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Kundenrezension

TOP 1000 REZENSENTam 1. Mai 2014
Im Januar und Februar 1981 ging Robert Spaemann beim Bayerischen Rundfunk auf Sendung, um moralische Grundbegriffe zu klären. In seinen eigenen Worten handelte es sich bei seinen acht Beiträgen um eine familiäre Unterredung im Sinne Platons, mithin also um Improvisationen unter Verwandten. Weil schon Platon erkannt hat, dass keiner mit "schulmäßigen Worten" sagen könne, was "gut" sei. In jedem Fall ist gut, dass Spaemann den Charakter dieser seiner Unterredung nicht verändert hat (siehe Vorwort). So dürfen die Leserinnen und Leser an der Unterredung teilhaben, sich lesend der Denk-Familie zugesellen.

Seit 1982, dem Erscheinungsjahr, hat das kleine, nur etwa hundert Seiten starke Büchlein, unzählige Auflagen erlebt. Zurecht. Denn es wirkt nach über 30 Jahren immer noch so unverbraucht und frisch, als ob es gestern erst geschrieben wäre. Damit unterscheidet es sich wohltuend von manch aktueller philosophisch sich gerierender Publikation zu moralischen Grundbegriffen, die so modisch daher kommt, dass sie außer Gähnen ab Seite 27 nicht viel Bleibendes auslöst.

Spaemann dagegen rührt an ethische Grundfragen so, dass er ihre Aktualität nicht krampfhaft beweisen muss. Familiäre Unterredung ist ja in gewissem Sinn zeitlos oder immer heutig. Das war es, was mir beim Lesen besonders gefallen hat. Ganz gleich, welche Konkretionen ich aus dem eigenen Leben oder aus den Gesprächen mit Freunden und Familie mit dem Gesagten verbunden habe, beinahe jedes Kapitel trug zur Klärung von Handeln, Entscheiden, sich Verhalten bei. Das Buch ist in der Tat grundlegend, um eigenes und fremdes Handeln zu reflektieren und zu hinterfragen.

Weil Spaemann einlädt, Konkretionen selber zu finden, und das ist eine Stärke, wenig ärgert mich mehr als Autoren, die ständig so konkret wie aufdringlich ein Beispiel ans andere pappen. Weil also Spaemann offen für eigene Konkretionen formuliert, sprachen mich die Kapitel auch unterschiedlich stark an. Das ist meiner individuellen Lebensphase geschuldet. Aber immer konnte ich jedes Kapitel mit Gewinn lesen.

Persönlich fand ich etwa Kapitel 8 stark, das das seltene Thema Gelassenheit angesichts des Schicksals, also der Macht der Wirklichkeit, diskutiert. Gerade der notorisch autonome Mensch des 21. Jahrhunderts mag sich selten eingestehen, wie viel in seinem Leben Schicksal ist, wie sehr seine Autonomie letztlich eingeschränkt ist durch Wirklichkeit. Und umgekehrt, wie wenig gestehen sich viele ein, dass ihr eigenes Handeln Wirklichkeit setzt, die ihnen zugerechnet wird und fortan als Schicksal an ihrer Identität klebt - zu gern ist ja ein menschlicher Impuls, andern die Schuld fürs eigene So-Sein zu geben, seien es Eltern oder Lehrer, der Chef oder Kollegen usw. Oder es wird nicht bedacht, dass das eigene Handeln nachhaltige Folgen für sich und andere hat, die man nicht mehr so einfach abschütteln kann. Spannende Fragen, spannende Anregungen, eigene Antworten zu suchen. Und dabei gelassen zu bleiben.

Wenig Neues sagte mir etwa das Kapitel "Gerechtigkeit - oder: Ich und die anderen", wiewohl fundierte Differenzierungen getroffen werden, die nützlich und anregend sind. Und die auch aufmerksam machen auf den oft oberflächlichen Gebrauch von Wörtern wie "gerecht" und "ungerecht" - und natürlich "gut" und "böse". Denn wie ein roter Faden entwickelt und entfaltet sich das Gespräch über moralische Grundbegriffe aus dem ersten Kapitel "Philosophische Ethik - oder: Sind Gut und Böse relativ?" heraus. Immer feiner verästeln sich die Gedanken aus dem ethischen Basis-Paar Gut und Böse zu einem philosophisch-ethischen Baum, immer differenzierter wird Ethik in den Blick genommen und es entwickelt sich ein Gesamtbild, immer klarer schält sich heraus, was menschliches Verhalten und Nicht-Verhalten bedeutet, was ihm Sinn gibt und wie Entscheidungen verantwortungsvoll getroffen werden.

In der Tat grundlegend sind die weiteren Begriffe von Erziehung (Lustprinzip oder Realitätsprinzip), Bildung (Eigeninteresse und Wertgefühl), Gesinnung und Verantwortung ("Heiligt der Zweck die Mittel?"), Gewissen (der Einzelne und sein Gegenüber) über das Unbedingte bis eben hin zu der Gelassenheit angesichts des Schicksals, also der Macht der Wirklichkeit. Am familiären Gespräch über diese Begriffe beteiligen sich Aristoteles, Platon, Epikur (überraschend positiv bewertet), Ludwig Wittgenstein, Spinoza, Max Weber, Hegel und viele, viele andere.

Und ich fand das Gespräch teilweise sogar richtig spannend! So müsste Philosophie immer sein - zumindest ab und zu.
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