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Kundenrezension

27 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schwächen in der eigentlichen Kriegsdarstellung, 20. Dezember 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Krimkrieg: Der letzte Kreuzzug (Gebundene Ausgabe)
Ich ziehe vom Urteil meiner vor-Rezensenten einen Stern ab, da ich ihr Urteil in einem wichtigen Punkt nicht teile: Die Darstellung der eigentlichen Kriegshandlungen mißrät dem Autor völlig, da er die wichtigste Infanterie-Waffe - das sogenannte Minie-Gewehr, dem er selbst eine wichtige schlachten-entscheidende Rolle gibt - in seiner Wirkung auf dem Schlachtfeld völlig falsch einschätzt.

Hintergrund:
Das Miniegewehr war kurz vor dem Krimkrieg eingeführt worden und brachte den französischen und britischen Truppen Reichweiten- und Treffsicherheitsvorteile. Dieses neue Gewehr basierte auf dem Prinzip, dass eine Kugel mit Hohlraum am Ende sich beim Schuß durch die Gase leicht ausdehnt, dadurch in einem gezogenen Gewehrlauf den Drall mitnimmt und sich durch diesen Drall quasi in einer stabilisierten Bahn durch die Luft "schraubt".

Warum ist das so wichtig:
Dadurch stieg die Reichweite bei der ein guter Schütze noch gezielt treffen konnte von ca. 70m auf ca. 200m mit dramatischen Folgen für das Geschehen auf dem Feld. Erstmals wurden lockere Formationen mit gezielt schiessenden Soldaten möglich.
Da vorher mit Musketen gar kein wirklich gezieltes Schiessen möglich war - manche Musketen hatten nicht einmal Kimme und Korn weil es wegen der Unzuverlässigkeit der Waffe eh überflüssig war - war es nötig, in strenger Disziplin Massenfeuer auf den Gegner zu richten (daher die in Filmen über Kriege vor 1850 oft zu sehenden geschlossenen Formationen der Soldaten, die in Reih und Glied marschieren und auf Kommando eine Salve feuern)

Was macht Figes nun so falsch:
Er nimmt die theoretische Reichweite der Kugel (900 Meter für die Lee-Enfield (die britische Version eines Gewehres mit Minie-prinzip), 1200 Schritt laut Zeitzeuge General Totleben) und verlagert diese auf das Geschehen auf dem Schlachtfeld.
Er erwähnt zwar, dass die Russen noch nach alter Weise (geschlossene Formation) kämpften - versteht aber nicht warum sie das mußten. Einmal kritisiert er sogar die Russen für ihr altmodisches Vorgehen nach Exerzier-Reglement. Er weiß also um die entscheidenden Vorgänge, legt sie aber falsch oder gar nicht aus.
Und damit werden alle seine Darstellungen teilweise grotesk falsch - was man ihm leider vorwerfen muß, denn er hätte dies durch Befragung eines einzigen Fachmannes herausfinden können (oder durch so erstklassige Bücher wie James McPersons "Battle Cry of Freedom" über den eine Dekade später stattfindenden US-Bürgerkrieg)

Beispiele:
Er schildert die schottischen Highländer in ihrer legendären "thin red line" Formation mit einem Salven-Feuer auf 1000 Schritt entfernte Kosaken. Es mag sein, dass seine Quellle recht hat und wirklich eine erste Salve aus dieser Entfernung abgegeben wurde, aber es wäre seine Aufgabe gewesen zu fragen warum! (Der Vergleich sei zur Veranschaulichung gestattet: Das ist so, als ob jemand ein Fussballspiel schildert und behauptet die Freistöße gingen aus 170 m Entfernung ins Tor oder der Elfmeter sei eigentlich ein 55-meter.)

2. Beispiel:
Die Zuaven waren Meister der sogenannten Plänklertaktik (aufgelöste Formation, gezieltes Schiessen aus weiterer Entfernung). Figes schildert, dass sie, um den Gegner zu erschrecken, im Laufen in die Luft feuerten! Wodurch sie sich quasi selbst entwaffnet hätten, denn da das Miniegewehr ein Vorderlader war, brauchte man 30 sek. zum Nachladen.

3. Beispiel:
Er behauptet quasi Musketen-Schnellfeuer und vergleicht es bei einer Gelegenheit mit Maschinengewehren. Theoretisch ist das in seltenen Fällen und entsprechender Staffelung der Schützen an einem Hang möglich, aber wahrscheinlich ist es unter den von ihm erzählten Umständen nicht.

4. Beispiel:
Er schildert die hohen Verluste an russischen Offizieren in einer Artilleriestellung, aber nicht, wodurch diese möglich waren. McPherson (um zu zeigen wie ein sachkundiger Autor hier Schlußfolgerungen zieht) versteht grundsätzlich, was dieses neue Gewehr auf dem Schlachtfeld bedeutet und rechnet sogar aus, dass die Verlustrate im US-Bürgerkrieg nach Rang verlief: Die höchste prozentuale Verlustrate hatten die Generäle, die niedrigste die einfachen Soldaten, da durch das gezielte Schiessen es erstmals möglich war, Offiziere zu Pferd mit ihrer auffälligen Uniform gezielt auszuschalten.

Solches Verständnis fehlt Figes meines Erachtens völlig. Er schildert pittoresk, teilweise auf Zeitzeugen gestützt, die Grausamkeit des Krieges, aber er versteht grundsätzlich nicht, wer wen auf welche Entfernung mit welcher Taktik bekämpft und er versteht auch die Zeitzeugen in ihren Kommentaren dazu nicht.
Für ihn erschöpft sich die Analyse des auch von ihm als überlegen erkannten Miniegewehres darauf, dass es schlachtentscheidend ist, weil es 1000 m weit schiesst. Was völliger Unsinn ist. Selbst moderne Sniper/Scharfschützen mit modernsten Gewehren schiessen unter Gefechtsbedingungen selten über 1000 m, zielen dabei aber durch ein Zielfernrohr und berechnen Wind etc. ein, um einen gezielten Schuss auf einen feindlichen Befehlshaber oder wichtigen Spezialisten zu setzen.
Man fragt sich also bei seinen Schlachtenschilderungen, die naturgemäßig einen weiten und wichtigen Teil des Buches ausmachen, ständig: wenn's so nicht gewesen sein kann, wie war es wirklich?
Außerdem geht ihm gar nicht auf, was diese Waffentechnik sozialgeschichtlich bedeutet: Weil der Offizier nicht nicht mehr wie der adlige Ritter seinen Mannen voranreiten konnte, sondern sich genauso in den Dreck hinhauen mußte, um in Deckung zu gehen, wie der gemeine Soldat, war auch seine sozial bevorzugte Rolle nicht mehr haltbar.
An anderer Stelle hat Figes interessante Passagen über die sozialen Auswirkungen des Krieges auf britischen Adel, Mittelstand und gemeine Soldaten, ebenso beleuchtet er die Rolle von Tolstois Schilderung des unglaublichen Patriotismus der russischen Leibeigenen auf soziale Reformen in Russland - das hätte er wunderschön logisch mit den Veränderungen auf dem Schlachtfeld untermauern können - wenn er denn verstanden hätte, was dort Umwälzendes geschah.
Es geht eben beim Miniegewehr nicht um technische Einzelheiten einer Waffe - sondern darum, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit die Waffentechnik es erlaubte, den vor der Truppe hermarschierenden Helden/Offizier relativ feige aus der Deckung heraus als einfacher Soldat einfach "abzuknallen".
Letztlich verlor dadurch der Adel seine Vorzugstellung als Ritter der Krone, er war auf dem Schlachtfeld nicht mehr der Held oder das weithin sichtbare, leuchtende Vorbild auf das es entscheidend ankam.
Helden waren jetzt die einfachen Soldaten, die gezieltes mörderisches Feuer ertrugen und trotzdem bei der Fahne blieben und Angriffe durchführten - auch ohne oder mit sehr schlechter Leitung der oft betrunkenen Offiziere.

Für einen Historiker ist sein nicht-Erkennen der Zusammenhänge hier nicht akzeptabel - einem historischen Romanschreiber würde man schon mangelnde historische Genauigkeit bei der Schilderung des Einsatzes dieser neuen Waffe ankreiden.

Warum man das Buch trozdem kaufen kann: Es stellt einen in Deutschland recht unbekannten weltgeschichtlichen Krieg dar, der die Balkankrisen und damit den ersten Weltkrieg mit bedingt hat. Er erzählt Hochinteressantes über das religiöse Sendungsbewußtsein des Zarenreiches bzgl Konstantinopel und Jerusalem und die entsprechenden Zusammenhänge zum "Great game" zwischen Britisch-Indien und Russland.
Die sozialen Umwälzungen nach dem Krieg gelingen ihm recht gut (aber er vergibt eben die Chance einer weiteren Erklärung durch die neue kriegerische Taktik selbst)
Irgendwie fragt man sich, wie genau und glaubwürdig ist das alles - oder stecken weitere Fehler im Detail und bei der Erkenntnis der politischen und strategischen Zusammenhänge?
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1-8 von 8 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 27.01.2012 14:52:34 GMT+01:00
Michael Ebert meint:
Danke für diesen wichtigen Sichtpunkt.
Zur Religion: Moskau ist das dritte Rom. Das zweite Rom, Konstantinopel zu befreien war die "Aufgabe".
Jerusalem spielt dabei (soweit ich informiert bin) nicht eine so entscheidende Rolle.
Im Balkankrieg von 1877 standen die zaristischen Truppen vor Konstantinopel und wieder verhinderten die Mächte
Großbritannien und Frankreich die "Rückeroberung" der Stadt "für die Christenheit". Den Briten ging es immer darum,
Russland an einer weiteren Expansion zu hindern. Religiöse Argumente spielten letztendlich die gleiche Rolle wie im
Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648. Diese Ansicht der Geschehnisse kam mir in Bulgarien, das von den Russen
befreit wurde, zu Ohren. Dank dafür - ein Funke Wahrheit wird wohl enthalten sein.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 30.01.2012 00:19:51 GMT+01:00
Baratarkil meint:
Das Buch begründet sehr gut, dass Russland sich als Schutzherr der Heiligen Stätten in Jerusalem sah und das - was ich auch sehr erstaunlich fand - russisch orthodoxe Pilger einen großen Teil der Pilger nach Jerusalem zu jener Zeit ausmachten.
Ich meine, es gab sogar dieses Weihnachten wieder Berichte über Auseinandersetzungen zwischen orthodoxen und katholischen Christen in der Geburtskirche

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 30.01.2012 13:50:20 GMT+01:00
Michael Ebert meint:
Da werde ich wohl nicht umhinkommen dieses Buch zu lesen!
Nochmals danke.....

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 28.03.2012 18:53:23 GMT+02:00
Ramones 16 meint:
Herzlichen Dank für diese höchst informative und detaillierte Rezension. Bin begeistert. Und habe noch einiges gelernt! Ich gab in meiner Rezension 3 Punkte, teile ihre Meinung vollkommen, bin aber anscheinend eine Spur strenger....

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 30.03.2012 21:50:32 GMT+02:00
Baratarkil meint:
Freue mich sehr über diese positive Kritik - als Tipp für Sie, wenn sie an militärgeschichtlichen Büchern Interesse haben:
James McPherson - The Battle Cry of Freedom in Deutsch: Für die Freiheit sterben.
Für viele Historiker die beste einbändige Darstellung des amerikanischen Bürgerkrieges überhaupt: McPherson baut aus den soziodemographischen Entwicklungen der USA ab 1850 den Erklärungsbogen für Ausbruch, Verlauf und Ausgang des Krieges. Dabei gelingt es ihm die Wechselwirkungen zwischen Schlachtenverlauf (den er wie gesagt gut erklärt) öffentlicher Meinung, Politik und Wahlkampf herausragend gut zu vermitteln. Ich kenne kein deutsches Werk, das es mit diesem sehr erzählerischen und doch wissenschaftlichen Stil aufnehmen kann - empfehle daher auch unbedingt die englische Original-Version - die deutsche Übersetzung ist bei diesem Meisterwerk besonders enttäuschend.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.05.2012 22:59:01 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 22.05.2012 14:46:32 GMT+02:00
Ramones 16 meint:
Hallo Baratarkil, habe jetzt erst ihre Antwort gesehen, erstmal vielen Dank dafür. Tja, wir scheinen tatsächlich auf einer ähnlichen Linie zu sein - habe ich natürlich schon längst gelesen und war total begeistert. Ich fand, man kann es kaum besser machen, eines der informativsten und dabei kurzweiligsten Werke, die ich seit längerem gelesen habe. Ihren Rat, auch noch das englischsprachige Original zu lesen, werde ich beherzigen. Ich darf ihnen auch etwas empfehlen, "Gallipoli" von Klaus Wolf, wenn es sie interessiert, möchten sie vielleicht meine Rezension dazu lesen. Mit den allerbesten Grüssen!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 27.07.2012 07:08:17 GMT+02:00
Nappy meint:
Hundertprozent Ihrer Meinung. McPherson ist ein "Muss"

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 21.04.2013 21:04:06 GMT+02:00
Krokodil meint:
Meiner Meinung nach auch ein sehr gutes Werk, dass man leider heute nur noch neu in einer leider etwas billigen, schlecht riechenden Ausgabe kaufen kann.

Vielleicht, dass hoffe ich sehr, gibt es bald einen Autor, der sich auf dem neuesten Stand der Wissenschaft sich des Themas so gut wie McPherson annimmt. Immerhin ist McPhersons Werk ja auch schon 25 Jahre alt.
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