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Kundenrezension

439 von 466 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ich liege lachend in den Trümmern und fühle mich frei., 12. Juli 2011
Von 
Rezension bezieht sich auf: XOXO (Limited Edition im bedruckten Jewelcase) (Audio CD)
Seltsam. Nun sitze ich da, dienstagmorgens und schreibe eine Rezension über ein Album, das den deutschen Hip Hop verändern soll. Dabei höre ich gar keinen Hip Hop und habe keine Ahnung, inwiefern es den Hip Hop in diesem Land verändern soll. Aber irgendwie komme ich nicht drum herum.

Casper mit XoXo - ein Album, das im Vorhinein dermaßen gehypt wurde, dass man gar nicht drum herum konnte, es sich anzuhören. Man wurde so neugierig gemacht und angefixt, dass man keine Chance hatte, dem ganzen keine Chance zu geben. Egal, welche Musik man vorher gehört hat.

Ich höre im Normalfall keinen Hip Hop. Ganz im Gegenteil, ich komme eigentlich aus dem Punk und orientiere mich eher in Richtung Hardcore. Trotz allem war die Medienpräsenz des Caspers in letzer Zeit dermaßen groß, dass ich, vor allem als Fan von deutscher Lyrik und guten, intelligenten deutschen Texten in der Musik es mir nicht verkneifen konnte, "XoXo" eine Chance zu geben. Auch wenn ich im Vorhinein von "Der Druck steigt/Blut sehen" nur mäßig angetan war, ist in der vergangenen Woche mit "So Perfekt" der Knoten bei mir geplatzt. Diese "Explosions in the sky" Beats über die er da rappt. Thees Uhlmann bezeichnet "Michael X" als das beste Lied das je geschrieben wurde und widmet dem Titeltrack vielleicht den besten Refrain, der je in einem Hip Hop Lied benutzt wurde, falls ich als Laie soweit gehen darf. Die VISIONS bezeichnet den guten Mann im Vorhinein schon als Rettung des deutschen Hip Hop. Mensch, da kann man doch nicht anders. Casper. Casper. Casper. Ich bin Fan.

Deutscher Hip Hop ist ja für den Unwissenden so ein Genre, das von vielen Vorurteilen geprägt und belastet ist. Da denkt man erst an prollige Sido und Bushido Verschnitte, die über Hurensöhne und Motherfucker, Mercedes und die Straße und Drogen und Gangbang rappen. Und dann kommt dieser Casper daher, mit einer Reibeisenstimme, die so manchen gestandenen Hardcore Sänger in die Knie zwingen dürfte und befreit einen von all den Klischees und lädt ein in die leicht deprimierende aber irgendwie aufbauende Welt von "XoXo".

XoXo ist eine persönliche Platte. Sie ist verletzlich und aggressiv. Sie provoziert und regt zum Nachdenken an. Sie lässt den Druck steigen. Und sie überzeugt - Hype hin oder her. Benjamin Griffey, "der Casper der rappt" mit Hardcore Background, holt auf XoXo aus zum Schlag auf Herz und Hirn. Dabei könnte XoXo ohne Weiteres peinlich wirken, wenn über die eigene Vergangenheit mit dem Vater, über den Selbstmord eines Freundes oder eine missglückte Affäre geschrieben wird. Das tut es aber nicht, da die Texte dermaßen clever und ansprechend verpackt werden, dass man sie sich alle auf den Rücken tätowieren und sie fortan mit erhobenem Haupt durch die Welt tragen sollte. Dazu diese Stimme, die nichts peinlich wirken lässt. Nach mehrfachen Durchhören kann ich dazu sagen, dass es auf XoXo keinen Track gibt, den man wirklich skippen möchte. Auch wenn ich von "Der Druckt steigt/Blut sehen" erst nicht so angetan war, aber vielleicht liegt es einfach daran, dass ich nun mal nicht aus dem Hip Hop komme. Mittlerweile freue ich mich über jedes Lied und wundere mich jedes Mal, wie schnell die Platte wieder durchgelaufen ist.

Die Platte ist dieser eine Aufschrei der "Generation Gott ist tot", die in 48 Minuten einfach alles auf den Punkt bringt, was uns derzeit beschäftigt. Sie ist zutiefst ehrlich und nie aufgesetzt. Casper gelingt damit ein Kunststück, das so natürlich daher kommt, dass es schon beinahe weh tut. Vielleicht haben das schon viele vor ihm versucht. Falls ja, dann ist es mir nie aufgefallen. Ich weiß nichts von Hip Hop, aber ich weiß nun, dass ich Casper kenne. Und ich glaube das reicht mir.

Auf XoXo wird Casper von seiner alten Hardcore Band "Not Now Not Ever" begleitet, die die einzelnen Songs mit Beats und Melodien versorgt, die für mich die perfekte Brücke zwischen Rock, Hardcore und Rap bzw. Hip Hop schlagen. Ich fühle mich vollends wohl und aufgehoben in dieser Musik. Verstanden und respektiert. Als hätte diese Platte ein Stück Wahrheit in ihrem Kern gespeichert, nach dem wir alle suchen. Egal wie deprimierend vieles auf den ersten Hördurchgang wirkt: Scheiße nochmal, das hier spendet Hoffnung.

Aber nicht nur musikalisch wird hier eine Brücke geschlagen. Casper schafft es mühelos, Kurt Cobain, Bon Scott, TuPac und Ian Curtis rein lyrisch in einen Einklang zu bringen. Tomtes Thees Uhlmann darf den mitreißenden Refrain des Titeltracks singen. Und nebenbei zitiert er wie selbstverständlich Bands wie Jawbreaker oder sogar die deutschen Turbostaat. In diesem Moment blende ich jegliche Deutschrap Klischees von Riesengliedern und Endgegnern aus und verneige mich vor dem Künstler Casper.

XoXo ist eine Abschiedsfloskel und steht für "Hugs and Kisses". Ich kenne Caspers vorherige Discographie nur flüchtig, aber das Album klingt, als sei es ein Abgesang an frühere Zeiten, an die Unbeschwertheit der Jugend. Ein letzter Blick nach hinten, um in der Zeit dazwischen nach vorn zu schauen. "Wir liegen lachend in den Trümmern und fühlen uns frei". Diese eine Zeile klingt, als würde man seine ganze Vergangenheit mit all ihren Sorgen zerschlagen, um sich kurz frei zu fühlen und dann nach vorn zu blicken. In eine neue Zeit, in der alles "So Perfekt" sein kann, wenn man es endlich einmal zulässt.

Casper schafft mit diesem Album für mich den Soundtrack einer Generation, die in der heutigen Zeit die Orientierung verliert. Es geht ums Kämpfen, ums Aufstehen; darum, nicht Umzufallen. Es geht um Rebellion, es geht um Depression und Hoffnung. "Depression war nie tragbar aber steht uns so gut". Ich bin 19 und kenne dieses Gefühl und bin mir sicher, dass ich damit nicht allein bin. Und wenn man all den Mist der Welt in sich hereinfrisst, dann hält man trotzdem kurz inne. Atmet kurz ein und schaut sich um in all den Trümmern, die man um sich herum sieht. Und dann wird es einem klar, auch wenn die Welt heutzutage noch so kalt wirkt: "Alles wird perfekt." Egal wie "kuntergraudunkelbunt" alles wirkt: "Wir liegen lachend in den Trümmern und fühlen uns frei."

Ich dachte 2011 sei das Jahr des Hardcores und des Punks. Bei Veröffentlichungen von Bands wie "Defeater", "Touché Amoré" oder "Atlas Losing Grip" muss ich als eingefleischter Fan passen. Casper kommt mit XoXo daher und hinterlässt einen Klang im Ohr und einen Geschmack im Mund, der dich eines Besseren belehrt. Wie bereits erwähnt, XoXo schlägt eine Brücke.

2011 sind wir keine Punks und Hardcore Kids mehr.
Wir sind keine Rapper, Gangster oder Raver.

2011 sind wir alle Casper Fans - und irgendwie mag ich den Gedanken.
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1-10 von 38 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 12.07.2011, 12:15:11 GMT+2
Toni meint:
Kann deine Rezession gut nachvollziehen. Aber als leidenschaftlicher Hip-Hop-Fan kann ich dir nur empfehlen man sowas wie F.R- Dafür lebe ich ;Kopf gg. Herz , Flucht zu dir u.v etc anzuhören. Kauf dir am besten mal sein Album " Wer bist du". Ist auch ähnlich persönlich. Nur ein bisschen mehr Rap und lyrisch ein Tick besser. Will dir damit nur sagen, dass Deutschrap auch viele andere gute Künstler hat, die es sich lohnt anzuhören!

Veröffentlicht am 12.07.2011, 15:37:42 GMT+2
Tim Dostert meint:
Ich war mit ein paar Kumpels auf dem Splash 2011 und da war einer dabei der eigentlich auch nur Rock, Punk, Metal usw. hört aber mit Casper, K.I.Z., Marteria und den Orsons auch Hip-Hop hört. Die sogrenannte "Newschool" im Hip-Hop ist eigentlich was für jedermann. Es werden verschiedene Geners vermischt und Lyrisch gesehen ist das auch ganz großes Kino. :-)

Veröffentlicht am 13.07.2011, 15:33:58 GMT+2
müsLee meint:
Hey... tolle Rezension die du da geschrieben hast. Ich komme auch eher aus dem Rock Genre und hör mir mal einfach so die Übertragung vom Splash an und Casper hats mir sofort mit dem Lied "Michael X" angetan. Es ist nich so dass ich nie Hip Hop höre oder ein Neuling auf dem Gebiet bin, aber XOXO gefällt mir richtig gut und deine Rezension trifft genau meine Meinung.

Veröffentlicht am 13.07.2011, 22:00:14 GMT+2
John meint:
Mit diesem Kommentar könntest du Geld verdienen...Perfekt !!!

Veröffentlicht am 14.07.2011, 01:25:19 GMT+2
nein danke meint:
super rezension! ich tue mich immer schwer mit diesem "rettung des deutschen hiphop" begriff, da menschen, die casper diesen "retter"-titel nachsagen meiner meinung nach wenig bis gar keine ahnung von der deutschen rapszene haben. freut mich, dass du dich hiervon ein wenig distanzierst :)

Veröffentlicht am 16.07.2011, 11:15:33 GMT+2
Joh! meint:
Dafür, dass du erst 19 bist, wirklich ein toller Beitrag. Bewirb dich mal bei laut.de und co ;-) Wirklich gut und trifft ins Schwarze.

Gruß und weiter so.

Veröffentlicht am 16.07.2011, 13:55:30 GMT+2
Jens Brehm meint:
Die Review ist schön geschrieben, allerdings ist dieses Album kein "Hip-Hop" mehr (wie du es bezeichnest).

Veröffentlicht am 18.07.2011, 23:34:46 GMT+2
marnzii meint:
Sehr sehr gute Rezension. Das hier bringt es auf den Punkt! Genau das sehe ich in dem Album und in Casper. Sehr perfekt alles. Super!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 19.07.2011, 01:26:26 GMT+2
Zuletzt vom Autor geändert am 19.07.2011, 01:26:49 GMT+2
ElFredo meint:
@ Jens Brehm:

Naja, wie gesagt. Ich bin kein Kenner der Materie.
Und bevor ich mich hier in irgendwelchen Schubladen ergötze, von denen ich keine Ahnung habe, ist es glaube ich einfacher, es einfach Hip-Hop zu nennen. Neulich habe ich den Begriff "Post-Hop" gelesen. Man könnte natürlich jetzt auch Begriffe wie "Indie-Rap" oder "Alternative Hip-Hop" raushauen. Aber ich glaube mit Hip-Hop kommt man nichtsdestotrotz auf einen gesunden Nenner!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 19.07.2011, 17:04:06 GMT+2
Timmsen meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]
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