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Kundenrezensionen

4,8 von 5 Sternen
5
4,8 von 5 Sternen
Lichter des Toren: Der Idiot und seine Zeit
Format: Kindle Edition|Ändern
Preis:15,99 €

am 22. August 2013
Strauß wirft mal wieder mit geglückten und beglückenden Formulierungen nur so um sich: „Das Innere der Dummheit ist zart und durchsichtig wie ein Libellenflügel. Es schillert von überwundener Intelligenz“, er schafft Begriffe, die in ihrer Klarheit einfach überwältigen: „der Info-Demente“ und die „Bakterienschwärme(n) neuer Medien“.

Indem Strauß den Toren und Idioten zum Gegenstand seines Essays macht, präsentiert er den Typus des Antihelden, auch als Schelm oder Narr, der Literatur als leuchtendes Beispiel. Der Idiot ist ihm vor allem Nichtkenner, Privater und Einzelperson. Das heißt, er ist der Gegenentwurf zum derzeitig modernen Kenner, dem Informierten (allgegenwärtiges Google-„Wissen“), und social-community-Versierten (facebook etc.), sowie sich world wide Präsentierenden (fb und youtube). Und die Schilderung dieses menschgewordenen Updates, verlinkt und damit gefangen in seinen Netzwerken, ist frappierend und zwar gerade deswegen, weil dies nicht analytisch statistisch passiert sondern sprachlich und metaphorisch.

Der Text ist eine Wohltat, Balsam, was die Zeichen und das Gezeichnetsein angeht, er wird heikel, wo er zeichnet, also Gegenentwürfe andeutet. Dass die bei Botho Strauß schon mal ins Reaktionäre/Rechte tendieren können, ist leider nichts Neues. „Wir drängen den neben uns wohnenden Muslimen unentwegt unsere Freiheiten auf, denken aber nicht daran, auch nur das geringste von ihrer sittlichen Freiheitsbeschränkung nachahmenswert zu finden (…) Dabei täte etwas mehr Familie, etwas väterliche Stärke einem Erziehungsverhalten gut, dessen Schwächen allenthalben von staatlich geförderten Hilfen kostspielig kompensiert wird.“ Zum einen dürfte bekannt sein, warum sich unsere Familienstrukturen in den letzten Jahrzehnten verändert haben, bessere Bildung, größerer Leistungsdruck, mehr Mobilität, zum anderen sehen wir, wie sich auch die muslimischen Freiheitsbeschränkungen zunehmend auflösen. Daran werden weder Mursi noch irgendwelche Brüder etwas ändern können.

Strauß wittert (mit Sarrazin) den „Willen zum Aussterben“ … im „Profanen unseres Bevölkerungsschwunds“. Er wettert gegen diejenigen, „die mit Windkraft moralische und unmoralische Geschäfte machen“, er möchte „jeden einzelnen auf ein Rotorblatt gefesselt und bis zum Jüngsten Tag im Höllensturm sich drehen“ sehen.

Naheliegend auch, dass sich Strauß über weite Strecken mit Literatur und Kunst befasst. Diese Einlassungen sind durchweg kritisch: „An einem Pfingsttag, wenn Heerscharen von kleinen Maniaks den Wahn feiern und zugleich unzählige Exzentriker der Kunst sich begeistert fühlen, erleiden die, die’s wirklich trifft, de-mentia, Entgeisterung.“ - „Inzwischen paktiert auch die Kunst liebedienerisch mit Quote und breitem Publikum.“ – „Die Künste, die den Müll der Welt zu spiegeln vorgeben, vermehren ihn nur. Den Kunstbegriff gilt es auf Brennpunktgröße zu verengen.“ – „Satt und trunken von visuellen Gelagen, die Kunst und Filme veranstalten, konnte man die Hölle an jeden beliebigen Ort auf Erden verlagern.“ – „Man erfreut sich auch eines Kunstwerks, das nichts als die Verzweiflung des Künstlers ausdrückt. Es hat jedoch, eben als Kunstwerk, ein schönes Gesicht.“ – „Aber die Kunst besteht darin, etwas undurchsichtig zu machen mit klaren Worten!“

Literatur lebt von Verweisen, vom „Zitieren (heute: Sampling)“ und „Pastiche (heute: Remix) aus längst geschriebenen Büchern …“ Was Strauß hier macht, grenzt aber an name dropping: Flaubert, Gombrowicz, Swift, Young, Bouvart, Pécuchet, Milton, Da Vinci, Dostojewski (wie könnte der in dem Zusammenhang fehlen!), Benn, Else Lasker-Schüler, Borchardt, Humboldt, Jung, Däubler, Shakespeare, Valéry allein auf den ersten 40 von 175 Seiten. Wer kann da noch auf Relevanz und Validität gegenlesen?

Fazit: Es liegt in der Natur des Idioten als der Nichtkenner, der Private und die Einzelperson, dass er eben nicht öffentlich ist (schon gar nicht wirksam); man wird ihn nicht finden in den Medien, in der breiten Öffentlichkeit, er wird keinen neuen Trend setzen, keine followers haben und auch keine likes sammeln, aber umgekehrt aus seinem öffentlich-nicht-in-Erscheinung-treten auf sein Nichtvorhandensein zuschließen, wäre töricht, nein, einfach nur falsch. Strauß‘ Text ist nicht ohne Widersprüche, aber er lohnt die Mühe den Widerspruch zu denken.
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TOP 500 REZENSENTam 31. Dezember 2013
Oh ja, so manchmal spricht mir Botho Strauß aus dem Herzen! Auch ich kann mich mit Feuereifer über die "Rattenplage der Kommunikation" (79) erregen, die es in den vergangenen Jahren dank der ungebremsten Zunahme technischer Mitteilungsmöglichkeiten jedem Volldeppen erlaubt, seine Mitmenschen mit seinem Nicht-Wissen, seiner Nicht-Intelligenz, seinem Nicht-Leben und somit seiner Nichtigkeit zu belästigen. Begleitet wird diese Zunahme des (vor allem) digitalen Verbalmülls von einer zunehmenden Verschandlung der deutschen Sprache. So lamentiert Strauß, dass "[s]eine Muttersprache allenthalben behelfsmäßig oder falsch gesprochen zu hören [nicht nur schmerzt], es stört oder behindert untergründig die Kompetenz, die wir eigentlich für sie besitzen" (140 f.). Recht hat er! Das Phänomen der Hypotaxe scheint zu einem Spezialwissen für Experten zu mutieren, und dass man Substantive zumeist groß schreibt, gerät im Zeitalter von Twitter oder WhatsApp zunehmend in Vergessenheit.

Doch was will Botho Strauß, dieser Eremit des intellektuellen Deutschlands, der seit seinem 1993 im Spiegel veröffentlichten Essay "Anschwellender Bockgesang" gerne in die rechte Ecke gestellt wird, uns in seinem neuen Buch "Lichter des Toren – Der Idiot und seine Zeit" eigentlich sagen? Ist es das elitäre Bramarbasieren eines griesgrämigen Grüblers, der es der Welt übel nimmt, dass sie ein Genie bis zum heutigen Tage offenbar nicht erkannt hat? Handelt es sich um die Gegenwartskritik eines Kulturpessimisten, für den früher alles besser war und für den alles Neue per definitionem großer Mist ist? Strauß polarisiert und provoziert, bietet aber trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, eine brillante Gegenwartsanalyse, welche in dem Aufruf mündet, sich den Zumutungen dieser Zeit, durch Annahme einer Position des außenstehenden Beobachters, zu entziehen.

Zurück zur Hochkultur, zurück zum Genie, wider den Zeitgeist der Massenkultur, die suggeriert, dass jeder alles können muss und sich das Besondere dem Durchschnitt anzupassen habe. Lasst dem Pöbel, was des Pöbels ist, so Strauß: "Wir anderen müssen unzugängliche Gärten bauen. Zurück zur Avantgarde!" (33) Verbunden mit dem Ruf nach einer kulturellen Elite, die die Hochkultur vor dem Zugriff des Massenmülls retten soll, fordert Strauß eine Rückbesinnung auf klassische Werte, welche im Zeitalter von Multikulti, Inklusion und Recht auf Teilhabe in Vergessenheit geraten seien: "Dabei täte etwas mehr Familie, etwas väterliche Stärke einem Erziehungsverhalten gut, dessen Schwächen allenthalben von staatlich geförderten Hilfen kostspielig kompensiert werden" (36). Elite, traditionelle Familienstrukturen und Sozialstaatsbashing; Strauß weiß schon, wie er seine Kritiker auf die Palme bringt.

Was bleibt dem geneigten Leser zu tun, der sich der von Strauß attestierten Informationsexplosion entziehen will? Der Autor entwirft an vielen Stellen das Idealbild eines abseits stehenden Beobachters, der dem wunderlichen Treiben der Gegenwart mit einer Mischung aus Belustigung, Abscheu und Erschrecken zuschaut. Diesen Beiseite-Stehenden bezeichnet Strauß als "Anachronisten" (15), "Reaktionär" (43), "Idiosynkraten" (ebd.) oder eben auch als Idioten, was dem griechischen Ursprung nach nichts anderes als eine Privatperson bezeichnet. Natürlich macht Strauß sich in seinen Schriften auch angreifbar; zu verallgemeinernd, zu konfrontativ formuliert er. Doch es sind auch gerade diese Eigenschaften, die „Lichter des Toren“ zu einem vergnüglichen und gewinnbringenden Leseerlebnis gestalten, auch wenn man Strauß' Zeitgeistkritik nicht in allen Punkten teilen mag.
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TOP 500 REZENSENTam 13. Oktober 2013
Verstehen wir heute trotz allem aufgeblähten Wissen eigentlich noch unsere eigene Epoche? Erkennen wir die Zeichen unserer Zeit? Verstehen wir, was mit uns vorgeht?
Botho Strauß jedenfalls versucht leidenschaftlich in diesem Buch Licht in unsere gegenwärtige geschichtliche Situation zu bringen - in einer alles andere als leicht zugänglichen Sprache. Seine Anwort am Anfang des Buches ist eine andere als am Ende. Am Anfang: nur der Idiot kann die Wahrheit, das untergründige Fundament unserer Zeit auch nur annäherungsweise erkennen. Ausgerechnet der lächerliche, der in Randbezirke der Gesellschaft abgesonderte Idiot! Keiner der ansonsten so hoch angesehenen und klugen Experten oder Wissenschaftler ist dazu in der Lage. Der Dumme ist der Weise. Die vielen Klugen sind die Dummen.
Gemeint ist der Idiot in seiner altgriechischen Bedeutung idiotes. Der Idiot als Außenseiter, als der Privatmensch, zu denen sich Botho Strauß sicher auch zählt. Denn niemand im System des Getriebes erkennt das System selbst, so wie der Frosch im Brunnen nur einen kreisrunden Ausschnitt des Himmels sieht - ein Ausschnitt, der nicht für das Ganze genommen werden kann. Um unsere Zeit zu verstehen, ist der prekäre Blick von Außerhalb notwendig, also die Sicht des unabhängigen und - wie Strauß sagt - heiteren Privatmenschen, der sich dem alles beherrschenden Gewinde des Ökonomischen entzogen hat.

Das ist die Grundvoraussetzung des Denkens von Strauß: wer die Mythen, Rituale und Wahrheiten seiner Zeit erkennen will, der muss sich aus der Welt zurück ziehen und erst zu sich selbst kommen und in seinem inneren die Wahrheit finden, die den anderen da draußen abgeht. Erst durch den eigenen, fremden Blick kann der Außenstehende den Wahrnehmungsverlust, der bei den anderen durch Gewohnheit, Vertrautheit und kulturelle Selbstverständlichkeit entstanden ist, aufdecken.

Strauß gelingen immer wieder schöne Begriffsbilder, die in dem Text wie Anker liegen und für die Klarheit sorgen, die bei der Lektüre manchmal verloren zu gehen droht. So zeichnet er von den Anderen, den Idioten und Abgesonderten das Bild von abgerissenen Rosen, die im Flußstrudel zielstrebiger Menschen umherschwimmen. Oder er spricht von der Parodie des Informierten und von Info-Dementen.

Was kann uns Strauß bieten? Kann er - der Schriftsteller - das Charakteristische unserer Zeit beschreiben, also das geheime Fundament - Stütze und zugleich Beschränkung unseres zeitgenössischen Seins? Kann er die blinden Flecke, das Abgründige unserer Zeit aufzeigen?

Strauß hat die Begabung, die Zeichen unserer Zeit mit wenigen, scheinbar nur hingeworfenen Wendungen zu deuten. Immer geht es darum, das dass scheinbar Gute und Positive ins Gegenteil umschlägt und das zerstört, was es zu erreichen schien. Der Grund unserer Epoche wird damit zum Abgründigen, das Hoffnungsvolle zur Katastrophe.
Nehmen wir zum Beispiel die Art unserer Kommunikation. Mit Blick auf die unsägliche Internetkultur, sieht er richtig, dass die Möglichkeit der Teilhabe an der Kommunikation für alle dazu führt, dass der Geist eher abstirbt. Das Internet ist die auf die Spitze getriebene Sprachlosigkeit der Kommunikation, eine Rattenplage. Einerseits lässt Sie keinen Außenseiter zu, es entstehen dominante Leitsysteme, die im Kern dieselbe Botschaft verbreiten. Neues entsteht dadurch nicht. Man dreht sich in diesem Markt des "breitgedrehtenen Quarks", nur immer im Kreise.
Im Drang sich in allem und allen mitzuteilen, bildet und entfaltet sich die eigene Sprache nicht mehr an der Rückmeldung des Empfängers. Sprache wird zur Selbstentäußerung des Subjekts, nicht zu einem Medium des Weltbegreifens.
Der gleiche Umschlag ins Negative und Verkehrte sieht Strauß auch beim Plurimi Faktor am Werk der Geschichte. Jeder kann heute an der Kunst teilhaben, wie nie zuvor. Jedoch: das Hohe wird zugunsten des Breiten abgewertet. Es wird überall die Quote bedient. Alles was passiert, geschieht mit Blick auf die hohe Absatzzahl. Die Kunst - jetzt für alle erreichbar, verliert ihren Kunstcharakter. Sicher kann man Strauß daraus einen Hang zur Avantgarde und zur Elite vorwerfen. Ich verstehe dies jedoch nicht als private Meinungsäußerung, sondern als eine wichtige und richtige zeitdiagnostische Erkenntnis.
Auch das zerstörerische Fundament des fortschrittlichen, modernen wirtschaftlichen Handelns wird prägnant beschrieben. Botho Strauß kennzeichnet die Paradoxie der modernen Wirtschaft als Exzess der Nüchternheit. Die ach so nüchtern und vernünftig Handelnden in der Wirtschaft rufen das Gegenteil des Vernünftigen herauf: ungeheure Katastrophen nämlich. Man denke an die Atomunfälle, wirtschaftliche Zusammenbrüche oder die Zerstörung der Landschaften z.B. durch die aller Orts aus dem Boden sprießenden Windkraftanlagen.
Weiter: Botho Strauß wird oft seine unterschwellige antidemokratische Attitüde vorgeworfen. In Wirklichkeit hält er uns nur den Spiegel vor. Er sagt, was ist: wir generieren die zerstörerische Kraft aus uns selbst heraus. Die hoch komplexen Ordnungen, die wir etwa aufbauen und nach Katastrophen immer weiter aus- und umbauen, führen zu überregelten Systemen, die die Freiheit des Einzelnen einschränken. Wie Recht er hat, sehen wir, wenn wir betrachten, in welchem Gewinde der ökonomischen Spirale sich die Politik inzwischen findet. Letztlich haben nur einige wenige Politiker über die riesigen Rettungsschirme Europas entschieden, angeblich weil es keine "Alternative" gab.

Botho Strauß legt also eine genuine und in den meisten Punkten völlig richtige und daher unbequeme Zeitanalyse vor: er beschreibt das Zerstörerische, Mephistophelische unserer Kommunikation, in unserem wirtschaftlichem Handeln und den Zerfall der Demokratie aus sich selbst heraus. Überall entstehen negative Kräfte nicht von außen wie der Terror, sondern Kräfte, die dasjenige, aus dem sie selbst entspringen, zu zersprengen drohen.

Doch die entscheidende Frage lautet: was nun? Was fangen wir nun mit dieser Reflexion an? Wo ist das Rettende, das Gute, Wahre und Schöne? Strauß hat auch hier den großen Wurf im Auge, ohne selbst diesen hervorbringen zu können, was er selbst am besten weiß. Er will nicht im Brunnen herum plantschen, sondern auf große Wasserfahrt gehen. "Besonders Brunnenspiele erzählen mit ihrem unvorsichtigen Geplätscher lauter Bagatellen von der großen Wasserfahrt, die sie nicht kennen. Denn der dunkle schwere Fluß bricht sein Schweigen nicht."
Strauß ist kein Prophet, er entlockt dem dunklen Fluß keine Worte. Aber er pflöckt hier als Künstler einige Wegmarken in den Boden.
Tiefes Verstehen unseres Lebens muss an das Orphische anknüpfen, nicht an den gewitzten Verstand. Wahrheit gibt es nicht für den berechnenden Verstand, sie ist nur als Ungefähr, als Raum verstehbar. Das Genaue des berechnenden Verstandes ist daher das Falsche, weil es keinen Hof des Verstehens zulässt. Menschliches Leben ist aber nichts exaktes und vorhersehbar, sondern es spielt sich im Element des Vagen und des Ungefähr ab. "Nebel befeuchtete den Lehm, aus dem Gott den Menschen formte." Strauß findet auch hier schöne poetische Worte, wenn er von der Wolke des Mitzuverstehenden, der Sehnsucht nach der verschleierten Wahrheit spricht. Nur in diesem Medium kann wahres ausgesprochen werden.
Es ist ein Künstler, der uns unsere Zeit irgendwann erklären kann, weil Kunst dem Wunsch nach der verschleierten Rede entspringt und darin besteht, etwas undurchsichtig zu machen mit klaren Worten. Eine Ansicht muss schön sein - also letztlich unbegreiflich.

Wo aber ist der Entwurf für eine bessere Zukunft? Wo sind die Vorzeichen und Wendesignale, der Geist einer neuen Zeit?
Hier belässt es Strauß bei sanften Andeutungen eines anderen Weges in die Zukunft. Am Ende des Buches ist es nicht mehr der Idiot, sondern ein Spätgeborener, der eine neue Zukunft eröffnet, indem er die Geschichte in ein Vorher und Nachher zerschneidet. Irgenwann wird jemand den großen Mythos unserer Zeit erzählen - so wie jede Epoche ihren Mythos besitzt - ein Mythos, der den Zeitgenossen selbst unbekannt blieb. Er wird dann den Kanon unserer Zeit aufbrechen und das Licht des neuen Tages wird aufscheinen. Dann gehen den Menschen mit einem Male die Augen auf und sie sehen, was alles falsch und unsinnig und sogar zerstörerisch - aber durch den herrschenden Mythos überdeckt - war. Er wird erkennen auf welchen Voraussetzungen und Fundamenten die alte Epoche beruhte - etwas Neues bricht an, ein neuer Mythos beginnt seine Herrschaft.
Botho Strauß ist nicht derjenige, der dies leisten kann. Seine wieder bildhafte Empfehlung zunächst:
gehe nie ohne Kind. Denn in ihm erkennen wir unsere eigene Beschränkung und blicken zu ihm hinauf in seiner unbegrenzten Bestimmbarkeit. Das Neue kommt plötzlich und irgendwann und wir erkennen erst dann unsere eigene Beschränktheit darin.
Letztlich entsteht neues immer durch etwas dämonisches und unerklärliches: das Geäder des Dämonischen verläuft unter Tage, unterhalb der siegreichen Techniken und bricht irgendwann abrupt als frische Quelle hervor - es kommt einfach, ohne Berechnung, abrupt.

Strauß steckt in einem Dilemma: er will als Künstler den Mythos unserer Zeit erzählen. Er will mit allen Mitteln verstehen, was ist und sich nicht einlullen lassen vom schönen Schein. Jedoch bleibt er auch als Außenseiter immer Zeitgenosse. Den falschen Schein der eigenen Epoche zu durchschauen, das bleibt erst der nachfolgenden Generationen vorbehalten. Selbst der Idiot ist dazu nicht in der Lage. Er kann lediglich vortasten auf den Weg dahin, er steht außerhalb seiner Zeit ohne schon visionär das Neue erkennen zu können. Strauß legt immerhin einen mutigen Entwurf vor, der unseren Tiefschlaf, unsere Sattheit und unser Überlegenheitsgefühl herausfordern kann.
Ein großes Buch.
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am 20. Oktober 2014
Das Buch ist weniger als ein langer Essay und weit mehr als nur Notate. Der "Tor" ist verloren in den neuen Internetzeiten, die Verlorenheit ist bei diesem Buch auch Form geworden. Das stilistische Spektrum reicht von Beobachtung und Selbstbeobachtung über Klage und Anklage bis hin zu beinahe knochentrockener Philosophie. Mir scheint es ein Versuch zu sein, das ganze abschüssige Gelände zu erfassen, auf dem "wir" uns nach aber kämpfen wollen. Und die Verstörung zu formulieren, um zu einer Störung zu werden. Mit teils schmerzlich geschärften Formulierungen zur Bedrohtheit des individuellen Geistes. Und vor allem Bildern. Überall, wo der Schriftsteller schreibt und nicht der Denker, macht das Buch auf mich den stärksten Eindruck. Im Ganzen aber eben das Buch eines Verlorenen, der - wie mir scheint - noch viel erbitterter gegen die Zeit prozessieren möchte, für so einen erbarmungslosen Streit dann aber doch noch zu höflich ist und auch zu sehr Dialektiker. Er traut sich viel, verstößt auch "reaktionär" gegen einige vorherrschende Bewusstseinslagen, will aber auch nicht ungerecht sein und ist sich seiner eigenen Problematik bewusst ... wer weiß, vielleicht kommt das noch, wäre ja auch als Theaterstück denkbar: "Die Ungerechten" oder so etwas. Nur müssten die Ungerechten eine vollständige Abrechnung liefern, auch ungerecht sein gegen die, die sich verloren geben. Gegen das ganze große Schiff, mit allem was drauf und drin ist. Wo wäre denn eine oder einer, ohne einen gravierenden Irrtum?!
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am 27. Januar 2014
In seinen besten Stunden ist Botho Strauß ein wilder, hochbelesener Wortakrobat, einer mit tollwütigem Schau vor dem Mund. Wie in diesem schmalen Band. Ausgangspunkt ist der Idiot. Gemeint ist allerdings der Idiot im altgriechischen Verständnis von idiotes; Gemeint sind damit jene Menschen, die nur Privatpersonen sind und sich aus dem öffentlichen, also politischen Leben gestalterisch heraushalten. Und schon finden wir uns mit Strauß in der Gegenwart wieder: Was anderes sind jene Toren, die sich in der digitalisierten Welt in Oberflächlichkeiten verlieren? "Gemeinschaftsstümper", diagnostiziert Strauß. Sein Werk ist eine pessimistische Bestandsaufnahme und schmerzhafte Analyse der Gesellschaft 2.0. So lässt sich Botho Strauß u.a. wortgewaltig über all jene ungebildeten Dilettanten auf, die über ihre Unfähigkeit hinwegtäuschen wollen, indem sie die Produkte ihres Nichtkönnens als Kunst- oder Gesellschaftsprojekte tarnen. Sein Fazit: "Wo ein Projekt sich abzeichnet, sollte ein Projektil nicht fern sein, das es erledigt." Das sind Zeilen, die einen leicht zusammenzucken lassen. Schreibt da jemand an "Mein Kampf 2.0."? Es wäre völlig falsch, Botho Strauß rechtsextremistisches Gedankengut zu unterstellen. Aber es wird sehr deutlich, was er will: Strauß will abgrenzen, will (geistige) Elite statt (geistiges) Mittelmaß. Da ruft jemand zum Kulturkampf auf und fordert sinngemäß: ,Keine Toleranz, keine Gefangenen! Und schon gar keine Verbrüderung mit dem Geschmeiß.' Dabei fallen Sätze wie "Früher gab's mehr von dem, was war. Heute gibt's zuviel von dem, was wird" und lassen den Leser aufatmen: Ja, da ist einer, der kann es noch. Ein Poet, ein Wortschöpfer. "Jeder gutgewachsene Satz, den ein tiefer Pessimist niederschreibt, bejaht als solcher die Welt," urteilt Botho Strauß selbst. Manchmal möchte man dieses Buch gar nicht mehr aus der Hand legen, dann wieder nur schnell zuklappen. Strauß aphorismenhafter Stil erinnert an Friedrich Nietzsche, dann wieder sieht man vor dem geistigen Auge Heidegger argumentieren. Ein tolles, ein großartiges Buch. Es verspricht einen massiven Rausch, aber kein Erwachen ohne Kopfschmerzen.
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