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TOP 100 REZENSENTam 1. Februar 2017
Als Fan von Stefan Zweigs literarischen Werken Stefan Zweig - Gesammelte Werke (IRIS®-Leinen) ist das hier offerierte Buch "Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers" ein absolutes Muss für mich. Der Schriftsteller hat sein 492 Seiten umfassendes, autobiografisches Buch in siebzehn Kapitel unterteilt. Es entstand in den letzten Jahren (1939 - 1941) kurz vor seinem Tod und erschien postum erstmals 1944 im Bermann-Fischer Verlag in Stockholm.

Der Schriftsteller Stefan Zweig erzählt darin nicht nur sein Schicksal, sondern das einer ganzen Generation. Er hat als Österreicher, Jude, Schriftsteller, Humanist und Pazifist inmitten gewaltiger und dramatischer Auswirkungen gestanden, hatte Ruhm, Erfolg und Reichtum und verlor dennoch alles. Dreimal hatten sie ihm Haus und Existenzen umgeworfen, ihn vom Einstigen und Vergangenem gelöst, wie er es wehmutsvoll und eindruckvoll beschreibt, und mit einer dramatischen Vehemenz ins Leere geschleudert.

Der 1881 In Wien geborene und dort aufgewachsene Stefan Zweig verfasst in dem Buch seine eigene Biografie. Er hat, wie er schreibt, die Stadt zur Nazizeit wie ein Verbrecher verlassen und sich an verschiedenen Orten ins Exil begeben müssen. Seine damit verbundene Heimatlosigkeit zerbrach ihn.

"Mein literarisches Werk ist in der Sprache, in der ich es geschrieben habe, zu Asche gemacht worden. So gehöre ich nirgends mehr hin, überall Fremder und bestenfalls Gast. Auch die eigentliche Heimat, die mein Herz sich erwählt, Europa, ist mir verloren." Die einstige Welt der Sicherheit war nur ein Traumschloss gewesen.

Der Autor baut als Ich-Erzähler und der gekonnt fein gewobenen, literarischen Struktur und einfühlsamen Kindheitserinnerungen eine tiefe Nähe zum Leser auf. Wunderbar beschrieben versteht es Stefan Zweig zudem einen objektiven Blick auf die Kultur des alten Europas mit seinem Schwerpunkt auf Wien und die k. u. k. Monarchie Österreich/Ungarn zu vermitteln. Zweig hat die Massenideologien seiner Zeit wachsen und ausbreiten sehen. Er wurde wehrloser Zeuge eines unvorstellbaren Rückfalls der Menschheit in grausame Barbarei mit einem gewollten Dogma der Antihumanität. Er beschreibt umfassend den damaligen Rückfall des Moralischen um Jahrtausende, während zur gleichen Zeit die Welt voller Aufbruch zu neuen Technologien, geistigen und wissenschaftlichen Fortschritten imstande war.

Er schreibt: "Ich habe meiner Person niemals so viel Wichtigkeit beigemessen, daß es mich verlockt hätte, anderen die Geschichten meines Lebens zu erzählen. Viel mußte sich ereignen, unendlich viel mehr, als sonst einer einzelnen Generation an Geschehnissen, Katastrophen und Prüfungen zugeteilt ist, ehe ich den Mut fand, ein Buch zu beginnen, das mein Ich zur Hauptperson hat oder – besser gesagt – zum Mittelpunkt. Nichts liegt mir ferner, als mich damit voranzustellen, es sei denn im Sinne des Erklärers bei einem Lichtbildervortrag; die Zeit gibt die Bilder, ich spreche nur die Worte dazu, und es wird eigentlich nicht so sehr mein Schicksal sein, das ich erzähle, sondern das einer ganzen Generation – unserer einmaligen Generation, die wie kaum eine im Laufe der Geschichte mit Schicksal beladen war."
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TOP 500 REZENSENTam 27. Dezember 2013
Stefan Zweig ist einer der Größten der Literatur überhaupt: wirklich gebildet, nicht eingebildet, anständig, zutiefst menschlich, ehrlich - es war ein unglaublicher (Mehrfach-) Genuss, diese Quasi-Biografie zu lesen.

Die Inhalte? Ein Bericht aus Wien vom Ende des 19. Jahrhunderts, Großbürgertum, jüdische Kultur, ohne Religiosität, Hunger nach Bildung und Literatur, skizziert er individuelle und gesellschaftliche Entwicklungen von dort bis hin zu seinem freiwilligen Ende in Brasilien, wo er - in Heimatsehnsucht - dieses Buch geschrieben hat.

Mehr als eine Autobiografie ist es ein soziologischer Krimi vor, zwischen und während den Weltkriegen.

Ich komme nach diesem Buch nicht zu dem Urteil von Hermann Kesten Meine Freunde, die Poeten: Literarische Porträts, S. 23-36 Zweig könne ein farbloser Mensch gewesen sein - im Gegenteil. Er hatte weitgespannte, bunte Interessen, er war ein Großbürger mit "bedingungslosem Grundeinkommen", der sich mitfühlend und teilnehmend verhalten, der Freunden immer geholfen, der mutig neue Wege beschritten hat. Tatsächlich aber hat er Hermann Kesten in diesem Buch nicht erwähnt, möglicherweise eine Aussparung, die eine kleine Retourkutsche zur Folge hatte, die ich von Kesten eher peinlich empfinde.

Allerdings ist die Einordnung Stefan Zweigs durch seinen Freund Hermann Kesten in fast allen anderen Punkten möglicherweise richtig, ich empfehle die Charakterisierung durch Kesten allerdings erst zu prüfen, wenn man "Die Welt von gestern" gelesen hat. Für mich war es ein nochmals tieferer Zugang in die Welt von Zweig, eine freundschaftliche Annäherung der wirklichen erhebenden Art - die im Schluss allerdings zur Hälfte daneben zielt: "Stefan Zweig war im Kern ein bescheidener Mensch und hat sich selber und die Welt viel zu tragisch genommen." Jeder Autor nimmt Dinge tragischer als viele andere und sollte man es nicht tragisch nehmen, wenn einem seine geliebte Heimat genommen wird, wenn Darwin und Adolf alle fest gefügten, humanen Traditionen einstürzen lassen?

Die Fülle an großartigen Schilderungen Stefan Zweigs lassen eine wirkliche Welt von gestern aufleben, man begleitet ihn, er schildert unegoistisch und klar, bewegend, spannungsreich.

Diese Punkte sind mir besonders markant im Gedächtnis geblieben:

1) Kaffeehäuser in Wien waren für Schüler damals ein Zufluchtsort, eine Bibliothek, in der man alles lesen konnte, was modern und angesagt war. Der Eintritt: 1 Tasse Kaffee. Niemand wurde vertrieben. Ein Treffpunkt aller Klassen, von jung bis alt.

2) Der österreichische Kaiser Franz Joseph hatte eine besonders schützende Hand über alles Jüdische gelegt, man fühlte sich geborgen.

3) Eine jahrhundertelange Sicherheit lag auf seinem Elternhaus und allem Kulturellen in Wien, es atmete Theater, Schauspiel und Musik! Schauspieler, Sänger - sie waren echte Vorbilder damals, man redete dauernd über sie und hörte, sah sie live.

4) Seine Schilderung der Begegnung mit Theodor Herzl - ein unvergessliches Leseerlebnis. Man steht im Grunde neben Herzl.

5) Die spannende Öffnung des Briefes vom Verlag, der ihm die Zusage für das erste Buch schickte: unvergleichlich.

6) Das Gesamterlebnis "mein erstes Buch", bis in zum kindischen "In-die-Buchhandlungen-laufen", um zu sehen, wo man es auslegt: großartig.

7) Die Beschreibung französischer Schriftsteller und ihrer Frauen, sozusagen alimentiert mit bedinungslosem Grundeinkommen (staatlich ruhige Pöstchen), um abseits der Kritik unabhängig sein zu können: perfekt.

8) Berliner versus Wiener "Zimmervermieterinnen an Studenten": unvergesslich markante Unterschiede.

9) Der Einzug und die erste Zeit im Salzburger Haus.

10) Die unglaublichen Zeiten der Inflation und des Gütertausches ohne Geld.

Ich könnte diese Liste endlos fortsetzen.
Meines Erachtens eines der wichtigsten Geschichtsbücher überhaupt.
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am 5. Mai 2017
Selten eine so ergreifenden Text gelesen und viel über die Zeit des 1. Weltkriegs, die Weimarer Republik und die unselige Nazizeit gelernt. Stefan Zwei ist ein genialer Autor. Unbedingt lesenswert.
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am 18. April 2010
Dies ist Stefan Zweigs 500 Seiten lange Autobiographie. Und sie bewegt zutiefst. Wer Stefan Zweig bereits gut kennt und schätzt, oder auch wer ihn kennen lernen möchte, wird in diesem Buch nicht nur ihn ausführlich kennen und lieben lernen, sondern auch die alte Welt erfahren, so wie sie war. Das alte Wien, geprägt von Kunst, Kultur und Zeitungen, die Welt im Wandel nach dem 1. Weltkrieg und im zweiten... und dies gesehen durch die Augen eines wahren Europäers. Stefan Zweigs Zweifel, seine Erfolge, seine Liebe, sein Glück, seine Ziele, seine Empfindungen,... all dies erfahren wir in diesem Buch hautnah. Mich hat auf jeder Seite des Buches ein Satz, ein Bild, eine Bemerkung zutiefst berührt. Da hat einer gelebt, der alles ernst genommen hat, der für Kunst, Toleranz und Worte gestorben wäre - und letztlich auch sterben wird - denn dies ist Zweigs letzter Roman.
Da schreibt einer, der uns auf Augenhöhe bringt mit den unsterblichen Größen seiner Zeit.
Ein bewegendes Werk, ein einmaliger Einblick in das Denken Zweigs und seine Zeit, geschrieben von dem, der viele berühmte Schriftsteller und Dichter kannte, der sich für Weltgeschichte und Weltliteratur interessierte, der aber auch manch verborgenes Talent erkannte und sich für Abseitiges begeisterte, der uns dieses Leben noch einmal von innen heraus mitfühlen lässt.
Ein Roman, der ergreift. Wer noch empfinden kann, wer fühlen möchte, wie die alte Zeit war, wer Stefan Zweig liebt oder lieben lernen möchte - der sollte diesen Roman lesen.
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Stefan Zweig hat mit seinen Erinnerungen „Die Welt von gestern" ein beeindruckendes Dokument europäischer Geschichte der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts geschaffen. In keinem anderen mir bekannten Werk wird atmosphärisch so dicht beschrieben, wie sich im deutschsprachigen Raum, genauer gesagt in Österreich und Deutschland der Wechsel von der Monarchie zum totalitären Schreckensstaat vollzogen hat. Stefan Zweig ist unpolitisch, europäisch, und damit nicht nationalistisch.
Die Erzählungen über seine Schul- und Studienzeit wirken frisch, nur schwer vorstellbar zum Teil mehr als ein Jahrhundert zurück liegend. Das Interesse der damaligen Jugend an Gedichten, Theater, Malerei läßt ein wenig Wehmut aufkommen.
Besonders imponierend sind seine Schilderungen über Begegnungen mit nahezu allen berühmten Persönlichkeiten aus Literatur, Kunst und Gesellschaft. Zu Sigmund Freud, Hugo von Hofmannsthal, Rainer Maria Rilke, Richard Strauss, um nur einige wenige aus vielen Dutzend prägenden Persönlichkeiten zu nennen, hatte Zweig Verbindungen und Freundschaften. Ja, er kokettiert mit diesen Erlebnissen und mit seiner Position als vielgelesener jüdischer Autor. Aber man verzeiht ihm angesichts der Umstände, die ihn zuletzt entwurzelt und schließlich in den Selbstmord getrieben haben.
Wer sich einerseits für die politische Entwicklung in Deutschland (und Österreich) bis zum Naziregime, andererseits für europäische Kunst und Kultur interessiert, für den sind die „Erinnerungen eines Europäers" ein Muss. Zweig verniedlicht oder rechtfertigt nicht, er beschreibt. Und nicht aus gebührendem Abstand, sondern als direkt Betroffener und Beteiligter.
Uneingeschränkte 5 Sterne für einen außergewöhnlichen Autor, der sprachlich beim Beschreiben der schrecklichsten Ereignisse und Entwicklungen immer brillant bleibt und seinen Stil nicht verläßt. Ein ganz besonderes Vermächtnis. Lesen!
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am 5. Oktober 2006
Stefan Zweig beginnt seine Erinnerungen mit einem Shakespeare Zitat: "Begegnen wir der Zeit, wie sie uns sucht." Allein diese Aussage zeigt deutlich, dass die Hoffnung im brasilianischen Paradies eine vergebene war und dass seine Erinnerungen nur dem entspringen, was er "hinter der Stirn" hat. Nichts ist geblieben, weil auch Zweigs Bücher die Verbrennung im Jahre 1933 nicht überdauerten. In diesem Wissen und mit diesem persönlichen Druck hat er ein Werk verfasst, was aus dem Gedanken der ursprünglichen Sicherheit, der Lebenszeit vor dem ersten Weltkrieg und dem Schoße und den Gedanken seiner Familie, der Schulzeit, den ersten Erlebnissen der Pubertät etc entsprangen. Und Zweig schreibt einfühlsam und mitfühlend, wie wohl er sich fühlte mit seinem Vater und der Sicherheit, die er der Familie gab, einer Sicherheit und Anerkennung, die sie als jüdische Familie in Wien noch erlebten. Wie und seine Schulkameraden er in jungen Jahren sich nicht um Mädchen kümmerten, wohl aber um die schönsten Gedichte, gefunden oder selbst verfasst. Und seine Bewunderung für Hofmannsthal ist so durchdringend, nahezu leidenschaftlich, da dieser bereits mit 16 (ähnlich Arthur Rimbaud) Sätze in freier Rede in Vollendung sprach. Paul Verlaine war sein großes Vorbild, der selbst in Paris noch unbekannt, aber schon von Zweig und Freunden in jungen Jahren gelesen. Später wurden sie Freunde. Ebenso beschreibt er seine Pubertät in den Jahren bis 18, in der das Interesse am Weiblichen unterbrochen wurde durch eine (Doppel-) Moral der Gesellschaft. Diese Attitüden der Gesellschaft finden wir in seinen Novellen wie "Angst" und "Brennendes Geheimnis" wieder.

Auffallend ist seine Sicht auf Europa, ein Europa aus Sicht eines Österreichers, der schon früh den Gedanken des geistig kulturellen Schmelztiegels in Wien mitbekam, der mit den Größen aus Kunst, Politik und Industrie mit einer Selbstverständlichkeit in Berührung kam, wie sein Vater es vormachte. Österreich in diesem Europa des späteren Krieges war für ihn heilig, unantastbar, sodass auch die Herkunft Hitlers keine Bedeutung zu gemessen wurde. So wie er die verpönte Sexualität und Erotik seiner Zeit durch akribisches Weglassen als allgegenwärtig bezeichnete, so ist auch das Lob auf Österreich ohne den benannten Tadel und doch ist er gegenwärtig.

Im selbst gewählten Exil Brasilien, dort wo er nach den Jahren in England und Amerika Fuß zu fassen glaubte, konnte er seinen Erinnerungen nochmals nachgehen. "Der mit nichts mehr Verbundene, braucht auf nichts mehr Rücksicht zu nehmen." So weit glaubte er sich aus dem geliebten Europa, dem geliebten und ursprünglich sicheren Wien und doch ist gerade diese Schrift ein Zeichnen einer hohen Verbundenheit, auch wenn er mit der ersten Aussage gleichzeitig "Aufrichtigkeit und Unbefangenheit" als gesicherte Voraussetzungen dieses Werkes postulierte.

Die Welt von Gestern ist "gewesene Zukunft" eines hoffnungsvollen Schriftstellers. Dennoch lebt diese Zukunft nicht mit Zweig, sondern durch Zweig weiter. Er ist unbedingter Verfechter einer friedlichen, ehrlichen Welt, in der Träume und Sinnlichkeit einen unumstößlichen Platz haben.

Inwieweit wir Leser uns Gedanken aus den Konsequenzen seines Denkens und dem Zusammenstoss seiner Erinnerungen mit der scharf beurteilten Gegenwart, dem vollendeten Freitod, machen sollten, schreibt R. Görner im Nachtrag. "Das Todesurteil, das wir über unsere Maßstäbe verhängt haben und das wir [...] seit geraumer Zeit [...] vollstrecken, [ist] gründlich zu revidieren."

Ein sehr empfehlenswertes Buch eine brillanten Europäers.
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am 12. Januar 2017
I recommend this book to everybody who is alarmed about the rise of Donald Trump in the USA. I just hope that I am wrong when I see many parallels in history.
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am 17. Juni 2016
eigentlich überflüssig zu Stefan Zweig noch etwas zu schreiben, trotzdem:

gerade dieses Buch ist in Zeiten wie den jetzigen sehr aktuell. Eine typische Autobiographie ist das Werk ja nicht, familiäre Seitenblicke-Revuen, Tratsch-Klatsch Geschichten und Beziehungsproblemchen darf man sich nicht erwarten, das war nicht Zweigs Anliegen. Ihm ging es kurz vor seinem Selbstmord um die Darstellung der politischen Katastrophen, die letzlich ausschlaggebend für seinen Freitod im brasilianischen Exil waren. Er versucht seine persönliche Tragödie durch Vertreibung und Entwurzelung darzustellen stellvertretend für unzählige andere Vertriebene.
Einmal begeht Zweig einen etwas selbstmitleidigen Lapsus, wenn er sich selbst Zeiten der "Armut" zubilligt. Bei allem Mitgefühl und Bewunderung: aber "arm" war Zweig niemals im Leben, im Gegenteil, er gehörte einer extrem privilegierten Schicht des reichen Judentums an, dem finanzielle Nöte fremd waren, er besaß nicht nur das kleine Schloss in Salzburg, sondern erwarb wie im Vorbeigehen das große Haus im englischen Bath, er war jemand, dem auch die Ausreise aus der faschistisch regierten Heimat problemlos möglich war und der als Berühmtheit immer und überall mit offenen Armen empfangen wurde, jegliche Visa für alle Länder der Welt mühelos erhielt.

Zweig beschreibt die politischen Bedingungen, die zum ersten Weltkrieg führten, die internationalen Blockbildungen, militärischen Drohgebärden die letztlich in einen Weltkrieg führten ( man denkt unwillkürlich an Nato-Manöver vor Russlands Grenze, Annexionen hüben wie drüben etc) , und er beschreibt die Bedingungen, die zum Aufstieg des Nationalsozialismus führten, die Hilflosigkeit der Politik und den Zorn in der Bevölkerung über die politische Agonie, den ein Aquarellmaler aus Braunau zu nutzen und zu kanalisieren verstand.

Er tut dies nicht mit dem Blick des belehrenden Historikers, sondern mit dem sensiblen Blick des Zeitgenossen, der Geschehnisse und Entwicklungen entsetzt und fassungslos beobachten muss.

Darin liegt die aktuelle Botschaft des Buches, denn sehr vieles erinnert frappant an die Probleme unserer Zeit , und es stellt sich die Frage, ob und wie sich Geschichte wiederholen könnte.
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am 25. August 2014
ich habe von stefan zweig bereits etliche novellen gelesen, die mir alle sehr gut gefallen haben, aber nichts hat mich auf das intensive erlebnis dieses späten werkes vorbereitet: von der ersten seite, vom ersten anhub weg wird man in eine vergangene epoche gezogen und - wenngleich die sprache, in der er schreibt, eine bereits aus lange vergangenen zeiten heraufklingende musik ist - mit viel nähe zum leser durch vergangene epochen und welten geführt.

zweig muss gegen ende seines lebens körperlich gespürt haben, dass nicht nur sein leben bald aus eigenen stücken enden wird, sondern dass auch die welt in der er lebt, in den letzten zügen liegt. dieses wunderbare buch schrieb er - wie er schon auf den ersten seiten mitteilt - völlig ohne hilfsmittel wie bücher, notizen oder tagebüchern sondern vielmehr vollkommen aus seiner erinnerung... und es ist wie eine wanderung in seiner seele, in der die bilder und landschaften, die gerüche und gefühle der vergangenen epochen (wobei die zeit bis zum ersten weltkrieg und die zwischenkriegszeit sich neuerlich voneinander abgrenzen) sich aufbauen wie interieurs, die man gemeinsam mit ihm beschreitet.
zweig ist in diesem buch ein liebevoller führer durch sein inneres museum, der ohne viel wehmut berichtet, nichts beschönt und dennoch voll liebe beschreibt. was mich vor allem beeindruckt hat, war das verständnis und die ausgeglichene haltung gegenüber den schrecklichen kräften, die zum zweiten dummen krieg im 20. jahrhundert führten. zweig hat, was er auch im buche beschreibt, alles und noch mehr durch diesen krieg verloren - dennoch wird dieses buch keine "anklageschrift" oder ein "fanal" - es ist eine gut lesbare bestandsaufnahme von wahrheiten und wahrnehmungen, von eindrücken und erinnerungen.

zweig hat mit diesem buch der welt ein stück erinnerung geschenkt, das sehr lehrreich ist und emotional sehr nahe kommt.
ganz klare fünf sterne!
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am 5. September 2013
Anstelle einer Rezension, machen wir einen Annäherungsversuch an "Die Welt von Gestern" von Stefan Zweig indem wir eine kurze Passage aus seinem Buch zitieren:

"In der Tat: nichts vielleicht macht den ungeheuren Rückfall sinnlicher, in den die Welt seit dem ersten Weltkrieg geraten ist, als die Einschränkung der persönlichen Bewegungsfreiheit des Menschen und die Verminderung seiner Freiheitsrechte. Vor 1914 hatte die Erde allen Menschen gehört. Jeder ging, wohin er wollte und blieb, solange er wollte. Es gab keine Erlaubnisse, keine Verstattungen, und ich ergötze mich immer wieder neu an dem Staunen junger Menschen, sobald ich ihnen erzähle, daß ich vor 1914 nach Indien und Amerika reiste, ohne einen Paß zu besitzen oder überhaupt je gesehen zu haben. Man stieg ein und stieg aus, ohne zu fragen und gefragt zu werden, man hatte nicht ein einziges von den hundert Papieren auszufüllen, die heute abgefordert werden. Es gab keine Permits, keine Visen, keine Belästigungen; dieselben Grenzen, die heute von Zollbeamten, Polizei, Gendarmerieposten dank des pathologischen Mißtrauens aller gegen alle in einen Drahtverhau verwandelt sind, bedeuteten nichts als symbolische Linien, die man ebenso sorglos überschritt wie den Meridian in Green wich. Erst nach dem Kriege begann die Weltverstörung durch den Nationalsozialismus, und als erstes sichtbares Phänomen zeitigte diese geistige Epidemie unseres Jahrhunderts die Xenophobie: den Fremdenhaß oder zumindest die Fremdenangst. Überall verteidigte man sich gegen den Ausländer, überall schaltete man ihn aus. All die Erniedrigungen, die man früher ausschließlich für Verbrecher erfunden hatte, wurden jetzt vor und während einer Reise jedem Reisenden auferlegt. Man mußte sich photographieren lassen von rechts und links, im Profil und en face, das Haar so kurz geschnitten, daß man das Ohr sehen konnte, man mußte Fingerabdrücke geben, erst nur den Daumen, dann alle zehn Finger, mußte überdies Zeugnisse, Gesundheitszeugnisse, Impfzeugnisse, polizeiliche Führungszeugnisse, Empfehlungen vorweisen, mußte Einladungen präsentieren können und Adressen von Verwandten, mußte moralische und finanzielle Garantien beibringen, Formulare ausfüllen und unterschreiben in dreifacher, vierfacher Ausfertigung, und wenn nur eines aus diesem Schock Blätter fehlte, war man verloren."

Die Leseprobe ist beispielhaft für diese "Erinnerungen eines Europäers" und es bedarf keiner weiteren Worte, um die Scharfsichtigkeit, die literarische Brillanz, aber auch die Verbitterung von Stefan Zweig zu spüren; nach der Vollendung (1939-1941) dieses Manuskripts nahm sich Stefan Zweig, an der Seite seiner Ehefrau Lotte, das Leben. Gehören für uns heute, fast siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, Formulare, Zollbeamte, Polizei und Gendarmerieposten zu der Welt des Gestern? Nein, leider nicht, aber mit Sicherheit zu derjenigen des Morgen. Hingegen, nicht anders als für Stefan Zweig bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, gilt auch für uns, viele Jahrzehnte später: Heute ist Heute!
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