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Kundenrezension

TOP 500 REZENSENTam 27. April 2012
"Wir haben der Welt in die Schnauze geguckt,
anstatt mit Puppen zu spielen.
Wir haben der Welt auf die Weste gespuckt,
soweit wir vor Ypern nicht fielen."

Achtung, wem diese Rezension zu lang ist: Im ersten Kommentar befindet sich eine Kurzfassung; außerdem eine Liste aller enthaltenen Gedichte.

Wir schreiben das Jahr 1928. Die Weimarer Republik hat ihre beste Zeit; die anfänglichen Probleme scheinen überwunden und noch sinder der schwarze Freitag und die darauffolgende Wirtschaftskrise nicht in Sicht, um der ersten deutschen Demokratie den Todesstoß zu versetzen. In Berlin, einzigem Zentrum der Republik, blüht die Kaffeehausliteratur; Kurt Tucholsky, Mascha Kaléko, Else Lasker-Schüler, Joachim Ringelnatz, Alfred Polgar und viele andere Geistesgrößen der Zeit schreiben und diskutieren in den beliebtesten Etablissement über Politik, Kunst, Theater und Moral.
Einer, der, gerade angekommen, in diesen Kreisen überraschend schnell Anschluss findet, ist ein junger Mann von gerade 29 Jahren. Soeben hat er seinen ersten Gedichtband veröffentlicht, mit Gedichten die mehrfach noch in der Zeit des Studiums in Leipzig entstanden sind. Die anschließenden 5 kurzen Jahre, die ihm noch zum produktiven Publizieren bleiben, wird er hauptsächlich in Cafés verbringen, in denen auch weitere kritisch-bissig-angesagte Gedichte entstehen werden. Die Rede ist von Erich Kästners, mehrfach bekannt für seine wunderbaren Kinderbücher, doch nichtsdestotrotz auch einer der wichtigsten und unterhaltsamsten Dichter in deutscher Sprache.

"Du darfst dich nicht zu oft bewegen lassen,
den anderen Menschen ins Gesicht zu spein.
Meist lohnt es nicht, sich damit zu befassen.
Sie sind nicht böse. Sie sind nur gemein."

Herz auf Taille besitzt den Schwung und manchmal auch den Unschliff junger Dichtungen, ohne deswegen je ganz zu misslingen. Ein Lyrik-Debüt, das nicht im Alter von über 35 Jahren publiziert wird, ist in der Regel immer auf die ein oder andere Art extrem und/oder in seinem Stil überspitzt, allerdings im besten Fall auch hier und da mit einem Hang zur übermütigen Brillanz gesegnet. So finden sich auch in diesem Werk einige eher saloppe Gedichte, in denen die Intention hinter den manchmal bemühten Reimen etwas zurückbleibt, jedoch - es sind auffällig wenige, für ein Debüt. Dagegen findet sich so mancher Vers, der sprichwörtlich ist oder zumindest mit einer wunderbar gereimten Pointe oder Wendung daherkommt.

"Macht einen Buckel, denn die Welt ist rund.
Wir wollen leise miteinander sprechen:
Das Beste ist totaler Knochenschwund.
Das Rückgrad gilt moralisch als Verbrechen."

Wie bereits erwähnt ist der Anteil an Dichtungen aus der Leipziger Zeit noch sehr hoch, was aber nicht besonders auffällt. Beinahe alle Gedichte haben einen kritischen oder bezeichnenden Hintergrund, sind aber teilweise vordergründig so etwas wie erzählte Gesellschaftsmomente. Die Mutter, die ihrem Sohn einen Brief schreibt, das Gespräch des Mannes mit der Geliebten an der Tür, das junge Liebespaar, das sich im Regen scheinbar für immer verabschiedet, die Bardame, die ihre Sorgen wechselnden Zuhörern mitteilt.
Im anderen Teil der Texte wendet sich Kästner, meist nicht mehr so leichthändig, sondern mit Biss, direkt an den Leser (siehe Zeile über diesem Abschnitt), meist in Liedern und Chansons ähnlichen 5,6 oder 7 Vers Gedichten á 4 Zeilen.

Die großen Themen der Weimarer Gesellschaft hat Kästner schon früh und vielfältig erkannt. Er, Bertolt Brecht und Kurt Tucholsky dürfen bis heute als die einzigen deutschen Dichter gelten, die die Instabilität der neuen Demokratie und die Gefahr, der sie sich durch äußeren Einfluss und (mehrfach) durch inneren Zerfall aussetzte, frühzeitig und umfassend erkannt und, auf ihre eigene Art, davor gewarnt zu haben. Kästner war nicht wie Brecht, der den Menschen die Wahrheit/Angst anklagend oder drohend und nach Art von Propaganda um die Ohren hauen wollte; auch Tucholskys Methode, der giftenden, meist satirischen Publizistik war nicht die seine, auch wenn er manchmal am Rande zu ihr tendierte. Nein, Kästner vertraute, auch wenn er anderes schrieb, noch so weit auf den Menschen, dass er hoffte, ihm mit Geschichten und Fingerzeigen einen Spiegel vorhalten zu können; zwar hielt er sich, was die Spiegelungen anging, mit der Wahrheit kein bisschen zurück, doch oft genug merkt man, wie er in manchem eher ruhigen und unscheinbaren Gedichtmoment versucht, subtil ein Gefühl oder eine Beobachtung in seine Reime einzubinden, die man auch wieder herauslesen kann.

"Ich möcht es einmal nicht eilig haben.
Und morgen nicht zur Bö... zur Börse gehn.
Ich möchte wie ganz ... wie ganz kleine Knaben
ganz ohne Geld vor einem Laden stehn."

Trefflich bezeichnet viele seiner Reime am besten, meisterhaft sind sie bis heute in ihrer saloppen und unterhaltsamen Lesbarkeit, die nichts Abstraktes und Geschnürtes hat.
Und: Wenn es um die (tiefgehende) Aktualität von Kästnergedichten angeht - wer noch zweifelt, der bekommt zuletzt noch ein vollständiges kleines Gedicht:

-Die Zeit fährt Auto-

"Die Städte wachsen. Und die Kurse steigen.
Wenn jemand Geld hat, hat er auch Kredit.
Die Konten reden. Die Bilanzen schweigen.
Die Menschen sperren aus. Die Menschen streiken.
Der Globus dreht sich. Und wir drehen uns mit.

Die Zeit fährt Auto. Doch kein Mensch kann lenken.
Das Leben fliegt wie ein Gehöft vorbei.
Minister sprechen oft vom Steuersenken.
Wer weiß, ob sie im Ernste daran denken ?
Der Globus dreht sich und geht nicht entzwei.

Die Käufer kaufen. Und die Händler werben.
Das Geld kursiert, als sei das seine Pflicht.
Fabriken wachsen. Und Fabriken sterben.
Was gestern war, geht heute schon in Scherben.
Der Globus dreht sich. Doch man sieht es nicht."
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