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am 7. Februar 2017
Nachdem ich das Buch von Karin Harrasser gelesen habe, habe ich den klaren Eindruck, dass #orglBruder zwischen der Darlegung von Diskursen und Diskursinhalten und der persönlichen Position der Autorin NICHT unterscheiden kann. Außerdem ist seine Idee, dass der Mensch durch "identitäre" Abgrenzung erst zum Menschen werde, höchst verwunderlich. Identität, Selbstverständnis konstituiert sich vielmehr im Blick des Anderen und durch Anerkennung (Mead, Plessner, Honneth), d.h. dadurch, dass er/sie das Fremde bzw. den generalisierten Anderen (die Gesellschaft) in sich aufnimmt, sich "identifiziert" (Freud). Eine vergleichbare Position nimmt auch Harrasser ein, d.h. sie sucht nach Wegen der "Teilsouveränität" - also der Selbstkonstitution ohne radikale Abgrenzung, ohne Rassismus, ohne Freund/Feind-Denken UND ohne Fremdsteuerung in einem digitalisierten Körper - denn der Trend ist ja deutlich zu sehen: Der Körper des Menschen wird im Laufe der Moderne ebenso der technisch-digitalen Zurichtung erschlossen werden, wie die Natur insgesamt. Es handelt sich hier um ein kritisches Buch, das auf dem stand der Diskussion ist und völlig zu recht halb-seidene Identitätskonzepte meidet.
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am 5. März 2014
Dieses vergleichsweise schmale Buch zu lesen macht mit jeder Zeile Vergnügen. Es ist vor allem erhellend, aber zugleich auch unterhaltsam und kurzweilig geschrieben. Es handelt von Prothesen in verschiedenen Funktionen, als Ersatzglieder, als Mittel zur Selbstverbesserung, als Instrument zur Markierung von Unterschieden, bis hin zur ununterscheidbaren Verschmelzung von Körper und Technik. Harrasser stellt ihre Untersuchungen in einen historischen Rahmen, um die Kontingenz der Entwicklungen zu deutlichen. Sie bezieht sich auf Foucault, Deleuze, Stiegler, Kracauer, Latour, Haraway, Sloterdijk u.a., und setzt sich doch stets von ihnen ab. Als Literatur- und Medienwissenschaftlerin zieht sie jedoch auch Elfriede Jelinek, Oswald Wiener, Alfred Jarry, oder Werner Herzogs Film „Fitzgeraldo. Wo die grünen Ameisen träumen“ heran, um ihren Argumente zu erklären oder ihnen Nachdruck zu verleihen. Wenn sie sich dabei, jeweils anhand verschiedener historischer oder literarischer Beispiele, oft wiederholt, so rechne ich das ihrer Absicht zu, uns ihre sehr nachvollziehbaren Thesen nachhaltig einzubläuen.

In neun unterschiedlich fokussierten Kapiteln entwickelt sie ihre kulturkritische Haltung zu Vorstellungen von kontinuierlich verbesserbaren Körpern, von technischen Körpermodifikationen und -enhancement, und weiter von einer stetigen technischen Evolution im Sinne von Steigerung und Optimierung, indem sie diese Entwicklungen in eine höchst voraussetzungsvolle historische, epistemologische und politische Konstellation positioniert, ohne dabei persönlich oder situativ sinnvolle Verbesserungen für Einzelne oder Gruppen zu leugnen. Womit der konstruktive Vorschlag schon anklingt, anstelle des schneller, weiter, höher, das Enhancement in den Möglichkeitssinn zu legen, in einer slow science die Alternativen auszuloten und die kontingente Situierung zu betonen.

Der Text beginnt mit dem paralympischen Sport und der Geschichte von Oskar Pistorius, dem ohnbeinigen Läufer, der bei den olympischen Spielen konkurrieren durfte, weil ein Gutachten bezeugte, dass seine Prothesenbeine ihm beim Laufen keine Vorteile verschafft hätten. Hingegen zeigt Harrasser auf, dass diese natürliche Beine keinesfalls ersetzen, da sie gerade auch nur für diese Distanz des Laufens gut geeignet sind, nicht jedoch für Stehen oder andere Bewegungen. Dann stellt sie den Biomechatroniker am MIT Media lab Hugh Herr und die Leichtathletin Aimee Mullins vor, die sich beim Symposium 2007 humans 2.0 als Vorreiter einer technischen Erweiterung gegenüber Normalkörpern dadurch privilegiert sehen, dass sie „eine Evolution der technischen Zukunft vorantreiben“. Die Prothesen sind zwar zunächst Serienfertigungen, dann jedoch individualisiert und singulär auf den Träger angepasst. Es fällt auf, dass die in humans 2.0 gezeigten Behinderungen fast immer nur die Beine betreffen, sodass die Behinderung Schönheit und Normalität in einem Produktivitätssinn nicht behindert. Dies geht einher mit einer die Behinderung umdeutenden Sprache und Episteme der Selbstverbesserung, die nur im Wettbewerb erreichbar ist, und die teure Technologien und Eigenschaften wie Leistungsbereitschaft, Intelligenz oder Risikobereitschaft voraussetzt. Solche sind untrennbar mit einer neokapitalistischen Kultur der wertschöpfenden Selbstoptimierung verknüpft, charakterisiert durch Training und ein funktionales Verständnis des Körpers. An ihnen zeigt sie, wie die Architektur der eigenen Identität auch mittels symbolisch-ästhetischer Mittel für das Selbstdesign des eigenen Körpers als Besitz letztlich der Vermarktung und Produktionssteigerung dient.
Die Umwertung der technisch Erweiterten in Superhumans birgt etliche Gefahren, wie die Disability Studies deutlich machen: Nietzsches Übermensch klingt an, ebenso wie die Gefahr kategorialer Auf- und Abwertungen als nicht-menschlich im posthumanistischen Diskurs. Abwertung vor allem, wenn die Behinderung nicht nur die Beine betrifft, sondern auch Gesicht, Kopf, oder das Gehirn. Die Aufwertung wiederum setzt die sehr menschliche Fähigkeit der Selbstbemeistung voraus, Hindernisse zu überwinden, Schwächen auszumerzen, und das individuell wie gesellschaftlich mit hohem Preis: der Betonung von Konkurrenz als Triebkraft des Sozialen, der Ideologie der permanenten Selbstoptimierung, der Ausdehnung der Wertschöpfungskette auf die gesamte Persönlichkeit, der Ununterscheidbarkeit zwischen individueller und technischer Leistung, und der Auflösung des Mythos von der Gleichheit aller Körper und der Universalität von Leistungs- und Trainingsbedingungen im olympischen Gedanken durch die Verlagerung des Sports in die Hände von Ingenieuren.

Konsequent stellt Harrasser auch die enge Verknüpfung von Medizintechnik, IT- und Robotik-Branche mit dem militärisch industriellen Komplex heraus: enormer Bedarf an Prothesen entstand durch die Kriege, sowohl was ihre historische Behandlung und Wiedereingliederung von Kriegsversehrten in Gesellschaft und Arbeitsprozesse betrifft, als auch um die ins Wanken geratene Geschlechterordnung wieder herzustellen. Hier schon beginnt die Auseinandersetzung zwischen Prothesen als Ersatz und als Mittel zur Selbstregulierung. Letztere mündet in die Vorstellung von einem Kontinuum der (Selbst-)Verbesserung des grundsätzlich mangelhaften Körpers, und dem Ziel der Prothetik statt von Ersatzgliedern zum Gliederersatz. Der Normale erscheint nun als potentieller Krüppel und der Krüppel als normal, solange er produktiv ist. Das Kapitel über Brillen und Google Glass erhellt, was die unterschiedlichen Funktionen von Prothesen sein können, nicht nur ein Ausgleich von Mängeln, ein Mittel, unauffällig zu werden, Fetisch, Waffe oder nur eine Markierung von Differenz. Solche Kapitalisierung von Differenz bringt eine Ethik der Selbstsorge mit Interkonnektivität, Selbstverwirklichung und Gesundheitsvorsorge hervor. Und so erscheint ein neuer Menschentypus, der designable human. Doch auch die Frage der Besitzverhältnisse des eigenen Körpers, in den investiert werden kann, damit er Profit abwirft, einer Utopie der beliebigen Verbesserung und Vernetzung und das Recht auf Enhancement sind nicht von einer neokapitalistischen Logik der Selbstoptimierung zu trennen. Die Bezeichnung H 2.0 hybridisierter Körper suggeriert eine Verbesserung mit Bezug auf die Vorgängerversionen, eine offene Stufenleiter zur Perfektion.
Im Kapitel zur Geschichte des verbesserbaren Menschen kritisiert Harrasser solches Enhancement des Körpers als Narration evolutionärer Notwenigkeit und stellt die kontingenten Bedingungen einer solch vermeintlichen Determinierung dar. Mit Sloterdijk entstammt solche „Anthropotechnik“ dem Humanismus als Form der Bemeisterung des Menschen durch sich selbst und sie hat die historisch spezifische Selbstwahrnehmung des Menschen als souverän, individuell, autonom hervorgebracht. In solcher Selbstsorge von Prothesenversorgung einer Behinderung übergehend zu einem Konzept des unverletzten gesunden Körpers als Mangelwesen und seiner Disziplinierung mithilfe flexibler Methoden der Selbststeuerung sieht Harrasser den pardigmatischen Wechsel von der Sicht eines unverletzt perfekten Körpers zu einem kontinuierlich verbesserungsfähigen prothetisch mit seiner Umwelt verschalteten Körper, oder mit Elfriede Jelinek (Sportstück): „Heute ist vom unvollkommenen Körper zu sagen, dass jeder selbst schuld ist, wenn er ihn hat.“ Sie erinnert an Oswald Wiener, der in „Die Verbesserung von Mitteleuropa“ mittels eines „“bio-adapters“ über Sprache eine kybernetisch-regulatorische Optimierung des Körpers imaginierte, und als Effekt der kybernetischen Rückkopplung bereits ein sozialtechnisches biopolitisches Government vorausahnte, das wie Harrasser bemerkt, Bernard Stieglers Thesen zur Psychomacht vorwegnahm und sich teilweise wie Gilles Deleuze’s „Postscriptum über die Kontrollgesellschaft“ liest. Der Bio-Adapter bedient alle menschlichen Begehrlichkeiten bis zur Selbstauflösung in einer technischen Selbststeigerung.

Eine Möglichkeit, Behinderung anstelle des Asyls gesellschaftlich zu inkludieren ist die Normalisierung. Die Angebote reichen von unterschiedlichen Leistungsschemata über eine Ästhetik des Ungefügen grotesker Körper bis hin zu einer Tradition perverser karnevalesker Rituale, die zwar temporäre Überschreitungen ermöglichen, jedoch alle in einer Logik des zumindest symbolischen kognitiven und affektiven Kapitalismus verbleiben. Sie schließt, dass die Körperbearbeitungen im Kontext einer Neubewertung dessen was Leben ist, analysiert werden müssen.
Harrasser schlägt statt dessen ausgehend von einem inklusiven Humanismus ein Narrativ vor, die Parahumanität, die sich den Menschen als teilsouverän im Konzert unterschiedlicher, auch nichtmenschlicher Akteure, mit offenem Horizont, der einen Möglichkeitsraum offen hält. Sie erinnert an Haraways Cyborg als einen Technokörper, einen instabilen wandelbaren Körper als Träger und Generator eines selbstreflexiven Individuums, mit der Freiheit zur Selbstverbesserung, der nicht weiß, was oder wer er ist, bereit zu überraschenden neuen Verbindungen, Verkörperungen vergangener und kultureller Beziehungen und Weltgenerierender Milieus. Der Mensch wäre weder ein zu kompensierendes Mängelwesen noch auf dem Wege zur Gottgleichheit, sondern in einem Milieu mit Maschinen, Tieren, usw., in dem alle zusammen wahrnehmen und kooperieren. Die Cyborg von Donna Haraway ist eine Figur, die abbremsen will, indem sie die Optionen verbreitern, ein Mehr an möglichen Zukünften implantieren soll.

Harrasser entwickelt ihre bereits dargestellten Thesen dann wiederholt anhand weiterer Literaturbeispiele. Sie zieht insbesondere Alfred Jarry’s ’Pataphysik’ als Instrumentarium zur Befragung von Generalisierungen und Reduktionismen von Naturwissenschaften und seine Mensch-Maschine Hybride heran. Die ’Pataphysik’ sollte, so rationalisiert Harrasser Jarry’s abseitige Erzählungen, zwischen Kunst, Wissenschaft und Philosophie einen Raum öffnen, indem mit Mimikry wissenschaftliche Stile und Sprache so lange imitiert werden, bis sie sich demaskieren und implodieren. In seiner Erzählung 1902 „der Supermann“ verliebt sich eine Liebesmaschine, die seiner Liebesfähigkeit gewachsen ist, so, dass sie ihn in der elektrischen Verschmelzung tötet und sich dabei selbst auflöst. Jarrys Maschinen sind aus dem Funktionalen gerutscht. Die Kurzgeschichte „der Hummer des Hauptmanns“ 1901 beschreibt die eigenmächtige Aktion der Handprothese des Hauptmanns aus einem lebendigen greiffreudigen Hummer, die macht was sie will. Damit verdichtet er die Frage der Zurechenbarkeit von Handlungen innerhalb unübersichtlicher sozial-technischer Systeme mit dem Natur-Technik-Verhältnis in nicht funktionalen Maschinen-Diskursen. Technik ist hier nicht Kontrolle und Beherrschung der Natur, sondern selbst Welt erzeugend, ohne Auftrag zur Selbstverbesserung, durch einen Kommunikationsimperativ mit Individuen verschaltet, und die Geschichte in ihrer Funktionalität verkapselnd. Es gibt keinen Körper 2.0, keine Versionierung, keine Vorhersehbarkeit technischen Fortschritts, aber Teilsouveränität des Handelns. Vorgeschlagen wird dazu eine spekulative Wissensethik, die sich auf Praxisformen statt auf Wissensformen, auf Ökologien von Interessen bezieht und nicht auf die Fiktion eines vom souveränen Subjekt ausgehenden Willens. Ungegangene Wege insistieren dabei mit Wirkung einer slow science, die Möglichkeiten anreichert und die Situierung betont.

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am 10. Dezember 2013
Im Buch „Körper 2.0“ entwirft die Professorin für Kulturwissenschaft Karin Harrasser so kruden Menschheitsverbesserungshorror, daß man sich fragt, ob sie das ernst meinen kann.

Die Gender-​Sprache, der sich Karin Harrasser in ihrem Buch bedient, fällt schnell ins Auge. Sie geht soweit, daß sie die von ihr als positiv bewerteten Darstellungen mit einem weiblichen Artikel bezeichnet (z. B. die Cyborg, feminin Singular), während negativ bewertete Darstellungen mit einem männlichen Artikel bezeichnet werden (z. B. der Cyborg, maskulin Singular). Diese Art Wertung, die schon der Wortwahl innewohnt, stößt einem beim Lesen schnell auf. Das betrifft nur die äußere Struktur der Sprache, wirft aber ein klares Licht auf das, was dem Denken der Autorin zugrunde liegt.

Immer wieder fällt der Begriff der „nicht-​identitären Politik“. Für die Autorin geht es darum, Bedingungen zu schaffen, die die Menschen von sämtlichen Identitäten „befreien“. Die im Buch beschriebenen Zukunftsvisionen bauen auf eine nicht-​identitäre Menschlichkeit auf, die keine mehr ist. Erst wenn der Mensch von seiner Menschlichkeit befreit sei, wird er frei sein für Eingriffe in seine Körperlichkeit.

Diesen Science Fiction-​Grusel meint die Autorin tatsächlich ernst: Sämtliche orientierungschaffenden und identitätstiftenden Werte sollen zerstört werden. Dieses Denken ist deckungsgleich mit Ansätzen aus einem Buch, das Kanzlerin Merkel mehrfach öffentlich empfahl: Dialoge Zukunft – Vision 2050 (einfach mal googeln). Es fordert offen das Aufbrechen aller festen identitätsbasierten Denkmuster und seine Referenz von hoher Stelle verleiht solchen Gedanken eine gewisse Virulenz.

Auch Karin Harrasser schreibt oft von Strukturen, beispielsweise vom Verändern der Sprache, um bestimmte Erziehungsideale ins Bewußtsein der Menschen zu rücken, um Prioritäten zu verschieben. Das ist ihr so wichtig, daß es noch vor den Inhalten rangiert. Ihr geht es also um die erzieherischen und praktischen Grundmechanismen.

Die körperliche Verbesserung steht bei ihr noch über der geistigen. Zur Veranschaulichung greift sie auf Comics und Spielfilme zurück. Gut, maschinenerweiterte Menschen sind heute kein Standard, es gibt also keine echten Vergleichsmöglichkeiten. Aber das ernstgemeinte Zitieren von Comics im Sinne wissenschaftlicher Quellenarbeit scheint nicht der beste Weg zu sein, um eine Theorie nah an der Realität zu entwickeln.

Natürlich: Harrasser geht auch wissenschaftlich auf die Prothetik ein, wie sie nach dem Ersten Weltkrieg entstanden ist und warum. Wie sie sich entwickelt hat und welche Aufgaben sie sich stellte. Sie kommt auf die Paralympics zu sprechen und stellt die Frage: Wo ist die Grenze? Es geht der Autorin ganz klar um das Verwischen von Grenzen. Sie schreibt etwas später von der „Mensch-​Maschine-​Grenze“ ebenso selbstverständlich, wie von der „Tier-​Mensch-​Grenze“. Man mag die Gedankengänge gar nicht weiterführen. Am Ende steht in Harrassers Idealfall der von seiner Menschlichkeit „befreite“ Mensch.

(Zitat) „Der Normale erscheint nunmehr als ‚potentieller Krüppel’, der Krüppel hingegen ist keiner, solange er produktiv ist…“.

Ging es bei der Entwicklung der Prothetik nach dem Ersten Weltkrieg darum, Kriegsopfern ein halbwegs normales Leben zu ermöglichen, einfache Handgriffe wieder selbständig zu vollführen und sie in einen angemessenen Arbeitsprozeß zu integrieren, geht es bei den Paralympics darum, mithilfe der Prothesen Hochleistungssport zu betreiben. Und natürlich haben medial verbreitete Höchstleistungen einen erzieherischen Effekt.

Die Idee von der prothetischen oder maschinellen Erweiterung des Menschen, der als Mängelwesen verstanden wird, scheint eine Mischung aus beiden zu sein: Der Mensch soll effektiver am Produktionsprozeß teilzunehmen, also am Arbeitsplatz Höchstleistungen erreichen. Der menschliche Körper soll seinen Aufgaben angepaßt werden. So gesehen spinnt das Buch Körper 2.0 Ideen weiter, die dem Gender-​Mainstreaming folgen: Hat man mithilfe des Gender-​Mainstreaming-​Programms versucht, sämtliche Bindungen und Rückhalte zu zerstören, versucht nun das Programm zur maschinellen Erweiterung des Körpers, dem Menschen seine Menschlichkeit zu nehmen, ihn zum Cyborg zu manchen. Auf eine ganz perfide Art und Weise treten dann Wesen zweiter und dritter Klasse in die Gesellschaft ein.

Harrasser bezieht sich bei ihren Gedankengängen oft auf Peter Sloterdijk. Sein Verständnis vom Menschen liegt ihren Gedankengängen zugrunde, nur deutet sie diese falsch:

(Zitat) „Nicht länger gibt es einen in sich schlüssigen und perfekten Körper, der im Fall einer Krankheit medizinisch-​technisch behandelt wird. Vielmehr gibt es nur noch ein Kontinuum verbesserungsfähiger und verbesserungswürdiger Körper, die prothetisch mit ihrer Umwelt verschaltet sind.“

Interessant ist die Erkenntnis der Autorin, wenn sie erstaunt schreibt, daß der eigene Körper „einem gehören kann“. „Ja wem denn sonst?“, will man ihr entgegenrufen. Doch diese grundlegende Erkenntnis geht der Autorin ab. Stattdessen flüchtet sie sich immer wieder in Formulierungen, die deutlich machen, daß sie mit Feminismus und Gender-​Theorie zutiefst materialistisches Denken verinnerlicht und zur Grundlage ihrer phantastischen Visionen gemacht hat.

Mit ihrer Mensch-​Maschine-​Vision schießt sie weit über das Ziel hinaus und läßt dem Menschen sein Menschsein nicht. Sie schreibt selbst von der Gefahr, daß diese Vision in eine Zerstörung alles Menschlichen ausarten könne, erkennt aber nicht, daß sie mit den von ihr formulierten Zielen genau diesen Weg selber vorbereitet.
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