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am 7. Februar 2017
Der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat mit „Der große Krieg. Die Welt von 1914 bis 1918“ ein Werk abgeliefert, das vor allem durch seine umfassende und vielfältige Analyse der politischen Umstände in Deutschland glänzt. Besonders fruchtbringend erscheint dabei der spieltheoretische Ansatz, auch anderen Möglichkeiten des Verlaufs der Geschichte zu folgen, um den fatalistischen Charakter späterer Zuschreibungen zu entlarven. Das anekdotische und erzählerische Können eines Christopher Clark, beobachtbar etwa in dessen hochgelobtem Überblickswerk „Die Schlafwandler“, geht dem Berliner dagegen ab. Da helfen auch keine Zitate aus literarischen Werken und Briefen. Gerade durch den Verzicht auf vergnügliche Episoden und den allzu lässigen angelsächsischen Plauderton gewinnt Münklers Buch jedoch an Schärfe und Tiefe. Kaleidoskopisch lässt der Politikwissenschaftler die Kriege in den deutschen Kolonien einfließen, reflektiert über Heldenbilder, Kriegszieldiskussionen und militärische Strategiewechsel. Die Schilderungen einzelner Schlachtverläufe geraten vielleicht mitunter arg aufzählungsartig. Jedoch: Wie soll's anders gehen? Interessant dürfte sein, wann und ob jemals Münklers relativierende Erkenntnisse etwa zum vorgeblich preußischen Super-Militarismus oder den angeblich dominierenden alldeutschen Kriegszielen Einzug in den Geschichtsunterricht halten, oder ob man dort weiter auf dem Forschungsstand vor 40 Jahren verharrt. Die gleiche Überlegung gilt für die weit ausholenden Überlegungen zur Problematik der erneuten Mittellage Deutschlands oder auch Münklers Analogien zum geopolitischen Problem Chinas, hier allerdings in Bezug auf aktuelle Analysen.
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am 14. Juli 2014
Nachdem ich mich durch Leonhards Monumentalwerk "Die Büchse der Pandora" gelesen habe, war ich auf "den Münkler" natürlich neugierig. Obgleich das selbe Thema Gegenstand ist, hält man hier jedoch ein Buch mit einem völlig anderen Ansatz in der Hand. Münkler streift so z.B. die Vorgeschichte (Attentat von Sarajewo, Juli-Krise) nur oberflächlich. Auch die Phase der gegenseitigen Kriegserklärungen reisst er nur knapp an.

Es folgt eine ausführliche Diskussion des deutschen Angriffsplans ("Schlieffen-Plan") im Stil eines "Was-wäre-gewesen-wenn" und die ebenso ausführliche Schilderung der ersten Kriegsphase bis zum Stillstand des Angriffs an der Marne.

Dieser Logik folgend handelt Münkler die einzelnen Kriegsphasen - die Materialschlachten von 1916, Verdun usw. - anschaulich und fast schon dokumentarisch spannend beschrieben ab. Auch Österreich-Ungarn und dessen fast-Untergang in den ersten Kriegsjahren kommt nicht zu kurz (ohne darauf hier im Detail eingehen zu können - und wollen).

Ziemlich in den Hintergrund tritt indessen ein Hauptanliegen des Leonhard'schen Werks, nämlich der Blick auf die Entwicklung der Kriegsgesellschaften und des sozio-ökonomischen und -kulturellen Umfelds in der kriegsteilnehmenden Ländern. Hier treten die ganz unterschiedlichen Ansätze der beiden Autoren am deutlichsten zutage.

Den dramatischen Ereignissen während der letzten deutschen Offensive 1918 bis hin zu den Waffenstillstandsverhandlungen ist der letzte Teil des Buchs gewidmet. Breiten Raum nimmt hier die Person Ludendorffs und die Diskussion seines Verhaltens bis hin zum Ende des Krieges ein. Überhaupt zieht sich die Schilderung der Entwicklung des Duos Hindenburg-Ludendorff von Kommandeuren an der Ostfront bis hin zur de facto Militärdiktatur wie ein roter Faden durch das Geschehen.

Den Abschluss bildet (wie bei Leonhard) einen Ausblick auf die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs bis in die Gegenwart - wobei ich die Parallele, die Münkler zwischen dem Einkreisungsempfinden der Deutschen vor 1914 und dem China heutiger Tage zieht - für reichlich gewagt halte. Aber auch hier bleibt Münkler eher an der Oberfläche und verzichtet auf eine detailliertere Ausarbeitung.

Was bleibt zurück ?

Der Eindruck eines - im Vergleich zu Leonhard - "populärwissenschaftlicheren" Werks, das zwar alles Wesentliche abhandelt, dabei aber einen eher oberflächlichen Eindruck macht. Analysen in die Tiefe der Kriegsgesellschaften bleiben aus und wenn es sie doch hin und wieder gibt, nehmen sie nur geringen Raum ein.

Mitreissend und spannend ist hingegen die Schilderung der Ereignissen an den verschiedenen Fronten die - wiederum im Gegensatz zu Leonhard - bildreich, spannend und mit vielen Details erzählt werden.

Dieser Gegensatz macht "den Münkler" sicher zum leichter zugänglichen Werk über ein extrem komplexes Thema, ja fast schon zur Einstiegsliteratur. Wer den Blick "in die Tiefe" sucht, greife lieber zu Leonhard.

Nichtsdestoweniger hat mich das Buch berührt und in den Bann gezogen. Hintergründe, die Münkler auslässt, habe ich dabei mit den sehr gründlichen Analysen von Leonhard aufgefüllt. Insofern also vielleicht doch keine Gegensätze sondern zwei wichtige Bücher über eine ebenso wichtige Epoche, die sich gut ergänzen.
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TOP 100 REZENSENTam 24. August 2017
Ironischerweise war das Attentat in Sarajewo schon fehlgeschlagen, als die Bombe des Attentäters nicht Franz Ferdinand sondern dessen Adjutanten getroffen hatte. In jedem Land der Welt hätte die Security den Thronfolger sofort aus dem Verkehr gezogen und vom Ort des Anschlags entfernt.
Nicht so in Sarajewo. Entgegen aller Vernunft bestand Franz Ferdinand darauf, erneut durch die Stadt zu fahren und beschwor damit seinen Tod herauf. Denn es gab genug Warnungen, dass sich nicht nur ein Einzeltäter, sondern eine ganze Gruppe von Verschwörern in der Stadt befand.
Franz Ferdinand blieb sich treu und wich nicht zurück. „In Gefahr sind wir immer“ soll er gesagt haben, bevor er in Gavrilo Princips Schusslinie kam, und er hatte wohl Recht. Die Serben waren entschlossen ihn zu töten, da er das größte Hindernis für ihre großserbischen Träume war. Wenn nicht in Sarajewo, dann hätten sie ihn an einem anderen Ort erwischt, vielleicht in Ungarn bei einer Inspektion der Honved-Truppen vier Wochen später. Die vier zusätzlichen Lebenswochen hätten am Ausbruch des ersten Weltkriegs wenig geändert.
Wohl aber an dessen Verlauf! Franz Ferdinand stand im Juni 1914 kurz davor, seinen Generalstabschef Conrad von Hötzendorf zu entlassen, da er mit dessen Strategie und vor allem mit dessen fehlender Kooperationsbereitschaft mehr als unzufrieden war. Dazu kam es nicht mehr und so führte Hötzendorf die k.u.k. Armee mit Pomp und Hurra in die Niederlage.
Es mutet heute seltsam an, dass Conrad bei den damaligen Entscheidungsträgern als strategisches Genie galt. Allein die Besessenheit, mit der er der verheirateten Gina von Reininghaus nachstellte statt sich bei seinen Truppen sehen zu lassen, lässt an seiner Vernunft zweifeln. Genial waren wohl nur sein Geltungsbedürfnis und die Überzogenheit seiner Pläne, die nicht durch lästige Details wie taktische oder logistische Durchführbarkeit getrübt werden durften. Truppenstärke, zahlenmäßige Unterlegenheit, Geländegängigkeit – ja wen kümmert denn sowas? Sicher nicht einen famoser Geist wie Conrad, der die grandiose Idee der Umfassungsschlacht erfunden hatte, leider ohne die Panzer zu besitzen, die dafür nötig sind und mit Pferden ging das zuletzt bei Cannae gut. Conrad fühlte sich als neuer Hannibal, war aber leider 2100 Jahre zu spät dran. So verlor er ausnahmslos jede Schlacht, die er planen durfte, bis ihm das Deutsche Armeekommando das Heft aus der Hand nahm und auf allen Kriegsschauplätzen siegte, auf denen Conrad zuvor verloren hatte. Als er schließlich zum Armeekommandanten von Südtirol degradiert wurde, nutzte er diese Position, um auch die letzte Schlacht an der Piave zu vermasseln und damit das Ende der Monarchie zu besiegeln.
Den kriegsentscheidenden Fehler machte er bereits in den ersten Wochen. Statt sich an die Vereinbarung mit den Deutschen zu halten und sich den Russen im Osten entgegenzustellen bis die Deutschen die Franzosen besiegt hatten, schickte er einen Großteil seiner Truppen in den Balkan, um Rache an Serbien zu nehmen. Damit schenkte er dem Zaren den Sieg in Galizien. Die Deutschen, die kurz vor der Einnahme von Paris standen, mussten Truppen in den Osten schicken und damit brach der Schliefen-Plan in sich zusammen, der den Sieg im Westen hätte bringen sollen. Schuld waren die Österreicher, die damit jedes militärische Renommee verspielt hatten, oder besser gesagt ein Österreicher, der vermeinte, dass er allein etwas von Strategie verstünde: eben jener großartige oder besser gesagt größenwahnsinnige Generalfeldmarschall Franz Graf Conrad von Hötzendorf, Chef des Generalstabs für die gesamte bewaffnete Macht Österreich-Ungarns. Siehe auch: 4 Wochen für Franz Ferdinand: 1918 So hätte Deutschland den Krieg gewonnen und die Welt gerettet!
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Der 1. WK war gerade gestern: erst 100 Jahre ist es her, 4 Generationen weiter ist jetzt auch der letzte Kriegsteilnehmer gestorben und doch war es der erste weltweite und vor allem der furchtbarste Krieg aller Zeiten! Professor Herfried Münkler arbeitet diesen Stoff in hervorragender Weise in seinem neuen, fast 1000 Seiten starken, Buch auf und leitet von diesem Krieg alle anderen nachfolgenden Kriege ab! "Wenn wir den Ersten Weltkrieg nicht verstehen, wird uns das ganze 20. Jahrhundert ein Rätsel bleiben", heißt es in Herfried Münklers Buch und der Historiker führt weiter aus: "Vom Zweiten Weltkrieg bis zu den Balkankriegen der 1990er Jahre lasse sich alles daraus erklären!" Der erste Weltkrieg beendete Vormachtsansprüche, war der Auslöser für das Ende der europäischen Kolonialpolitik, provozierte Revolutionen, implizierte bereits den 2. WK und verteilte die Macht auf der Welt neu auf.

Deutschland war in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg erstarkt und stark militarisiert. Wenn sich das auch nicht in den Statistiken der Waffenkäufe niedergeschlagen hatte, so war doch jeder kleine Junge in Marineuniform gekleidet, jeden Sonntag gingen in ganz Deutschland Heerscharen von uniformierten Männern mit schönen Frauen am Arm durch die Parkanlagen Deutschlands! Man war stolz auf sein "Vaterland", auf seine zahlreichen Kolonien, über denen die Sonne nie untergegangen ist. Diese Kolonien hatte Deutschland nach langem Zögern als letztes europäisches Land erworben und versuchte mit Hochdruck, den Rückstand der kolonialen Entwicklung gegenüber Frankreich, England, Italien und Spanien aufzuholen. Eine riesige Flotte wurde in Auftrag gegeben, "die Zukunft Deutschlands liegt auf dem Meer" (Kaiser Wilhelm), die neuesten Hightech Waffen (P 08, K98, Krupp Kanonen, Maschinengewehre, Handgranaten), die Technologieträger der damaligen Zeit (U-Boote, Kampfflugzeuge) standen für den ersten Einsatz bereit und der leidenschaftliche Patriotismus unter der Bevölkerung kannte keine Grenzen mehr! Gleichzeitig erlebten in dieser Zeit viele Länder der Erde, allen voran die USA, einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufstieg. Waffen waren zu dieser Zeit weltweit ein besonders gefragtes Handelsgut, sie waren "à la mode". Der preußische Militarismus mit Pickelhaube und Hurra-Patriotismus stand dabei an erster Stelle und gerade das wurde den Deutschen im Nachhinein zum Verhängnis! Durch die übertriebene Verherrlichung des Krieges in allen Gesellschaftsschichten war das Bild vom Kriegstreiber Deutschland in aller Munde. Und doch war gerade Deutschland für einen Angriffskrieg schlecht gerüstet: es fehlten Reserven an Nahrung und Munition, es fehlten Divisionen für einen 2 Frontenkrieg, man konnte also strategisch gesehen nur von einem sehr kurzen Krieg ausgegangen sein.

Das Attentat von Sarajewo verzeichnet Münkler als einen Zufall, einen Funken, den das kriegsbereite Europa benötigte. Anders als Clark sieht er den Auslöser nicht in den Spannungen im Balkan, sondern in der allgemeinen weltpolitischen Lage. Weder Clark, noch er, und auch nicht die berühmte amerikanische Historikerin Barbara Tuchman ("August 1914"), geben den Deutschen die Alleinschuld am Kriegsbeginn. Man glaubte damals an einen schnellen Sieg, einen Krieg à la 1870, in dem alles überrannt wird und es zu schnellen Friedensverhandlungen kommen würde. Eine bedeutende Anzahl von deutschen Männern meldete sich freiwillig an die Front und der Jubel war im August 1914 unbeschreiblich. Erst als die ersten Divisionen aufgerieben nach Hause kamen, es in vielen Truppenteilen 80% Verluste gab und man das Gemetzel des Stellungskrieges erkannte, das unbeschreibliche Grauen dieses Krieges in der eigenen Familie sah, schlug die Stimmung um. Aber es war zu spät. Die Wunderwaffen auf beiden Seiten brachten keine Entscheidung, die Armeeführer konnten mit den modernen Waffen (Maschinenkanonen, weitreichende Artillerie) nicht umgehen und schickten die Soldaten massenhaft ins Feld wie zu Zeiten der Völkerschlacht von Leipzig!

Viele Intellektuelle verklärten den Krieg als Heldentat, als Kampfzone für innere Einheit und sittliche Läuterung. Für Herfried Münkler ist diese Erkenntnis aus dem großen Krieg "tragisch", aber wahr. Viele Intellektuelle stellten sich für diesen "Schützengraben-Sozialismus" in den Dienst der Sache. Doch dann scheiterten Politik und Militär an einer "Mischung aus Großmannssucht und Ängstlichkeit", wie Münkler ausführt. Der große Krieg, "la grande guerre", kostete am Ende 17 Millionen Menschen das Leben, ohne dass es zu einer Entscheidung gekommen wäre. Es gab zahllose Schlachten, viele Siege und doch war man in 4 Jahren keinen Schritt weiter gekommen. Die Kapitulation des immer noch starken Deutschlands wurde dann auch als Verrat aufgefasst, verursachte Revolutionen und war die starke Keimzelle für den 2. Weltkrieg.

Münkler beschreibt die Auslöser des 1. WK vor allem aus deutscher Sicht und nicht aus Sicht der anderen Großmächte oder gar der Balkanländer. Das Leiden der Soldaten, diese unglaublich menschenfeindliche Komponente des Krieges, kommt hier zu kurz- es ist ein militärpolitisches Werk.

Fazit:

Ein Gesamtkunstwerk zum besseren Verständnis der Geschichte Deutschlands hat uns Professor Münkler hier vorgelegt! Aber es ist vor allem ein Wegweiser durch die nachfolgenden Zeiten - 2. WK, Balkankriege der 1990er - der uns die Augen öffnen soll und uns immer wieder einen Spiegel vorhält. Nur wer die Geschichte versteht, versteht auch die Zukunft, möchte man meinen, und Münkler mahnt an, mit der neuen wirtschaftlichen Stärke Deutschlands behutsam umzugehen, aus den Erfahrungen von 1914 zu lernen....
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am 9. Dezember 2013
Einen ausführlichen Vergleich mit dem neuen Buch von Jörn Leonhard habe ich bei Leonhard geschrieben.

"Aus keinem Krieg kann soviel gelernt werden wie aus dem Ersten Weltkrieg", schreibt der Politologe (nicht Historiker!) Herfried Münkler in seinem 900 Seiten Buch. Als Politologe stellt Münkler daher immer wieder gerne Bezüge zur Gegenwart her, etwa zum Jugoslawienkrieg, dies unterscheidet das Buch von den vielen anderen neuen Publikationen zu diesem Thema.
Anders als Historiker stellt Münkler taktische und strategische Fragen in den Vordergrund. Er erklärt zum Beispiel die Paradoxien der Politik und des Krieges so: Deutschland hat den Krieg verloren, weil seine Führung nicht begriffen hat, dass man nach großen militärischen Erfolgen politisch bescheiden auftreten und eine Verhandlungslösung anstreben sollte. Stattdessen wuchsen nach den ersten Siegen nur die Ansprüche. Den gleichen Fehler machten die Alliierten später bei den Friedensverhandlungen 1919.

Faszinierend auch Münklers Analyse der Entscheidungsprozesse, die zur Schlacht von Verdun führten. Überraschend die ökonomischen Folgen des U-Boot Krieges für Deutschland.

Aha-Effekte stellten sich beim Lesen des Öfteren ein. Wo Historiker nur darstellen, versteht man bei Münkler plötzlich die Entscheiduntsprozesse und deren manchmal unvorhersehbaren Folgen.

Was die Ursachenanalyse betrifft, folgt Münkler dem Bestsellerautor Clark: Er verteilt die Verantwortung für die Katastrophe auf viele Schultern. Aber auch dem Zufall wird eine große Rolle zuerteilt, beispielsweise beim Attentat von Sarajevo. Wie Clark betont auch Münkler, dass alle beteiligten Protagonisten ihre Verantwortung gerne weggeschoben haben bzw. meinten, sie würden sich in einer Zwangslage befinden und nicht anders entscheiden können.

Leider ist der Untertitel von Münklers Buch, Die Welt 1914 - 1918". missverständlich. Denn Münkler beschreibt das Geschehen vorwiegend aus deutscher Perspektive. Wer wissen möchte, wie die Diskussionen in England, Frankreich, Russland, USA, verlaufen sind, muss zu Clark greifen.

Vor dem Kauf habe ich mir eine ganze Reihe von Büchern zum Ersten Weltkrieg angesehen. Münkler hat für mich am besten abgeschnitten, weil sein Buch glänzend geschrieben und am komplettesten ist.
Trotzdem hätte ich bei Münkler gerne mehr gelesen über die Vorgeschichte des Weltkrieges (Balkankrise) sowie Wirtschaft und Geld.

Münkler konzentriert sich auf den politisch-militärischen Bereich in Deutschland. Er beschränkt sich in der Analyse auf die kurzen Wege in den Krieg", also im wesentlichen Julikrise. Wer zu sehr auf die langen Wege" (Balkankriege) schaut setzt sich dem Vorwurf des Fatalismus aus, so Münkler.

Ich meine, Clark und Münkler ergänzen sich hervorragend: Clark beschreibt den langen Weg zum Krieg bis zum Kriegsbeginn, Münkler setzt die Geschichte bis zum Kriegsende und darüber hinaus fort.
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am 26. Februar 2014
Aus politischer Sicht sehr gut recherchiert und geschrieben. Schliesst sehr gut an "Die Schlafwandler" an für die Zeit nach Kriegsbeginn.
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am 15. Juni 2014
Mit über 900 Seiten werden alle Phasen des Krieges detailliert beschrieben und kommentiert. Man braucht etwas Zeit für diese Werk und einige Passagen hatte ich dann auch nur quer gelesen, was bei diesem Buch durch die klare Gliederung gut geht.

Das Buch stellt sehr gut die Stimmungslage von allen Beteiligten dar, wobei der Schwerpunkt bei der deutschen Seite liegt. Die Zeit meiner Urgroßeltern rückt mit diesem Buch näher, fühlt sich nicht mehr an wie eine längst vergangene Epoche. Man verliert diesen vergilbten schwarzweiß Eindruck von Männern mit Pickelhaube und Krauselbart, die eine blumige Sprache sprechen. Die Zitate aus Kriegstagebüchern und Briefen zeigen Menschen, die genauso aus dem zweiten Weltkrieg oder noch jüngerer Zeit stammen könnten.

Erstaunt hat mich, wie viele technische Entwicklungen in dieser Zeit schon zur Verfügung standen bzw. fertig gestellt wurden. Davon hatte ich zwar auch vorher schon einiges gewusst, doch hier wird die Entwicklung nachvollziehbar chronologisch aufgeführt.
Dieser Krieg endet völlig anders als der zweite Weltkrieg und der Autor macht gut verständlich warum das Entsetzen nach dem Versailler Vertrag so groß war.
Klare Empfehlung
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am 9. Februar 2014
"Der Große Krieg" von Herfried Münkler ist die erste größere Gesamtdarstellung des Ersten Weltkriegs aus der Feder eines deutschen Autors seit der Arbeit Peter Kielmanseggs (Deutschland und der Erste Weltkrieg, Frankfurt a. M. 1968). Freilich stützt sich das im Frühjahr 2009 konzipierte (S. 922), also hastig recherchierte und schnell geschriebene Buch überwiegend auf Sekundärliteratur.

Anders als der Untertitel suggeriert, handelt die Darstellung leider nicht von der "Welt 1914 bis 1918", sondern lediglich von der Welt AUS DEUTSCHER PERSPEKTIVE. Während die Entscheidungen, Entwicklungen und Verhältnisse im Deutschen Reich breit abhandelt werden, müssen sich die anderen kriegführenden Nationen mit spärlichen Bemerkungen begnügen.

Die deutlichsten Akzente setzt Münkler in seinen politischen Analysen. Schon der Buchtitel ist programmatisch, signalisiert er doch, dass der Erste Weltkrieg nicht aus der Perspektive des Zweiten, sondern als eigenständiges Ereignis betrachtet werden soll (S. 11), das uns in gewisser Weise näher steht als die Vorgänge zwischen 1939 und 1945. Die weltpolitische Multipolarität auf die wir uns heute zubewegen, sei zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon Realität gewesen.

Aus Münklers Sicht lässt diese historische Parallele alle Deutungen zweifelhaft erscheinen, die den Kriegsausbruch von 1914 auf zwingende strukturelle Ursachen zurückführen. Wer die Gestaltungsmöglichkeiten der Politik in der Julikrise herunterspiele, müsse sie auch in heutigen Krisen für gering halten. So spreche alles dafür, dass der Krieg durch vermeidbare politische Fehler herbeigeführt wurde. Kapitalistische und imperialistische Rivalitäten, die Mängel der deutschen Verfassung oder der deutsche Militarismus hätten nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Letzterer sei ohnehin relativ gewesen, da der Anteil der Verteidigungsausgaben am Bruttosozialprodukt in Deutschland geringer war als in Frankreich und Russland (S. 63), und das Reich nur etwa 50 Prozent seiner Wehrpflichtigen einberief.

In der Julikrise hätten alle Großmächte Fehler begangen. "Die Zeit der einseitigen Schwarzweißzeichnungen in der Ursachenforschung zum Ersten Weltkrieg ist vorbei ..." (S. 784). Deutschland habe den Österreichern einen Blankoscheck erteilt, Russland den Serben und Frankreich den Russen (S. 100). Der Schlüssel zum Krieg habe in St. Petersburg gelegen. "Hätte man dort auf Mobilmachung und Kriegserklärung verzichtet, so wäre es nur zu einem Dritten Balkankrieg gekommen ..." (S. 101).

Nachdem er durch Ungeschicklichkeit in den großen Krieg hineingeschlittert war, habe der Reichskanzler Bethmann Hollweg bis zu seinem Rücktritt im Juli 1917 einen Verständigungsfrieden angestrebt, sich aber aus innenpolitischen Gründen genötigt gesehen, den Annexionisten Zugeständnisse zu machen. Bethmanns Dilemma sei nahezu unlösbar gewesen. "Um die von den Annexionisten geschürte Erwartung eines deutschen Sieges zu durchkreuzen, hätte er ... die schwierige militärische Lage Deutschlands öffentlich darstellen müssen. Das wiederum hätte die deutsche Position bei den Verhandlungen mit der Entente geschwächt, wenn sie denn unter diesen Umständen überhaupt zustande gekommen wären ..." (S. 624).

Sehr aufschlussreich sind die mentalitätsgeschichtlichen Ausführungen Münklers. Zu den großen Rätseln der Zeit gehört die Kriegseuphorie im Sommer 1914. Zwar betont die neuere Forschung den vorwiegend städtischen und bürgerlichen Charakter des Phänomens, doch mindert dies kaum seine politische Bedeutung. Münkler zufolge hat die Grundstimmung eines Teils der Bevölkerung damals den Charakter eines "mythischen Deutungsschemas" angenommen, das ein Sinnangebot für ALLE Volksangehörigen enthielt, indem es die Ereignisse in ein Gesamtgeschehen von unermesslicher Bedeutung integrierte. "Was auch immer sich im Einzelnen zugetragen haben mag und was die Menschen je empfunden haben - es wurde aufgesogen durch das mythische Schema, das Erlebnis und Empfinden mit Bedeutung ausstattete, beides dem Zufälligen entzog und den Einzelnen somit an etwas Größerem teilhaben ließ. So und NUR SO war, nachdem sich der Mythos erst einmal durchgesetzt hatte, die individuelle Erinnerung an die ersten Augusttage des Jahres 1914 kommunizierbar" (S. 229).

Die ausführliche Schilderung der Kampfhandlungen vermittelt ein recht klares Bild vom Geschehen an den Fronten, einschließlich derer in Nahost und Afrika. Da Münkler aber überwiegend darauf verzichtet, Ausgangsstärken und Verluste der beteiligten Armeen anzugeben, und kaum alternative Operationsszenarien diskutiert, kann der Leser den Ausgang vieler Schlachten nur bedingt nachvollziehen. Welche Erfolgsaussichten der Schlieffenplan oder die deutschen Frühjahrsoffensiven von 1918 hatten, bleibt nach der Lektüre des Buches unklar.

Überzeugend rekonstruiert Münkler den taktischen Lernprozess an der Westfront. Die frontalen Massenangriffe der ersten Kriegsmonate hätten fast zur beiderseitigen Ausblutung geführt. Der Ende 1914 angeordnete Übergang zum Stellungskrieg sei eine Notmaßnahme der militärischen Führungen gewesen, um den Zusammenbruch ihrer Armeen zu verhindern. Tatsächlich habe dieser Schritt die Verluste deutlich gesenkt (S. 298). In der Folgezeit sei es den Militärs gelungen, sich immer besser auf die Bedingungen des modernen Krieges einzustellen. Nachdem von 1915 bis 1917 alle großen Offensiven im Westen gescheitert waren, hätten die Optimierung der Artillerievorbereitung (S. 597; S. 687), die Entwicklung der Stoßtrupps (S. 470) und das Aufkommen der Infiltrationstaktik (S. 688) im Frühjahr 1918 wieder taktische Durchbrüche ermöglicht. Damit war der Stellungskrieg im Prinzip überwunden. Die Panzer erwiesen sich in diesem Zusammenhang als unwesentlich. Ihre große Stunde sollte erst im Zweiten Weltkrieg kommen.

Münklers Antwort auf die Frage, wie die Soldaten das Leiden und Sterben des Grabenkrieges so lange durchhalten konnten, ist originell. Soldaten, deren Überleben die Fähigkeit erforderte, unter Lebensgefahr kaltblütig entscheiden zu können, hätten sich als heroisch betrachten MÜSSEN, um ihre Handlungsfähigkeit zu bewahren. "Man war überzeugt, dass die Niedergeschlagenen und Verzagten mit größerer Wahrscheinlichkeit fallen würden. Zumindest ein wenig heroisch zu sein, wurde in dieser Hinsicht zur Überlebensstrategie" (S. 467). Infolge ihrer Selbstheroisierung hätten die Soldaten den Krieg länger ertragen, als man es sich in der postheroischen Gesellschaft unserer Zeit vorstellen kann.

Anders als die Operationsgeschichte scheinen die sozialen und wirtschaftlichen Aspekte des Krieges Münkler kaum interessiert zu haben. Das Thema ist ihm nur 30 Seiten wert (S. 563-593).

Trotz großer materieller und personeller Unterlegenheit habe Deutschland gute Aussichten besessen, den Krieg nicht zu verlieren, denn Ende 1917 seien Frankreich und England kriegsmüde und Russland durch die Revolution gelähmt gewesen. Leider habe den glänzenden Lernerfolgen des deutschen Heeres eine Lernblockade der deutschen Politik gegenübergestanden (S. 20). Mit der von großen Teilen der Öffentlichkeit, zahlreichen Intellektuellen und einer Mehrheit des Reichstags gestützten Entscheidung zum uneingeschränkten U-Boot-Krieg (S. 522) habe das Reich die USA in das Lager der Entente getrieben und seine Niederlage besiegelt. So wurde die Tragweite vermeidbarer politischer Fehler ein zweites Mal demonstriert.

Obwohl Münkler weder intime Quellenkenntnis noch eine jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Großen Krieg vorweisen kann, ist ihm ein eindrucksvolles Buch gelungen, das ebenso faktengesättigt wie anregend ist.
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am 22. Oktober 2014
"Deutschland trägt die alleinige Schuld an diesem Krieg". Das hörte ich mein Leben lang in der Schule, im Rundfunk und konnte es in Zeitungen lesen. Jetzt weiß ich, dass Deutschland zu dieser Aussage bei der Unterzeichnung des Versailler Vertrages gezwungen wurde. Die Schuld tragen auch Österreich durch seine Kriegserklärung an Serbien, Russland, das zuerst mobil machte, Frankreich, das die Ergebnisse von 1871 revidieren wollte und GB, das den deutschen Angriff auf Belgien als Vorwand zu einer Kriegserklärung an Deutschland nutzte.
Im Buch wird dies alles analysiert und der Kriegsverlauf mit allem, was dazugehört beschrieben und kommentiert.

Wer noch mehr und dies in romanhafter Form lesen will, der sollte Ken Folletts "Sturz der Titanen" lesen.
Auch dort wird der Krieg beschrieben, aber anhand der Schicksale eines Dutzend Personen aus den fünf größten beteiligten Ländern.
Ich habe diese beiden Bücher Schritt für Schritt parallel gelesen.
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Ich glaube mit diesem Werk ist dem Autor ein großer Wurf gelungen. Es gibt viele, manchmal auch tendenziöse, Darstellungen über den ersten Weltkrieg. Der Politologe Herfried Münkler erzählt das Geschen aus deutscher Sicht, bewahrt aber dennoch eine gewisse Distanz. Das Buch ist gut lesbar und schildert die vier Kriegsjahre aus deutscher Perspektive. Die Denkweise und daraus abgeleitet die Handlungsweisen des Eliten, sowohl der militärischen als auch der politischen, werden exakt analysiert. Die Gegensätze waren gewaltig. Während für die Militärs nur ein "Siegfrieden" in Frage kam, strebte der Reichskanzler, Bethmann-Hollweg, eine politische Lösung an, d.h. einen Verhandlungsfrieden.
Münklers Werk ist in seiner Komplexität und differenzierten Analyse der deutsche Historie konkurrenzlos. Zweifellos ein Buch, dass das Zeug hat zum Standardwerk über die tragischen Ereignisse 1914-18 zu werden. Eine unbedingte Kaufempfehlung!
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