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Kundenrezension

am 2. November 2012
Viele Kulturschaffende werden erst lange nach ihrem Tod berümt - der Filmemacher Volker Schlöndorff wurde bereits zu Lebzeiten zur Legende. Mit seinen genialen Literaturverfilmungen gelang ihm immer wieder der Beweis, dass anspruchsvolle Stoffe in durchaus spannenden und unterhaltsamen Filmen präsentiert werden können. Wer hätte gedacht, dass ein problematischer Stoff wie Bölls "Katharina Blum" zu einem Publikumserfolg führen könnte? Die Grass-Verfilmung "Blechtrommel" erhielt sogar einen Oscar - der erste Oskar seit 53 Jahren, der nach Deutschland ging.

Allerdings hat er die Zivilcourage besessen, die junge deutsche "Demokratur" und vor allem die Massenmedien in seinen Werken zu kritisieren. Schon eine Verfilmung des Nobelpreisträgers Böll stempelte ihn bei den unerträglichsten Mitgliedern unserer Gesellschaft zum "Sympathisanten". Seitdem machen sich übereifrige Gesinnungswächter einen Sport daraus, auf Schlöndorff - oder auf seine Produktionen - einzudreschen. Bei Homo Faber kam noch dazu, dass es immer noch von vielen nicht ertragen wird, wenn ein größerer Altersunterschied zwischen Partnern besteht. Es kann gar nicht intolerant und peinlich genug sein, was die gleichgeschalteten Leitmedien von SPIEGEL bis BILD manchmal von sich geben. Aber Qualität setzt sich durch: "Homo Faber" wurde von 1,4 Millionen Zuschauern besucht - ein beachtliches Ergebnis für einen so anspruchsvollen Stoff.

Denn Schlöndorffs 1991er Verfilmung wurde eines der schönsten und wichtigsten Kunstwerke ist, die man je auf die Leinwand geworfen hat. Eine große Erzählung, vorzügliche Schauspieler und vor allem in HD auch ein traumhaftes Augenkino. Dazu entstand der Film in enger, freundschaftlicher Zusammenarbeit mit Max Frisch, was dem Werk eine große Authentizität verleiht. Frisch liebte den Film - er hatte gegenüber Schlöndorff die Vorteile des Films gegenüber der Literatur gerühmt [2]. Wenige Tage nach Fertigstellung des Films starb Max Frisch [1].

Wer zu den Glücklichen gehört, die weder das Buch noch den Inhalt des Films kennen, sollte hier aufhören zu lesen. Denn die Geschichte Fabers bietet Überraschungen und Wendungen, die manchen Thriller vor Neid erblassen lassen würden. Wer sich "Homo Faber" an einem ruhigen Abend völlig spontan und unvoreingenommen gönnt, wird sicher nicht enttäuscht werden.

INHALT & WÜRDIGUNG (ENTHÄLT HINWEISE AUF WESENTLICHE TEILE DER HANDLUNG)

In der Hauptfigur des Ingenieurs Walter Faber finden wir jede Menge Max Frisch wieder. Walter (Sam Shepard, 48), der - geniales Casting - einem jungen, schlanken Frisch durchaus ähnlich sähe, ist Ingenieur - Frisch war bekanntlich Architekt. In der natürlich auch von Frisch erlebten und erlittenen, ebenso tragischen wie alltäglichen Situation, dass ein junger Mann unmittelbar nach Abschluss des Studium noch keine Familie gründen möchte, die Geliebte ihn aber mit einem Kinderwunsch oder sogar mit einer Schwangerschaft konfrontiert, gab es keinen Kompromiss: Die geliebte und liebende Hannah (Barbara Sukowa, 41) zieht sich zu dem Arzt Joachim Hencke (August Zirner) zurück, der ihr verfallen ist und ihr "helfen" will. Walter fliegt zu einem Staudammprojekt in die Ferne in dem Glauben, das Kind sei abgetrieben worden.

Walters Verpflichtungen führen ihn rastlos um die Welt. Aber er kann dem Verlustschmerz nicht entfliehen. Seine - wie bei Max Frisch selbst - zahlreichen Beziehungen bleiben oberflächlich, oft hat er nach wenigen Tagen die Nase voll von den Frauen.

Nun verflicht Max Frisch mit dem persönlichen Erleben Walters in genialer Weise die Konfrontation Walters mit überraschenden Ereignissen - Ereignisse, deren Wahrscheinlichkeit dermaßen verschwindend gering ist, dass ausgerechnet Walter beginnt, an Schicksal zu glauben. Denn Walter trifft "am Ende der Welt" zufällig Herbert Hencke, den Bruder Joachims. Zusammen spüren sie Joachim irgendwo im Urwald von Guatemala auf - doch der hatte sich gerade das Leben genommen.

Auf einer Schiffsreise von New York nach Europa begegnet Walter der zwei Jahrzehnte jüngeren Elisabeth (Julie Delpy, 22), an der er Ähnlichkeiten zu Hannah zu erkennen glaubt. Er nennt sie - mit biblischem Anklang - Sabeth. Am letzten Tag der Reise macht er ihr spontan einen Heiratsantrag. Einen Antrag, der - anders als seinerzeit bei Hannah - aus tiefstem Herzen kommt, obwohl hier ebenso die Vernunft dagegen spricht. So trennt er sich in Paris auch zunächst von Sabeth, schließlich folgt er aber doch seinem Gefühl und begleitet sie bei einer Italienreise. Ihre leidenschaftliche Liebe ist stärker als die Bedenken wegen des Altersunterschiedes. Zum ersten Mal seit Hannah liebt Walter wieder eine Frau.

Als Frisch den "Homo Faber" entwickelte, war er Anfang/Mitte 40. Heute würde man sagen, im besten Alter für die ebenso tragische wie normale Midlife-Crisis. Mit der Geschichte Fabers verarbeitete er seine eigenen Erlebnisse während umfangreicher Reisen durch Italien, einer Schiffsreise über den Atlantik sowie Reisen nach Amerika, Mexik, Kuba und Griechenland auf. Als hätte Frisch mit dem 1957 veröffentlichten "Homo Faber" seine eigene Zukunft sehen können, begann für ihn 1962 eine lange Beziehung mit der 28 Jahre jüngeren Marianne Oellers.

In früheren Zeiten bekam man häufiger als heute als älterer Partner gerne die Nettigkeit "sie könnte seine Tochter sein" zu hören. Es liegt seit 2000 Jahren nahe, diesen Gedanken zu dramatisieren. Welch ein Trauma muss es sein, zu erfahren, dass der geliebte Mann der eigene Vater ist, die geliebte Frau die eigene Tochter! Liebe kann man nicht abschalten, weil das Schicksal ein Spielchen mit einem getrieben hat. Auch Faber und Sabeth lieben sich weiter. Aber wie weiterleben, weiter lieben? In unserem Kulturkreis sind inzestuöse Beziehungen zwar relativ häufig, aber auch extrem tabuisiert.

Frisch hat die innewohnende Tragik in "Homo Faber" auf die Spitze getrieben, indem er Mutter, Tochter und Faber zusammenführte - um den Konflikt im Geiste der klassischen Tragödie aufzulösen. Die Gespräche zwischen Hannah und Walter, während Sabeth in der Klinik um ihr Leben kämpft, bilden ohne Zweifel einen Höhepunkt des dramatischen Films und beweisen große schauspielerische Fähigkeiten.

Auf das aus Sicht der eigenen Biografie geradezu prophetische Nachspiel des Romans, welches den Lebensbogens Fabers abschließt, hat Schlöndorff im Film verzichtet. Er nimmt zum Ende die Rahmenhandlung wieder auf, Hannah verabschiedet ihn mit einer letzten Umarmung, die ihre gemeinsame Geschichte abschließt.

"Ich sitze in der Abflughalle. Ich möchte nicht da sein, nirgends sein. Ich halte nichts von Selbstmord. Das ändert ja nichts daran, dass man auf der Welt gewesen ist. Und was ich wünschte: nie gewesen zu sein. Ich habe nichts mehr zu sehen. Ihre zwei Hände, die es nirgends mehr gibt. Ihre Bewegung, wenn sie das Haar in den Nacken wirft. Ihre Zähne. Ihre Lippen. Ihre Augen, die nichts mehr sehen. Wo soll ich sie suchen?"

TECHNIK & KONFEKTION

Im Original 117 Minuten, Format 1,85:1 auf 35 mm Film, Dolby (IMDB)

Der Film läuft 113 Minuten, Tonspuren in Deutsch und Englisch (Dolby) - wer "Homo Faber" VOR dem Directors-Cut durch Schlöndorff sehen möchte, hat hier nochmal die Gelegenheit

film-jury 5* A1075 © 2.11.2012eg Genre: Drama

[1] Max Frisch starb am 4. April 1991 an Krebs, kurz vor seinem 80sten Geburtstag.

[2] "Schauen Sie sich eine große Aufnahme von Julie Delpy an, zehn Sekunden. Wie viele Seiten müsste ich schreiben, um wiederzugeben, was das Gesicht in dem Moment ausdrückt und was man als Zuschauer empfindet!" Aus: "Begegnungen", Gero von Boehm (S. 647).
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