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Kundenrezension

30 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein inhaltlich mitreißendes und literarisch anspruchsvolles Meisterwerk, 31. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Fegefeuer: Roman (Gebundene Ausgabe)
Es wird gerne vergessen, dass all diejenigen, die in den Siebziger Jahren im Westen von einer friedlichen Koexistenz der marktwirtschaftlichen und kommunistischen Systeme träumten, keinen Gedanken an die unterdrückten Völker im sowjetischen Imperium verschwendeten: die Letten, die Litauer, die Ukrainer, Moldawier, von den Satellitenstaaten Osteuropas ganz zu schweigen - alles Schnee von gestern, der im Orkus der Nationalgeschichte verschwinden sollte.
Erst jetzt, nach dem Untergang des Kommunismus offenbaren sich die ökonomischen, sozialen und moralischen Verwüstungen, die der Kommunismus in seinem Jahrhundert angerichtet hat, in voller Härte. Jedes Volk, das aus sich aus dem russischen Völkerkerker emanzipierte, hat nun seine eigene Leidensgeschichte zu erzählen, millionenfach gebrochen in all den Einzelschicksalen, die der linke Totalitarismus während seiner Herrschaftszeit vernichtete - so auch das kleine Volk der Esten, dessen Schicksal in dem vorliegenden Meisterwerk der jungen estnischen Autorin Sofie Oksanen eine literarische Stimme findet, über die man nur staunen kann.
Von den Dreißiger Jahren bis an das Ende des 20. Jahrhunderts erzählt der Roman von dem Lebenslauf der Aliide Truu und ihrer Familie, der schönen Schwester Ingel und ihres Ehemannes Hans Eeriksohn Pekk, nach dem sich auch Aliide in geheimer Liebe verzehrt. Nach der Okkupation Estlands durch die Russen werden Ingel und ihre Tochter Linda nach Wladiwostok deportiert, während Ingels Ehemann Hans jahrelang von seiner Schwägerin Aliide in der Scheune ihres Bauernhofes versteckt wird. Vierzig Jahre nach diesen Ereignissen steht plötzlich Ingels Enkelin Zara als Flüchtling vor russischen Zuhältern vor der Türe ihrer Großtante Aliide, die zunächst gar nicht weiß, wen sie vor sich hat. In zahlreichen Rückblenden, Schnitten, Gesprächen und Erinnerungen entfalten sich nun die Verbindungslinien beider Generationen, bis die Handlung am Ende in einem furiosen Finale kulminiert. Dieses Finale soll und darf an dieser Stelle natürlich nicht vorweggenommen werden - nur so viel sei verraten: Zara entkommt ihren Zuhältern, und Aliide, die vermeintliche Heldin des Buches, erscheint am Ende dann plötzlich in einem ganz anderen Licht.
Aber es ist nicht nur eine packende und kunstvoll verschachtelte Familiengeschichte, die die junge Autorin mit erstaunlicher Souveränität erzählt - gleichsam nebenbei entfaltet sich auch das Drama Estlands, das nach der russischen Okkupation 1940 und 1944 um seine Exstenz fürchten muss. Halunken, Denunzianten, Folterknechte und Mörder prägen die Leidensgeschichte des estnischen Volkes, wobei die Verhältnisse nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems nur scheinbar besser werden, denn die Halunken, Denunzianten Folterknechte und Mörder sind ja keineswegs verschwunden, sondern sie haben unter dem bequemen Schirm der neuen Freiheit nur vom politischen Fach in den Bereich der organisierten Kriminalität übergewechselt. Was aus diesem Bereich über Mädchenhandel und Zwangsprostitution berichtet wird, gehört für mich zu dem Drastischsten, was es darüber zu lesen gibt.
So schroff und karg wie die Geschichte, die die Autorin erzählt, ist auch ihre Sprache. Sie vermeidet Zuckerguss und Endlossätze sondern passt sich in ihrer puristischen Kantigkeit dem Charakter der Figuren an: manchmal hat man geradezu das Gefühl, dass die Sätze, die die Autorin schreibt, genauso knarzen wie die Dielen, über die die alte Aliide läuft. Mit dieser Sprache erzählt Oksanen ihre Geschichte wie ein Beleuchtungskünstler, der in kurzen Schnitten einen großen, unbekannten Raum in kurzen flashs so ausleuchtet, dass sich erst am Ende eine Gesamtansicht ergibt, die der Leser in dieser Form ganz bestimmt nicht erwarten konnte.
Alles in allem ein ergreifendes Werk, das den Leser in einer ganz besonderen Weise ergreift. Ich jedenfalls habe über die Figuren des Buches und ihr weiteres Schicksal noch lange nachdenken müssen. Das ist mir lange nicht mehr passiert.
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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 20.05.2011 14:16:52 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 20.05.2011 14:18:31 GMT+02:00
Haben Sie vielen Dank für ihre anspruchsvollen Rezensionen anspruchsvoller Bücher!

Nur eine kleine Bitte: Im Unterschiede zu den allerersten Rezensionen bemühen Sie sich ja schon seit einiger Zeit darum, Ihre Ausführungen durch Absätze zu gliedern. Trotzdem bleibt das Problem: Die Texte erscheinen auf einem Bildschirm, nicht auf einer Papierseite. Damit sind sie ceteris paribus rein visuell schwerer aufzufassen.

Daher wäre zu erwägen, ob Sie evtl. noch etwas kürzere Absätze schreiben (die vorliegende Rezension geht schon sehr weit in die richtige Richtung) und zwischen diese jeweils eine Leerzeile einfügen könnten. Es muss ja nicht so knapp werden wie bei diesem meinem Eintrag hier. Ich bin auch der Meinung, dass man zusammenhänge Gedanken nicht durch zu viele Absätze zerreissen sollte. Aber durch etwas mehr sichtbare Gliederung würde die Lesbarkeit zunehmen.

Veröffentlicht am 06.10.2014 10:49:49 GMT+02:00
Pitti meint:
Sehr geehrter Rheinischer Lesekreis,
Ihre Gedanken sind so genial eindimensional. Die schaffen es natürlich besser, nahezu 70 Jahre zu überwintern. Ihre "freien Völker" können nun völlig selbstbestimmt (wäre hier nicht die finanzielle Abhängigkeit von Sponsoren) ihre ehemaligen Straßenbahnfahrer und Fabrikarbeiter klein machen (vor allem, wenn sie nicht die Sprache des Landesnamen sprechen).

Wahnsinnig reflektiert und natürlich auch so ergreifend geschrieben, dass ich völlig ergriffen war.

Frage, Haben Sie schon mal von Bertolt Brecht gehört?
Der hat in seinem Theater annonciert: Glotzt nicht so romantisch!
Warum wohl

Eine nimmermüde Xombiene
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Ort: Köln, Düsseldorf, Neuss, Hilden, Kaarst

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