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Kundenrezension

am 26. Juli 2011
Obwohl die Verbrechen Stalins und Hitlers zu den bestuntersuchten Themen der jüngeren Vergangenheit zählen, unterliegt ihr Bild noch vielen Verzerrungen. Der amerikanische Historiker Timothy Snyder hat sich vorgenommen, die wichtigsten davon zu korrigieren.

Snyder zufolge hat die Fixierung der öffentlichen Wahrnehmung auf Auschwitz und den Gulag vergessen lassen, dass die meisten Opfer der beiden Diktatoren Osteuropäer waren und in den von ihm so genannten "Blutländern" getötet wurden, den Gebieten zwischen Russland und Deutschland. 14 der insgesamt 17 Millionen Menschen, die von 1933 bis 1945 durch die Unterdrückungsmaßnahmen Stalins und Hitlers umkamen, wurden auf dem Territorium Polens, Weißrusslands, der Ukraine, der baltischen Staaten und Westrußlands ermordet. Da nach Auschwitz mehr west- und südeuropäische Juden gelangten als in die anderen Vernichtungslager, und der Gulag zum größten Teil außerhalb der "Blutländer" lag, sei keine der beiden Einrichtungen für die Verbrechen ihres Regimes repräsentativ gewesen.

Die Überlebenden der in den "Blutländern" verübten Massaker wurden, wie Snyder betont, oft genug Zeugen der Untaten BEIDER Diktatoren. Eine Geschichtsschreibung, die sich auf einen der Unrechtsstaaten beschränkte, würde der Lebenserfahrung dieser Menschen nicht gerecht.

Sie würde außerdem einen guten Teil ihrer Erklärungsaussichten verspielen, spreche doch vieles dafür, dass die totalitären Reiche sich gegenseitig zu Verbrechen animierten, die sie ohne Kontakt miteinander nicht begangen hätten.

Darüber hinaus, so ließe sich hinzufügen, heißt vergleichen nicht verharmlosen. Der Vergleich muss Unterschiede ebenso herausarbeiten wie Gemeinsamkeiten. Ob die Shoah einzigartig ist, weiß man nur, wenn man sie mit anderen Massenmorden verglichen hat. Wer auf Vergleiche verzichtet, verzichtet auf Erkenntnis.

Es liegt also in der Natur der Dinge, dass eine integrierte Darstellung der in den "Blutländern" begangenen Verbrechen der isolierten Betrachtung überlegen ist. Was Snyders Buch von den bisherigen Versuchen dieser Art unterscheidet (z. B. Dietrich Beyrau, Schlachtfeld der Diktatoren. Göttingen 2000; Richard Overy, The Dictators. New York 2004; Jörg Baberowski/Anselm Doering-Manteuffel, Ordnung durch Terror. Bonn 2006) sind seine Präzision und seine Anschaulichkeit.

In chronologischer Folge beschreibt der amerikanische Historiker zunächst die von Stalin herbeigeführte Hungersnot in der Ukraine in den Jahren 1932/33, dann den Großen Terror 1937/38, die deutsch-sowjetische Besatzung Polens, die Massenerschießungen polnischer Offiziere in Katyn und anderen Orten, die deutschen Besatzungsverbrechen in der Sowjetunion, den deutschen Völkermord an den Juden sowie die Zwangsumsiedlungen und Vertreibungen am Ende des Krieges. Das abschließende Kapitel beschäftigt sich mit der antisemitischen Kampagne, die Stalin kurz vor seinem Tode plante.

Wo immer möglich, versucht Snyder seine Darstellung mit Zahlen zu untermauern. So kommt er zu dem Schluss, dass Hitler entgegen einer weitverbreiteten Auffassung mehr Menschen umbringen ließ als Stalin. Den insgesamt 12 Millionen Opfern des deutschen Diktators stünden 9 Millionen des sowjetischen gegenüber.

In der Motivation der Verbrechen sieht Snyder erstaunliche Ähnlichkeiten. Stalins Säuberungen der Jahre 1937/38 hätten nämlich zum großen Teil der Unterdrückung nationaler Minderheiten, vor allem der polnischen, gedient. Bis 1938 seien in der Sowjetunion tausendmal mehr Menschen aus ethnischen Gründen getötet worden als im nationalsozialistischen Deutschland (S. 127). "Die am stärksten verfolgte europäische Minderheit in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre waren nicht die 400.000 deutschen Juden (deren Zahl durch Emigration sank), sondern die 600.000 sowjetischen Polen (deren Zahl durch Erschießungen sank)" (S. 107). Darüber hinaus erinnere Stalins Angst vor antisowjetischen Verschwörungen in fataler Weise an Hitlers Konstrukt einer "jüdischen Weltverschwörung".

Zeitlich gesehen stehe Stalins Priorität fest. Während Hitler bis zum Kriegsausbruch den Tod von etwa 10.000 Menschen verschuldete, sei Stalin zu diesem Zeitpunkt bereits für über 5 Millionen Hungertote und fast 1 Million Erschossene verantwortlich gewesen. "Im Großen Terror hatte die Sowjetführung doppelt so viele Sowjetbürger ermordet wie Juden in Deutschland lebten, aber niemand außerhalb der UdSSR, nicht einmal Hitler, schien begriffen zu haben, dass Massenerschießungen dieser Art möglich waren" (S. 127).

Während die Mehrzahl der Opfer Stalins im Frieden umkam, verübte Hitler seine größten Verbrechen im Krieg. Ließ der kommunistische Diktator hauptsächlich Sowjetbürger töten, so richteten sich die Gewaltmaßnahmen des nationalsozialistischen überwiegend gegen Ausländer.

Mit der Besetzung Polens hätten Hitlers Untaten sich denen Stalins angeglichen. Vom September 1939 bis zum Juni 1941 töteten Deutsche und Russen eine vergleichbare Anzahl von Polen (etwa 100.000), wenngleich mit unterschiedlicher Professionalität. "Während die Deutschen irrtümlich glaubten, sie hätten die polnische Bildungsschicht in ihrem Teil des Landes eliminiert, war dies den Sowjets weitgehend gelungen. Im Generalgouvernement wuchs der polnische Widerstand, dagegen wurden in der Sowjetunion solche Netzwerke rasch zerschlagen und Aktivisten festgenommen, eingesperrt und manchmal hingerichtet" (S. 164).

Nach dem Angriff auf die Sowjetunion habe das Dritte Reich seinen Gegenspieler überholt und sei fortan für nahezu alle politischen Morde in den "Blutländern" verantwortlich gewesen. Zwar sei die "Endlösung" mit etwa 5,4 Millionen Opfern die größte Einzelaktion, doch habe Hitler eine vergleichbare Anzahl Nicht-Juden ermorden lassen.

Trotz ihrer Ungeheuerlichkeit blieben diese Verbrechen noch hinter den Plänen der nationalsozialistischen Führung zurück. Diese sahen vor, im Herbst und Winter 1941 an die dreißig Millionen Sowjetbürger dem Hungertod auszuliefern und nach dem Sieg in den eroberten Ostgebieten weitere 31 bis 45 Millionen Menschen zu eliminieren (Generalplan Ost).

Hinsichtlich der Shoah ist Snyders Hinweis aufschlussreich, dass ebenso viele Juden östlich der Molotow-Ribbentrop-Linie erschossen wie westlich von ihr vergast wurden. Zieht man noch die von Nationalsozialisten und Kommunisten herbeigeführten Hungersnöte in Betracht (denen über 9 Millionen Menschen zum Opfer fielen), wird deutlich, dass die totalitären Massenmorde mit viel primitiven Mitteln durchführbar waren, als ein Blick auf die Gaskammern glauben macht.

Im übrigen seien die meisten Vergasungen nicht in Auschwitz, sondern in den wesentlich tödlicheren Vernichtungslagern der "Aktion Reinhardt" erfolgt. Während Auschwitz von über 100.000 Menschen überlebt wurde, gab es in Belzec, Sobibor und Treblinka bei 1,3 Millionen Deportierten kaum 100 Überlebende.

Erfreulicherweise hat das Bemühen um quantitative Genauigkeit Snyder nicht davon abgehalten, die Erfahrung der Zeitgenossen in die Darstellung einfließen zu lassen. Mit reichlichen Zitaten aus Berichten, Erinnerungen und Tagebucheinträgen von Opfern wie Tätern führt er dem Leser eindrucksvoll vor Augen, dass hinter jeder Zahl ein menschliches Schicksal steht.

Angesichts dieser Leistung wird man es dem Autor nachsehen, dass er weder neue Quellen ausgewertet noch neue Erklärungen oder theoretische Ansätze formuliert hat. Als Zusammenfassung des gegenwärtigen Wissensstandes ist seine Arbeit sehr lesenswert.
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