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Kundenrezension

am 30. März 2014
Ein Romanautor, der auf sich hält, erzählt nicht einfach eine verwickelte Geschichte. Ohne sie ordentlich zu verwickeln, kann man sich heute nicht auf den Markt trauen – geschweige denn ins Reich der ernsten Literatur. Dass mit mehreren Perspektiven und Zeitebenen gearbeitet wird, wird schon Schülern eingebläut. Sie sollen komplexe Strukturen entschlüsseln und als Qualitätskriterien goutieren lernen.
Da hat Peller nicht nur sein Handwerkszeug gelernt, er weiß es auch sinnvoll einzusetzen. So reißt er die Zeitebenen nicht bloß willkürlich auseinander. Es lässt sich sehr wohl ein System erkennen. Die "alte" Geschichte (17. Jahrhundert) des Geigenbauers Jakob Stainer und die aktuelle des Journalisten Rudi Maier stehen im engen inhaltlichen Bezug. Die Entschlüsselung von Stainers Leben und die Enthüllung der "Machinger"schaften des modernen Instrumentenhandels, laufen nicht nur nebeneinander her, sie sind beständig aufeinander bezogen. Die Unterbrechungen dienen nicht – wie so oft – nur billiger und lästiger Spannungserhöhung. Sie sind so gesetzt, dass die Ebenen sich gegenseitig erhellen. Läppische Irreführungen des Lesers spart sich der Autor konsequent. Während die Investigationsgeschichte streng chronologisch vorgeht, ist die historische Ebene durch Vorgriffe und Rückblenden gekennzeichnet. Das ist nur auf den ersten Blick Willkür: Sowohl die Geschichtsschreibung über Stainer wie auch die Figur Stainer selbst sind sich ihrer Sache nicht sicher. Zum einen gibt es nationalhistorisch gefärbte Legenden und eine unklare Quellenlage. Zum andern verliert der geniale Stainer ja ob der ihm nicht gerade freundlich gesonnenen Zeitläufte laufend seine Selbstbeherrschung und wohl auch zunehmend seinen Verstand, wobei nicht sicher ist, ob er die Welt oder sie ihn nicht versteht. Gerade in den Schlusspassagen, in der seine Fixierung auf Vollkommenheit und Einzigartigkeit zunimmt, springt auch die Erzählung recht wahnsinnig hin und her.
Im Wesentlichen konzentriert sich der Autor auf die Perspektive des Geigenbauers und des Enthüllungsjournalisten. Deren Bewusstseinsströme erlauben Einblick in ihre kritische Stellung zur Welt, ohne sie damit in ihr zu kompromittieren. Bei Stainer geht's dabei um Kopf und Kragen, bei Rudi Meier um recht billige Rache an der Entscheidung seines Arbeitgebers, ihn künftig deutlich billiger für sich zu nutzen: Er will sich damit durch einen Griff in die Spesenkasse entschädigen. Diese beiden Perspektiven werden meist konsequent durchgehalten. Nur selten bekommt man auch den einen oder anderen heimlichen Fetzen anderer Figuren zu lesen.
Ganz offensichtlich ist Leonie Hull als Wiedergängerin Stainers konzipiert: Beide bauen Spitzengeigen, ziehen das Bein nach und stehen im Verdacht mit dem Teufel zu paktieren (womit wir uns in der seligen deutschen Faust-Tradition wiederfinden). In Stainers Zeit kennt Peller sich offenbar dank seiner Recherchen recht gut aus. Was die jüngere vergangenheit betrifft, hat ihm jedoch seine Erinnerung einen Streich gespielt – trotz seiner Menschenkunde als Münchner Taxifahrer: der Chinesische Turm im Englischen Garten heißt nicht "Englischer Turm".
Eine lässliche Sünde angesichts einer insgesamt vergnüglichen und spannenden Lektüre!
Toni Spöttl
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