Sale70 Sale70w Sale70m Hier klicken Sonderangebote Bestseller 2016 Cloud Drive Photos UHD TVs Learn More TDZ Mehr dazu Mehr dazu Shop Kindle AmazonMusicUnlimitedEcho BundesligaLive longss17



Derzeit tritt ein Problem beim Filtern der Rezensionen auf. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.

am 15. Juli 2016
Wer „Agnes“, „Sieben Jahre“ oder „Wir fliegen“ von Stamm kennt, kommt nicht umhin, diesen Maßstab auch an „Nacht ist der Tag“ anzulegen. Die Erwartung eines vergleichbaren Lesevergnügens hat sich nicht ganz erfüllt. Ohne Frage ist es ein echter Stamm. Der Ton seiner Texte und ihre Phrasierung berühren . Wie aus den oben genannten Arbeiten vertraut ist seine Sprache wohltuend unaufgeregt, eher skizzenhaft als breit ausgeführend. Blumige sprachliche Bilder findet man kaum. Die große Enthaltsamkeit gegenüber Metaphern und Analogien ist der Grund dafür, dass, werden sie doch einmal eingesetzt, dann unverbraucht und präzise sind.

Aber worum geht es ? Gillian, eine junge Fernsehmoderatorin, Bereich Kultur, erkaltet in ihren Gefühlen für ihren Ehemann, der doch eher ein Türöffner war und den sie auch beruflich an Prestige schon übertrifft – er arbeitet in derselben Branche. Zeit für einen fliegenden Wechsel. Erste Bande zum Maler Hubert, den sie in ihrer Sendung vorgestellt und interviewt hat, sind geknüpft. Die spielerische Kontaktaufnahme, die von ihrer Seite forciert wird, hat einen ersten Vorgipfel in Aktaufnahmen, die Hubert für seine malerischen Zwecke von ihr macht. Sie geraten in die Hände ihres Mannes Matthias. Die Spannung zwischen ihm und Gilian, die auf eine Geburtstagsparty eingeladen sind, ist nur mit reichlich Alkohol erträglich. Auf der Heimfahrt verunglückt Matthias, der das Auto lenkt, tödlich. Die stark alkoholisierte Gillian überlebt und kommt mit einer allerdings entstellenden Gesichtsverletzung davon. Die Nase ist ihr quasi abrasiert worden. Der Roman setzt ein mit ihrem Auftauchen aus Bewußtlosigkeit und Narkose im Krankenhaus. Die Vorgeschichte ihrer Beziehung zu Hubert erfahren wir aus einer Rückblende.

Wow!! Einerseits mal wieder vertrautes Terrain. Der Autor bevorzugt wie so viele die kurzen Wege und portraitiert sein Biotop. Schweizer Wohlstandsgesellschaft und Kulturschickeria, Künstler und ihre kreativen Blockaden. Auf der anderen Seite aber heftig. Verstümmelung und „Gesichts“verlust einer Schönen und Erfolgreichen aus dem Fernsehen. Was wird aus ihr? Die Versprechungen, die unweigerlich mit diesem extremen dramaturgischen Vorwurf verbunden sind, werden nur zum Teil eingelöst. Klar – es muss um Selbstwahrnehmung, Authentizität und Inszenierung, falsches Leben im Richtigen, Bedeutung von Kunst gehen. Darum geht es auch – und reichlich. Verkleiden und Entblößen könnte ein Subtitel des Romans sein. Ein großes Thema. Und wirklich mangelt es nicht an tiefen, manchmal verblüffenden und subtilen Variationen und Detailbeobachtungen dazu.

Die erwachende Gillian ist zum ersten Mal der Verletzung ausgesetzt. Das ist meisterhaft beobachtet und geschildert. Das spontane, fast traumhafte Vorbeidenken und unbewußte Ablenken von der schrecklichen Realität. „Wie kann ich den Kaffee riechen, wenn ich keine Nase habe“, ist eine ihrer ersten Fragen an den Arzt. Der Arzt überlässt ihr einen Handspiegel, damit sie sich betrachten kann. „Sie hält den Spiegel in der Hand wie eine Waffe, von der sie nicht weiß wie sie zu bedienen ist.“ Bei der zweiten Visite, der Vater ist anwesend, fragt der Arzt „Wie geht es ihn Ihnen?“. Gillian assoziert eine typische Kindersituation. Kinder verstecken sich, geben keine Antwort und rühren sich nicht, um Wirklichkeit magisch aufzulösen, etwas ungeschehen zu machen. Gillian ist in der Visitensituation ein Kind. „Sie sage nichts. Sie durfte sich nicht verraten. Sie hatte sich versteckt, wenn sie sich nicht rührte, konnten sie sie nicht finden“.

Noch facettenreicher ist das Nachdenken darüber, was wir sind oder nicht sind oder vorgeben zu sein in der Beziehung Gillian Hubert inzeniert. Wieder zu Hause schaut sich Gillian den Mitschnitt ihres Interviews mit dem Maler an. Zunächst stellt sie sich damit ihrem früheren „Bild“. Schnell ist ihr Interesse dafür wieder geweckt, wie das Interview ablief. Die Sachebene des Gesprächs, die versucht, die künstlerische Idee Huberts zu begreifen, dreht sich naturgemäß um nichts anderes als Realität und Inszenierung und ihre Verwischung oder Überblendung. Hubert hat die Marotte entwickelt, Frauen auf der Straße als Modelle zu gewinnen. Keineswegs nur junge und attraktive. Seine Auswahlkriterien sind höchstens halbbewußt. Vielleicht sucht er Intensität und Kraft oder auch Verlorenheit, Angst. Öfter habe er das Gefühl, sie wählten ihn. Nur wenige sind bereit, sich in ihrer Wohnung nackt bei Alltagsbeschäftigungen ablichten zu lassen, mit der vagen Aussicht, dass eines der so gewonnenen Bilder als Vorlage für ein späteres Gemälde dient.

Eine Vielzahl von Fragen zu Identität und Authentizität wird hier angerissen. Sie werden im ersten 120 Seiten umfassenden Teil des Buches breit entfaltet. Huberts Projekt ist mehr als eine Masche, die sich gut verkauft und sogar mehr als die alte Tradition des weiblichen Aktes, deren Maler oft professionelle Modelle benutzen. Welcher Realität spürt Hubert nach? Welche besondere Aura will er mit rationalem Kalkül erzeugen? Was bringt die wenigen Frauen dazu, sich auf dieses Spiel einzulassen? Im Gespräch mit Gillian geht es um Unterschiede zwischen professioneller Nacktheit der Modelle, die „sie tragen wie ein Kleid“ und dem Kommunikationsprozess, der sich zwischen Hubert und seinen Laien-Nackten ergibt. Auch die scheinen ein noch unerschlossenes Potential zu haben und einem legitimen Bedürfnis des Selbstausdrucks zu entsprechen.

Dieser Widerstreit von Zeigen und Verbergen wird weiter auf die Spitze getrieben.
Gillian geht Hubert im Interview durchaus kritisch an. Was denkt er sich ?. Wie sucht er seine Frauen aus ? Wer ist denn der Künstler, er oder das Modell ? Hubert wirkt unsicher aber auch überheblich. An einer Stelle des Films sieht Gillian aus, „als würde sie sich ekeln“. Beim Wiederbetrachten des Films denkt Gillian „dieser aufgeblasene Idiot“. Aber der Film lässt Gillian nicht los. Bei genauer Betrachtung und mehrfachem Anhalten „sah Gillian in ihren Augen Bewunderung, ein jungmädchenhaftes Strahlen. Huberts anfängliche Langweile wich allmählich einem Ausdruck von Zärtlichkeit, der Gillian irritierte.“ Eine doppelbödige Anordnung also. Im kritischen Gespräch über Verbergen und Herzeigen, Scham und Performation, welches das Thema unter der Kunstperspektive entschärft, läuft gleichzeitig ein halb sich verleugnender erotischer Kommunikationsprozess, der denselben Gesetzmäßigkeiten gehorcht. Das Sachthema, das kulturell und kunsttheoretisch abgehandelt wird, springt auf seine Diskutanten über.

Diese Verschränkung des künstlerischen Nacktheitsthemas mit der sich entwickelnden Liebesbeziehung zwischen Hubert und Gillian wird in der Ausgestaltung ihrer Annäherung noch virtuos fortgeführt. Dieser erste Teil, der die Hälfte des Buches ausmacht, ist gelungen. Die Rückblende auf die Geschichte der Beziehung ist der dominierende Part. Gillians erste Schritte nach dem Unfall spielen nur eine untergeordnete Rolle. Was über sie gesagt wird, ist stimmig und plausibel. Wie sie ihre Entstellung verkraftet, den absehbaren Verlust ihrer bisherigen Funktion beim Fernsehen bewältigt, sich mit ihrer Umgebung auseinandersetzt, mit dem Tod ihres Ehemannes und ihrer mittelbaren Verwicklung in den Unfall zurechtkommt, all das bleibt ungesagt. Wer darauf wartet, im folgenden Teil mehr zu erfahren, wird enttäuscht.

Die weitere Entwicklung überzeugt nicht wirklich. Im zweiten Teil ( S.129 – 203) ist Gillian all diesen absehbaren Schwierigkeiten längst entwachsen. Offenbar waren die zahlreichen Operationen, die für die Wiederherstellung ihrer Nase nötig waren, erfolgreich. Obwohl so die Fortsetzung einer Fernsehkarriere wieder denkbar wäre, ist Gillian zu Gill mutiert und hat sich neu erfunden. Wir treffen sie wundersam geheilt und vital in einer neuen Umgebung, praktischerweise in der Nähe des Ferienchalets der Eltern, das sie jetzt bezogen hat. Hier arbeitet die frühere Kulturmoderatorin und Fernsehjournalistin als Eventmanagerin und Animateurin eines Wellness-Hotels und bespaßt die dankbaren Gäste. Ihr Engangement geht so weit, dass die gelernte Schauspielerin, die einmal die „Julie“ von Strindberg gespielt hat, jetzt den Bauerntrampel auf der hauseigenen Bühne gibt und mit ihren Liebestötern das Publikum begeistert. Offenbar ihre derzeitige Vorstellung von einem authentischen Leben, da das vorige ihr doch „inzeniert“ erschien. Hubert aber spukt noch in ihrem Kopf und sie schafft es, ihn mit einem Ausstellungprojekt herzulocken. Der schöpferisch längst ausgebrannte Hubert hat sich in eine Kunstdozentenrolle gerettet und nimmt wiederstrebend den Ruf an, obwohl er beim besten Willen nicht weiß, was er ausstellen soll. Hubert und Gill treffen aufeinander, Gill ist bewundernswert langmütig, sie gewöhnt ihn liebevoll in die schlichte Welt des Wellness-Hotels und seiner Gäste ein. Sogar Malkurse gibt er den Touristen. Der zweite Teil kulminiert in der körperlichen Vereinigung der beiden. Erst in der Garderobe des improvisierten Bauerntheaters, dann, weil es bequemer ist, im Bühnenbett.

Im dritten Teil wird alles wieder komplizierter. Astrid und Lukas, Frau und Kind Huberts, reisen an. Gleich auch noch Rolf, der neue esoterische Freund, der auch mehr oder weniger bioenergetisch und ganzheitlich ausgerichteten Astrid. Zunächst sieht es so aus, als ob Hubert abgemeldet ist. Dann aber scheint doch die kleine Familie, also Hubert, Astrid und Lukas Bestand zu haben. Nun haben Rolf und Gill das Nachsehen. Rolfs Schicksal wird nicht weiter verfolgt. Gill dagegen gerät, vielleicht in Verlängerung ihres Besuchs einer Goa-Party mit Drogen und lieber Freundin, in einen merkwürdig unbestimmten Zustand der Gelassenheit und vielleicht höherer Weisheit. Huberts Rückkehr scheint ihr nicht mehr wahrscheinlich und auch nicht wichtig. Nur an der Notwendigkeit einer erneuten Selbstfindung, eines zweiten Aufbruchs bestehen für sie keine Zweifel. Hier kann sich nicht bleiben. Wellness und Animation ist nicht mehr. Irgendwohin würde sie gehen und neu anfangen. Mit oder ohne Hubert – egal. „Das Spiel war zu Ende, sie war frei und konnte gehen, wohin sie wollte.“

Nach vielversprechendem Anfang, der die Hälfte des Romans ausmacht, und doch viele Fragen offen lässt, ein konstruiert wirkender Plot, der sich so dahin schleppt und manche Merkwürdigkeiten hat. Ein ratloser Schluss, der nichts erklärt und alles offen lässt. Sogar die Frage, wofür es nun eigentlich der schweren Verletzung Gillians bedurft habe, ist rückblickend ungelöst. Welchen Einfluss sie auf die erste Wandlung zur anspruchslosen Wellness-Managerin gehabt hat, bleibt im Dunkeln. Der zweite Ausbruch aus der nun abgelegten Wellness-Welt bedarf gar keiner Vorbereitung und Erläuterung mehr.

Bei allem bleibt Stamm ein hervorragender Psychologe und ausgezeichneter Autor. Man hat ein bißchen den Eindruck, dass er eine Sammlung von Situationen und Motiven mit aller ihm zu Gebote stehenden Sensibilität abgearbeitet hat. Hoch talentiert, aber eben sehr programmatisch. Dabei entstehen Momentaufnahmen und Einsichten, die bestechen können. Vor allem im ersten Teil, aber auch im langatmigen zweiten Teil finden sie sich noch. Nur diese Miniaturen und Facetten in einen überzeugenden großen Erzählstrang einzuarbeiten, einen wirklich guten Roman zu schreiben – das ist ihm weniger gelungen..
0Kommentar| 2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 10. Juli 2015
Es war die positive Rezension im 'Economist', die mich auf die englische Uebersetzung des Romans aufmerksam machte, aber ich las ihn dann in der Originalsprache.
Zusammen mit einem Lesefreund erhoffte ich mir vom Schriftsteller eine Neubetrachtung des in der 'Verwandlung' von Kafka beschriebenen Themenkreises, jedoch mit dem wichtigen Unterschied, dass die Protagonistin Gillian, im Gegensatz zu Kafka's Gregor Samsa, mit ihrer Metamorphose weiterzuleben hatte.
Leider wendet man Seite um Seite und hofft vergebens zur Erzaehlung oder den Figuren Bezug zu finden, Banalitaet reiht sich an Banalitaet, und so hatte schliesslich keiner von uns beiden das Buch zu Ende gelesen, sondern wir begnuegten uns letztlich, die weiteren Seiten nur noch zu ueberfliegen.
Fuer diesen 'Neubeginn' haette Gillian wirklich nicht ihr Gesicht verlieren muessen, da haette das Verlieren ihrer Stelle als TV-Moderatorin durch Reorganisation oder andere Umstaende sowie die latente Moeglichkeit einer Scheidung von Matthias schon genuegt. Was dann noch uebrig bleibt ist lediglich das Humdrum des Lebens, ohne jegliche Auseinandersetzung mit dessen tieferen Aspekten. Schade!
0Kommentar| 2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
Matthias hatte Alkohol getrunken, bevor er den Unfall verursachte, der ihn das Leben kosten sollte. Seine Frau Gillian überlebt und erwacht schwer verletzt in einer fremden Umgebung, die durch den Rufknopf für die Krankenschwester begrenzt ist. Gillian muss aus den Satz- und Informationsfetzen um sie herum erst wieder eine Wirklichkeit zusammensetzen. Sie hat Schmerzen und als Folge ihrer Bewusstlosigkeit verwirrende Gedanken. Das Ausmaß ihrer Verletzungen und Matthias Tod erfasst sie zunächst noch nicht. Am Krankenbett wird deutlich, dass Gillian ein sehr schwieriges, kühles Verhältnis zu ihrer Mutter hat und dass im Leben beider Frauen die nach außen gezeigte Fassade zentrale Bedeutung hatte. Gillians Mutter war Stewardess, Gillian arbeitete zuletzt als Moderatorin einer Talkshow. Übergangslos wechselt die Geschichte in die Vergangenheit, als Gillian Kontakt zu einem Künstler suchte, der Frauen nackt malte und fotografierte. Die Beziehung zu Hubert könnte man als Auslöser der Ehekrise zwischen Gillian und Matthias sehen und damit als ursächlich für den tödlichen Unfall. Nach einem Zeitsprung von mehreren Jahren treffen wir Hubert wieder, inzwischen Ehemann, Vater und mitten in einer Schaffenskrise. Weil Hubert als Referent eines Sommerkurses und Artist in Residence in einen Ferienort im Gebirge eingeladen wird, kommt es zu einem Wiedersehen mit Gillian, die dort inzwischen arbeitet und im Ferienhaus ihrer Eltern lebt. Vermutlich als einziger Kontakt in Gillians Leben sah Hubert seit ihrer ersten Begegnung in einer Talkshow hinter Gillians Fassade. Nun ist es an Gillian, in Huberts Krise aufrichtig ihm gegenüber zu sein. Ob Gillian selbst eine vergleichbare Unterstützung erfahren hat, bleibt ungeklärt.

Peter Stamms Hauptfiguren haben mich zunächst wenig interessiert, solange ihre Zugehörigkeit zum Kultur-Establishment im Mittelpunkt stand. Stamms Technik des nüchternen Reduzierens auf das unbedingt Nötige überspringt Gillians Entwicklung aus der persönlichen und beruflichen Krise und lässt nach dem entschiedenen Schnitt den Maler und sein Modell in einem völlig anderen Licht erscheinen. Der entscheidende Abschnitt des Buches fand in meinem Kopf statt. Als Fan von Peter Stamms Kurzgeschichten finde ich seinen kargen Stil in der Wirkung immer wieder verblüffend, wenn seine "schlanken" Texte lange nachklingen.
0Kommentar|War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 24. Dezember 2013
Der neuste Roman von Peter Stamm hat mich stark enttäuscht. Natürlich ist da seine klare und schnörkellose Sprache und die Geschichte, welche einen am Anfang packt: Eine Fernsehmoderatorin (selbstverständlich hübsch) verliert bei einem Unfall nicht nur ihren Mann, sondern auch den grössten Teil ihres Gesichts. Was Stamm daraus macht, ist eine eher mühsam zu lesende Erzählung mit vielen Längen und den erwarteten Wendungen (die Hauptperson steht als Aktmodell zur Verfügung; der Künstler zieht sich in die Berge zurück usw.). Um den Autor am Schluss (in ziemlich abgewandelter Form) zu zitieren (S. 253): "Der 'Roman' war zu Ende, 'ich' war frei und konnte 'lesen', 'was' ich wollte." Zum Glück.
0Kommentar| 4 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 15. August 2013
Ich mag Peter Stamm. Sein "Sieben Jahre" ist mir nachhaltig und positiv im Gedächtnis geblieben. Nicht ganz so, aber auch "An einem Tag wie diesem". Ganz klar kristallisierte sich schon in diesen beiden Romanen sein - kann man es eigentlich noch hören? - viel gerühmter, knapper und präziser Stil heraus, sowie seine nüchterne Betrachtungsweise der Dinge. Dennoch verstand er es darin, den Leser zu erreichen, zu berühren und streckenweise sogar zu erschüttern.
In "Nacht ist der Tag" passiert nun nichts dergleichen. Mit einem Gefühl der Öde streicht man durch die Seiten - durch den ausufernd sachlichen Stil mehr seiner Emotionen beraubter Beobachter als gefesselter Leser. Es blitzt da kein Lächeln, es blinkt dort keine Träne - ein Plot, der spannend und tiefgehend klingt, versandet im Nichts. Welche Geschichte wurde erzählt und bitte: Weshalb? Am Ende schließt man das Buch mit gleichgültiger Leere und denkt vielleicht gerade noch: Das war wohl für die Katz.
22 Kommentare| 46 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
Ton ab, Kamera läuft... Ein "gestyltes" Leben und ständige Inszenierungen des selbigen gelten schon lange nicht mehr nur für Medienprofis. Der Zaun zwischen Realität und Fiktion, zwischen Zuschauerraum und Bühne, ist morsch geworden. So gut wie jeder kann zum Medienstar werden, zumindest für wenige Minuten. Doch gilt dies auch umgekehrt: Was die Medienwelt nicht einfängt, wird oft so gelebt, als ob die Kamera surren würde. Das Leben wird zu einer riesigen Bühne. Egal, ob es das Parkett des Arbeitslebens ist, auf dem es überzeugend aufzutreten gilt oder aber die eigenen privaten vier Wände und ihr abgegrenztes Fenster zur Welt: Es kommt immer auf eine gelungene Präsentation an. Facebook und Co. sind beredtes Zeugnis derartiger Aufführungsvarianten. Nur was, wenn die Maske bröckelt? Wenn die oberflächliche Schicht einen Riss bekommt oder ganz abfällt, wie eine desolate Vorhangfassade? Dann kommt plötzlich das Ursprüngliche und Elementare zum Vorschein, das Graue und Verwitterte.

So geht es auch den beiden Protagonisten in Peter Stamms neuem Roman, denen er jeweils ein eigenes Kapitel widmet. Zeitversetzt um sechs Jahre lässt er sie aus ihrer eigenen Sicht über ihre Brüche im Leben sinnieren. Da ist zunächst die neununddreißigjährige Gillian. Schön und erfolgreich als Fernsehmoderatorin, lebt sie mit ihrem Mann Matthias ein von den Illustrierten verfolgtes glamouröses Leben zwischen adretten Kleidern, Designermöbeln, Städtereisen, Essen in guten Restaurants und gelegentlichen Besuchen bei ihren Eltern und bei der Mutter ihres Mannes. "Ihr Leben (...) war eine einzige Inszenierung gewesen." Doch der glitzernde Vorhang, den sie über ihrem Dasein ausgebreitet hat, weist bereits einige lose Gewebefäden auf. Die Struktur ist mürbe. "Seit langem schon atmete sie nur noch aus, und manchmal hatte sie das Gefühl, keine Luft mehr zu haben und trotzdem immer weiter ausatmen zu müssen." Bei einem Fernsehinterview lernt sie den gleichaltrigen Künstler Hubert Amrhein kennen, der seine Modelle auf der Straße anspricht, danach nackt bei alltäglichen Handlungen in ihrer gewohnten Umgebung fotografiert und nach diesen Vorlagen Aktbilder malt. Auf unbestimmte Art und Weise fühlt sich Gillian von dem phrasendreschenden Hubert an- und einige anonyme Mailkontakte später auch ausgezogen. "Sie suchte die Verunsicherung, in der Hoffnung aufgerüttelt zu werden. Sie wollte spüren, wer sie war." In seinem Atelier steht sie ihm tatsächlich Modell, und es kommt wie es kommen muss. Matthias findet die Fotos, Eifersuchtsstreit, Alkohol am Steuer... Unfall. Gillians Ehemann überlebt den Zusammenstoß mit einem Reh nicht, sie selbst wacht im Krankenhaus auf. Doch von ihrem hübschen Konterfei ist nicht mehr viel übrig. "Sie schloss die Augen und sah wieder das Loch in ihrem Gesicht, durch das sie in ihr Inneres gesehen hatte. (...) Was ist von mir übrig geblieben? Und ist das, was übrig ist, mehr als eine Wunde? Was wird da zusammenwachsen? Werde ich das sein?"
Schnitt...
Sechs Jahre später lässt der Schweizer Autor einen anderen zu Wort kommen. Nun wird das Leben von Hubert unter die Lupe genommen, das nicht minder aufgesetzt und inszeniert scheint. Obwohl er mittlerweile als Professor an der Kunsthochschule unterrichtet, sind Inspiration und Fantasie aus seinem gefühlten Vokabular verschwunden. Die Ehe mit seiner Frau scheint gleichfalls am Ende. Ein letztes Aufbäumen, eine Einladung zur Gestaltung einer Ausstellung in einem Kulturzentrum in den Bergen, soll den erhofften inneren Anschub bewirken. Dort trifft er auf die äußerlich wiederhergestellte Gillian, deren "loses Gewebe" wieder eingefädelt wurde und die sich in einem anderen Umfeld arrangiert (oder doch nur versteckt) hat?

Erneut ist Peter Stamm ein flüssiger, gut lesbarer und durch die Seiten treibender Roman gelungen. In seiner für ihn typischen klaren, nüchternen, distanzierten, eher schmuck- und teilnahmslosen, als romantisch und verklärten Sprache, lotet er menschliche Unzulänglichkeiten aus. Dies immer mit einer kühlen Zärtlichkeit und Empathie. Gekonnt variiert er subtil auf mehreren Bezugsebenen, lässt dabei vieles in der Schwebe. Obwohl gerade diese Herausarbeitung der Unschärfe, die letztendlich einen Menschen ausmacht, über große Passagen gut gelungen ist, tut man sich schwer, den beiden Protagonisten Sympathie entgegenzubringen. Hinzu kommt ein zu offensichtliches Bemühen um Vermeidung des Anschrammens an den allerorts herausragenden klischeebeladenen Kanten, der sich aus der Identitätskrise hinausbemühenden Protagonisten. Glücklicherweise bewahrt das Ende den Leser vor Schlimmerem und lässt ihn wieder mit seinem Autor versöhnen.

Fazit: Inszeniertes Leben und was nach einem tragischen Unfall davon übrig bleibt sowie Identitätssuche und Lebenskrise sind die Themen in Peter Stamms puristischem, leisem und unaufgeregtem Roman, der sich gewohnt flüssig liest. Die Tiefe des 2009 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stehenden Textes "Sieben Jahre" erreicht der Schweizer Autor mit "Nacht ist der Tag" leider nicht.
0Kommentar| 2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 20. Juli 2015
Man könnte ja erwarten, dass der Roman sich nach der Vorstellung der Protagonistin Gillian damit auseinandersetzt, wie sie mit den Problemen, die durch die Zerstörung ihres Gesichtes in ihrem weiteren Leben entstehen, umgehen wird. Nichts davon erfährt man. Man erlebt sie nur noch kurz und mit dem scheinbar leicht gefällten Entschluss, ihrem beruflichen Dasein eine andere Wende zu geben. Danach ist der Leser bei Hubert, den unsere Gillian kennt. Wie ihrer beider Leben zusammenhängt, erfahren wir jeweils aus der Retrospektive. Dann lernen wir ein wenig über Huberts Dasein, und erleben Sie dann beide, wie sich wieder treffen. Wer hätte das gedacht? Und Hubert in der Krise. Gillian - wie sie es geschafft hat, bleibt im Dunkeln - hat eine neue Form der Existenz gefunden. Die beiden passen nun ein bisschen zusammen oder auch nicht? Zum Schluss lässt Gillian ihre weitere Entwicklung offen. Hubert auch. Vielleicht sollte der Leser ja den Roman weiterschreiben? So schlecht und banal wie der Autor dann aber hoffentlich nicht.
0Kommentar| 2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 9. Oktober 2015
Gillian, Mitte 30, verheiratet und als TV-Moderatorin erfolgreich, verliert bei einem Autounfall nicht nur ihren Mann sondern mit ihrem Aussehen sich selbst. Sie igelt sich ein, blickt zurück und erkennt zunehmend, dass sie gar nicht weiß, wer sie eigentlich ist, denn sie funktioniert hinter diversen Posen und Masken ohne zu wissen, was ihr eigentliches Gesicht ist. Spätestens bei dem Künstler Hubert, bei dem sie hofft, dass er sie in seinen Bildern so ablichtet, wie sie ist und sie sich dadurch finden kann, stellt sie fest, dass sie nur Fassade ist.

Hubert geht es genauso, er lebt auch ein Leben, dass nicht seines zu sein scheint.

Gillian geht in die Berge, findet einen Job, trifft nach vielen Jahren Hubert wieder und mit ihm sich selbst.

Unaufgeregt, wie man Peter Stamm kennt, zeichnet er seine Protagonisten als unfertige Individuen, die leben ohne zu leben, die suchen ohne zu wissen, was sie suchen, die laufen ohne die Richtung zu kennen. Sachlich, fast nüchtern erzählt Stamm die Geschichte zweier Menschen, die sich im MIteinander finden und eigene Entscheidungen treffen können.

Kitsch sucht man bei Stamm vergebens, Gott sei Dank. Ein neutraler Erzähler präsentiert ohne selbst anwesend zu sein oder Stellung zu nehmen. Emotionen sind sparsam verarbeitet, sprachliche Bilder sucht man fast umsonst und trotzdem besticht Peter Stamms Sprache. Nicht duch Verzierungen sondern durch bewusste Reduktion.

Großartig, wie immer.
0Kommentar| Eine Person fand diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 14. März 2015
Gillian ist attraktiv und eine erfolgreiche Moderatorin von Kultursendungen. Als sie in einen Autounfall verwickelt wird, den ihr Ehemann Matthias unter Alkoholeinfluss verschuldet, erleidet sie schwere Gesichtsverletzungen und muss sich mehreren Operationen unterziehen. Da zudem Matthias bei dem Autounfall getötet wird, verändert sich ihr Leben vollständig. Sie selbst fühlt sich schuldig am Unfall, da sie in dessen unmittelbaren Vorfeld mit Matthias in Streit geriet. Grund für den Streit waren Aktfotos, die sie den Künstler Hubert von sich machen ließ und die Matthias in ihrer Schreibtischschublade entdeckte. Die Rückkehr in ihr bisheriges Leben scheint angesichts des Unfalls und seiner Folgen kaum mehr möglich. In Rückblenden wird Gillians Begegnung mit dem Künstler Hubert gezeigt, der für seine Kunst nach Frauen sucht, die ihm Modell stehen. Nach dem Unfall bricht der Kontakt zwischen ihnen ab. Hubert selbst ist verheiratet mit Astrid, mit der er ein Kind hat. Sechs Jahre nach dem Unfall - seine Ehe kriselt bereits heftig - erhält er eine Einladung zu einer Veranstaltung, auf der Werke von ihm gezeigt werden sollen. Obwohl er sich in einer künstlerischen Schaffenskrise befindet und keine aktuellen Werke vorzuweisen hat, nimmt er die Einladung an. Hubert erkennt, dass hinter der Einladung Gillian steckt - sie nennt sich zwischenzeitlich Jill -, die ihren Beruf als Moderatorin aufgegeben hat und in einem Hotel als Verantwortliche für Kultur arbeitet... Ich habe "Nacht ist der Tag" mit recht gemischten Gefühlen gelesen, war aber am Ende von dem Roman doch sehr angetan. Peter Stamm erzählt in schöner und ökonomisch-konzentrierter Prosa von den Wandlungen des Lebens, seiner Fragilität und den Chancen, die es trotz allen Widerständen bietet. Es geht um das Wie des Lebens und die Frage, welche Identität dem einzelnen Menschen hierbei zukommt. Dabei ist "Nacht ist der Tag" ein eigentlich eher handlungsarmer Text. Dennoch entsteht, und dies ist als Leistung Peter Stamms wirklich hervorzuheben, immer wieder ein eigentümliches Oszillieren zwischen der harten oder auch illusionslosen Realität und den Möglichkeiten, die sich den Figuren bieten.
0Kommentar| Eine Person fand diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 5. Februar 2015
Das Buch hat zwei Teile und zwei Hauptakteure:
Im ersten Teil lernen wir Gillian, eine 39 Jahre alte, verheiratete, kinderlose Fernsehmoderatorin kennen. Nach einem Streit um entdeckte Nacktfotos, die der Interviewpartner, Photograph und Künstler Hubert gemacht hat, verursacht ihr Mann angetrunken einen Autounfall, bei dem er stirbt und ihr Gesicht völlig entstellt wird. In mehreren Operationen wird ihr Gesicht inklusive ihrer Nase wieder hergestellt. Gillians Rekonvaleszenz, ihre Erinnerungen daran, wie sie sich Hubert näherte (sie „merkt“, dass zwischen ihnen „etwas ist“ anhand der Bildaufnahmen vom ersten Fernsehinterview und der dort von ihr dechiffrierten beidseitigen Mimik!) sowie der symbolische Akt, den für ihren Mann am Straßenrand aufgestellten Blumenstrauß in den Müll zu schmeißen, beendet diesen Teil.
Der zweite Teil beginnt mit einem drastischen Perspektivwechsel, denn nun steht Hubert im Vordergrund. Er hat vor sechs Jahren die Künstlerexistenz inklusive Nacktfotografie gegen die Sicherheit einer Professur an der Kunsthochschule eingetauscht, ist verheiratet und hat einen kleinen Sohn. Aber gerade jetzt zerbröselt ihm seine Beziehung zwischen den Fingern, denn seine Frau hat einen Liebhaber. So nimmt er die überraschend eingehende Einladung, eine Ausstellung in einem Kulturzentrum in den Bergen auszurichten, an. Es stellt sich heraus, dass Gillian, die mittlerweile dort arbeitet, diese Einladung initiiert hat. Den Rest der Handlung möchte ich denn doch den Lesern des Buches vorbehalten.

Das ganze Buch ist recht eindeutig ein Kammerspiel mit insgesamt äußerst spärlicher Handlung. Stamm verzichtet sogar darauf, z.B. aus den erforderlichen chirurgischen Eingriffen irgendeine Art von Handlungsintensität oder Spannung zu generieren. Das interessiert ihn nicht und ich muss sagen, mich auch nicht! Insgesamt merkt man, dass Peter Stamm auch Theaterstücke und Hörspiele schreibt. Im geht es um die Menschen in ihrer Ein- und Zweisamkeit und welche Handlungen und Motive sie treiben. Ihm geht es um die Dialoge und deren Tonalität. Meines Erachtens trifft er die Emotion, die Schwingung der Schlüsselmomente sehr gut.

Die beiden Hauptfiguren, die er zeichnet, sind sehr naturalistisch geraten, sicherlich mit ihren inneren Konflikten und menschlichen Defiziten nicht sympathisch, aber doch sehr plausibel, sehr authentisch.

Stilistisch und sprachlich ist Peter Stamm natürlich ein Könner der Einfachheit und Sparsamkeit. Man merkt der Kürze der Sätze, dem weitgehenden Fehlen von metaphorischen und/oder symbolischen Adjektiven an, dass seine Texte vor der Veröffentlichung mehrfach „durchwirkt“, reduziert und vereinfacht werden. Das regt die Fantasie des Lesers ungemein an und führt dazu, dass man in seine Bücher gesogen wird. Da er zudem ein analytisch scharfer Beobachter der menschlichen und zwischenmenschlichen Existenz ist, findet man in seinen Büchern eigentlich immer erhellendes, anregendes. Aber und das muss auch gesagt werden: Es passiert sehr wenig!

Fazit: Ein äußerst ruhiges, handlungsarmes Buch mit hohem psychologischen Tiefgang - Sprachlich ein Meisterwerk, der ach so schwierigen Einfachheit – Sicherlich wegen der insgesamt doch recht starken Molltöne keine „Schönwetterliteratur“.
0Kommentar| Eine Person fand diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden

Haben sich auch diese Artikel angesehen

8,99 €

Brauchen Sie weitere HilfeHier klicken