärzten pflege, kenne ich einen einzigen Menschen, der bei einem Kleinkind mit großflächigen Brühverletzungen oder der charakteristischen Hand-auf-die-Herdplatte-pressen-Verbrennung allen Ernstes "Aber, so etwas tut eine Mutter doch nicht!" sagen würde. Bei Tsokos und Guddat sagen das alle, und sie sagen es immer, selbst wenn nur noch Hackfleisch von einem Kind übrig ist, und sie sagen es auf jeder zweiten Seite. Klar: es gibt Fälle, in denen die Jugendhilfe oder der Richter nicht gleich das Kind rausnehmen, auch wenn andere das gerne sehen würde; aber da reden wir nicht von den markerschütternden Extremfällen, die die Autoren auf 250 Seiten in jenem immer gleichen, hölzernen Dialogstil der billigsten Reality-Soaps bis zum Erbrechen wiederholen, sondern von beunruhigenden, aber oft eben auch viel milderen Ausdrucksformen der Überforderung. Wenn das passiert, was in diesem Buch meistens geschildert wird (und das passiert eben auch, viel zu oft), steht hier bei mir in der Stadt ausnahmslos jeder Gewehr bei Fuß und die Profis sind sich einig, dass man sofort durchgreift.

In meinem eigenen Arbeitsalltag -- der natürlich fundamental anders sein kann, als der in Berlin -- landen Fälle von Kindesmisshandlung häufig bei mir, weil Jugendhilfe oder Flex-Kraft frühzeitig das Familiengericht anrufen, wenn sie etwas beobachten. Und sie reagieren ausnahmslos weit sensibler, als die Autoren das bei der Mehrzahl der Jugendhilfemitarbeiter wahrnehmen. Die Arbeitsbelastung in den Jugendämtern ist groß, und ja, auch bei uns gibt es Sachbearbeiter, bei denen ich mich schonmal über fehlendes Engagement geärgert habe. Aber die Schilderung eines Systems, in dem auf einen engagierten jungen Burschen dreißig ausgebrannte oder gleichgültige Idioten kommen, entspricht nicht der Realität in unserem Jugendamt. Was sehr wohl stimmt: die personelle Unterbesetzung der meisten Jugendämter ist unverantwortlich und richtet Schaden an; und sehr viel hängt daran, wie viel Rückhalt und Unterstützung Jugendamtmitarbeiter auch bei ihren Vorgesetzten haben. Ich weiß, dass es darum oft schlechter bestellt ist, als gegenwärtig (gottseidank) in meinem Bezirk.

Man muss dem Buch zugute halten: es behandelt ein wichtiges Thema, und das Ausmaß alltäglicher Kindesmisshandlung wird nachwievor weit unterschätzt in der Öffentlichkeit. Und: das Buch richtet sich vielleicht vorrangig an ein Publikum, dem die auf andere peinlich wirkenden, schlecht nachgestellten Dialoge und das ununterbrochene Bedienen von (für das Kerngeschehen unwichtigen) Klischees für das Verständnis entgegenkommt.

Aber eben diese Sachen machen es für mich nur mit Mühe lesbar. Es ist z.B. vollkommen okay, wenn man mal ein paar Sprüche über die "Generation Kevin" macht (im Zusammenhang mit der wichtigen Feststellung, dass die Opfer von gestern häufig Täter von heute sind); Tsokos und Guddat aber müssen bei jeder von gefühlten 3000 Fallschilderungen, in denen mal wieder Kevin der Täter ist, mit ihrem grimmigen Rechtsmediziner-Sarkasmus wieder einen Spruch zum Namen machen; und, wenn die Tatszenen nacherzählt werden, deren genauen Verlauf in allen Details die Autoren nun mal nicht kennen können, weil sie nicht dabei waren, müssen all diese Kevins mit ihren muskelbepackten Oberarmen und den vielen Tattoos (selbstredend ganz viele Tattoos, es sind ja Gewalttäter, nicht wahr, Gewalttäter haben Tattoos!) so überzeugend die Ressentiments der Autoren bestätigen, wie es sonst nur die schlimmsten Drehbuchschreiber im Nachmittagsfernsehen ihren Amateur-Schauspielern in den Mund legen.

Klar werden jetzt viele sagen: aber das ist nunmal Realität, das mit den Kevins und den Tätowierten, das können Sie doch nicht einfach leugnen! Ach, Leute: ja, die Klischees werden natürlich immer wieder bestätigt (oft genug auch widerlegt, worauf die Autoren übrigens auch kurz eingehen, das muss man fairerweise sagen), aber eben nicht in einem fort so offensichtlich, durchschaubar und plakativ. Sonst wäre meine Tätigkeit, die der Jugendhilfe, der Polizei, der Sachverständigen, so viel einfacher.

Was nicht nur ärgerlich ist, sondern schlimm: wenn die Autoren das Rechtssystem dafür kritisieren, dass Menschen nunmal nur dann strafrechtlich verurteilt werden dürfen, wenn man ihnen die Tat hat nachweisen können. Bei aller Liebe: jetzt reichts. Das ist einer der Kernpunkte, der den Rechtsstaat vom Unrechtsstaat unterscheidet. Und wenn Eltern strafrechtlich ungeschoren davon kommen, weil der Richter nicht ermitteln kann, welcher von beiden es getan hat, dann heißt das nicht, dass man das Kind zurück in die Familie gibt. In mindestens fahrlässiger rechtlicher Unkenntnis stellen die Autoren es so dar, als würde in den Strafverhandlungen mit dem Freispruch auch der Säugling zurück in die Arme der prügelnden Mutter gegeben. Das ist einfach Quatsch: verurteilen oder freisprechen tut der Strafrichter; Kind wegnehmen oder zurückgeben tut der Familienrichter. Die beiden arbeiten nach vollkommen verschiedenen Maßstäben, und das zurecht.

Was bleibt: ein durchaus wichtiger Weckruf. Ein erschütterndes Bild auf einen deutschen Alltag, von dem auch die abgebrühten aus meiner Familie und meinem Freundeskreis immer sagen, sie hätten so etwas nie geglaubt, bevor ich Familienrichter wurde. Einige wichtige Hinweise auf entsetzliche Fehler im System, die aber leider unter einer dicken Schicht von Klischees, Ressentiments und Selbstgefälligkeit (Keiner sieht's! Nur wir Rechtsmediziner!) vergraben wurden. Und leider ein oder zwei Thesen, die niemals den Stammtisch hätten verlassen dürfen.

Ich habe eine Weile geschwankt zwischen zwei und drei Sternen. Drei sind es jetzt, mit Bauchschmerzen und trotz aller Mängel: weil die Autoren zweifelsohne mit viel Engagement ihre wichtige Nachricht weitergeben wollen, und weil die vielen positiven Rezensionen und der Verkaufsrang mir zeigen, dass auf diese Art und Weise das Thema wenigstens mal in seiner ganzen Entsetzlichkeit ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt wird. Und das ist gut.
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