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Kundenrezensionen

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am 24. August 2012
Gemeinhin lobt und liebt man ein Buch, in welchem „genau das steht, was ich immer schon sagen wollte, aber nie die rechten Worte dafür fand“. Sloterdijk hingegen liebt und lobt man, weil bei ihm das steht, was man nie gedacht hätte, weil er um ein, zwei, drei Ecken mehr schaut, weil er Zusammenhänge offensichtlich macht, die im persönlichen Horizont unsichtbar schienen, weil er Ideen dort weiterdenkt, wo andere an ihr Limit kommen, weil er eine eigene unerhörte Sprache dafür findet. Sloterdijk ist – wie Nietzsche einst – keine Bestätigung, er ist Verunsicherung und Insult und regelmäßig fühlen sich die entsprechenden Zielgruppen provoziert und auf den Fuß getreten. Fehler, Schnellschüsse, Widersprüche? Na klar! – who cares? Hier geht es nicht nur um richtig und falsch, hier geht es um relevant oder redundant.

Das Feuilleton streitet sich darüber, ob er der bedeutendste oder größte deutsche Denker oder aber nur ein Scharlatan sei. In Wirklichkeit sind das alles Kategorienfehler, sinnleere Reflexvokabeln. Als gälte hier ein quasi-olympischer Maßstab. Man muss stattdessen nach Aufmerksamkeit, Aufgewecktheit, Perspektive fragen, nach Luzidität. Vielleicht ist er primär noch nicht mal ein Denker, sondern eigentlich ein Seher – nicht im prophetischen, nicht im Heideggerschen oder Georgeschen Sinne, sondern im tatsächlich olympischen: weiter, tiefer, höher – treffender. Selbst im Widerspruch – und den gibt es zuhauf – muss man das Originelle anerkennen. Das ist gefährliches Denken par excellence, das auch die Blamage riskiert.

Sloterdijk zwingt den wohlwollenden Leser zu einem makabren Paradox. Man wünscht sich sein langes, produktives Leben, aber indem er seine Kladden nur punktuell veröffentlicht und die Masse zurückhält, hofft man zugleich auf eine posthume Ausgabe der Tagebücher, Briefe, Reden und Manuskripte.

Ganz persönlich: Sloterdijk lesen ist für mich eine Revitalisierungsübung, ein Synapsenfeuerwerk, eine Hirnfrischzellenkur, der ich mich seit langem schon immer wieder unterziehen muss. Und darf!
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Eines der unterhaltsamsten Tagebücher / Journale / Arbeitsjournale / Notizbücher überhaupt (oder wie immer man Peter Sloterdijks ZEILEN UND TAGE noch nennen mag) ! Und schon in den Vorbemerkungen ist zu lesen, dass es davon keine Fortsetzungen geben wird: "Weitere Editionen von Notizbüchern sind nicht vorgesehen".

"SPUREN INS POSTHUMIEN" ...................... Sloterdijk lästert, durchschaut, berichtet, rekapituliert immer mit Distanz; sein Lästern ist liebevoll, keine richtig bösen Thomas-Bernhard-Sätze, und kein selbstverliebtes Jammern wie bei Fritz J. Raddatz. Man wird süchtig danach. Stets im schnellen Ortswechsel Wien - Karlsruhe - Berlin, gelegentlich können es auch Salzburg (die Salzburger Festspiele) und Abu Dhabi sein. "Mit der obligat verspäteten Bahn zurück nach Karlsruhe, wo ein dichtes Terminprogramm wartet.", Seite 181. Oder auf Seite 49 : "Ärger mit Lauda Air, nicht zum ersten Mal. Größere Verspätung." Der Leser versucht sich den verärgerten Peter Sloterdijk vorzustellen. Meist gelingt es.

Und noch eine Frage aus einem Publikumsgespräch nach einem Auftritt in Paris (14.Mai 2008): "Seit wann ist Ihr Friseur im Gefängnis?".

Macht sehr großen Spaß ! Vielleicht kann man beim Suhrkamp Verlag Sloterdijk überreden, doch noch MEHR DAVON, mehr von seinen Notizbüchern zu veröffentlichen ???

( J. Fromholzer )
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In Zeilen und Tage hat Peter Sloterdijk seine persönlichen Gedanken zu Ereignissen in den drei Jahren ab 2008 nun veröffentlicht. Peter Sloterdijk spricht hier an vielen Stellen oft das aus, was man damals gedacht hat. Sehr gelungen fand ich viele seiner Reflektionen, Gedankensplitter oder geäußerte deutliche oder versteckte Kritik an bestehenden Strukturen, Aktionen und auch an Regierungen.
Die Aufzeichnungen zeigen einen Querdenker und Menschen, der dabei mit beiden Beinen auf dem Boden geblieben ist und der sich nicht scheut Dinge mal auf den Punkt zu bringen. Das Buch wird sicherlich nicht jeden Leser ansprechen oder begeistern, für aufgeschlossene Leser ist es eine durchaus unterhaltsame und witzige Lektüre.
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am 23. März 2016
Sloterdijk ist immer ein eigenes Thema!

Ich erspare mir hier die üblichen Diskurse. Aber nun doch: Natürlich sind "Sphären" und "Du must dein Leben ändern" unlesbar. Da hilft auch ein Studium der Philosophie nicht weiter (oder, so würde der schlaue Sloterdijk-Verehrer argumentieren, ist der Grund des Leser-Versagens). Andererseits liegt die eigentlich Sloterdijksche Übung - um seine Lieblingsvokabel zu gebrauchen - darin, eben doch diese Bücher zu lesen, zu erlesen. "Du must dein Leben ändern", das beachtliche Verkaufszahlen hatte, ist gleichwohl eines der großen - und quasi ungelesenen - Missverständnisse des Buchmarkts. Hier in der Titelwahl von Irreführung zu sprechen wäre nun wirklich eine arge Untertreibung!

Zu "Zeilen und Tage". Nun ist es endlich raus, es gibt ihn dreifach, den Sloterdijk: Als Fernsehonkel und als Autor der Umständlichkeit kannten wir ihn ja schon, also als multiple Persönlichkeit, nun ist er aber auch noch der Verfasser wunderbar klarer, selbstreflektierter, selbstironischer, unterhaltsamer, geistreicher, männlicher Notate, die sofort süchtig machen und in drei langen Nächten einer Erstlektüre standhalten.
Er schlägt tatsächlich alles in diesem Genre. Fantastisch! Der Rezensent steht noch immer unter Schock, wie ihr sicher schon gemerkt habt.
Zum Inhalt kann ich euch leider nichts sagen, denn 600 Seiten bedeuten etwa 800 Themen!

Mit wem könnte man ihn aber vergleichen? Keine Ahnung! Na ja, "Siebzig verweht" von ferne, aber wirklich nur von ferne! Notate und Erinnerungen lese ich eigentlich weg wie heiße Semmeln, da sie ein hinterlistig-fallenreiches Metier darstellen. Siehe meine kürzlichen Leseerfahrungen: Henning Ritter, Notizhefe - überschätztes Geisteswissenschaftler-Geschwubbel vorbei an allem; Claude Lanzmann, Der patagonische Hase - dass so viel unreflektierte Eitelkeit zum Fremdschämen überhaupt möglich ist; Julien Green, Tagebücher - nur schwul und so ganz ohne Denken und Leben auf 4000 Seiten ist dann doch ein bisserl wenig, Raddatz, Tagebücher - ehrlich eitel, offen kommuniziert, wundervoll hypochondrisch und unterhaltsam.

Sloterdijk aber ist ganz auf dem Punkt! Volltreffer! Lesen!
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am 16. August 2012
Sloterdijk ist grundgelehrt und schreibt amüsant.
Er stammt noch aus einer Zeit, in der 'die Autoren dummerweise dachten,
die Leser müssten sich auf den Weg zu den Bücher machen, nicht die
Verfasser auf den Weg zu den Lesern'. Selbst an Tagen, wo es ihm schlecht
geht, hält er sich an die Moral des Zirkuspferdes: Wenn schon zusammenbrechen,
dann in der Nummer.
Man kommt nicht nur in seiner Lese- und Gedankenwelt herum mit Sloterdijk,
sondern man ist mit zu Gast bei der Beatrix, bei Hans Ulrich Gumbrecht oder fliegt
mit Emirates Airlines sonstwohin:
'Die gelassen vorgestreckte Kopfhaltung der Kamele am Strand neben dem Hotel'.
In England schreibt er: 'Manche großen Bäume stehen da wie vergessene Schatzkanzler.
Man lässt sie in der Illusion, noch im Amt zu sein, und sie berufen die übrigen Gewächse
in ihr Kabinett'.

Und weiter, dass er sich bemüht habe, das Belanglose und das Peinliche wegzulassen
zugunsten des Merkwürdigen und Amüsanten , sich aber nicht sicher sei, nicht dauernd die
Kategorien verwechselt zu haben. Und, dass die Leser nicht befürchten müssten, dass er nun
weitere Notizen veröffentliche. Aber als er an einer Pferde-Messe unter offenem Himmel vorbeikommt,
wo schöne Tiere, Sportzubehör und 'Horse-Care' Artikel verkauft werden, fällt ihm ein Stand auf,
mit dem Schild 'Gebrauchte Hindernisse' : 'Sollte ich jemals Memoiren schreiben, werden sie
so heißen'.

Auf einer Podiumsdiskussion werden die Fragen im Hut eingesammelt und die dritte Frage ist:
'Seit wann ist Ihr Friseur im Gefängnis?' Die Antwort 'Seit 1968', sei ihm leider nicht
gleich eingefallen.

Über die oft beflügelnde Wirkung beim Hören von großen Tenören: 'Die Männerstimme, die nach oben
keine Grenze anerkennt, zeigt an, wie das Unmögliche ins Wirkliche übergeht'. Und über das den Sängern
Gratulieren nach einer Aufführung: ' Eigentlich ein absurder Sprechakt, denn Sänger stehen nach dem
Ende der Vorstellung scheinbar inmitten der Leute, von denen sie sich feiern lassen, in Wirklichkeit
sind sie noch in einem Zwischenreich, in dem sie Gäste und Kollegen als redende Farbflecke wahrnehmen'

Über die Wahl Obamas: 'Die Amerikaner haben den Hauptschalter umgelegt..Er hat die Welt verändert
nur dadurch , dass er gewählt wurde. 'Dieser Mann, über dem die Sterne blinken, bringt etwas mit,
das ihn zu einer historischen Figur machen könnte. Er scheint dazu prädestiniert, nicht nur ein
alter Trottel auf einem Dollarschein zu werden, wenn seine Zeit vorüber ist, sondern eine Gestalt
der neueren Geschichte in der Nachbarschaft von Roosevelt, Churchill oder de Gaulle'.

Und vielleicht dies noch: 'Man staunt über die Unverfrorenheit der Spießer, die von einem philo-
sophischen Buch unserer Tage verlangen, was sie von den Reden Buddhas und vom Neuen Testament
nicht zu fordern wagten: Die unmittelbare Wegweisung für das ganze Leben. Doch wenn du zu schwach
bist für die alten Doktrinen, wie kannst du dir einbilden , eine neue könnte es dir recht machen?
Alle Welt brennt vor Verlangen nach einer neuen verbindlichen Schrift, doch läge sie vor, man würde
an ihr herumnörgeln wie an einer Seminararbeit. Nimm an, es gäbe wider Erwarten ein Buch, das eine
Synthese aus dem Deuteronomium, der Kritik der praktischen Vernunft und Krieg und Frieden böte, würde
man nicht in ihm lustlos herumstochern? Dem Weisungen-Sucher wäre es zu erzählerisch, dem Romanleser
zu argumentativ, dem Ethikfreak zu undeutlich'

'Wer die Mandelhaine in der Provence liebt, wieso sollte der in der Estremadura nicht glücklich sein?'
Das nennt er 'Übertragungsliebe' bei Landschaften. Irgendwie wusste man davon, aber wann wurde es je so
schön gesagt?

Und die Tiefe dieses Statements aus der Hochkultur kann wohl nur der wahre Opernfreund ermessen:
'Sex und Oper haben gemeinsam, dass das eine wie das andere nur so 'gut' sein kann, wie es übertrieben ist'.

Sogar gibt es Neues zu Goethe: 'Permanent macht er das Große Graecum, das Große Persicum,
das Große Sinologicum. Zuletzt ist er ganz Chinese und spielt mit sich selbst Verbotene Stadt'.
Über die etwas hypertrophierte Beerdigung des Wiener Bürgermeisters Helmut Zilk schreibt er, dass
nur Pferde mit Beerdigungs-Erfahrung die Kutsche ziehen durften.
Um dieses welthaltige Buch zu lesen, bedarf es keiner Sloterdijk-Erfahrung.

Als seinen schönsten Rechtschreibfehler nennt er: 'Berufsevolutionär'
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TOP 500 REZENSENTam 9. Januar 2016
Sloterdijks unkonventionelle und sprachlich schöne Analysen in seinen Monographien sind legendär, aber so viele anregende, widerständige Kommentierungen der Ereignisse unserer Tage in seinen Tagebuchaufzeichnungen zu finden, ist eine freudige Überraschung.

Am 8. Mai 2011 schrieb Sloterdijk im Nachgang zu seinen und Alexander Kluges Betrachtungen zur Liquidierung Osama bin Ladens:
"Wenn wir gehen, werden wir das Gefühl haben, wir hätten unsere Kindheit in der Antike verbracht, unsere mittleren in einem Mittelalter, das man die Moderne nannte, und unsere älteren Tage in einer monströsen Zeit, für die wir noch keinen Namen haben.
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am 9. August 2012
Zeilen und Tage: Notizen 2008-2011 Wir alle, soweit wir als Leser interessiert sind an Aufklärung, Wahrheitssuche, Philosophie, Kultur, Wissenschaftskritik und Kunst, wir alle sollten uns bei Peter Sloterdijk bedanken, weil er uns mit diesem seinen neuen Buch wahrhaft beschenkt hat, denn rund 25 Euro für derart intelligente und hochkonzentrierte Gedanken auf 639 Seiten, mehr kann ein Süchtiger nach gehaltvollen Texten Suchender für sein sauer verdientes Geld tatsächlich nicht erwarten.

Ein Philosoph, also einer seiner gedanklichen Vorgänger, ich glaube, es war Hegel, hat einmal sinngemäss gesagt, Philosophie sei ihre Zeit in Gedanken gefasst. Es war ein Franzose, und zwar Paul Valéry, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, und das dann auch durchhielt, sich jeden Morgen hinzusetzen, weil er das für seine kreativste Tageszeit hielt, und alles aufzuschreiben, was ihm als fragenden Philosophen und Zeitzeugen - hochreflexiv - so in den frisch ausgeschlafenen Sinn gekommen ist. In seiner siebenbändigen Werkausgabe bei Suhrkamp kann man das mit Staunen und sehr nutzbringend nachlesen. Valéry hat nur - für den an Chronologie interessierten Leser - den "Fehler" begangen, diese seine Gedankenmasse nach Feldern, Kategorien und Sachgebieten in großen Zügen zu gliedern: das kann das Suchen leider sowohl erleichtern, aber auch erschweren. Sloterdijk, der - wie Valéry - über einhundert Tagebücher (Hefte = Cahiers) angesammelt hat, indem er ebenfalls jeden Morgen hinsetzte und den vergangenen Tag in allem Erlebten Revue passieren liess, macht das anders: kreativ-bockig, wie er immer ist: Sloterdijk hält die Chronologie bei, und er verspricht (fast feierlich), es sollen NICHt sieben Bände werden, jedenfalls nicht zu seinen Lebzeiten, denn er will - wenn es allein nach ihm gehen wird, (woran ich zweifle), es solle bei diesem einen Band bleiben. Ich, für mein Teil, bedaure dies jetzt schon: denn ich würde als 83jähriger Leser, der bislang alle seine Bücher gekauft und auch gelesen hat, ich bedaure es also jetzt schon, auf diese Weise wohl niemals erfahren zu können, was der 1947 geborene Peter Sloterdijk so alles zu bemerken gehabt hat über die nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg sich unaufhaltsam unter der Ägide der Alliierten sich langsam entwickelnden neuen deutschen Doppelrepublik und ihre vielschichtigen Einwohner, soweit die selber so einiges zu denken und zu sagen hatten. Aber gut, ich alter Sack, geboren am Heiligen Abend des Jahres 1928 bin nun doch über alle Maßen zufrieden mit dem, was uns der Zeitzeuge Sloterdij hier vorlegt.

Sloterdijk lässt hier nicht nur den Zeitgeist antanzen, indem er sich als eigene Texte singender Wahrnehmungsbarde auf die Zeugenbühne begibt, nein, der Ausnahmephilosoph Sloterdijk, geistig aufgewachsen im Trotz gegen die Unhaltbarkeiten der Alten Frankfurter Schule der Horkheimer und Adorno und der Neuen Frankfurter Schule seines liebsten Konkurrenten Jürgen Habermas, dieser Peter Sloterdijk zeigt es uns allen, was es bedeuten kann, und was es für soziale und gesellschaftliche Folgen es haben kann, wenn man entweder mit eigenen Wortschöpfungen die sich stetig wandelnde Zeit begleitet, oder wenn man einfach kritisch und doch wohlwollend aufmerkt und es dann auch notiert und dem möglichen Vergessen entreisst, was seine anderen reflexiv und selbstreflexiv interessierten Zeitgenossen so zu sagen wissen zu dem, was um sie und um uns herum so vor sich geht und sich so evolutionär wandelt im sozialen Verhalten, soweit es sich semantisch und strukturell zeigt in dem, was die Medien aller Art so reden und damit selber zum sozialen Wandel beitragen. All denen, die mir - aus welchen Gründen auch immer - ein wenig vertrauen, kann ich nur empfehlen, sich dieses einmalige Buch so schnell als möglich zu beschaffen, damit sie - im besten Sinne des Wortes - mitreden können in einer schon fast vollkommen durchmedialisierten Welt, in der sich alle gesellschaftlichen Erscheinungen und Ausprägungen wirklich und tatsächlich schneller wandeln und in ihren äusseren und inneren Erscheinungsformen verändern, als es ein mit normalen Aufmerksamkeitsgaben ausgestatteter Bürger, Wähler und Leser überhaupt noch aufnehmen und verarbeiten kann. Ich wünsche allen, die dieser meiner dringenden Leseempfehlung folgen, viel Freude bei neuen Erkenntnissen und viel Genugtuung, sagen zu können, man sei doch aufmerksam dabei gewesen. (Rudi K. Sander, Bad Schwalbach).
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am 18. Januar 2014
Vermutlich fällt die Entscheidung, ob jemand ein solches Buch gut findet oder nicht, schon vor bzw. mit dem Kauf: man kann wissen, dass es um die Welt- und Selbstsicht eines einzelnen Menschen geht, im Zweifelsfall vorwiegend Alltägliches und Banales, mit einigen Preziosen (hoffentlich) durchsetzt, die die unvermeidlichen Längen ausgleichen. Wer den sonstigen Gedanken/Büchern des Autors etwas abgewinnt, wird eher eine positive Bilanz ziehen, weil er im besten Falle so manchen Hinter- bzw. Außenrum-Gedanken der "offiziellen" Äußerungen versteht. Wer die Ideen des Autors - noch dazu eines oft polarisierenden wie Sloterdijk - weitgehend ablehnt, braucht erst recht nicht dessen Tagebuch, außer um die eigene "Hasslust" zu befriedigen.
Ich gehöre in diesem Fall der ersten Gruppe an, habe es deshalb gekauft und über weite Strecken genossen.
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am 19. Dezember 2014
Herr Sloterdijk legt "Sechzig verweht" vor. Angenehm. Dickes Buch. Das erste seit längerer Zeit das ich mit einem gewissen Enthusiasmus durchgelesen habe. 7 schöne Abende. Würde jetzt gerne weitere "Zeilen und Tage" bestellen, die es aber leider nicht gibt. Bitte viel mehr davon und gerne auch mehr "Baum und Strauch". Eventuell kommen ja auch noch "Stahlgewitter".
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"Gehirn, freu dich, heute darfst du ein Foto sehen von der Parade der Indischen Kamel-Kavallerie", (Zitat: Peter Sloterdijk, Seite 555)

Prof. Dr. Peter Sloterdijk hat sich Ende 2011 entschlossen, seine Tagebuchnotizen zu veröffentlichen. Dabei nahm er sich Heft 100 aus dem Jahre 2008 vor und transkribierte seine Niederschriften bis zum Mai 2011.

Nach einer Vorbemerkung untergliedert er seine Hefte in zwei Bücher. Das erste der Bücher nennt er "Spuren ins Posthumien". Dieser Begriff will zum Ausdruck bringen, dass die eigentliche Endlichkeit nicht alles ist. "Aus der besten Welt" titelt er dann das zweite Buch. Dieser Titel soll an das Leibnizsche Theorem erinnern, wonach die real existierende Welt- unter der Prämisse ihres Hervorgehens aus einem Ursprung, der nicht besser sein könnte- mit unumgänglicher Notwendigkeit als die beste aller möglichen Welten zu begreifen sei, (vgl.: S.9).

Das Buch enthält Notizen aller Art, zeigt was dem Philosophen wichtig erscheint, worüber er sich Gedanken macht und was er Wert hält, spontan festzuhalten. Nicht jede Notiz outet ihn als Philosophen, viele wohl eher als gedanklichen Spaziergänger und analytischen Beobachter seiner Umwelt.

Sloterdijk steigt vom Olymp und wird Mensch, wenn er schreibt: "Abends zu einer nachträglichen Geburtstagsfeier mit arabischer Küche bei Uta. Geschenke: Der Graf von Monte Christo mit Depardieu, schon ziemlich übergewichtig, auf DVD und eine Whisky-Rarität aus der Destilliere in Bayern." (Zitat: Seite 59).

Eine große Anzahl von Aphorismen sind es Wert, dass Sloterdijk ein Bändchen mit diesen für Freunde von Zitaten herausgibt. Sehr bezeichnend finde ich dabei den Gedankensplitter "Wie jede Macht hat auch die Macht der Schwachen ihre Parasiten." (Zitat: S.188). Es wäre interessant, über diese Parasiten ein Buch zu verfassen und deren Tun genau zu beleuchten. Das könnte auch eine Aufgabe für einen Philosophen sein.

Auf Seite 353 notiert der Autor erneut einen Gedanken zum Thema Macht. Der Gedanke ist nicht von ihm, sondern von Aristoteles:"Wenn sich Mangel an Bildung (apaideusía) zur Macht gesellt, entsteht Größenwahn,"(Aristoteles, Protreptikos). Die Frage, die sich mir stellt ist, wie ein größenwahnsinniger Parasit die Macht der Schwachen im Herbst 2012 in Europa für seine Zwecke benutzen könnte?

Ich versuche zu verstehen, weshalb Sloterdijk sich notiert, dass er beim Versuch Ursula (wer auch immer das sein mag) anzurufen, nur deren Anrufbeantworter erreicht habe. Am gleichen Tag liest man, was Frank Schirrmacher ihm am Telefon berichtet hat. Er notiert die Essenz des Telefonats, kommentiert aber nicht. Wie ging es Sloterdijk an jenem Tag? War er philosophisch gelassen?

Er fragt ketzerisch in Interlaken "Wozu eine Seele besitzen, wenn sie ihre Kompetenz als Erlebnisveredlungsanstalt nicht unter Beweis stellt?"

Auch lässt er nicht unerwähnt, wann Fritz Teufel starb und dass dieser unweit von Herbert Marcus ruht. Welche Gedanken mögen Sloterdijk zu den beiden Personen in den Kopf gekommen sein? Kannte er in jungen Jahren Fritz Teufel?

Auf Seite 562 fand ich folgenden sarkastischen Gedanken: "Autismus, moraltheoretisch definiert, besteht in der endogenen Unfähigkeit, die Goldene Regel zu befolgen. Wer als Autist beschimpft wird, sollte sich freuen. Man hält ihn nicht für krank, nur für böse."

Sloterdijk notiert Gedanken und Begebenheiten, mit denen er sich ganz nebenbei vermutlich auseinandersetzt. Mitunter beginnt er beim Notieren schon nachzudenken, so formuliert er dann Fragen wie etwa "Ob es wahr ist, dass die Liebkosung, wie Sartre suggeriert, nicht ohne einen subtilen Anschlag auf die Freiheit des anderen auszuführen sei? Wenn das Gegenteil der Fall wäre- und die Liebkosung würde uns selbst zur Quelle der Freiheit?"

Ja dann, lieber Herr Sloterdijk, wären wir in einem paradiesischen Zustand, umgeben von friedlichen Menschen, deren Philosophie die Liebe wäre und müssten nicht argwöhnisch auf den bevorstehenden Herbst schielen.

Sehr neugierig gemacht hat mich Sloterdijks Sentenz "Andere nehmen Tabletten, du lässt das Licht an". Ich gehe mal davon aus, dass es das der Autor hier mit sich selbst spricht und frage mich, was er im Bett Spannendes liest, bis ihm die Augen zufallen. Ob es Dumas ist? Auch ein Philosoph braucht seine
Auszeiten:-))

Ein amüsant zu lesendes Buch, streckenweise sehr ironisch.

Empfehlenswert.
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