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am 14. August 2017
Seit langer Zeit habe ich kein Buch mehr so verschlungen wie dieses. Die Geschichte, so fremdartig die auch sein mag, zieht einen unvermittelt rein in das Geschehen. Über die ganze Strecke hinweg lässt der Sog nicht nach.
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am 21. Februar 2016
Das war mal wieder ein Roman von Murakami den ich verschlungen habe. Manche Dinge wurden nur leider nicht aufgelöst auf die ich zum Ende hin gehofft hatte.
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am 24. März 2017
Hajime hat eigentlich keinen Grund, mit seinem Leben unzufrieden zu sein: Ende dreißig ist er glücklich verheiratet, hat zwei Töchter und ist Besitzer eines erfolgreichen Jazzclubs in Tokio. Trotzdem denkt er an seine Kindheitsfreundin Shimamoto, an das Händchenhalten mit ihr und das gemeinsame Schallplattenhören im Wohnzimmer ihrer Eltern. Plötzlich taucht sie eines Abends nach Jahrzehnten in seiner Bar auf. An regnerischen Abenden erscheint sie wie eine Halluzination und hebt Hajimes Leben aus den Angeln.

Südlich der Grenze, westliche der Sonne ist eine Neuübersetzung von Haruki Murakamis Klassiker Gefährliche Geliebte. Der Unterschied zwischen den Titeln ist, dass die neue Ausgabe direkt aus dem japanischen in die deutsche Sprache übersetzt wurde, während Gefährliche Geliebte eine Übersetzung der amerikanischen Ausgabe war. Gefährliche Geliebte war außerdem der Roman, der vor einigen Jahren in der Sendung Das literarische Quartett zu einem heftigen Streit zwischen Marcel Reich-Ranicki und Sigrid Löffler führte, der damit endete, dass Löffler nicht weiter an der Sendung teilnahm. Einen gekürzten Zusammenschnitt (Achtung SPOILER!) der Auseinandersetzung gibt es hier.

"Wahrscheinlich fühlten wir beide, dass wir noch unfertige Geschöpfe waren, auf der Suche nach etwas neuen, zu erreichenden Etwas, das uns erfüllen und vervollkommnen würde. Zehn Sekunden lang standen wir Hand in Hand vor dem Tor zu diesem Neuen. Nur wir beide. Im Schein eines trüben flackernden Lichts."

Hajime und Shimamoto begegnen sich bereits im Kindesalter. Beide gehen auf dieselbe Schule und sind dort die einzigen Einzelkinder, weshalb Hajime sich das Mädchen kümmern soll. Bei Shimamoto kommt zudem eine leichte Gehbehinderung dazu, so dass sie sich zusätzlich von den anderen Kindern unterscheidet. Die beiden verbindet ihre Liebe zur Musik und Literatur. Die Freundschaft und Zuneigung der beiden ist so tief, dass er sie als seine Seelenverwandte bezeichnet. Trotz aller Gefühle füreinander kommen die beiden sich aber nicht näher. Nach seinem Wegzug verliert er den Kontakt zu Shimamoto. Erst danach entdeckt Hajime sein Bedürfnis nach Sexualität. Obwohl sie aus seinem Leben verschwunden ist, denkt Hajime häufig an sie, auch nachdem er bereits verheiratet ist. Dreißig Jahre später sitzt sie plötzlich auf einem Barhocker in einem seiner Jazzclubs. Nun ist es an Hajime herauszufinden, ob Shimamoto real ist, oder nur ein Traum aus der Vergangenheit.

"Mit einem Mal war mir, als führte ich das Leben an einem anderen Ort, der für diesen anderen geschaffen war. Inwieweit war dieser Mensch, den ich als ich bezeichnete, wirklich ich selbst? Inwieweit waren die Hände an diesem Lenkrad wirklich meine Hände? Inwieweit entsprach die Szenerie um mich herum der Realität? Je mehr ich darüber nachdachte, desto weniger wusste ich."

Bis zum Auftauchen von Shimamoto beschäftig sich der Roman viel mit dem Thema Einsamkeit in einer modernen Gesellschaft. Hajime ist Einzelkind, ihm selbst fällt dieser Unterschied zu seinen Mitschülern deutlich auf. Auch nach seinem Studium fällt es ihm schwer zu entscheiden, was er mit seinem Leben anfangen will. Bindungen mit anderen Menschen sind ebenso problematisch. Erst mit der Eröffnung seiner Jazzclubs, der Heirat mit Yukiko sowie den gemeinsamen Töchtern, scheint er zufrieden in seinem Leben zu sein. Bis eines Abends Shimamoto als Schatten der Vergangenheit vor ihm sitzt. Mit ihrem Auftauchen geht die Handlung erst richtig los. Die Beziehung zwischen den beiden ist von Shimamoto bestimmt. Sie taucht auf wann sie es will, immer an regnerischen Abenden, und ebenso die Gesprächsthemen werden von ihr gelenkt. Nur wenig gibt sie von sich Preis, nur Andeutungen über Umstände, die sie nicht weiter erläutert. Über allem schwebt etwas Surreales und die Ahnung des Todes. Hajime glaubt, eine zweite Chance erhalten zu haben und kann schon bald nicht mehr zwischen Realität und Traum unterscheiden.

"Vielleicht brauchen wir immer einen konkreten Beweis, dass etwas bestimmtes sich wirklich ereignet hat, weil unser Gedächtnis und unsere Wahrnehmung zu unzuverlässig und oberflächlich sind und zu vielen Einflüssen unterliegen. In den meisten Fällen ist es fast unmöglich zu unterscheiden, in welchem Maße das, was wir als Fakten anerkennen, auch Fakten sind, und ab welchem Punkt wir sie nur für welche solche halten. Um unsere Wirklichkeit als wirklich zu verankern, benötigen wir eine weitere relative – eine verwandte – Wirklichkeit."

Ist es möglich, eine schon verpasste Chancen neu zu ergreifen? Diese Frage spielt eine tragende Rolle, ebenso wie die Themen Liebe, Treue und die Suche nach dem, was im Leben am Ende zählt. Murakami gelingt es hier meisterlich, normale Situationen plötzlich bedrückend erscheinen zu lassen, wodurch immer der Eindruck entsteht, das sich nicht alles rational erklären lässt. Einfühlsam stellt der Autor die (widerstreitenden) Gefühle von Hajime dar und zeigt den fast vierzigjährigen Hajime in seiner ganzen inneren. Ebenso gefühlvoll, fast schon zart, schildert er zwischen Hajime und Shimamoto. Ja, vor allem eine der Sexszenen ist deutlich beschrieben, die aber unverkennbar einen bestimmten Erzählzweck verfolgt und somit eben nicht auf Effekthascherei aus ist. Da ich die alte Übersetzung nicht gelesen habe, kann ich zu den Unterschieden nichts sagen. Allerdings gefällt mir der neue Titel in seiner Poesie Südlich der Grenze, westlich der Sonne deutlich besser als der alte Titel Gefährliche Geliebte.

„Du bist doch glücklich?“
„Ich weiß es nicht genau. Zumindest bin ich nicht unglücklich und auch nicht einsam.“

Südlich der Grenze, westlich der Sonne ist ein weiteres Buch von Murakami, das mir sehr gut gefallen hat. Die Themenvielfalt, das Ausleuchten der Gefühle seines Hauptcharakters und die klare Sprache haben mir ein spannendes und nachdenklich machendes Leseerlebnis beschert, das ich jedem nur empfehlen kann.
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am 12. Juni 2017
Ein Buch wie ein Sog, ein Strudel hinab ins mutmaßlich Unheilvolle, in Wahrheit aber lediglich ins Ungewisse. Das echte Leben halt. Im Beschreiben angenehm unprätentiös, dabei von unglaublicher Kraft, jeden, der jemals Ähnliches gefühlt hat, mit sich fortreißend. Las das Buch in zwei Sitzungen an zwei Tagen durch und es traf mich hart, ließ mich angeschlagen, tief berührt, verwirrt und doch bereichert zurück.
Eines der Bücher, die ich in meinem Leben zwingend gelesen haben mußte!
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am 29. August 2017
Murakami schafft es immer wieder, einen schon mit den ersten Seiten in seinen Bann zu ziehen. Er schreibt so bildhaft, dass man innerhalb kürzester Zeit "am Set" zu sein scheint. Dennoch sind seine Beschreibungen nicht unendlich ausschweifend, sondern eben genau auf den Punkt. Es bleibt noch Raum für die eigenen Vorstellungen. Wunderbar.

Die Geschichte fesselnd und ein Exkurs über das Leben und die Liebe. Da darf jeder für sich seine eigenen Schlüsse heraus ziehen :) Einzig das Ende hat mir nicht gefallen. Nicht so sehr, weil die "Geheimnisse" der weiblichen Hauptfigur nicht aufgelöst wurden sondern einfach weil wie aus heiterem Himmel eine Art "wir haben uns alle Lieb" Happy End angerauscht kommt. Das passt (meiner Meinung nach) so gar nicht zu der Geschichte davor. Nichtsdestotrotz natürlich ein tolles Buch.
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TOP 500 REZENSENTam 28. Juli 2013
Gleich vorneweg: Dieses Buch ist eine Neuübersetzung von Murakami, das ursprünglich als Gefährliche Geliebte: Roman erschien vor einigen Jahren das "Literarische Quartett" aufgrund heftiger Kontroversen den Dolchstoss versetzte. Man kann diese Diskussion immer noch auf youtube ansehen, wen das noch wirklich interessiert, doch mich interessiert es nicht wirklich, genauso wenig, wie Leser sich jetzt über Geldmacherei aufregen, weil sie erst nach dem Kauf entdeckten, dass es sich um eine Neuübersetzung vom Japanischen handelt, während das ursprüngliche Buch vom Englischen übersetzt wurde. Natürlich bietet das keinerlei Grundlage das Buch schlecht zu bewerten und hat im Grunde auch nichts mit einer Rezension zu tun, ausserdem bin ich der Meinung, dass man sich über so ein wunderbar geschriebenes Buch, eine eigene Meinung bilden sollte, schon mal soviel zum Anfang..

Hajime ist der Hauptprotagonist in diesem Roman, sowie die Geliebte Shimamoto, die sehr mysteriös und nicht wirklich greifbar geschildert wird. Hajime der Ich-Erzähler, schildert seinen Beziehungslebenslauf, seine verschiedenen Begegnungen und Erfahrungen mit Frauen und der Liebe, auch der Se*uellen. Schon mit zwölf Jahren begegnen sich die beiden, verlieren sich aus den Augen, begegnen sich wieder bis irgendwann eine richtige Leidenschaft mit angedeuteten Abgründen entsteht. Parallel dazu entwirft Murakami das geregelte Leben seines Protagonisten. Schildert seine Unzufriedenheit im Verlagswesen, bis er irgendwann als Besitzer zweier Jazz-Bars glücklicher ist. Er gründet eine Ehe mit Yukiko, hat zwei Töchter und geht einem geregeltem Leben nach. Doch die geheime Leidenschaft, die in grösseren Zeitabständen und Unterbrüchen immer wieder aufflammt, gefährdet immer wieder das Leben von Hajime und stellt immer wieder in Frage, wie für ihn ein richtig gelebtes Leben aussehen soll. Ein Leben eben, das auch von Wahrhaftigkeit durchdrungen ist und gelebt wird. Über gut 25 Jahre nimmt uns der Autor mit, etwas von diesem Leben, mit all seinem Ringen und inneren Fragen auszusetzen.

Dieses Buch erzählt was es bedeutet ein Einzelkind zu sein, erzählt von Sinnsuche, erzählt von dem was uns glücklich machen könnte, dem Ringen das zu tun, was einen zufrieden macht, und vor allem mit dem Menschen zu sein, den man wirklich liebt. Das Problem von Hajime hat, dass er zwei Frauen liebt. Mit der einen mehr das geregelte Leben, mit der anderen das tiefe Leidenschaftliche, der man eine gewisse Abhängigkeit unterstellen kann. Hajime leidet unter dieser "Doppelliebe", denn schläft er mit mit Yukiko, denkt er an Shimamoto. Natürlich sind wir Menschen anfällig für Leidenschaft, die oft unausgesprochen abgründig daherkommt und oftmals nicht wirklich lebbar ist, genau diesen Themenkomplex hat Murakami wunderbar herausgearbeitet. Das so ein Buch Frauen anders lesen als Männer ist auch klar, und natürlich wird hier eher eine männliche innere Erfahrungswelt mit all' ihrer Zerrissenheit geschildert, wunderbar einfühlsam, manchmal leise und poetisch, manchmal der Abgründe ahnend, den Leser zum Nachdenken und Reflektieren anregt. Mich begeistert dieses Buch, sowohl von seinem Plot her, als auch von seinem wunderbaren Schreibstil her. Eine Liebesgeschichte die im stillen vor sich hinschwehlt, immer wieder kurz aufflammt und dann wieder in sich versinkt. Erst als Hajime sich für Shimamoto entscheidet, verschwindet sie...alle Indizien für diese Liebe, zerfliessen ihm unter den Fingern. Die Lebensrealität von Hajime gerät hier spätestens in Wanken, auch der Leser ist dieser Zerrissenheit ausgesetzt und gerade bewusst vom Autor so gemacht. Ein klasse gemachte Story, wunderbar geschrieben.

Was mir besonders an diesem Buch gefallen hat, sind die inneren Beschreibungen, was innerlich in Hajime abläuft, und wie er mit sich ringt, wie er zu seiner Entscheidung kommt, die ihm ja letztendlich nichts bringt, denn Shimamoto bleibt verschwunden, auch wenn sie fesselt und Hajime in seiner Innenwelt beherrscht. Auch die Frage, inwiefern ev. hier nur etwas in der Vorstellung ist, bleibt letztendlich offen, nachdem sich reale Indizien, wie etwas das nicht vorhandene Geldkuvert in seinem Schreibtisch nicht mehr findet. Genauso die Frage, nach der inneren Abhängigkeit, die an Leidenschaft gekoppelt ist und letztendlich für beide nicht lebbar ist. Für mich ein vielschichtiges Buch, das einen umtreibt, zum Nachdenken antreibt und nicht mehr so schnell los lässt. Volle Punktzahl für einen Autor, den ich bis dato noch nicht gelesen habe und er neugierig macht, weitere Werke von ihm zu lesen.

Da ich ganz viele Sätze wunderbar geschrieben finde, soll einer von diesen hier noch am Schluss zitiert werden:
"Etwas in meinem Leben löste sich und verschwand. Lautlos und endgültig."

Klare Leseempfehlung.

Nachbemerkung:

Da im Zusammenhang mit der Neuübersetzung immer wieder Anstoss zur Diskussion gegeben ist, möchte ich hier drei Sätze im Vergleich wiedergeben:

Aus der Übersetzung vom Japanischen / Südlich der Grenze, westlich der Sonne (Ursula Gräfe / Und: Gefährliche Geliebte / aus dem Englischen / Gefährliche Geliebte (Giovanni + Ditte Bandini)

1. Etwas im Inneren löste sich und verschwand. Lautlos und endgültig. / Etwas in mir wurde gekappt und verschwand. Lautlos. Für immer.
2. In der weichen Dunkelheit fiel noch immer lautlos der Regen. / In diese milde Dunkelheit fiel weiter lautlos der Regen.
3. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was ich im Leben wollte. / Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was ich mir vom Leben erhoffe.

*****

Nachtrag: (12.1.2014) Der Satz der Sätze und bekanntlich im Jahre 2000 das literarische Quartett sprengte und Murakami noch bekannter machte:

S. 50 / Gefährliche Geliebte: "ich wollte sie bis zur Hirnerweichung v*geln" / S.50 / Südlich der Grenze: "S*x haben, bis mir das Hirn schmilzt."
und..
S. 46 / Gefährliche Geliebte: "es war eine Naturgewalt, es hat uns umgehauen." / S. 50 / Südlich der Grenze: "Dass es sich um eine rein physische Anziehung gehandelt habe.."

Beide Zitate wurden damals von Sigrid Löffler zitiert und ist heute noch unter youtube zu sehen. (Das literarische Quartett - der Krach)

Das zeigt doch zum Einen wie Übersetzungen variieren können und lässt gleichzeitig natürlich die Frage offen, ob sich das damalige Quartett mit der heutigen Übersetzung aus dem Jahre 2013 ebenfalls zum Verwürfnis geführt hätte...
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am 16. Oktober 2013
Meine Gedanken zu dem Buch:

1999 erschien der Roman von Hakuri Murakami in englischer Sprache, wurde aus dem Englischen ein Jahr später ins Deutsche übersetzt und wurde hierzulande unter dem Titel "Gefährliche Geliebte" bekannt. Nun - 13 Jahre später - bekommt dieser Roman des Japaners Murakami ein neues Gewand. Statt "Gefährliche Geliebte" heißt er nun "Südlich der Grenze, westlich der Sonne" - und zeigt nun auf, wieviel eine gute Übersetzung wert ist. Bei einer Übersetzung vom Japanischen ins Englische und von da ins Deutsche, da sind sprachliche Dispute ja schon beinahe vorprogrammiert, da leidet die Eleganz des geschriebenen Wortes. Und so löste "Gefährliche Geliebte" große Spannungen in der Literaturwelt aus und nicht zuletzt führte ein Streit über die Sprache und seine Darstellung der Sexualität sogar zur Auflösung des "Literarischen Quartetts".
Nun legt die Übersetzerin Ursula Gräfe, die schon viele Werke japanischer Schriftsteller übersetzte, eine vollkommen neue Übersetzung direkt aus dem Japanischen vor und Haruki Murakamis großer Roman erwacht durch diese facettenreichere Übersetzung nun zu neuem Leben.
Wer schon Romane von Murakami gelesen hat, der weiß um seinen leicht kühlen und eher etwas sachlichen Schreibstil - und genau dieser macht nun auch diesen Roman aus.
Ich persönlich habe die erste Übersetzung damals nicht gelesen, aber die Kritiken beschimpften die alte Übersetzung als "flapsig" über "lapidar" bis hin zu "banal". Davon ist hier nichts zu merken. Murakamis Handschrift ist eindeutig erkennbar und der Stil zeigt Tiefe und Charakter.
Erzählt wird diese Liebesgeschichte aus Sicht von Hajime in der ich-Perspektive. Er erzählt rückblickend und arbeitet sich langsam in die Gegenwart vor.
Hajime wuchs in den Fünfziger Jahren als Einzelkind in der Nähe von Tokio auf, was zu dieser Zeit eher ungewöhnlich war. Ein Kind ohne Geschwister galt quasi als Rarität. Dies spiegelte sich auch auf sein Verhalten wider. Verwöhnt, etwas egoistisch und eher der schwächliche Typ - Eigenschaften, die sein Leben prägten. Freundschaften schloss er nur schwer, verbrachte seine Zeit lieber mit Lesen und Musik hören. Bis er Shimamoto begegnete. Shimamoto war ebenfalls ein Einzelkind und bald darauf auch seine beste Freundin. Nach der Schule lauschten sie gemeinsam der Musik und Hajime hegte unbekannte Gefühle für sie.
Aber er verlor sie nach einem Umzug jedoch aus den Augen, woran er nicht unschuldig war. Nur vergessen konnte er sie nicht. Hajime hatte natürlich Freundinnen, trottete auf seine Eingangs genannte egoistische Weise durch das Leben, er heiratete sogar und bekam Kinder - und er erfüllte sich den großen Traum eines eigenen Jazzclubs, der sehr erfolgreich wurde. Er war glücklich. Fast. Etwas fehlte. Shimamoto.

"Keine messbare äussere Schönheit war es also, die mich anzog, sondern etwas Absolutes, Verborgenes. Ebenso wie manche Menschen insgeheim Wolkenbrüche, Erdbeben oder Stromausfälle liebten, liebte ich diese verborgene Anziehungskraft, die das andere Geschlecht auf mich ausübte."
Seite 45

Und dann - viele, viele Jahre später - steht sie plötzlich in seinem Club, taucht auf wie aus dem Nichts. Und seither steht Hajimes Leben auf Kopf. Shimamoto kommt und geht, wie es ihr gefällt, sie bestimmt die Regeln und sie ist sehr geheimnisumwoben, teilt nichts über sich mit und verschwindet auch mal plötzlich auf unbestimmte Zeit. Doch immer wieder taucht sie genauso plötzlich wieder im Club auf, immer an regnerischen Abenden ...
Als Leser fragt man sich unwillkürlich, was es mit dieser unnahbaren Shimamoto auf sich hat. Was hat sie zu verbergen, wer ist sie wirklich?
Mich faszinierte dieser eher nüchterne Schreibstil ungemein. Es passt so hervorragend zu Hajimes Charakter, zu seiner ganzen Art, seinem Auftreten und seinem durch-das-Leben-schlittern. Hajime nimmt in seiner Erzählung kein Blatt vor den Mund, steht zu seinen Makeln und Fehlern und sieht in seinem Rückblick sein Leben selbst nüchtern an sich vorüberziehen. Nur seine Liebe zu Shimamoto zieht sich beständig durch sein Leben, scheint unendlich zu sein.
Hajime scheint ihr verfallen.
Und zum Schluss bleibt eine Frage: was ist Realität, was ist Fiktion und wo verschwimmt die Grenze? Vielleicht westlich der Sonne?

Kurz & gut - mein persönliches Fazit

Murakamis Roman begeisterte mich von den ersten Seiten an und gehört für mich definitiv zu den diesjährigen Lese-Highlights.
Ein unvergleichlicher Schreibstil, der durch seine Schlichtheit und seine Kühle trumpft - und doch dieser faszinierenden japanischen Liebesgeschichte das i-Tüpfelchen aufsetzt. Ein Roman über die unendliche Liebe, das Leben selbst, das Vergängliche und das, was bestehen bleibt - und sei es nur in unseren Gedanken.
Eine ganz klare Leseempfehlung!

© Rezension: 2013, Alexandra
buecherkaffee.blogspot.de
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am 4. Juni 2016
Eigentlich ist das die gefährliche Geliebte. Aber einfach besser. Ich würde "Die wilde Schafsjagd" und "Tanz mit dem Schafsmann" auch gerne in einer Übersetzung von Frau Gräfe lesen, was wohl leider nicht möglich sein wird.
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am 26. Mai 2013
Vorab, ich kenne "Gefährliche Geliebte" nicht, da ich Murakami erst vor einigen Monaten für mich entdeckt habe. Dennoch war ich gerade auf diese Neuübersetzung unheimlich gespannt.
In der Regel ist es allerdings so, daß ich, wenn ich mich auf ein Buch unwahrscheinlich freue, letztlich eine große Enttäuschung erfahre. Hier war das allerdings nicht so.
Dieses Buch ist wirklich sehr berührend und bewegend. Es gab so viele Szenen, die ich, da aus der Sicht eines Mannes erzählt, zwar schlecht nachfühlen, aber doch verstehen konnte. Die Sprache ist typisch für Murakmi sehr klar und relativ einfach gehalten. Obwohl das Buch seinem Leser einiges abverlangt, verstrickt man sich nicht in langen Schachtelsätzen oder verkopften Ideen.
Murakami berichtet mit viel Gefühl und Einfühlsamkeit von diesen beiden Menschen, die sich verloren, wiederfinden und erleben. Es ist kein Buch, das einen zu Tränen rührt, oder Denkweisen verändert, aber es ist ein Buch, das mir sicherlich noch lange im Kopf bleiben wird. Eben gerade wegen der klaren und deutlichen, aber nie banalen Sprache und der tiefen Eindrücke und Gedanken, die es auslöst.

Ich persönlich habe jede einzelne Seite genossen und würde sagen, hier ein Buch gelesen zu haben, das zu den wenigen gehört, die ich sicher noch einmal später im Leben zur Hand nehmen werde, einfach weil es mich interessiert, wie ich es empfinde, wenn mein persönlicher Erfahrungsschatz ein größerer geworden ist.

Ich habe mir mittlerweile auch den "Streit" des literarischen Quartetts zu dem Buch angesehen und muß gestehen, daß diese Diskussion mich nach der Lektüre des Buches etwas erheitert hat, da ich ihn nicht mehr gänzlich nachvollziehen konnte, da auf die Neuausgabe die Argumente nicht gänzlich passen.

Kleines Manko ist das fehlende Lesebändchen, bei der sonst so schönen Ausstattung des Buches hätte ich, als Liebhaberin der Lesebändchen, mir das einfach noch gewünscht.

Fazit: Ein sehr bewegendes, einfühlsames und anregendes Buch, das sich durch seine klare Sprache von allem anderen abhebt und Einblicke in die Gedanken und Gefühle eines Mannes gibt, die mich als Leserin faszinieren konnten.
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am 10. Februar 2014
«Zweimal jährlich kommt ein Liebesroman und Sie sagen empört, das gehört gar nicht hierher. Ich weiß gar nicht, Sie halten die Liebe für etwas anstößig Unanständiges, aber die Weltliteratur befasst sich nun mal mit diesem Thema.» Sigrid Löffler hatte im Jahre 2000 in der populären Sendereihe «Literarisches Quartett» diese harsche Replik Marcel Reich-Ranickis ausgelöst mit ihrem Vorwurf, der Roman «Gefährliche Geliebte» von Haruki Murakami wäre «keine Literatur, das ist bestenfalls literarisches Fastfood». Der Roman lag damals nur in einer Übersetzung aus der amerikanischen Fassung vor, in der erregten Diskussion mutmaßte Reich-Ranicki denn auch: «Ich wette, im Original ist es viel besser»!

Womit er, wie man heute nachvollziehen kann, wohl auch Recht hatte. Denn die neue Auflage von 2013 wurde unter dem originalen Titel «Südlich der Grenze, westlich der Sonne» nun direkt aus dem Japanischen übersetzt. Ich habe beide Versionen gelesen, und in der Tat ist die Neuübersetzung sprachlich deutlich seriöser, weniger flapsig und salopp, und damit ist sie, so die Übersetzerin, wesentlich näher am Original. Wären da nicht die Namen und Orte, man würde dem Roman übrigens kaum anmerken, dass er von einem japanischen Romancier geschrieben wurde, was Murakami prompt den Vorwurf einer zu stark westlichen Orientierung eingetragen hat. Ist nach alledem Löfflers vernichtende Kritik berechtigt?

Trivial, um das vorweg zu sagen, ist die Geschichte des Ich-Erzählers Hajime und seiner großen Liebe Shimamoto jedenfalls nicht. Die beiden sind als Kinder zusammen, hören gemeinsam Schallplatten, fühlen sich geradezu magisch zueinander hingezogen. Als seine Eltern wegziehen, verlieren die Beiden sich allmählich aus den Augen. Nach seinem Literaturstudium und einigen, für ihn sterbenslangweiligen Jahren als Angestellter eines Schulbuchverlages ermöglicht ihm sein Schwiegervater den Sprung in die Selbstständigkeit. Er eröffnet einen Jazzclub und ist so erfolgreich damit, dass schon bald ein zweiter folgt. Nach gängigen Maßstäben könnte er jetzt glücklich sein, er liebt seine Frau und die beiden Töchter und ist aller finanziellen Sorgen enthoben. Aber irgendetwas fehlt ihm doch, er spürt eine innere Leere. Als eine Zeitschrift einen Bericht über seine Jazzclubs veröffentlicht, taucht irgendwann Shimamoto als Gast dort auf, sie hatte den Artikel gelesen. Die alte Zuneigung keimt wieder auf zwischen den Beiden, aber sie bleiben auf Distanz, Shimamoto verschwindet oft für längere Zeit ohne jede Erklärung. Sie gibt auch kaum etwas von sich preis, er kennt ihre Adresse nicht, weiß nicht mal, ob sie verheiratet ist. Irgendwann wird die Situation für Hajime unerträglich, er ist bereit, sein geordnetes Leben aufzugeben, Frau und Kinder zu verlassen, auch beruflich einen Neuanfang zu wagen, um künftig mit ihr zusammen zu sein. In ihrer ersten Liebesnacht erleben sie rauschhaft die immer erträumte sexuelle Erfüllung miteinander. Am nächsten Morgen aber ist Shimamoto verschwunden, und sie bleibt es wohl auch für immer, wie Hajime ahnt. Er beichtet alles seiner Frau und verfällt in tiefste Melancholie.

Das Motiv der geheimnisvollen Schönen wird in Murakamis plausibel konstruiertem Plot in einer kühlen, sachlichen, wunderbar klaren Sprache umgesetzt, es gelingt ihm auch ohne üppige Metaphern eindrucksvoll, Hajimis innere Zerrissenheit glaubhaft darzustellen. Shimamoto bleibt ein Mysterium für ihn, sie ist «westlich der Sonne», also unerreichbar dort, wohin manchmal die Bauern aufbrechen, wenn sie in der Unendlichkeit der sibirischen Landschaft den Hysteria sibiriana genannten Koller bekommen und wie magisch angezogen der untergehenden Sonne hinterherlaufen. Sigrid Löffler jedenfalls war damals ohne Zweifel auf dem Holzweg!
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