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Kundenrezension

am 27. Dezember 2013
Weimar im Jahre 1816: „Mit der ordinären Post von Gotha trafen an diesem Tage. morgens kurz nach acht Uhr, drei Frauenzimmer vor dem renommierten Hause am Markte ein, denen auf den ersten Blick – und auch auf den zweiten noch – nichts Sonderliches anzumerken gewesen war“. Bei den Damen, die sich im Gasthof ‚Zum Elephanten’ einquartierten, handelte es sich um die Hofrätin Witwe Charlotte Kestner, geb. Buff nebst Tochter und Kammerzofe.

Charlotte ist unter dem Vorwand, ihre Schwester zu besuchen, angereist. In Wahrheit sehnt sich die 63jährige Dame danach, ihren Jugendfreund – oder darf man sagen Jugendliebe – wiederzusehen. Ihre Gedanken schweifen zurück in jene Zeit, als der junge Johann Wolfgang Goethe, Praktikant beim Reichskammergericht in Wetzlar, ihr „Mädchenherz“ verwirrte. Doch sie spürte die Gefahr, die von dem „Unmensch ohne Zweck und Ruh’“ ausgeht, war zurückgeschreckt „vor etwas Unwirklichem und Unzuverlässigem in seiner Natur“. Er, der "der ziellos ins Blaue liebte“, hatte ihr einen „Kuss geraubt“, zog sich aber nach der Verlobung von Charlotte mit Johann Christian Kestner zurück. Sie hatte den Einfachen dem „Glänzenden“ vorgezogen.

All dies wäre kaum erwähnenswert, hätte der große Dichter seine Gefühle und Gedanken nicht zu Papier gebracht und im ‚Werther’ ein Werk von Weltruhm geschaffen. Aus Charlotte Buff wurde Werthers Lotte. Thomas Mann berührt damit die Frage, inwieweit ein Poet über fremdes Leben bestimmen und Individuen unfreiwillig zu öffentlichen Personen machen darf.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von Charlottes Aufenthalt. Ein dichtes Menschenspalier drängte sich vor dem ‚Elephanten’, in der Hoffnung, einen Blick zu erhaschen. Kellner Mager ordnet den Besucherandrang und lässt einzelne Gäste vor. In den ersten sechs Kapiteln kommen Vertraute des Dichterfürsten zu Wort. Im Vorwort zur Ausgabe des Deutschen Bücherbundes schreibt Reinhart Baumgart: „Dieser Durchmarsch der Goethe-Zeugen vor der Hofrätin Kestner verfolgt eine doppelte Strategie: er zeigt einmal Goethe beharrlich aus der Perspektive von Abhängigen, ja Opfern, und er ‚zersetzt’ seine Größe in immer genauere, alltägliche, kleinere und auch kleinliche Details“.

Den Reigen eröffnet eine englische Porträtzeichnerin, die eben rasch das „reizende Gesicht in ihr Skizzenbuch“ aufnehmen will. Als Bürger einer weltoffenen, handeltreibenden Hansestadt hatte der Lübecker Senatorensohn Thomas Mann eine Vorliebe für England.

Der zweite Besucher ist Goethes ehemaliger Sekretär, Dr. Riemer. Nach langen Jahren in Diensten der Meisters regte sich in ihm der Wunsch, „sich so oder so auf eigene Füße zu stellen“. Mit gemischten Gefühlen lauscht Charlotte dem Monolog Riemers, seinem „hülflosen Ringen nach Würde“ und unterbricht nur hie und da. Er nennt Goethe einen „großen Mann“, einen „Genius“ und „Geistesfürst“. Goethe, „ …zu dem die Natur Vertrauen hat wie zum Schöpfergeist selbst, weil er, auf irgendeine Weise mit diesem verbunden, ein dem Schöpfergeist vertrauter Geist ist, der Bruder der Natur, dem sie willig ihre Geheimnisse offenbart…“. Das „Phänomen der Größe“ führt laut Riemer zu jenem Widerspruch, dass Größe auch „Segensfluch“ bedeutet. Riemer skizziert Goethes Radius als „…begrenzte Welt ... darin sich die Motive wiederholen…“. Im Umgang mit seinen Angestellten und Vertrauten („Sozietät“) konnte der Meister zuweilen mürrisch und unduldsam werden. Riemer spricht über seine Arbeit für Goethe „…von süßer und bitterer Ehre…“.

Demoiselle Adele Schopenhauer ist der nächste Gast, welcher der Hofrätin die Aufwartung macht. Die Demoiselle verkehrt im Hause Goethe, ihre Freundin Ottilie ist August von Goethes Verlobte. In August sieht sie das unmündige Ebenbild des Vaters: „August was Sohn – das war die Haupteigenschaft seines Lebens.“ Deshalb und wegen seiner Wein und Weiber Exzesse versucht sie die Ehe zu verhindern und hofft dabei auf die Unterstützung Charlottes. Goethe beschreibt sie als Menschen, der es „…excellent verstand, die Menschen lachen zu machen…“. Im Salon dominierte er, „…weil sich alles nach ihm richtete…“. Als konservativen Napoleon-Verehrer war er „…im Grunde seines Herzens gegen den Befreiungskrieg…“. Goethe ein Musengott? Ja, aber „Er ist groß und alt und wenig geneigt, gelten zu lassen, was nach ihm kommt. Aber das Leben geht weiter, es bleibt auch beim Größten nicht stehen…“.

Als letzter Besucher spricht Kammerrat August von Goethe vor. Der junge Mann erinnert Charlotte an seinen Vater, findet jedoch seine Ausdrucksweise altklug und „unnatürlich gemessen“. Er plaudert über seines Vaters Kränklichkeit, seine Kuren und betont, dass er des Vaters „treuer Helfer“ und Prellbock … zwischen ihm und der Welt der Geschäfte“ sei. Dabei lässt er durchblicken, dass er nicht immer der gleichen Meinung wie der Vater sei. Charlotte gibt ihm den Rat, sich stärker zu emanzipieren.

Im siebenten Kapitel, einem großartigen Monolog, führt Thomas Mann 100 Seiten lang den Leser in Goethes Gedankenwelt ein. Privates und Öffentliches, Kunst und Philosophie, Politik und Wissenschaft vermischen sich und am Ende vermag der Leser nicht mehr zu unterscheiden, ob dies noch Goethes oder schon Manns Gedanken sind: „Lass die keine bunten Vögel in den Kopf setzten von deiner Popularität … bestimmt durch mich, bereichert das Empfangene die Welt. So sollen’s die Deutschen halten, darin bin ich ihr Bild und Vorbild. Welt-empfangend und welt-beschenkend, die Herzen weit offen … groß durch Verstand und Liebe, durch Mittlertum, durch Geist – denn Mittlertum ist Geist …“.

Goethe lädt zu einem Mittagessen in kleinem „Circle“ ein; zu den Gästen zählt auch Charlotte. Der Empfang ist sehr förmlich und steif. Kein vertrautes Wort kommt über die Lippen, stattdessen wird über Mineralien, Kupferstiche und Münzen geredet.

Endet so das Wiedersehen der beiden? Auf der Rückfahrt von einem Theaterbesuch, zu dem Goethe seine Kutsche bereitgestellt hat, findet Charlotte den Dichterfürst überraschenderweise im Fonds der Kutsche. Doch wer jetzt ein Happy End erwartet, wird bitter enttäuscht. Der Meister war vom Besuch Charlottes nicht sonderlich erfreut (“Konn’t sie sich’s nicht verkneifen, die Alte, und mir’s nicht ersparen?“) und erinnert Charlotte – uncharmant – an ihr Alter (Kopfwackeln). Die Gekränkte rächt sich, indem sie Goethe den Spiegel vorhält und seinen Hofstaat als „Schranzen“ und „Opfer“ tituliert: „…was sind sie denn als Opfer deiner Größe. Ach es ist wundervoll, ein Opfer bringen, jedoch ein bitteres Los, ein Opfer sein!“. Beim Abschied fällt kein persönliches, versöhnliches Wort. Charlotte flüstert: „Friede deinem Alter“ und ihre Wege trennen für immer.

Fazit: Ein großartiges, aber langatmiges Werk für dessen Lektüre die Kenntnis von Goethes Biographie von Vorteil ist.
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