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  • Kanada
  • Kundenrezensionen



VINE-PRODUKTTESTERam 31. Dezember 2012
Richard Ford gehört zu den ganz großen, noch lebenden amerikanischen Erzählern. "Unabhängigkeitstag" und "Die Lage der Landes" gehören zu meinen absoluten Lieblingsromanen. Seine Werke sind durch eine große Realitätsnähe und eine tiefe Einfühlsamkeit in die Figuren geprägt. Ich kann die Romane Fords nur wärmstens empfehlen.

In "Kanada" erzählt Ford aus der Sicht eines 15jährigen. Dell lebt im Jahr 1960 in einer Kleinstadt, in die es seinen Vater, einen ehemaligen Piloten und dessen Ehefrau, eine Lehrerin, sowie seine Zwillingsschwester Berner verschlagen hat. Die Familie kommt nie richtig an, bleibt wurzellos und von der Umwelt nicht wahrgenommen. Dells Vater versucht mit kleinkriminellen Machenschaften das Einkommen ein bisschen zu verbessern und rutscht in eine Situation, aus der ihm nur ein Bankraub einen Ausweg verspricht. Obwohl seine Frau es besser weiß, begleitet sie ihren Mann nicht nur zur dilettantischen Ausführung, sondern hinterher auch ins Gefängnis. Zurück bleibt ein Zwillingspärchen, ganz auf sich gestellt. Berner nimmt die Gelegenheit wahr und flüchtet, während Dell von einer Bekannten seiner Mutter nach Kanada, vermeintlich in Sicherheit gebracht wird. Hinein in die Provinz Saskatchewan mit seiner schier unendlichen Weite und seinen seltsamen Charakteren.

Die erste Hälfte des Buches strebt langsam aber stetig auf den Moment des Bankraubs und die Verhaftung der Eltern zu. Für mich ist das trotz einer gewissen Länge der stärkere Part des Romans. Langweilig ist es mir dabei nie geworden. Dabei hilft enorm, dass Ford zwar Dell als Ich-Erzähler wählt, dennoch mit der Sprache eines Erwachsenen spricht. Er taucht als Autor ganz tief ein in seine Hauptfigur und lässt den Leser teilhaben an der Erkundung der Gedanken und Eindrücke eines Heranwachsenden. Die zweite Hälfte, die dem Roman den Titel gegeben hat, empfinde ich als deutlich schwächer, aber da könnte man sich bestimmt streiten. Toll dagegen ist wiederum der Schluss, als Dell nach vielen Jahren einmal wieder seiner todkranken Schwester Berner begegnet und sie Abschied nehmen. Hier kommt das Erzähltalent Fords wieder voll zum Tragen.

"Kanada" ist meiner Meinung nach nicht Fords stärkster Roman, bei weitem nicht sogar. Aber er ist wohl immer noch besser als der Großteil der jährlich veröffentlichten Bücher. Dennoch, ich empfehle die eingangs genannten Bücher weitaus lieber.
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TOP 500 REZENSENTam 18. November 2017
Kennt jemand die Empfindung, dass in Zeiten plötzlichen Entsetzens, aber auch in Perioden lang anhaltenden Ungemachs die Wahrnehmung der Gegenstände in unserer Umgebung geradezu schmerzhaft plastisch wird? Eine Straßenansicht, eine Wandfarbe, eine Tasse, lauter zufällige Eindrücke, die sich einbrennen wie für die Ewigkeit? Das etwa ist die literarische Grundstimmung, in der der vorliegende Roman erzählt wird.
Denn den Geschwister Dell und Bernie Parsons ist Schreckliches widerfahren. Ihre an sich harmlosen Allerweltseltern haben eine Bank ausgeraubt und wurden vor den Augen ihrer Kinder verhaftet. Dieser Tatbestand wird dem Leser gleich am Anfang mitgeteilt, doch es dauert dreihundert Seiten, ehe die Charaktere der Protagonisten entfaltet, die Handlung abgerollt und die Eltern tatsächlich verhaftet werden – dargestellt in der eingangs geschilderten Stimmung des Entsetzens aus der Perspektive des fünfzehnjährigen Dell Parsons. Eine erstaunlich intensive und packende literarische Erzählhaltung, die die Kleinschrittigkeit der Darstellung mit einer bedrohlichen emotional getönten Erwartungshaltung verbindet.

Nach der Verhaftung der Eltern verschlägt es den kleinen Dell nach Kanada, während seine Schwester in Kalifornien als Hippie verwahrlost. In Kanada, genauer gesagt in Fort Toyxal in Satchketawan, wiederholt sich die Konstellation des ersten Buchteils. Dell wird Bestandteil einer Geschichte, die am Ende in einem Doppelmord an zwei Polizisten endet. Die Technik der Darstellung ist ähnlich, wenngleich nicht mehr so eindrucksvoll wie im ersten Teil. Der dritte und kürzeste Teil des Buches bietet dann ein Fazit. Der gerade frisch pensionierte Dell blickt als leidlich arrivierter Lehrer auf sein Leben zurück. Er ist Kanadier geworden und gibt dem Leser am Roman- und Lebensende ein Fazit mit auf den weg, das sich, isoliert zitiert, zwar hausbacken anhört, nach der Lektüre des Buches aber eine erstaunliche Evidenz besitzt. „Ich weiß nur, dass man bessere Chancen im Leben hat – bessere Überlebenschancen –, wenn man gut mit Verlusten umgehen kann; wenn man es schafft, darüber nicht zum Zyniker zu werden; wenn man Prioritäten setzen kann, wie Ruskin angedeutet hat, Proportionen einhalten, ungleiche Dinge zu einem Ganzen verbinden, in dem das Gute geborgen ist, auch wenn es, zugegeben, nicht immer leicht zu finden ist. Wir versuchen es, wie meine Schwester”

Wie hat mir das Buch gefallen? Es ist ein Roman, den man Begeisterung beginnt, der dann im zweiten Teil seine Längen hat. Dass Ford die gleiche literarische Technik wie beim Bankraub auch im zweiten Teil bei dem Polizistenmord anwendet, hat etwas Durchsichtiges. Auch das Ford als Erzähler zwischen den Zeitebenen hin- und herspringt, mal als Jugendlicher haarklein berichtet, dann als ersichtlich reiferer Mensch resümiert, entbehrt nicht einer gewissen Onkelhaftigkeit. Dafür einige Belege: Einmal heißt es „Man denkt immer, man würde das Schlimmste kennen. Aber es ist nie das Allerschlimmste.« An einer anderen Stelle: „Diese Worte hätte ich damals nicht formulieren können, sie ruhten in irgendeinem noch unerschaffenen Teil meiner selbst.“ Dann wieder ganz abgehoben: „Das Kleingedruckte der Wahrheit schien unauffindbar zwischen all den Tatsachen.” Erheblich besser: „Auf ihren Gesichtern – oft gutaussehend, aber verwüstet – habe ich die Überreste der Menschen erkannt, die sie, knapp gescheitert, beinahe geworden wären, bevor sie zu sich selbst wurden.“ Mitunter hat man fast das Gefühl, als müsse sich der sprachmächtige Autor zügeln, um innerhalb seiner formalen Konzeption zu bleiben. Hier schreibt ein Epiker, dessen Sprachkraft Formen und Perspektiven glatt gefährdet. Auf der andern Seite gelingt es Ford auf diese Weise natürlich seine Geschichte mit unglaublicher Anschaulichkeit und Präzision zu erzählen. So kommt Dell Parsons, die erzählende Hauptperson, dem Leser so nahe, dass er sich ganz am Ende für das Lebensfazit des Protagonisten interessiert wie für das Lebensschicksal eines guten Bekannten. Warum das Buch allerdings „Kanada“ heißt, kann sich jeder selbst ausmalen. Mit kam es so vor, als repräsentiere Kanada im Vergleich zu den USA, die der Autor sehr kritisch sieht, eine Art distanzierterer, zivilisiertere Lebensform. Für Dell jedenfalls wurde es die neue Heimat nach dem Trauma seiner Kindheit. Alles in allem ein lesenswertes Buch, wenngleich nicht von dem Rang der drei Basscombe-Romane „Der Sportreporter“ „Unabhängigkeitstag“ und „Die Lage des Landes“.
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am 23. August 2012
Dell ist der Held einer Geschichte, in der es um die Abgründe und wechselvollen Schicksale einer kleinen Familie geht.

Mit dem ersten Absatz ist man mitten in einer Erzählung, in der es um einen Banküberfall und um Mord und Totschlag, aber auch um das Leben und die Verirrungen geht, denen ein jeder in seinem Leben anheimfallen kann.

Aus der Sicht des jungen Dell, Zwillingsbruder seiner Schwester Berner, der um 1960 ungefähr fünfzehn Jahre alt ist, schaut man auf seine Eltern, die so gut wie gar nicht zusammenpassen. Man steht im Wahlkampf für John F. Kennedy. Dells Vater ist ganz auf dessen Seite.

Aus einer Zufallsbegegnung ist die Ehe der Eltern zustande gekommen. Von Beginn an ist sie nicht glücklich. Neeva Parsons ist kopfgesteuert, vernünftig und rational denkend. Bev Parsons aber ist ein Träumer und Schaumschläger, der sein Leben nicht in den Griff bekommt. Er war bei der Air Force und hat vor kurzem seinen Abschied genommen.
Die Familie lebt in einem armseligen Häuschen in Great Falls/ Montana.
Wie in einen Strudel zieht Bev seine Frau mit in ein finanzielles Abenteuer, das für beide vernichtend endet.
Nach einem Banküberfall landen die jungen Eltern mit Mitte dreißig im Gefängnis. Berner haut mit ihrem Freund Rudy ins Unbekannte ab. Dell aber gelangt mit Hilfe einer Freundin seiner Mutter nach Kanada. Hier beginnen seine Abenteuer, die ihn durch Einsamkeit, harte Arbeit und dürftige Unterkünfte auf ein Leben vorbereiten, von dem man nicht weiß, wo es ihn hinführen wird.

In Kanada erfährt er Lebensbedingungen, die extrem sind für einen Jungen von 15 Jahren. Er haust in abgelegenen Hütten und ist zwei Männern mit offensichtlich kriminellen Strukturen ausgeliefert. Mit einfachster Arbeit hilft er aus, wo immer er gebraucht wird und geht sein Leben ohne innere Widerstände an. Wunderbare Landschaftsbeschreibungen und atmosphärisch einprägsame Stimmungen begleiten unseren Helden, der seine Unschuld und Offenheit trotz der gravierenden Erlebnisse nicht zu verlieren scheint.

Hervorragend in Konzeption und Aufbau bannt die Geschichte vom ersten Moment an. Dell sieht mit aufmerksamem Blick und feinem Gespür für alles, was von der täglichen Norm abweicht, wie sich um seine Eltern etwas zusammenbraut, das ihn beängstigt. Das große Können Richard Fords lässt uns durch die Augen Dells erfahren, wie es zu den Abwegen und Fehlentwicklungen seiner Eltern kommen konnte, und wie er in seinem eigenen abenteuerlichen Leben in Kanada seinen Weg findet.

Das melancholische und verständnisvolle Ende beleuchtet eine wichtige Erkenntnis, die Dell auf seinem langen Weg zur Normalität gefunden hat. Sie gipfelt in der Einsicht, dass jeder im Leben eine Chance hat, die man nur nutzen muss. Mit Verlusten umgehen und das Gute im Verborgenen finden lernen ist die große Kunst des Lebens.

Man ist fasziniert und hingerissen von den feinen psychologischen Details, mit denen Richard Ford seine Geschichte fort und fort schreibt. Er ist einer der ganz großen Erzähler amerikanischer Herkunft, dessen Erzähltalent ihn in die unendlichen Gefilde ruhmvoller und anerkannter Schriftsteller einreiht.
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am 20. Januar 2015
Ein bisschen zu langatmig. Die Leseprobe verspricht Spannung aber die Erzählung plätschert ohne besondere Höhepunkte dahin. Habe nach der Hälfte aufgegeben.
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am 19. Oktober 2015
toller roman von richard ford
wer ihn mag wird dieses buch gern lesen.
buch in einem super zustand wie neu mit anderen worten
lieferung und verpackung super
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TOP 500 REZENSENTam 7. Oktober 2012
'[...] das war seine Art, mir ins Gedächtnis zu rufen, dass, egal was das eigene Leben zu beweisen scheint, egal für wen man sich hält, was man sich auf die Fahnen schreibt, woraus man Lebenskraft zieht oder worauf man stolz ist - dass alles Mögliche passieren kann, mit allen möglichen Folgen.'

Inhalt:
Der Roman 'Kanada' erzählt vom Leben des Ich-Erzählers Dell in den USA und in Kanada. Dell wächst zusammen mit seiner Zwillingsschwester Berner bei seinen Eltern in den USA auf. Seine Kindheit ist geprägt von zahlreichen Ortswechseln und einer damit verbundenen Entwurzelung, in Dells Jugend hält der Vater sich und seine Familie mit wechselnden Jobs am Rande der Kriminalität über Wasser. Als sein Vater schließlich seine Schulden nicht bezahlen kann, entschließt er sich, eine Bank zu überfallen. Nach der Verhaftung seines Vaters wird Dell nach Kanada gebracht und baut sich dort ein neues Leben auf.

Mein Eindruck:
Mir hat 'Kanada' sehr gut gefallen. Richard Ford erzählt im ersten Teil des Romans detailliert von den Geschehnissen direkt vor, während und unmittelbar nach dem Banküberfall und beschreibt die Protagonisten so genau, dass man sie sich perfekt vorstellen kann. Von der ersten Zeile an erzeugt der Autor große Spannung, indem er den Ereignissen vorgreift, bereits früh wichtige Wendungen und Geschehnisse erwähnt, dadurch den Leser aber stets neugierig darauf macht, WIE es zu diesen Wendungen kommen konnte, WARUM bestimmte Dinge passiert sind. Mir hat diese Erzählweise sehr gut gefallen, die ich eher ungewöhnlich fand und die Ford sehr überzeugend eingesetzt hat.

Auch sprachlich hat mich der Roman begeistert, denn Ford schreibt anspruchsvoll, aber dennoch flüssig und gut verständlich.

Einen Punkt möchte ich abziehen, da ich den zweiten Teil des Buches, in der Dells Leben in Kanada behandelt wird, weniger fesseln fand und ich mich hier weniger in die Geschichte einfühlen konnte.

Mein Resümee:
Ein besonderer und anspruchsvoller Roman mit komplexer Protagonisten und einem überzeugenden Erzählstil.
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am 12. Juli 2015
ich habe alle bücher des autors gelesen. ich finde ihn hervorragend, insbesondere die bücher mit frank bascombe. "kanada" jedoch hat mich extrem enttäuscht. die ganze anlage der familie ist ein missglücktes konstrukt. charaktere, die man allesamt nicht mag bzw. uninteressant findet. er schafft es auch nicht, charaktere über handlung zu entwickeln, sondern er schreibt seitenlang darüber, wie sie wurden, was sie sind. superlangweilig. und die geschichte an sich ist auch einfach zu dünn. der vorteil des buches ist: wenn man die ersten 20 seiten nicht mag: genau so geht es weiter, also weiß man dann bescheid. das buch gibt es wahrscheinlich nicht ohne grund für 60 cent bei amazon kindle. die lieteraturKRITIK hat wieder einmal versagt. wolfgang herles sagt, es sei sein bestes buch. oh mann.
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TOP 1000 REZENSENT VINE-PRODUKTTESTERam 30. August 2012
Sommer 1960, Kalter Krieg, der Wahlkampf zwischen Kennedy und Nixon ist in vollem Gange. In Great Falls, Montana, nahe der Grenze zu Kanada, wurde der schmucke Army Air Corps-Captain Bev Parson wegen Unregelmäßigkeiten im Dienst zwar degradiert, aber dennoch ehrenhaft aus der Air Force entlassen und sieht sich einer unklaren Zukunft ausgesetzt. Er hat seine Familie zu versorgen, das 15-jährige Zwillingspaar Dell und Berner und seine ungemütliche, aus schwermütig jüdisch-intellektuellem, entwurzeltem Milieu stammende Ehefrau Neeva, die ihre Ehe mit dem flotten Jungen aus Alabama schon lange bereut. Aber ohne den Anflug von Leichtsinn ihrer Mütter, würden manche Kinder erst gar nicht geboren werden. Seit Jahren zogen sie von Stützpunkt zu Stützpunkt, lebten ohne nennenswerte Habseligkeiten in gemieteten Häusern und haben kaum Kontakte oder gar Bindungen zu anderen. Als Familie funktionieren sie mehr schlecht als recht, dennoch ist sie ihr Dreh- und Angelpunkt, bis das passiert, was Dell, aus dessen Sicht alles geschildert wird, gleich zu Beginn des Buches so beschreibt:

„Zuerst will ich von dem Raubüberfall erzählen, den meine Eltern begangen haben. Dann von den Morden, die sich später ereigneten.“

Das sind Sätze, die den Leser erst einmal irritiert zurückfahren lassen. Will man ein Buch, das sofort die ganze Luft aus dem Ballon lässt, denn überhaupt lesen? Will man. Denn man will nicht nur wissen, was zu diesen Vorfällen führte, sondern auch, was danach geschieht. Wie geht man mit den Dingen des Lebens um, die dazu führen, dass man aus der Bahn geschleudert wird und wie schafft man es dennoch, der zu bleiben, der man ist und sein will. Das ist das, was auch Ford mehr interessiert als die Taten selbst, er hat schon oft davon erzählt, auch in seiner Bascombe-Trilogie, die ihn berühmt gemacht hat.

Dell Parson, der am Ende des Buches, im Jahr 2010, ein Mann auf der Schwelle zum Alter sein wird, den die Tragödien in seinem Leben eben nicht für immer aus der Bahn geworfen haben, ist ein guter, lieber Junge, ein Kind seiner Zeit, mit einer Kindheit, die es so heute vielleicht gar nicht mehr gibt. Er mag die Schule, interessiert sich für das Schachspiel und für Bienenzucht und kann sich gut mit sich selbst beschäftigen, wenn er auch gerne Freunde hätte. Seine Schwester Berner ist da anders, eigensinniger, zorniger, auch erwachsener und von vorauseilender Härte. Als ihre Eltern ihr Leben in den Sand setzen, setzt sie sich in ein Ersatzleben ab, jedoch nicht ohne das geschwisterliche Band durch Inzest, der unerträglich beiläufig geschildert wird, für immer zu beschädigen. Dell jedoch, bis zum Schluss ein braver Sohn, beugt sich ein letztes Mal den Willen seiner Mutter und gerät nach dem sozialen Tod seiner Familie, der sich quälend langsam anbahnt, bevor er blitzartig zuschlägt, in die Obhut eines zwielichtigen Amerikaners, der im kanadischen Saskatchewan ein heruntergekommenes Hotel für Jäger betreibt. Arthur Remlinger, der in Harvard studierte und über eine Ausbildung „mit Goldrand“ verfügen könnte, wenn er aus einem besseren Stoff gewesen wäre, ist ein Mann der Kälte, von dem sich Menschen besser fernhalten. Doch zunächst hat der traumatisierte Junge keine Wahl, in der Einsamkeit des amerikanisch-kanadischen Grenzgebiets wird er seine Kindheit und einen Kopfkissenbezug hinter sich lassen.

Ford hat lange in Montana gelebt, ist mit der Jagd vertraut und kennt Kanada gut, was der Atmosphäre, die im Buch herrscht, Dichte und Glaubwürdigkeit verleiht. Kanada, so kommt es mir vor, ist für ihn ein besseres, ein unbelastetes Amerika. Hätte Obama die Wahl nicht gewonnen, so wäre er dorthin ausgewandert, berichtet er in Interviews, und dass er es im Falle eines Präsidenten Romney wieder in Erwägung ziehen würde. Dass er das Buch schlicht „Kanada“ genannt hat, darf durchaus als Statement gewertet werden. Sein stiller Held Dell, der im anderen Amerika bleiben wird, wird lange brauchen, bis er die einschneidenden Erlebnisse seiner Jugend, die ihn sein Leben lang begleiten werden, verarbeitet hat. Im Lauf der Zeit erreicht er, dass er dem Menschen treu bleibt, als der er sein Leben begonnen hat. Das war eine Maxime seiner unglücklichen Mutter. Warum sie sich auf stümperhaft anmutende Weise verlor, konnte Ford nicht ganz glaubhaft machen, was dem wehmütigen Zauber, der über seiner Geschichte liegt, aber nicht schadet.

„Kanada“ ist ein berührendes literarisches Glanzstück, in dem es um Liebe, Verlust, Trauer, Ertragen und Bewältigung geht. Nicht immer trifft man die Menschen dort an, wo sie hingehören. Entwurzelung geht mit einer Leere einher, die aus eigener Kraft gefüllt werden muss. Wird man in jungen Jahren benutzt und vor allem nicht richtig behütet, gehört man nie mehr so ganz irgendwo dazu. Das Leben wird uns leer geschenkt, sagt Florence zu Dell im Buch, und es ist unsere Aufgabe, das Glücklichsein zu erfinden. Dell Parson, der die Mentalität des Bewahrens und Verdrängens gleichermaßen besitzt, findet einen Platz in der Welt, wo er nach seinen Bedürfnissen leben kann, obwohl alles auch ganz anders, vielleicht besser hätte verlaufen können. Und er erfährt, dass es mit etwas Glück möglich ist, ein gutes Leben zu haben, auch wenn immer etwas fehlen wird und die blassen Gespenster der Vergangenheit nicht endgültig weichen wollen. Gutes kann auch aus einem beharrlichen Trotzdem entstehen. Zufriedenheit und Wohlbehagen sind mindere, aber auch zuverlässigere und langlebigere Formen des Glücks. Mit denen muss man sich unter Umständen begnügen. Was schon sehr viel ist.

Dell und Berner Parson werden selbst nie Kinder haben.

Helga Kurz
30. August 2012
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am 19. September 2013
Story ohne erkennbare Höhen und Tiefen, zu Flach erzählt, so als wenn der Autor eine Schlaftablette genommen hätte. Das Thema wäre für mehr gut gewesen.
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VINE-PRODUKTTESTERam 25. August 2013
Richard Ford gehört wie John Updike und Philip Roth zu den ganz großen amerikanischen Gegenwartsautoren. Er hat sieben Romane, zahlreiche Kurzgeschichten und viele Essays veröffentlicht. Für seinen Roman "Unabhängigkeitstag" bekam er 1996 den Pulitzer Preis. "Kanada" zählt fraglos auch zu den ganz großen Werken der Weltliteratur. Es ist sicherlich, dank seiner erzählerischen Dichte, seiner elementaren Vehemenz, seiner Gründlichkeit, seiner arrangierten Selbstsicherheit, als auch wegen der Doppelbödigkeit und Doppeldeutigkeit der Erzählerstimme, wohl Richard Fords bisher bestes Buch. Er brilliert immer wieder mit seinen glasscherbenscharfen ersten Sätzen, so dass man nach einem leidenschaftlichen Anfang sofort mitten in der Geschichte drin ist. In "Kanada" blickt der 65 jährige Englischlehrer Dell auf die Krisen seines Lebens zurück, wobei er vornehmlich die Zeit seiner Pubertät als 15 oder 16 jähriger im Fokus hat. Der geniale Anfang hier, mit dem im Grunde schon alles gesagt ist, lautet etwa: "Zuerst will ich von dem Bankraubüberfall erzählenden meine Eltern begangen haben, dann von den zwei Morden, die sich später ereignet haben".

Die eigentliche Katastrophe begann faktisch mit dem Banküberfall, aber der Roman erhält seine Spannungsladung nicht von dem Krimiplot, sondern von der erschütternden Schutzlosigkeit und der unsäglichen Tristesse, von dem das Aufwachsen des Ich-Erzählers geprägt ist, denn nach dem Raubüberfall driftete die Familie auseinander.

Zum Plot: Dieser Protagonist Dell erinnert sich sehr genau, wie er und seine Zwillingsschwester Berner in ihr Leben hineingewachsen sind. Der Vater Bev Parsons, ein wahrer Sunnyboy, wurde unehrenhaft aus der Armee entlassen, versuchte später mit dubiosen Geschäften die Familie über Wasser zu halten. Die Mutter Neeva Parson, Tochter jüdisch-polnischer Emigranten, eine Frau mit einer ganz anderen Bildung, versucht die Kinder einigermaßen bürgerlich zu erziehen. Es sind Bev's enorme Schulden, die diese Frau, in einer finalen Ratlosigkeit, dazu führt sich auf einen Banküberfall einzulassen. Und nun beginnt ein kleiner Grenzverkehr zwischen Gut und Böse. Plötzlich kippt alles von der Normalität ins Böse. Es sind immer wieder diese Grenzüberschreitungen, die im Raum stehen und eigentlich den Kern des Buches ausmachen. Es sind eben Ereignisse, wie dieser dilettantisch durchgeführte Banküberfall, die im Leben alles verändern und alles in Frage stellen, das ganze Familienleben von heute auf morgen auf den Kopf stellen.

Die Eltern werden natürlich verhaftet, kommen sofort ins Gefängnis. Die Kinder, Dell und Berner, besuchen sie dort noch einmal und sehen sie dann nie wieder. Sie gehören jetzt dem Staat Montana, doch ehe das Jugendamt tätig wird, flieht Berner mit ihrem Jugendfreund in ein Leben, das in einer Achterbahnfahrt enden wird. Dell wird von einer Freundin seiner Mutter über die Grenze nach Kanada gebracht, versucht dort bei dem zwielichtigem Menschen Arthur Remlinger, in einem verwahrlosten Kaff, eine neue Heimat zu finden. Dieser Remlinger hat einen Mord auf dem Gewissen und Dell macht sich als Mitwisser und Zeuge an zwei weiteren Morden in irgendeiner Form mitschuldig. So wird dieser Junge unversehens von der Kindheit ins Erwachsendasein katapultiert.

Die Heimat findet Dell schließlich irgendwo auf der Grenze zwischen USA und Kanada. Kanada ist eigentlich eine Metapher, das Gegenteil von einer Idylle, denn der Junge überschreitet bei seiner Suche nach Beheimatung mehrfach Grenzen, sowohl im Leben als auch räumlich. Immer wieder wird der Zusammenhang von Handeln und Schuld gespiegelt. Ein intensiver Exzess der Grenzüberschreitung in der Mitte des Romans, ist der Inzest zwischen Dell und seiner Zwillingsschwester Berner. Doch auch das wird nicht als wirkliche Katastrophe empfunden. Dabei werden auch hier die Fragen nach Schuld und Verstrickung nicht wirklich aufgelöst, obwohl wir es insbesondere bei der sterbenskranken Zwillingsschwester Dell mit einem total verpfuschten Leben zu tun haben. Sie war drei Mal verheiratet, Alkoholikerin und sie hat ihre zweite Chance eigentlich nie gesucht.

In einer großartigen Doppelperspektive erfahren wir wie Dell ein glücklicher Familienvater und Lehrer geworden ist, der trotz alle Enttäuschungen, Brüche, Grenzüberschreitungen und Schuld und Schlamassel- im Gegensatz zu seiner Schwester, die ihm zum Schluss vorzuhalten versucht was er alles im Leben verpasst hat - sein Leben in den Griff bekommen hat.

Zu den zentralen Erzählsträngen und zu den anrührenden Momenten gehört das ständige Ringen der Kinder, um die Liebe der Eltern, denn die bleibt trotz aller Verfehlungen erhalten.

Es gibt anrührende und packende Schilderungen auf dieser Suche nach einer zweiten Chance im Leben. Die gelingt, wenn auch der Ich Erzähler meint man müsse für alles im Leben bezahlen, bevor final das Gute Geborgenheit vermittelt. Berner konnte das Toxikum der Bösartigkeit psychisch nicht bewältigen, denn sie stürzte sich in ihrem Achterbahnleben von einem Abenteuer ins nächste.

Ein großartiger Roman, ich habe lange keinen Erzähler mehr gelesen, der einen so großen Lebensraum derartig rasant, abgründig und polyperspektivisch erzählerisch auffalten kann wie Richard Ford. Meine empathische Leseempfehlung.
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