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Kundenrezension

am 27. März 2014
Hier liegt das Debütalbum von Heisskalt vor mir, „Vom Stehen und Fallen“. Es geht nach Durchhören dieser Platte so unglaublich viel in mir vor. Die Gedanken und Emotionen überschlagen sich. Wie „einzig und allein“ Musik so etwas in einer Person auslösen kann? Das wäre abnormal?
Ich weiß nicht, ob es abnormal ist. Ich weiß nur, dass ich diese Platte nie wieder hergeben möchte und versuche, nur ansatzweise zu beschreiben, woran das liegt. Seht es mir nach, wenn das vielleicht etwas holprig wird, wenn ich hier und da so die Stimmung einfach nicht übertragen bekomme, aber mit so etwas hätte selbst ich nicht gerechnet. Völlige Überforderung.
Das wird also mit Sicherheit die am persönlichsten gefärbte Rezension, die ich bisher veröffentlicht habe.

„Vom Stehen und Fallen“ von „Heisskalt“
Erscheinungsdatum: 21.03.2014
Label: Chimperator Department Disdeal (Sony Music)
Musikstil: deutscher Gitarrenrock zum Abgehen und Spaß haben
Spieldauer: 11 Tracks mit einer Gesamtspieldauer von 46:22 min

Zunächst kurz zur CD an sich. Ich habe hier die Limitierte Deluxe Buch Edition vor mir liegen. Eine schicke stabile Papphülle zum Aufklappen. In Frontansicht zu sehen: der brennende einbeinige Soldat. Oben der Bandname, unten der Titel. Klappt man das Ding auf, entdeckt man zunächst die Songtexte und ziemlich verrückte Collagen. Etwas spacig, viel Zerstörung, Feuer, Skurriles. Hat irgendwie was. Auf der letzten Seite versteckt sich dann rechts hinter einem Bandfoto, auf dem wirklich keiner in die Kamera schaut, die CD. Auf der Rückseite befindet sich die Tracklist samt des üblichen Heisskalt-Blitzes, der sich an so einigen Stellen des Albums wiederfindet.

Der Opener des Albums trägt den Namen „Das bleibt hier“ und dürfte dem einen oder anderen Hörer durch das dazu veröffentlichte Musikvideo schon aufgefallen sein. Ein Song, bei dem man sich zunächst denkt, woher Mathias Bloech plötzlich die erwachsenen Metaphern nimmt. Wo man sich einfach fragt, was er damit sagen möchte. Dabei ist die Lösung gar nicht so schwer. Was Adel Tawil holprig in „Lieder“ verpackt, geben Heisskalt geschickt in diesem Track wieder. Nur sind es hier eben Bandnamen von und Anspielungen auf Größen wie His Statue Falls, Alexisonfire oder Defeater (⇒ „Letters home“). Auch On Top Of The Avalanche, die ehemalige Band von Drummer Marius und Sänger und Gitarrist Matze, verstecken sich in diesem Lied. Hat man einmal das Geheimnis des Songs gelüftet, so puzzelt man in Gedanken sowieso nur noch die Bandnamen zusammen. Je mehr sich der Song dem Ende zuneigt, desto eher hat man auch das Bedürfnis, den Chorgesang „das bleibt hier in meiner…“ zu vervollständigen. Ein echtes Brett.
Weiter geht es mit einem anderen bereits bekannten Song. Auch zu „Nicht anders gewollt“ gibt es bereits ein Musikvideo. Aber auch von zahlreichen Liveauftritten sollte man diesen Titel bereits kennen. Geht einfach total ab. „Zieht die Clownsmasken auf, es ist Frühling!“ … und jetzt alle: „WIR WOLLEN EIN STÜCK VOM KUCHEN!”
Beim dritten Track handelt es sich um „Sonne über Wien“. „Es ist fraglich, ob unsere Spuren verweh‘n oder nach Jahren noch zu sehen sind“. Ein treibender Rhythmus, Mitsingcharakter, ein richtig genialer Livesong, muss man gar nicht viel zu sagen. Brennt sich einfach ein, so wie die Sonne über Wien. Passt auch irgendwie zum Abgehen bei schönstem Sonnenwetter.
Der längste Song des Albums trägt den wundersamen Namen „Identitätsstiftend“. Was für ein eigenartiger Titel. Ein ruhiger Beginn. Was soll man davon halten? „Ich atme die Nacht ein, Luft anhalten, abtauchen… aus dem Wollen wird ein Haben, wird ein unbedingtes Brauchen.“ Kurze Zeit später ein Bruch. Matze und Phil geben verbal sich die Klinke in die Hand und brüllen abwechselnd Satzfetzen, die zusammen ein Ganzes ergeben. Der Song nimmt an Fahrt auf und droht zu eskalieren. Entschleunigt sich auch wieder. Facettenreich.
„Komm, wir zünden uns an und sehen uns zu, wie wir verbrennen… lebendige Fackeln, die lachend durch die Straßen rennen. Komm, wir werden zu Staub und lassen uns von den Dächern streuen, lernen zu fliegen oder zumindest nicht zu bereuen.“ So düster und schwierig einzuordnen beginnt „So leicht“. Und dann irgendwann wieder ein so heftiger Umbruch. Das wohl epischste Instrumental des Albums trifft auf Zeilen wie „Du musst nur fliegen, wenn du fällst“. Ein Titel, den man anfangs unterschätzt. Aber der kann was!
Absolut nahtlos geht der Song in „Kaputt“ über, einen meiner absoluten Favoriten, schon von der Festivalsaison an. „Komm, wir pflanzen einen Baum und wir zünden den an, bevor die Sonne im Zenit steht, sind unsere Träume verbrannt. KOMM, WIR MACHEN WAS KAPUTT, WEIL HIER NICHTS MEHR NOCH SINN MACHT, DIE LEEREN STRASSEN MIT SCHERBEN GEPFLASTERT! NICHT EINE TRÄNE MEHR DA, UM ZU WEINEN. WIR HABEN EUCH BELOGEN, ALS WIR SAGTEN, DASS WIR EUCH VERZEIH‘N!“ Das rockt. Das zeichnet Heisskalt aus.
Wenn man nun schon länger mit der Band umher ist, fragt man sich plötzlich, woher einem Track mit der Nummer sieben bekannt vorkommt. „Solange du tanzt, solange du lebst, solange du trinkst, solange du stehst“ - hey, hieß das nicht mal „Mischkonsum“? Richtig. Umgekrempelt, umbenannt, hier habt Ihr tatsächlich „Mischkonsum“ vor Euch. Die Umbenennung tut dem Abrockcharakter des Songs aber kaum einen Abbruch. Und immerhin ist das endlich mal ein lockeres Ding. Feiern, eskalieren, trinken, läuft halt.
Stimmungswechsel. „Nicht gewinnen“. Man hört Matzes Stimme so klar wie sonst selten in den Songs. Der Titel beginnt recht gemäßigt. „Doch du kannst nicht gewinnen gegen die nur versuchen, nicht zu schreien. Wir haben nichts in der Hand gegen sie, du kannst nur warten, dulden, schweigen.“ Und dann? Fette Gitarrenriffs. Einer der ruhigeren Tracks, zu denen man trotzdem abfeiern kann. Also weder im Stil von „Dezemberluft“, noch von „Hallo“. So ein schönes Zwischending eben.
„Gipfelkreuz“ hat wohl eine der wichtigsten Messages des Albums parat. „Passt bitte aufeinander auf in dieser Scheißwelt“. Ein Song mit Größe. Steht auf, geht raus, verschließt Euch und Eure Augen nicht, gebt Acht aufeinander.
Kommen wir zum wohl emotionalsten Song, der mir je untergekommen ist, zur größten Überraschung des Albums. Normalerweise würde es mir im Traum nicht einfallen, so persönlich von mir zu sprechen, vor allem nicht in einer Rezension. Aber bei „Bestehen“ kann ich nur sagen – so sehr geweint habe ich selten. Ob ich nur den Songtext lese oder den Titel höre, es fließen einfach Tränen. Worum es offensichtlich in diesem Song geht, ist kein großes Geheimnis. Hört es Euch einfach an, ich möchte diesen unglaublichen Track nicht kaputtschreiben…
Der letzte Titel namens „Zweifel“ fängt die vorangegangene Stimmung auf. Zum Glück, denn ein großer Bruch würde den Hörer vermutlich nur völlig verwirrt zurücklassen. „Und alles wird gut, wenn alles zerbricht, verbrennen die Trümmer und baden im Licht…“ Ein Hoffnungsschimmer. Wird schon wieder. Irgendwie.

Auf den ersten Blick wirkte es wie ein sehr eintöniges Debütalbum. „Vom Stehen und Fallen“ kracht viel. Aber muss halt so. Das sind Heisskalt. Und nimmt man sich die Zeit und hört Song für Song durch, so unterscheiden sie sich doch ziemlich. Von der Message her, von den stilistischen Mitteln. Auf jeden Fall war es die beste Entscheidung überhaupt, dass die Vier nach der EP nicht direkt lieblos das Album auf den Markt gekotzt haben. Die Zeit des Reifens zahlt sich aus. „Vom Stehen und Fallen“ ist definitiv eins der top Alben des Jahres 2014.

Anspieltipps: „Sonne über Wien“, „Identitätsstiftend“, „Kaputt“, „Nicht gewinnen“, „Bestehen“
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