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am 28. Juli 2015
Ich bin extrem enttäuscht. So platt! So oberflächlich! Klischees!
Ich muss dazu sagen, dass ich alle, wirklich alle, Bücher von Haruki Murakami gelesen habe und auch einige Jahre in Tokio gelebt habe. Ich bin sozusagen ein wirklicher Fan von Haruki Murakami und viele seiner Bücher habe ich mehrmals gelesen und genossen. Auf das Erscheinen des Taschenbuches von "Herrn Tazaki" habe ich geduldig gewartet und bin einfach nur enttäuscht. Wo ist die zweite Dimension? Das übersinnliche Element? Der tiefere Sinn? Die sonst so anschauliche Beschreibung der Hauptperson in ihrem persönlichen Habitat? Oh my God. Bin sowas von enttäuscht.
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am 28. März 2016
Nicht umsonst ist "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" ein SPIEGEL Bestseller, ist es doch wieder typisch für einen Murakami-Roman und somit für all die Murakami-Fans auf der Welt, zu denen ich mich seit Kurzem zähle, ein Kauf in der Buchhandlung.
In dieser Geschichte beschreibt Murakami die Freundschaft von Tsukura Tazaki und seinen vier Freunden in ihrer Heimatstadt Nagoya. Auch nach seinem Umzug nach Tokio treffen ich die fünf Freunde in allen Ferien und verbringen genauso viel Zeit wir früher. Doch eines Tages geht nicht mehr ans Telefon, keiner ruft zurück und die Freunde teilen Tazaki mit, dass sie keinen Kontakt mehr wünschen...
Ich habe das Buch verschlungen, beschreibt es doch auf sehr philosophische und poetische Weise ein Leben in Japan (sehr Murakami-typisch). Es zeigt verschiedene Aspekte der japanischen Kultur in ruhiger und entspannter Atmosphäre und das Einzige, worüber man sich ärgert, ist die Tatsache, dass das Buch irgendwann ausgelesen ist. Ich werde mir nach dieser Lektüre zumindest alle weiteren Murakami-Titel kaufen und einen Japan-Urlaub buchen!
Einen Extrapunkt gibt es für das schöne Cover, das mich persönlich sehr anspricht.
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am 20. Juli 2017
Murakami beschreibt die Geschichte Japans als jugendliche Idylle,
gefolgt von westlicher Vergewaltigung bis hin zum Tod japanischer Identität.
Zurück bleibt ein desorientierter Mensch, dem das Räderwerk von Zügen und Uhren,
mithin Pünktlichkeit, zum alleinigen Daseinszweck verzweckt worden ist:
Bahnhöfe als Transitpunkte für die Massen, die gesenkten Hauptes unentwegt Pendeln,
ohne je zu wissen, wohin man gehört: Bewegung, aber sinnlos.

So ihrer selbst sind die Protagonisten enthoben,
dass all ihr Tun nur noch mechanisch mit ihnen zu tun hat:
Der eine verkauft Autos, die er nicht selbst gebaut, der andere Ideen,
die er sich woanders zusammengeklaubt hat; die dritte spielt Musik,
die sie nicht selber komponiert hat, der vierte baut seelenlose Bahnhöfe, bei denen Massen-Funktion Priorität hat und
die fünfte rettet sich - niedrigschwellig - in ein kunstloses, aber dekoratives Töpfern unter Preisgabe jeglicher intellektuellen Ambition. Flucht halt.
Kein Ankommen, nirgendwo.

Alles hängt in der Luft, auf nichts ist Verlass: Personen kommen, verschwinden und ganze Leben sind auf Desinformation gegründet.
Und Freundschaft bloße Schimäre.

Insgesamt ein trostloses Szenario, ein hohles Miteinander, bei dem man sich fragt: Was hält diese Gesellschaft beisammen?
Züge und Bahnhöfe ohne jegliches Warum. Sinnloses Hin und Her. Personell wie infrastrukturell.

Murakami baut zwei Gegenpole ein, lässt sie aber auch wieder fallen: Er verweigert jeden Halt.

Insgesamt eine nette Lektüre, die ich aber in meiner Verwandtschaft nicht empfehlen würde, weil: Es gibt lesenswertere Bücher.
Und: Es gibt Bücher, die lohnt es, im Abstand von Jahren wieder zu lesen. Den Steppenwolf etwa, überhaupt alles von Hesse. Oder die großartigen russischen Erzähler. Sogar Brecht gehört dazu.
Ob ich diese Pilgerjahre irgendwann mir wieder zu Gemüte führe?
Eher nicht.
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am 15. August 2017
Murakamis einzigartige,phantastische Welt, in der unser Protagonist Tsukuru Tazaki schreitet, eröffnet sich wieder in all seiner surrealen Vielfalt, in seinem Roman " Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki.
Eine Geschichte, die einen wie bei fast allen Werken Murakamis sofort in den Bann zieht, und wir Leser mal wieder auf eine Reise zwischen Traum und Wirklichkeit mitgenommen werden.Erzählt wird von zwei jungen Frauen und drei jungen Männern, die über die Schulzeit hinaus eine intensive, fast symbiotische Freundschaft verbindet.Alles wird zusammen unternommen, alles miteinander besprochen,es gibt nichts was die gemeinschaftliche Harmonie trüben könnte.
Bis eines Tages, aus heiterem Himmel, ohne Angabe von Gründen Tsukuru aus der Gruppe ausgeschlossen wird.Tsukuru ist zutiefst getroffen, zieht sich zurück, blickt in die tiefen dunklen Abgründe einer Depression und versucht sich schließlich umzubringen.
Er überlebt, die erlittenen Verletzungen vernarben mit der Zeit, er lebt ein normales Leben, und lernt nach Jahren, da ist er bereits Mitte dreißig eine Frau kennen, Sarah.Sie verlieben sich, aber Sarah stellt eine Bedingung für eine dauerhafte gemeinsame Beziehung, Tsukuru soll sich seinen Schatten stellen und die Jugendfreunde aufsuchen und nach dem Grund des Ausschlusses fragen. Eine murakamische Odyssee beginnt.
Der Plot ist spannend, aber die Sprache Murakamis ist manchmal zu trivial.Es liest sich dann wie ein Jugendbuch.
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TOP 500 REZENSENTam 11. Januar 2014
Murakami feiert morgen seinen 65. Geburtstag, sein neuer Roman rast mit Lichtgeschwindigkeit auf Platz 1 der amazon-Liste...sein Erfolg ist auch u.a. auch für Kritiker nicht ganz nachvollziehbar. In seinem neuen Roman, scheint er den Nerv den Zeit zu treffen: Er schildert Traumsequenzen, die sich zwischen Realität, Unterbewusstsein, Grenzen und vielleicht deren Übergänge bewegen. Es skizziert den Beginn von Liebesgeschichten, unausgedrückten Liebesbezeugungen, die Frage nach den den wichtigsten Werten durchzieht - wie ein stiller Ton diesen Roman. Der Hang zum Suizid und dem was ihn nährt spielen hier genauso eine wichtige Rolle, wie etwa die Erfahrung von Verlust, der Wert von Freundschaft und sie Sehnsucht nach Liebe. Ein Cocktail, der wohl den Erfolg den er auch in seinem Land feiert, erklären lassen dürfte. Glaubt man den Zahlen in den Medien, hat er alleine in Japan schon 1. Mio. Exemplare verkauft, eine gigantische Zahl. Das Phantastische hat genauso hier ein Schwergewicht, wie die Fähigkeit - Menschen an ihren inneren Abgründen zu beschreiben. Ein Buch das sich zwischen der Polarität von Glück und Unglück bewegt. Menschen bewegen sich an Abgründen, erleben Verluste und sehnen sich nach Liebe, und all das nicht selten verloren in der eigenen Introvertiertheit und dem Alleingelassensein, ein Puls der zweifelsohne die heute Welt kennzeichnet und von Murakami treffender und ausgezeichneter nicht geschildert werden könnte. Nicht zu vergessen, dass Japan meines Wissens immer noch bis dato die höchste Selbstmordrate vorzuweisen hat. Doch keine Angst es geht hier nicht um Selbstmord, sondern u.a. um unsere innere Entsprechung dazu.

Tsukuru Tazaki ist der stille Held in diesem Roman. Beruflich scheint sein Leben zufrieden zu sein, er baut Bahnhöfe und hat ein geregeltes Leben. Doch die Vergangenheit sitzt wie ein tiefer stiller Schmerz in seinem Herzen. Privat ist sein Leben mehr als grau. Wir begegnen dem 36-Jährigen am Anfang des Buches in seiner Todessehnsucht. Grund dafür liefert die nicht ganz durchschaubare Zeit seiner Jugend- und Studienzeit. Eine damalige Clique von 5 Leuten (2 Mädchen / 3 Jungen) inkl. ihm, haben ihn ohne ihn aufzuklären, die Freundschaft aufgekündigt. Das komische daran ist, dass er nie nachgefragt hat. Für mich der einzige Schwachpunkt in dieser Geschichte, aber vielleicht soll das ja ev. die japanische Mentalität vor Augen führen, wer ausgeschlossen wird, fragt nicht nach. Der junge Tsukuru sehnt sich nach einer Freundin, beschreibt erotische Träume, erste Erfahrungen mit S*x bis er Sara kennenlernt, die spürt, dass er etwas Vergangenes nicht verarbeitet hat. Als sie ihn konfrontiert, macht sie eine Aufarbeitung und Klärung jener unaufgedeckten Geschichte zu einer Bedingung um überhaupt eine Beziehung zu führen. Die Sehnsucht nach Liebe konfrontiert ihn also damit, seine Vergangenheit aufzusuchen, und er beginnt seine damaligen Freunde, auf Drängen seiner Freundin aufzusuchen, um Licht in eine unausgedrückte Vergangenheit zu bringen. Was er nicht weiss: Das eines der Mädchen ermordet wurde. Murakami hält den Leser verhältnismässig lange hin, bis irgendwann klar wird, dass offenbar Tsukuru mit jenem Mord etwas zu haben muss, ohne nicht zuviel hier zu verraten.

Das Besondere an diesem Roman ist, dass ein introvertierter jungen Mann, der an inneren Abgründen steht, mit der Liebe zu einer Frau, seine eigene Vergangenheit beginnt aufzuarbeiten. Es braucht keinen grossen Aufwand bis er sich entscheidet, jene ehemaligen Freunde aufzusuchen, die ihm einst viel bedeutet haben, um heraus zu finden, was die Gründe jenes Ausschlusses waren. Somit ist dieses Buch auch ein Buch nach inneren Werten, der Bedeutung von Glück und die Frage danach, in welchem Verhältnis Liebe, Glück und Unglück zugleich bedeuten kann. Murakami versteht es die innere Auslotung seines Protagonisten in einer Weise nachzuzeichnen, die mehr als nachvollziehbar erscheint, nimmt man einmal jene erwähnte Einschränkung vorne weg. Der Wille Vergangenheit aufzuräumen um Liebe in der Gegenwart zu ermöglichen, ist ganz sicher eines der Themen um die es hier geht. Es ist aber auch eine Suche nach der Wahrheit, nach dem was Menschen bewegt Freundschaften zu kündigen, Erlebtes zu verschweigen, stilles Leid für andere unsichtbar zu halten. Mit dem Aufbruch, die damaligen Freunde aufzusuchen, beginnt auch eine Suche nach sich selbst und das Ziel sich selbst zu finden. Alleine schon wie Murakami versteht, Se*ualität zu schildern ist ein literarischer Genuss, den man selten so lesen kann. Und doch wandert dieser Roman, zwischen Tagtraum und Realität, zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Farben und Farblosigkeit, zwischen Abgrund und Sehnsucht und Glück und Unglück. Doch die Liebesgeschichten bleiben bei Murakami offen, erreichen nie wirklich eine bis zum Schluss erlebte Ganzheit, nein, vieles lässt er offen, will gar nicht vollenden. Mit Sicherheit trifft Murakami den Nerv unserer Zeit, weil er Menschen beschreiben kann, die zwischen Sehnsucht und Abgrund, ihre eigene Identität suchen und auszuloten beginnen, auch wenn es nicht einfach für sie ist. Das sind Polaritäten, in denen sich meiner Meinung kein Leben entziehen kann, im Gegenteil. Genau hier findet Leben statt, genau hier entscheidet sich, welche Weichen Menschen in ihrem Leben stellen. Es ist der authentische Versuch, dem Leben so etwas wie Glück abzuringen, das vielleicht nie wie hier, ohne Liebe möglich wäre. Auch wenn mich dieses Buch nicht ganz zu 100% überzeugt hat, sei doch eines gesagt: Haruki Murakami ist ein fantastischer Autor. Eine zweideutige Aussage, die wirklich auch so gemeint ist. (Phantasie und Qualität auf höchstem Niveau) In der Gegenwartsliteratur gehört er zweifelsohne zu den Besten, die wir derzeit lesen dürfen. Und: Klar dürfte sein, dass Leser sich auch für frühere Bücher interessieren, weil man Lust bekommt noch mehr von diesem Autor zu lesen, inkl. mir.

Detail: Der klasse gemachte Schutzumschlag ist ein Wirklicher, den man sich öfters so wünschen würde! (Und seinen Namen erstmals richtig verdient.)
Und: Der Autor ist begeisterter Marathonläufer und sagte in Kyoto an Universität im Mai 2013, er möchte noch 85 Marathons laufen…

Empfehlung.

Nachtrag: (12.1.2014)

Das zuletzt neu übersetzte Buch von Murakami: Südlich der Grenze, westlich der Sonne (vom Mai 2013 / aus dem Japanischen übersetzt) das ursprünglich unter dem Titel "Gefährliche Geliebte: Roman" (2000 / aus dem Englischen übersetzt) veröffentlicht wurde, hat mir persönlich jedoch besser gefallen und konnte mich auch vollends überzeugen. Eine Neuübersetzung die für mich wirklich Sinn macht und weniger mit "Geldmacherei" zu tun hat, als damit, dem erstklassig geschriebenen Werk eine neue Frische zu verleihen, die sich auch im Lesegenuss bemerkbar machen dürfte. Neuübersetzungen sind vielleicht nicht immer besser, diese jedoch (vom Original und nicht vom Englisch übersetzt) ist wirklich gelungen. Viele Buchhandlungen haben heute beide Ausgaben, so dass man getrost sich beide Exemplare in eine ruhige Ecke nehmen kann, um Textpassagen zu vergleichen…Was man natürlich getrost auch mit 2 kostenlosen Leseproben einer Kindle -oder sonstigen ebook-Version machen kann…(Beide Versionen sind als ebook verfügbar)
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am 9. Februar 2016
Achtung Spoiler.

Ich gehöre zu den Leuten die keine Lust haben, sich nach dem Ende eines Buches oder auch Filmes Gedanken darüber zu machen, wie die Geschichte weitergehen könnte. Daher war dieses Buch nur eines mehr in einer langen Reihe von Büchern wo ich vom Ende enttäuscht war. Ich hätte gerne gewusst, ob er seine Traumfrau kriegen konnte und was es mit dem anderen Mann auf sich hatte. Die Sache mit seinem Freund, der ihn nach ein paar Monaten wieder verlassen hatte, fand ich auch seltsam, genau wie die Geschichte die dieser erzählt hatte irgendwie nur eine Geschichte in der Geschichte war. Eine interessante Geschichte, die aber keinen Bezug zum Rest des Buches hat und auch wieder nur offene Fragen zurücklässt. Naja. Also ich finde die Geschichte hört zu früh auf, da wäre noch Potenzial gewesen. Zumindest das Anfangsmysterium wurde aufgeklärt, das war ja auch wichtig.
Ansonsten mag ich den Erzähl-/Schreibstil von Murakami sehr gerne, kann seine Bücher recht flüssig lesen wo ich sonst oft Konzentrationsprobleme habe und Absätze mehrmals lesen muss bis ich das Gefühl habe sie bewusst gelesen und verstanden zu haben. Aber bei ihm passiert das selten, also lese ich seine Bücher sehr gerne. Manche Leute haben anscheinend Probleme mit der Übersetzung ins Deutsche, die nehmen es wohl sehr genau, mir macht das garnichts aus, solange es Sinn macht. Er kann sehr schön und bildhaft Szenerien und Landschaften beschreiben, man fühlt sich direkt vor Ort; dies und die Melancholie in seinen Büchern mag ich am liebsten. Zumindest die, die ich bisher gelesen haben waren immer ein bißchen traurig. Jetzt habe ich Sputnik Sweetheart angefangen, mal sehen ob sich da auch solche Gefühle einstellen.
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TOP 500 REZENSENTam 8. Mai 2016
Tsuruku Tazaki ist 36 Jahre alt und ein Experte für Bahnhofsbau. Er lebt zurückgezogen in Tokio, macht die eine oder andere Dienstreise, erlebt ab und an eine Affäre, führt aber ansonsten eine Nischenexistenz. Erst seine Bekanntschaft mit der erfolgreichen Reisekauffrau Sara Kimoto zwingt ihn, sich über sein bisheriges Leben Rechenschaft abzulegen. So wie Murakami Tazakis Leben in unterschiedlichen Rückblenden darstellt, war es ein Leben, das von einem wesentlichen Verlust geprägt wurde, denn unmittelbar nach Abschluss der Oberschule in Nagoya war er von seinen vier besten Freunden, mit denen er bis dahin ein Herz und eine Seele gewesen war, ohne Begründung aus dem gemeinsamen Kreis ausgestoßen worden. Bei diesen vier Freunden handelte es sich um den hochintelligenten Aka, den sportlichen Oumi, die schöne Shirane und die kesse Kurono, deren Namen übrigens alle eine Farbanspielung beinhalten, während allein Tsuruku Tazakis Name mit Farben nichts zu tun hat, im Sinne des Buchtitels also „farblos“ ist. Die unerklärliche Verstoßung führt bei Tsuruku Tazaki zu regelrechten Todessehnsüchten und körperlichem und sozialem Verfall, von denen er sich erst nach geraumer Zeit befreien kann. Maßgeblichen Anteil an dieser Befreiung gewinnt die Freundschaft mit dem Physikstudenten Haida, einer klassisch gebildeten und philosophisch interessierten Persönlichkeit, die Tazaki eine Reihe von Denkanstößen vermittelt, unter anderem die Bekanntschaft mit Liszt „Le Mal du pays“, einem Klavierstück, das auch die schöne und musikbegabte Shirane gerne gespielt hat. Es wäre vielleicht keine schlechte Idee, sich dieses Klavierstück von YouTube herunterzuladen und als Hintegrundmelodie zur Lektüre dieses Buches zu hören.
16 Jahre nach der Verstoßung Tsuruku Tazaki macht sich der Protagonist nun also nach Nagoya auf, um endlich den Grund für seine Verstoßung herauszufinden. Der ehemals so sportlich Aka arbeitet inzwischen als erfolgreicher Lexus-Verkäufer für Toyota, der intelligente Oumi hat sich in der Personaloptimierung selbständig gemacht. Von ihnen erfährt Tazaki zu seiner grenzenlosen Überraschung, dass die schöne Shirane vor sechzehn Jahren behauptet hatte, von ihm, dem blassen Tsuruku Tazaiki, bestialisch vergewaltigt worden zu sein. Die Beweise für eine echte Vergewaltigung der sogar eine Schwangerschaft und eine Totgeburt folgte, waren so überwältigend, dass die drei Freunde Shirane glaubte und den Kontakt zu Tazaki abbrachen, obwohl mit der Zeit immer mehr Zweifel aufkamen. Zu allem Unglück war Shirane nach diesen Vorfällen seelisch und musikalisch retardiert und am Ende in einer Provinzstadt von einem ungekannten Mörder getötet worden. Shiranes Freundin Kurono, die sich eine Zeitlang um die labile Shirana gekümmert hatte, war vor dieser sozialen Last noch vor dem Mord mit ihrem finnischen Ehemann nach Helsinki geflohen, wo Tazaki sie schließlich überraschend besucht. Im Gespräch zwischen Kruno, die inzwischen finnische Staatsbürgerin geworden ist, und Tazaki werden das gemeinsame Leben der Fünfergruppe und seine damals unbemerkten Bruchstellen noch einmal aufgerollt. Wie sich zeigte, war der Freundeskreis nicht lange nach dem Ausstoß Tazaikis auseinandergebrochen, weil bald keiner dem anderen mehr etwas zu sagen hatte. Am Ende des Buches kehrt Tazaki nach Tokio zurück, resümiert sein Leben und seine weitgehend falsche Selbstwahrnehmung und gesteht der Reisebürokrauffrau Sarah seine Liebe
So erzählt, ist es nicht ganz einsichtig, warum das Buch mich spontan derart in Beschlag nahm. Wahrscheinlich war es der thematische Aufhänger des „Ausschlusses“ einer Person aus einer Gruppe, der mich interessierte, weil ich derzeit ähnliches zwar nicht erlebe, aber deutlich empfinde. (vgl. auch den Voodoo Tod“ in Junot Diaz „Oskar Wao“). Außerdem ist die Diktion in der wunderbaren Übersetzung von Ursula Gräfe ungemein eingängig, es ist eine Sprache in der man sich geborgen fühlt und die man endlos weiter lesen könnte. Murakami gelingen einer Reihe von herrlichen Sätzen und Bildern, etwa die vom „Talent“, das einem „Gefäß“ gleicht, in das man noch so viel hineinschütten könnte, ohne dass es größer wurde, dem überraschenden „Verblassen“ von Menschen, so dass man unwillkürlich eine Fernbedienung mit Scharfeinstellung vermisst. Alle Figuren bis hin in die Nebendarsteller sind scharfsinnig und akribisch ausgeführt, wenngleich die dabei verwendete Psychologie etwas Werkzeughaftes besitzt. Wie immer bei Murakami stößt man sich allerdings auch an der einen oder anderen Formulierung, die eher an Bastei-Lübbe Romane erinnert als an das Buch eines großen Erzählers - wie etwa „Das meiste staute sich unausgesprochen irgendwo in den Tiefen ihrer Seele“ oder die Wendung, „Schamhaar, so feucht wie der Regenwald“, bei denen sich mir unwillkürlich die Frage aufdrängt: War das Absicht oder hat der Lektor gepennt?
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am 21. Februar 2016
Das Buch ist in einer wunderschönen, bildhaften und lebendigen Sprache geschrieben. Die Geschichte etwas melancholisch, bedrückend... aber einfach schön. Ich habe lange kein so gutes Buch mehr gelesen.
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am 6. Februar 2017
Schwer zu sagen. Wie alle Bücher von Murakami ist auch dieses schwerstens aus der Hand zu legen, aber es gibt ein aber und das liegt für mich in der Vorhersehbarkeit oder dem Mangel an echten Überraschungen. Das muss natürlich kein Nachteil sein, aber der Aufbau der Geschichte hat mich gewissermaßen auf überraschende Wendungen eingestimmt - die dann nicht kamen. Aber wie auch immer: Wer Murakami mag, wird auch dieses Buch mögen und die Rezensionen zeigen ja, dass es für die meisten ein großes Lesevergnügen ist.
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TOP 500 REZENSENTam 11. April 2014
Ein weiterer entwurzelter männlicher Charakter in der weiten Welt de Haruki Murakami. Der Mitdreißiger Tsukuru Tazaki lebt alleine in Tokio und arbeitet für ein Unternehmen, welches Bahnhöfe baut und instandhält. Seiner neuen Freundin Sara vertraut er das große traumatisches Ereignis seiner Jugendjahre an. Mit 20 wurde er ohne Angabe von Gründen von seinen vier besten Freunden aus der gemeinsamen Clique verstoßen. Seitdem quält Tsukuru die Frage, warum die Menschen, die ihm am nächsten standen, dies angetan haben. Sara setzt ihm die Pistole auf die Brust: Er darf sie erst wiedersehen, wenn er seine ehemaligen Freunde aufgesucht und zur Rede gestellt hat. Also begibt sich Tsukuru auf eine bewegte Reise in seine Vergangenheit, die ihn in seine alte Heimatstadt Nagoya und ins ferne Finnland führt.

"Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" beinhaltet alle bekannten Elemente eines Murakami-Romans: Der Protagonist driftet teilnahmslos durch sein eigenes Leben, bis er irgendwann, animiert durch ein mal weltliches, mal übernatürliches Ereignis, aus seinem Trott gerissen wird und sich auf die Suche nach seinem "wahren Selbst" macht. Garniert wird diese Sinnsuche mit zum Teil unfreiwillig komischen Sprüchen wie: "Gedanken sind wie Barthaare. Sie sprießen erst, wenn man erwachsen ist" (52). Fairerweise muss man dazu sagen, dass im japanischen Original wahrscheinlich tiefsinnige Bemerkungen im Übersetzungsprozess des Öfteren auf das Niveau von Kalenderblättchenweisheiten reduziert werden. Doch auch wenn sich Murakami stets haarscharf an der Grenze zum Kitsch bewegt, besitzen seine Romane eine Anziehungskraft, der man sich auch als nicht Kitsch-affiner Leser schwer entziehen kann. Die emotionale Leere und Einsamkeit der Charaktere sind überzeugend dargestellt, ebenso wie die Sehnsucht nach so etwas wie Sinn bei der kleinsten sich offerierenden Gelegenheit. Die Verkaufszahlen belegen, dass Murakami mit dieser Mischung einem Bedürfnis der Gegenwart entspricht.

Fazit: Billiger Wohlfühlschund? Große Literatur? Darüber werden sich Leser und Kritiker wohl noch lange die Köpfe heiß diskutieren. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen und jeder muss selbst entscheiden, in welche Kategorie er Murakami einzuordnen gedenkt.
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