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TOP 500 REZENSENTam 12. März 2013
Aristoteles warnte schon vor Jahrhunderten davor, die Macht Einzelner oder von Gruppen NICHT zu groß werden zu lassen, sei dies durch Geld oder Anhänger. Heute braucht man keine Anhänger mehr, wenn man Geld hat, jeder kann sich diese kaufen, inkl. unserer Politiker. Sie arbeiten in Hinterzimmern der Macht bzw. arbeiten für sich: Lobbygruppen schreiben der Einfachheit halber Gesetzestexte für unsere Volksvertreter, Abgeordneten selber. Warum sie soweit gekommen sind und ob wir selbst es anders machen würden. In diesem Buch werden Fragen wie diese beantwortet, nie aber anklagend, sondern immer verstehend, erklärend und offen legend.

Stuttgart 21 hat es vorgelebt: Politik heute braucht Beteiligung. Immerhin werden Gesetzesvorhaben in Baden-Württemberg demnächst ins Netz gestellt, mit der Möglichkeit für jeden Bürger, eine Stellungnahme dazu abzugeben. Bravo! Aber das reicht lange noch nicht. Aus diesen Formulierungen müssen Optimierungen entstehen, Anpassungen/Mitspracherechte zum Wohl des Volkes. Wie dies im Einzelnen gehen könnte, welche Maßnahmen wichtig sind, es steht in diesem bemerkenswerten Buch, das ich sehr empfehle.

Wenn sie nicht nur Vorformulierungen anderer denken wollen, Vorurteile wiederkäuen an immer gleich lautenden Stammtischen oder Verwandlungen dieser Argumente in Abertausende von Satzsynonymhüllen, dann sollten Sie zu diesem Buch greifen. Hier formuliert eine bemerkenswert kluge junge Frau im Grunde das Manifest für eine neue Bürgerbewegung, die uns alle angeht. Hier entwickelt eine praktisch denkende und doch in den Weiten des Netzes sich auskennende, verantwortliche Person jene Gedanken, auf deren Spur jeder das erleben könnte, was in Zukunft notwendig ist: eigenständiges, selbstverantwortliches Denken.

„Damit wir uns nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen, haben wir die Kommunikation entwickelt, die komplex genug ist, um uns auf Kompromisse und Regeln zu einigen. Wenn alle Seiten die die Grenzen achten, müssen sie nicht ständig darum kämpfen. Und wir müssen begreifen, dass am anderen Ende des Chats auch ein Mensch sitzt, der Emotionen hat. Wir müssen für uns Regeln aufstellen...Das sind Fragen des Umgangs, nicht der Infrastruktur selbst...Mir geht es besonders aber um Menschen, die nicht Mitglied einer Partei sind. In Wirklichkeit lastet die Verantwortung jetzt auf ihren Schultern. Denn eine gesellschaftliche Veränderung ist nicht Sache derer dort oben. Eine gesellschaftliche Veränderung betrifft alle, man muss sie nur wollen."

Politik morgen ist Mitbestimmung, ist Interesse und der Wille, sich in Sachverhalte einzudenken, mögen uns die Politiker auch jegliche Mündigkeit abgesprochen haben. Menschen vorn morgen hören auf, sich bevormunden zu lassen, sie entscheiden mit, weil sie erkannt haben, dass es ohne diese Mitsprache schlechter wird, weil ansonsten Lobbygruppen Zusammenhänge zu ihren eigenen Gunsten entscheiden. Der eigentliche Bürger ist ohne Lobbygruppe, dieses Buch verschafft ihm den Zugang, den Mut, die Idee dafür.

Besonders interessant und erhellend fand ich die Passage, in der Frau Weisband erklärt, wie sich aus einem Dorf Politik entwickelt und immer weiter spinnt, von der Brücke zum Nachbarort bis zu allen weiteren Entscheidungen. Ebenso erhellend der Bericht aus ihrer Kindheit und die Auswanderung nach Deutschland, die einen Blick erlaubt hinter jene Fassaden, die man oft hört, wenn von MIgranten aus Russland etc. die Rede ist. Ein Kind möchte nicht auswandern, es liebt die Heimat und Frau Weisband ging es nicht anders. Die entstehenden Leiden, aber auch Freuden, die Lese- und Mitdenkkultur ihres Elternhauses - mehr noch als alles andere ist das Elternhaus prägend für Wissen, Können und den Umgang mit anderen.

Noch liegen zwischen Anspruch und Wirklichkeit Welten, aber genau deshalb ist dieses Buch wichtig. Es entwirft eine positive Utopie und das Netz kann Entscheidungen heute schneller realisieren als Träume vor 5 Jahren. Stabile Regeln für alle, dynamische Prozesse zur Erosion von zu viel Macht und Transparenz für alle politischen Willensbildungen - es wäre so schwer, aber auch so einfach. Denn es bedingt den Abschied vom alten Untertanengeist und auch von der Erwartungshaltung, der andere (Politiker, Bürgermeister etc.) wird es schon richten. Schafft er eben nicht, es bedarf der Toleranz und des Fehler-Verzeihens von allen für alle - denn alle machen Fehler.
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TOP 1000 REZENSENTam 20. September 2013
"Nehmen Sie dieses Buch nicht zu ernst.", lautet der erste Satz der Autorin. Sie ist eine junge Frau, die aus Weißrußland nach Deutschland kam, hier ein sehr gutes Abitur machte, danach Psychologie studierte und als politische Geschäftsführerin bei der Piratenpartei eine auch medial beachtete Rolle spielte.

GAR NICHT DUMM
In ihrem ersten Satz klingt sokratische Weisheit an. Wer seine Gewißheiten für wahr halte, sei dumm, so sagt der griechische Philosoph Sokrates. Das, erklärt die Autorin in ihrem ersten Satz ihres ersten Buches, tut sie gerade nicht. Folglich ist sie alles andere als dumm. Unbestreitbar hat sie damit vielen eine Menge voraus :-). Sehr sympathisch!

WELPENSCHUTZ?
Kritiker könnten einwenden, daß so eine Bescheidenheit doch der Trick sein könnte, die eigenen Aussagen als kleine unschuldige Welpen zu präsentieren, um sich so vor den argumentativen Schlägen der Kritiker zu schützen. Mag sein. Jede Tugend läßt sich diskreditieren. Ich sehe dazu aber keinen Anlaß.

IRRTÜMER
Weisband gibt freimütig auf der ersten Seite zu, daß sie keine Politologin ist und keine fundierten politologischen Kenntnisse besitzt. Das glaubt man ihr auf's Wort, lange bevor man auf der letzten Seite angekommen ist. Natürlich hat sie die Irrtümer und Mißverständnisse, die in ihrem Umfeld, in der Gesellschaft und in der Wissenschaft kursieren, aufgesaugt:
• "… banal ist gut." (S. 10) | Wer will das kommentieren?
• "Politik hat das Ziel, alle Menschen möglichst glücklich zu machen." (S. 11) | Ach was, entfiele es da Loriot.
• "Politik wird ja sozusagen vom Gehirn gemacht. Von vielen Gehirnen sogar." (S. 81) | Dieser perfekte Unsinn ist kollektiver Art; er geht nicht auf das Konto von Weisband. Sie befindet damit sich in bester Gesellschaft, denn schließlich handelt es sich um den Lieblingsirrtum vielleicht der Mehrheit der Neurowissenschaftler. Philosophen kritisieren solche Aussagen als den sog. mereologischen Fehlschluß (s. z.B. Hacker Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften). Er besteht darin, einem Teil, hier dem Gehirn, Fähigkeiten des Ganzen, hier der Person, zuzuschreiben, die nur das Ganze besitzt. Dieser Fehlschluß produziert sinnlose Sätze.

Es gibt Bücher von Politikern, wie das von Heiner Geißler Sapere aude!: Warum wir eine neue Aufklärung brauchen, wo man sich auf jeder zweiten Seite über gefährliche Halbwahrheiten ärgern muß. Das Buch von Weisband ist weder ärgerlich noch gefährlich, im Gegenteil - trotz seiner Irrtümer. Und selbst die sprachlichen Fehler sind harmloser als die des Mitherausgebers der FAZ, der Weisband auf der Rückseite des Bucheinbandes lobt. Wer's nicht glaubt, suche im Netz den Artikel aus der Zeitschrift Merkur von Joachim Rohloff mit dem Titel "Sorgfaltspflichten. Wenn Frank Schirrmacher einen Bestseller schreibt". Cornelius Tittel von der WELT meint zu dessen Buch Ego: Das Spiel des Lebens, daß seine Thesen von Paranoia zeugen, daß seine Quellenarbeit unseriös und sein Menschen- und Geschichtsbild fragwürdig sei.

LEHREN
Die Autorin erzählt von sich, ihrer Immigration und ihren Aktivitäten in der Piratenpartei und räsonniert dabei über Politik und moderne Ausgestaltungen der Demokratie. Das ist interessant, auch vorbildhaft an sich (für andere ihrer Generation), aber noch nicht unbedingt lehrreich. Dafür ist alles ja noch zu experimentell und im Fluß, zu liquide gewissermaßen. Was aber nicht schlimm ist.

Es gibt ja überhaupt nur ganz wenige Bücher von Politikern, die in strengem Sinne lehrreich wären. Das Buch unseres Altbundeskanzlers Helmut Schmidt ist eines davon Außer Dienst: Eine Bilanz. Es ist der Glücksfall, wo alles zusammenkommt: Sehr lange Erfahrung, ein scharfer Verstand und die Empathie für die Deutschen, also dem Willen ihnen etwas mitzugeben. Schmidt hat übrigens deswegen so oft recht, weil er nie nachplappert, sondern nachdenkt. Auch im Kontext von Weisband liegt er richtig. So hatte er Partei von Thilo Sarrazin ergriffen (s. Verstehen Sie das, Herr Schmidt?). Sarrazin hatte ja unter dem Entrüstungssturm der halben Republik sinngemäß gesagt, daß ihm intelligente, integrationswillige Juden aus Osteuropa als Einwanderer am liebsten wären Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. Ist die junge Weisband nicht eine schöne Bestätigung für die Weisheit der beiden Alten, Sarrazin und Schmidt :-)?

FAZIT
Weisbands Buch ist besser als eines von Schirrmacher, und sicher nicht nur wegen der Einsicht ihres ersten Satzes. Es ist ein autobiographischer Diskussionsbeitrag zur Transformation und Weiterentwicklung der Demokratie. Die einschlägigen wissenschaftlichen Beiträge dazu von akademischer Seite sind ohne Frage ausschlaggebender, aber die Frontberichte aus der praktischen Politik gehören auch dazu und dieser ist authentisch.
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am 6. Mai 2013
Es ist schwieriger, komplexe Zusammenhänge und Gedanken einfach darzustellen, als ein wissenschaftliches Werk zu schreiben. Dieser Drahtseilakt ist Marina Weisband mit ihrem Buch gelungen. Sie erläutert das Gefühl und die Ambitionen ihrer Generation ohne in politische Propaganda zu verfallen und bietet Gedankenansätze für die Zukunft. Man muss diese Einstellungen nicht teilen, kennen und reflektieren sollte man sie unbedingt.
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am 10. Februar 2016
Worum geht es also in Marina Weisbands Werk? Um die Piraten-Partei? Um die Selbstdarstellung einer von der Presse hübsch genannten jungen Politikerin?

Weit gefehlt.

Weisband übt Kritik an der aktuellen praktischen Umsetzung des demokratischen Systems in Deutschland - oder überhaupt. Denn kein Land außer vielleicht die Schweiz setzt Demokratie wirklich um. Und die Kritik ist berechtigt. Mit anschaulichen Beispielen, einer jungen, direkten Sprache und guten Argumenten schafft sie es, das Problem, der veralteten Methoden, in einer digitalen Welt aufzuzeigen, und Verbesserungsvorschläge zu bringen.

"Eine bessere Politik bedeutet ein System, dessen Struktur möglichst effiziente, kontrollierbare und ehrliche Arbeit zulässt. Für mich umfasst so ein System drei Ebenen:

I. Feste Regeln (um einen politischen Raum abzustecken)

II. Dynamische Prozesse

III. Transparenz" (S.64/65)"

Sie handelt Gewaltenteilung (S.67), Wahlrecht (S.69), und die politischen "Spielregeln" (S.70) ab, wie auch Grund-und Menschenrechte (S.71), und die "Tatsache, dass wir bei den großen Fragen unseres gesellschaftlichen Miteinanders keinen Einfluss haben, sondern nur alle vier Jahre eine geschlossene Liste gesetzter Politiker wählen dürfen irritiert immer mehr Menschen." (S.74).

Es stimmt, dass in einer Gesellschaft, in der man sich ständig austauschen kann, Hotel- und Restaurantbewertungen abgeben und somit andere vor schlechten Erfahrungen warnen, aber auch die Betreiber zur schnellen Verbesserung bringen kann, auch die Änderung einer eigenen Meinung ist möglich, und man kann sich stetig neu positionieren. In der Politik entscheidet man sich proforma für vier Jahre für ein bereits geschnürtes Paket und Vertreter, die man vielleicht nicht wirklich einschätzen kann. "Der Wunsch nach niedrigschwelliger Beteiligungsmöglichkeit, die es mir und vielen anderen erlaubt, gemeinsam aktiv zu sein, ohne gleich zu Aktivisten zu werden" (S.75) und somit eine Erhöung der persönlichen politischen Handlungsfreiheit wird gefordert. Durch die tolle Erfindung des Internets ist eine direkte Demokratie wie im alten Griechenland möglich, nur, dass man einen realen Marktplatz mehr nötig hat, da ein virtueller vorhanden ist. Jeder sollte über jede Frage abstimmen (S.76).

Weisband ist sich über die Makel dieses Konzepts mehr als bewusst (Menschen sind nicht genug gebildet, bzw. informiert, es ist zu zeitintensiv, und die Machtelite wird nur durch eine Zeitelite ersetzt), und deshalb hat die internetaffine Piratenpartei hierzu einen Lösungsansatz parat, die als neue Form, die Vorteile von direkter und repäresentativer Demokratie vereint (S.77)

Die Piraten nennen dies "Liquid Democracy" (S.77), sie umfasst

-das Prinzip der freien Stimmdelegation

-Nutzung der eigenen Stimme (selbst abstimmen)

-oder an einen Freund übertragen

-oder an einen Berufspolitiker übertragen

Die Idee dahinter ist, dass mehr Stimmen dort angesammelt werden, wo die Kompetenz größer ist, und man keine Wahl von fertiggeschnürten Paketen mehr hat, sondern sich sein "eigenes politisches Menü" (S.80) zusammenstellen kann.

Es handelt sich um Netzwerke, die nicht statisch sind.

Ist dies der heilige Gral der Politik der Zukunft?

Ich persönlich halte es für einen Meilenstein auf dem Weg in eine gerechtere Welt, sicherlich, das System ist noch nicht ganz fehlerfrei, aber es ist besser, als das jetzige System. Weisbands Werk ist deshalb so wichtig, weil es zum ersten Mal die Realität mit der eingestaubten Politikmaschine konfrontiert, und die Liquid Democracy genauer vorstellt, sie abwägt, und auch die Erprobung der praktischen Umsetzung miteinbringt.

Weisband nimmt sich selbst zurück, sagt, sie wäre nur Studentin, und da sie das tut, nimmt sie schon einmal den alten Herren den Wind aus den Segeln (sie mag nautische Metaphern und Begriffe). Die Vision der Liquid Democracy wird nicht mehr lange Vision bleiben.

Und das wünsche ich uns allen.

Ich empfehle "Wir nennen es Politik" auf jeden Fall weiter, es ist ein schwieriges Thema gut aufbereitet.
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am 15. Oktober 2013
Als einer jungen, gutaussehenden, redegewandten Frau und der damit verbundenen Ausnahmestellung in der nahezu vollständig Männer-dominierten Piratenpartei wird Marina Weisband seit Betreten der politischen Bühne ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Sympathie zuteil. Dies spiegelt sich auch in zahlreichen Rezensionen hier wieder. In der nachfolgenden Buch-Besprechung soll dies unberücksichtigt bleiben und stattdessen der Frage nachgegangen werden was konkret der Leser von diesem Buch erwarten kann.

Das Werk mit seinen 174 Seiten ist in 5 Teile gegliedert. In der Einleitung erfährt man etwas zur Motivation zum Schreiben dieses Buches, kurz gesagt geht es MW darum "die Chancen eines Kommunikationsnetzwerks [das Internet] für optimale politische Kommunikation zu nutzen." (S.17). Ihre allgemeine politische Einstellung gibt die Autorin auf S.12 wieder: "Und das System [in der Bundesrepublik] war bisher in Ordnung. Es war nicht perfekt, aber es funktionierte seit dem Krieg ganz gut." Der 2. Abschnitt (Kurz aus meinem Leben) enthält Informationen zum Hintergrund ihrer Kandidatur als polit. Geschäftsführerin, zum familiären Hintergrund/Einreise aus Ukraine, erste Kontakte mit dem Internet, erste Wahlteilnahme und Beitritt zur PP. In Teil 3 (Politische Systeme) geht es um Macht, politische Regeln, Prinzipien der Demokratie, Liquid Democracy, Transparenz. Teil 4 widmet sich Politikern als Person, Mechanismen des Machterhaltes und des Umgangs mit der Presse, Frauen in der Politik, Umgang mit Feindseligkeiten innerhalb der PP. Das Schlusswort (Teil 5) ist ein Aufruf an den Leser politisch aktiv zu werden.

Ich muß gestehen, daß mir beim Durchlesen des Buches mehrfach die Kinnlade heruntergeklappt ist. Die Autorin vermittelt an vielen Stellen ein unglaublich naives Weltbild. So z.B. mit ihrer Auffassung praktisch alle polit. Differenzen wären Kommunikationsprobleme und ließen sich einfach durch verbesserte Kommunikation (Internet) lösen (S. 166). Auch werden durch das gesamte Buch hindurch allerlei Illusionen zu Rechtstaat, Verantwortlichkeit von Politikern, Legitimation, Gewaltenteilung und Pressefreiheit offenbart. Das Buch liest sich teilweise wie aus den Veröffentlichungen der Zentralen für politische Bildung abgeschrieben und tatsächlich empfiehlt MW auf S.163 den Bürgern dass diese ihre Wissensdefizite doch bitte mit Schriften der Bundeszentrale für politische Bildung und parteinahen Verbänden beseitigen sollen. Eine kritische Auseinandersetzung mit den besprochenen politischen Themen habe ich vollständig vermisst.

Fazit: "Nehmen Sie sie dieses Buch nicht zu ernst." schreibt die Autorin im ersten Satz ihres Buch - ein Aufruf dem ich mich anschließen möchte. Leser die schon immer nach Details aus MW's Biografie, bzw. Anekdoten aus ihrer aktiven Zeit bei der PP gesucht haben oder bisher nicht wussten was Liquid Democracy ist werden in diesem Buch sicher fündig. Wer hingegen neue Erkenntnisse oder tiefergehende Analysen zu den verschiedenen diskutierten politischen Themen erwartet der wird enttäuscht werden. Interessant wäre z.B. gewesen nicht nur zu erwähnen dass Liquid Democracy in der bisherigen Partei-internen Praxis kaum funktioniert sondern auch der Versuch zu ergründen weshalb das so ist und welche möglichen Strategien zur Verbesserung es gäbe. Immerhin ist die persönliche Beteiligung der Bürger via Internet ja das zentrale Thema des Buches.
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am 18. März 2013
Also ich fand es erfrischend und inspirierend, die Ansichten einer 24-jährigen Studentin über Politik, Politiker und die Demokratie zu lesen. Im Gegensatz zum missglückten Buch von Julia Schramm hat Marina Weisband gut nachvollziehbare Gedanken niedergeschrieben. Ihre Bemerkung in der Einleitung "Neh­men Sie die­ses Buch nicht zu ernst" fand ich nicht irritierend sondern sympathisch. Denn in den folgenden Sätzen macht sie klar, dass sie mit einem Jahr Kern-Politikerfahrung zu den Anfängern in diesem Business gehört. Aus diesem Grund könne sie das politische System nicht umfänglich erklären. Doch im Vergleich zu langjährigen Berufspolitikern sieht sie bei sich einen wesentlichen Vorteil. "einen un­ge­trüb­ten Blick auf das Sys­tem, frei von Be­triebs­blind­heit." - Dieses Sichtweise kann ich nachvollziehen. Und man merkt es auch, wenn man ihr Buch liest.

Dazu ein gutes Beispiel aus dem Buch: "Ich bin ein­mal auf Twit­ter ge­be­ten wor­den, Po­li­tik in 140 Zei­chen zu er­klä­ren. Ich schrieb: »Wir haben einen Ku­chen. Wie ver­tei­len wir ihn?«...Denn Po­li­tik hat einen As­pekt, des­sen Be­deu­tung zu ak­zep­tie­ren ich mich lange ge­wei­gert habe. Macht." In den folgenden Textpassagen beschreibt sie, dass es ihrem Emp­fin­den nach den meis­ten Po­li­ti­kern zum Be­ginn ihrer Kar­rie­re nicht um per­sön­li­che Macht geht. In­ter­es­sant sei aber, dass sich das ir­gend­wann än­dert, schreibt Weisband. Dann könne das Vergrößern der per­sön­li­chen Macht nach und nach zum ei­gent­li­chen Ziel po­li­ti­schen Agierens werden. - Ich finde dass sie damit voll ins Schwarze trifft, insbesondere wenn man die Strukturen in den klassischen Partieien betrachtet. An die Spitzenämter kommen eben nicht (unbedingt) die am besten geeigneten Personen, sondern die am besten mit den Macht- und Führungsfiguren vernetzten.
Den "echten, of­fe­nen Po­li­ti­ker" ordnet sie drei Kennzeichen zu: er ist authentisch, verhält sich aufklärerisch und ist ansprechbar (er redet nicht nur, sondern hört auch zu).

Weisband leitet die Idee der liquiden Demokratie ab, die sie als Misch­form aus re­prä­sen­ta­ti­ver und di­rek­ter De­mo­kra­tie definiert: "Wir wol­len die Frei­heit, je­der­zeit selbst zu ent­schei­den, wie stark wir uns po­li­tisch be­tei­li­gen. Wir wol­len si­cher­stel­len, dass alle Men­schen, die sich be­tei­li­gen möch­ten, das auch kön­nen. Um das zu er­rei­chen, tun wir das, was die Be­woh­ner des In­ter­nets stän­dig tun: Wir bauen Netze." Und an anderer Stelle ergänzt sie: "Wir bil­den kein ge­schlos­se­nes Gre­mi­um. Im Ge­gen­teil. Wenn wir uns die De­le­ga­ti­ons­ket­ten von oben an­se­hen, dann bil­den wir Netz­wer­ke."

Angenehm finde ich, dass sie keine penetrante Werbung für die Piratenpartei macht und so tut, als würde das, was sie an Ideen in ihrem Buch schreibt tatsächlich auch bereits in der Praxis funktionieren. Natürlich bekommt man den Eindruck, dass die Piratenpartei es besser machen könnte. Allerdings sieht die Realität anders aus. Denn der an sich gute Ansatz des Liquid-Feedbacks hat so seine Tücken und funktioniert mit steigender Mitgliederzahl eben nicht bzw. nicht so richtig - es wird chaotisch. Darauf geht Weisband jedoch nicht ein. Muss sie auch nicht, weil ihr Buch im Untertitel "Ideen für eine zeitgemäße Demokratie" heißt. Und diese Ideen liefert sie; vor allem mit Blick darauf, dass wir Normal-Bürger uns in wichtige politische Entscheidungen, auch in regionale, einmischen und einbringen können. Und eben nicht nur alle vier Jahre nur unsere Kreuzchen auf dem Stimmzettel machen dürfen. Als Mitglied einer etwas älteren Generation bin ich jedoch auch ein Verfechter von realen und nicht nur virtuellen Treffen von Menschen, die etwas bewegen wollen.

Leser und Rezensenten, die bereits die Einleitung als verstörend und irritierend empfanden, werden wohl auch das Schlusswort von Marina Weisband so einstufen. Ich empfinde ihre Worte und Gedanken jedoch als nachvollziehbar, sympathisch und offen. Dazu ein Beispiel: "Ich muss­te ak­zep­tie­ren, dass ich es nicht jedem Leser recht ma­chen werde. Dass ich irren werde und meine Aus­sa­gen viel­leicht in einem Jahr wie­der an­pas­sen muss. Und die­sem Ri­si­ko zum Trotz soll­ten wir alle den­noch un­se­re Ideen dort hin­aus­stel­len. Wäh­rend wir auf den per­fek­ten Ge­dan­ken war­ten, ent­ge­hen uns viel­leicht zwan­zig gute. Es ist eben eine Mo­ment­auf­nah­me, ein Mo­sa­ik­stein, ein klei­ner Bei­trag in einer im­mer­wäh­ren­den Dis­kus­si­on dar­über, wie wir zu­sam­men­le­ben kön­nen."

Gewünscht hätte ich mir von Marian Weisband noch etwas mehr kritische und kontroverse Auseinandersetzung mit den Problemen der Piratenpartei, die von ihr entwickelten Ideen in die politische Praxis umzusetzen. Da hätte sie in ihrem Buch etwas mutiger sein dürfen - o.k., angesichts des noch jugendlichen Alters und aufgrund der Erfahrung mit früheren Anfeindungen ist ihre Zurückhaltung verständlich. Und wenn Weisband mit ihrem Buch vor allem auch junge Menschen motivieren kann, sich mit den trockenen Themen Politik und Demokratie zu beschäftigen, dann hat sich die Veröffentlichung allemal gelohnt.
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am 19. April 2013
Das es ohne großes Aufgebläht sein geschrieben ist.

Wie die Autorin es imLeben möchte, das man jederzeit in jedem Wissenstand beginnen kann, etwas zu tun, sich zu beteiligen, so kann man jederzeit, in jedem Stand beginnen, seine Meinung zu äußern und gesellschaftlich Einfluß nehmen.

Eigentlich auch ein Plädoyer für eine Naivität, die positiv betrachtet wird: wenn du eine Einfachheit in deinem Denken hast, wirst Du nicht über die Perfektion deiner Gedanken stolpern und tätig sein können. Willst Du alles erst konsequent bis zum Ende durchdenken, beginnst du nie zu handeln.

Ich finde es sehr anregend. Vielen Dank an die Autorin!
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am 19. März 2013
... ist mit dem Kauf dieses Buches schlecht beraten.

"Wir nennen es Politik" ist das wonach es klingt, nicht mehr und nicht weniger:

Eine Erklärung des "Phänomen: Piratenpartei" aus eigenen Reihen, mit einfachen Worten und autobiographischen Zügen.

Nachdem die Öffentlichkeit die Piratenpartei hauptsächlich über Fehlleistungen einzelner wahrnimmt, gibt Marina Auskunft über das, was Piraten weltweit eint:

Der Wunsch nach dem vielzitierten Update des Systems, der "flüssigen Demokratie".

Weisband macht keinen Hehl daraus, dass der Weg zu dieser grundlegenden Veränderung des politischen Systems eher ein unbefestigter Stolperpfad ist.
Jedoch stellt sie erste Wegweiser auf, welche in erster Linie dazu dienen, überhaupt erstmal aus der aktuellen Situation zu herauszufinden.
Ihre Erkenntnis, dass, wie so oft, am Ende alles von jedem Einzelnen abhängt, ist bei aller Banalität, doch nicht weniger wahr.

Wem also die bisherigen Antworten auf Fragen wie "Wer sind die?" und "Was wollen die?" zu oberflächlich erscheinen, bekommt hier einen guten Eindruck vermittelt, was die Leute antreibt, sich unermüdlich und vor allem unentgeltlich für diese Partei einzusetzen.

Unabhängig von der offensichtlichen Werbung für die Sache der Piraten, möchte ich die Lektüre jedem jungen Menschen empfehlen, BEVOR er zu dem Schluss kommt, das ohnehin egal ist was und ob er überhaupt denkt.
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am 18. März 2013
Die Autorin beschreibt als Piraten Politikerin ihre politischen Hauptanliegen Liquid Democracy, Transparenz und (politische) Bildung.

Zuerst schreibt sie allgemein etwas über die Demokratie und warum diese (durch das Werkzeug Internet) verbessert werden muss. Dann folgt ein interessanter biographischer Teil mit der Beschreibung wie sie zur Partei gekommen ist und durch Zufall zur politischen Geschäftsführerin der Piratenpartei geworden ist. Danach beschreibt sie ihre Hauptanliegen ausführlich. Danach geht sie noch darauf ein warum wir Politiker haben die wir eigentlich gar nicht wollen und dass jeder, vor allem die junge Generation, bei der Politik mitmachen sollte.

Für Weisband hat sich die Gesellschaft durch das Internet grundlegend verändert. Mit diesen neuen Möglichkeiten wird sich ihrer Meinung nach auch die Politik zwangsläufig ändern. Der Autorin ist aber selber klar, dass die Konzepte teilweise noch in den Kinderschuhen stecken. Zudem thematisiert sie auch häufige grundsätzliche Kritikpunkte an den Konzepten (z.B. an der Liquid Democracy).

Das Buch liest sich einfach und ist relativ leicht verständlich. Die Behauptungen werden gut begründet. Zudem gibt sie anschauliche Beispiele. Lustig fand ich, dass sie wiederholt von älteren Männern in grauen Anzügen in der Politik schreibt.

Kritisch könnte man sagen, dass das alles etwas naiv rüberkommt. Für mich ist z.B. zweifelhaft, dass die Menschen durch (politische) Bildung besser werden. Andererseits hat ihre Naivität den Vorteil, dass sie relativ unverbraucht und grundsätzlich an die Sache rangeht.
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am 30. März 2013
Sehr gut geschrieben, sehr viele interessante Anregungen.
Es wird Zeit der eingefahrenen und in der Zeit von gestern verharrenden Poilitik neue Gedanken entgegen zustellen. Ein so weiter wie bisher wird nicht mehr funktionieren. Genau diese Gedanken greift dieses Buch auf.
Sehr empfehlenswert, wenn man bereit ist althergebrachte Strukturen zu verlassen.
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