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am 8. September 2012
Nun ist sie da, 50 Jahre nach dem Erstling, 3 Jahre nach dem Vorgänger "Together Through Life" halten wir nun "Tempest" in den Händen, Dylans 35. Studioalbum. Angekündigt als sein nächstes Meisterwerk, als Fortführung seines grandiosen Alterswerks. Also alles so wie immer in den letzten 15 Jahren?

Das Cover, na ja, gewöhnungsbedürftig, sieht ein wenig billig aus. Skurril der Hintergrund. Die auf dem Cover unter Rotfilter abgebildete Frauenfigur stellt als Teil des Pallas Athene-Brunnens vor dem Wiener Parlament die Moldau dar. Die 3 dort ebenfalls versammelten Figuren stehen für die 3 anderen großen Flüsse der untergegangenen Donaumonarchie, Donau, Elbe und Inn. Im Gegensatz zu Robert Musils Held Ulrich ist Dylan aber sicher kein Mann ohne Eigenschaften. Auf dem Backcover sehen wir einen zur Fahrt entschlossenen Dylan, der uns durch die obligatorische Sonnenbrille anblickt.

Das Country-Intro zu "Duquesne Whistle" lässt kurz den Gedanken aufkommen, man hätte eine Country-Folk-Platte aus den 20er oder 30er Jahren aufgelegt. Dann setzt die komplette Band und wenig später Dylans altersrauhe Stimme ein. Seine Stimme, mittlerweile noch brüchiger, die Schlaglöcher auf den Stimmbändern noch größer, dennoch ist Dylan ein großer, ein einzigartiger Sänger. Er kann Geschichten erzählen, Gefühle vermitteln, Erinnerungen wecken, auf Konzerten so wie diesen Sommer oder eben auf "Tempest". Bei "Duquesne Whistle", einer Nummer in der amerikanischen Tradition der Train-Songs, spielt die Band zum Tanz auf, der Sänger hingegen befindet sich im Geisterzug und fragt sich beim Anblick des aufreißenden Himmels und beim Hören von Muttergottes Stimme, ob wohl die alte Eiche aus Kindertagen noch steht, ...that one we used to climb...". Zu dem Song gibt es ein sehr gelungenes, sehenswertes und amüsantes Video. Beim 2. Song "Soon After Midnight" spielt die Band, als wäre sie für eine Hochzeit auf dem Lande gebucht , man sieht wie die Gäste und das Brautpaar Stehblues tanzen, derweil wir die Geschichte vom Mann hören, dem ein treuloses Mädel all sein Geld gestohlen hat, der dann bald nach Mitternacht Liebe schwört und, ja, wir wissen, es ist umsonst.

Das folgende "Narrow Way", ein schneidender Blues, die Band voll drauf, der Song rumpelt vor sich hin und Dylan singt vorneweg. Der Song erinnert an die gute "Love And Theft", ein dylantypischer Rumpelblues. Eine Nummer, die Dylan bei den folgenden Konzerten in amerikanischen Provinznestern an der Rumpelbluesstelle platzieren kann. Das folgende "Long And Wasted Years" offenbart, dass die alte Columbia-Werbung aus den 60er Jahren "Nobody sings Dylan like Dylan" immer noch stimmt. Niemand interpretiert Songs, seien es eigene oder Covers, wie der Mann aus Minnesota. So schafft es Dylan, dass seine Musik jung und relevant bleibt. So wie er hier über eine schieflaufende Liebe singt, atmet, erzählt, kommentiert und phrasiert, phantastisch.

"Pay In Blood" klingt wie ein flotter Popsong, so eine Musik hat Dylan lange nicht mehr gemacht. "Mississippi" in schnellerem Tempo würde in eine ähnliche Kerbe hauen. Ein gut tanzbarer Song, dazu lässt Dylan Unbarmherziges durch die Lautsprecher schallen. Kommt bei Dylan oft vor, dass die Musik beschwingt ist, die Lyrics hingegen eine andere Sprache zu sprechen scheinen. Eine starke Nummer, wäre ein Single-Kandidat, wenn dies bei Dylan eine Rolle spielen würde. "Scarlet Town", eine Neuversion des Folk-Klassikers "Barbara Allen", den Dylan in den frühen Sechzigern wie in den späten Achtzigern zum Besten gab, erinnert an "Ain`t Talkin`" von "Modern Times". Ein dunkler, fesselnder Song, Dylan singt "In Scarlet Town the end is near..." und man glaubt es ihm. Die Musik ist sehnsuchtsvoll, eine Geige unterstützt die Band. Hier beginnt die zweite, herbstliche Seite von "Tempest".

Allerdings fällt das nachfolgende "Early Roman Kings" musikalisch etwas aus diesem Rahmen. "They destroyed your city, they`ll destroy you as well..." hören wir. Zwischen der Vergangenheit und der aktuellen Lage sieht der Sänger keinen wesentlichen Unterschied. Apokalyptischer Dylan-Stoff. Man konnte das Lied vorab als Hintergrundmusik für irgendeinen Filmtrailer hören. Seltsame Kombination. Ich fand den Song etwas schwach. Dazu ist "Mannish Boy" zu prägnant. Allerdings stelle ich fest, dass bereits nach einem Tag Dylans Silhouette hinter Muddy Waters deutlicher hervorzutreten beginnt. Der Song bleibt aber bisher für mich der schwächste Beitrag der Platte.

Nun folgt "Tin Angel", ein Drama-Song über eine verlorene Liebe. Atmosphärisch und bei der ein oder anderen Melodiephrase erinnert die Nummer an das meisterliche "Man In The Long Black Coat" von der wunderbaren "Oh Mercy". Eine große neunminütige Folkballade, deren Ausmaß an Shakespeare denken lässt. Solche Songs wollen die meisten von Dylan hören, tiefe, bedeutsame Epen. Geschichten aus dem alten Amerika. Das, was der ein oder andere beim Vorgänger "Together Through Life" vermisste. Gleichwohl tanzt Dylan auf mehreren Hochzeiten, bei der einen spielt er "Desolation Row", bei der anderen präsentiert er uns "Country Pie".

Eine irische Geige leitet den Titelsong "Tempest" ein. Was in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 geschah ist nicht Thema dieses Songs. Da laut Dylan aber ein Songwriter sich dafür "interessiert, was hätte passieren sollen oder passieren können", ist es ihm auch wurscht, dass besagte Nacht windstill und sternenklar war, also weit und breit kein tempest. James Camerons Hollywood Blockbuster kommt auch noch rein und so stolpert man alsbald über Leo. Ob es sich aber über den Jack Dawson darstellenden Leonardo di Caprio handelt oder über Dylans Namensvetter Leo Zimmermann, wer weiß? Besagter Leo Zimmermann, ein Bauer aus dem Schwarzwald, befand sich tatsächlich an Bord der RMS Titanic. Dylans Song bietet auch kein Hollywood-Blockbuster-Schmachtfetzen-Gefühlskino, sondern erzählt im schönen Walzertakt vom darwinistischen Überlebenskampf, vom Bischof, vom Bordellbetreiber, vom Glauben und vom Abfall an ihn, vom Tod im Eiswasser, von einer Katastrophe. Der Song mag für manche zu lang sein. Dies geht mit nicht so, die Nummer wird mir nicht langweilig. Dennoch nicht das beste Stück auf der Scheibe.

Zum Abschluss folgt Dylans Hommage an Lennon, "Roll On John". Zu Lebzeiten gab es zwischen den beiden Songwritern immer eine gewisse wachsame, nervöse Distanz. Zu viel Ego & Gockelkonkurrenz verhinderten wohl eine größere Nähe. Dylans Gesang hier ist weich, bewegend. Dylans emotionale Verbundenheit mit Lennon ist bei diesem Song spürbar. Es ist bekannt, dass Dylan sich in Lennons Kinderzimmer vor einigen Jahren aufgehalten hat. Vielleicht hat der Song hier seinen Ursprung. Eine schön klingende Abschlussnummer bar jeder nostalgischen Verklärung, ein Killer, der Mord, das Verbluten, die Agonie, so endet das Album zu musikalischem Wohlklang.

Das nächste Meisterwerk also? Nach meinen ersten Eindrücken eine weitere sehr gelungene Scheibe. Sie kommt für mich nicht an "Time out of mind" ran, steht aber auf einer Stufe mit all den anderen seit 2001 veröffentlichten Werken, die sich allesamt durch hohes Niveau auszeichnen. Die Wirkung von Dylan-Alben hat ein Eigenleben, manch Platte verliert, manche gewinnt mit der Zeit. Es bleibt abzuwarten, wie sich meine Wertschätzung für "Tempest" entwickelt. Die Platte hat bei mir einen guten Start hingelegt. Abzüge gibt es nach einem Tag lediglich für den Muddy Waters-in Dylan-Maske-Song. Daher gebe ich jetzt 5 Sterne, drücke nochmal Play und lehne mich zurück. Roll on Bob...
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TOP 500 REZENSENTam 21. Dezember 2012
50 Jahre nach der Erfindung der Popmusik durch die Beatles und dem Erscheinen des Debut Albums des wichtigsten songwriters ebendieser Popmusik, schüttelt dieser mittlerweile alte Mann nicht nur eine Platte voller genialer Melodien aus dem Ärmel, sondern produziert die auch noch so zeitlos, dass man Sie wohl in weiteren 50 Jahren ohne Vorkenntnis kaum einer bestimmten Dekade zuordnen wird können.

Jene die nun meinen dass dieses Album ,alt` klinge, sei gesagt, dass das in einem Business in dem - ähnlich wie in der Mode - Revivals mittlerweile in immer kürzer werdenden Abständen passieren, das was heute alt klingen mag, morgen schon wieder der letzte Schrei sein kann.

Das weiss Dylan - spätestens seit ,Time Out Of Mind` hat er aufgehört sich nach aktuellen Soundbildern zu richten (was er ja speziell in den 80ern einigemale mit bescheidenem Erfolg versuchte), und spätestens seit diesem Album (das auch schon wieder 15 Jahre zurückliegt) macht er eigentlich nichts mehr falsch.

Bezeichnend auch, dass der auch schon 45 Jahre alte Rolling Stone das neue Dylan Album zur Platte des Jahres wählte, denn das alles bedeutet letztendlich, dass die Popmusik zwar nicht alt, aber eben keine Domäne der Jugend mehr ist, sondern für alle Altersschichten gleichberechtigt da ist.

,Tempest` ist nun irgendwie der Höhepunkt von Dylans dritten (oder vierten?) Karrierehoch und trotz tw. düsterer songs und einigen nachdenklichen Texten hat man - im Gegensatz zu ,Oh Mercy` bspw. - nie das Gefühl, dass der Mann mit seinem Schicksal hadert - im Gegenteil, es scheint, als er habe er endgültig seine Mitte gefunden; das ist ja normalerweise für einen Künstler eher kreativitätshemmend, Dylan aber, der sich spätestens seit ,Modern Times` zum ultimativen Geschichtenerzähler gewandelt hat, scheint einen geradezu unerschöpflichen Quell der Inspiration gefunden zu haben.

Was diese Platte so großartig macht, sind nicht nur die Lieder an sich, sondern dass Dylan es damit auch geschafft hat das ultimative ,Americana` Album zu schaffen - ein endgültiges Statement zu einem Genre, das ja in Wirklichkeit eh aus Folk, Country, Blues, Rock und auch Pop besteht.

Man sagt jeder sei ersetzbar - in der Kunst gilt das nicht und wir wollen hoffen, dass Bob noch weitere 20 Jahre beschieden sind, denn wessen Platte soll der Rolling Stone denn sonst 2032 zum Album des Jahres wählen??
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Kürzlich hörte ich nach längerer Zeit wieder einmal das im März 1962 veröffentlichte selbstbetitelte Debüt-Album. Vom Cover schaut ein 21jähriger selbstbewusst und verwegen und wirkt irgendwie so, als wüsste er mehr über das Leben, als ein 21jähriger über das Leben wissen sollte.
Fünfzig Jahre und sechs Monate später erscheint nun das 35. reguläre Studio-Album dieses jungen Mannes, der damals auf dem Coverfoto so dreinschaute, als ahnte er, dass er auch mehr als ein halbes Jahrhundert später noch was zu sagen haben würde. Ja mehr als damals und mehr denn je. Und immer noch blickt er irgendwie so, als weiß er mehr über das Leben, als man auch mit 71 über das Leben wissen sollte.
2012 sieht man ihn auf der Rückseite der Platte mit dem immer gleichen Gesichtsausdruck - dieser Mischung aus Ernsthaftigkeit, Melancholie, einem Hauch von schlechter Laune und getarntem Spitzbuben-Humor - hinter einer Sonnenbrille die das halbe Gesicht einnimmt und den direkten Blickkontakt unmöglich macht. "I wear dark glasses to cover my eyes. There are secrets in them I can't disguise..." heißt es in "Long and wasted years".

Dylan ist auch Mythos, gewiss. Aber er ist eine der wenigen Über-Persönlichkeiten, für den der inflationär abgenutzte Begriff >Superstar< eine Herabsetzung wäre. Weder um seinen ewigen Status als Künstler zu manifestieren und noch weniger um seine Finanzen in Ordnung zu bringen, müsste er überhaupt noch irgendetwas äußern. Und doch tut er es und das einfach nur großartig. Man kann sich des Eindrucks nicht erwähren, dass sich der Kreis wohl irgendwann auf allerhöchstem Niveau schließen wird, denn seit "Time out of mind" (1997) hat jedes Album die Kraft und Bedeutung - ignorieren wir mal den schelmischen Weihnachts-Witz zu wohltätigen Zwecken vor drei Jahren - nicht nur ein starker Schlusspunkt zu sein, sonder ein überzeugt gesetztes Ausrufungszeichen hinter ein insgesamt gewaltiges Gesamtwerk. Mit jedem weiteren Werk seither, kommt ein weiteres Ausrufungszeichen hinzu. Keine Schwächen.

Dies ist wohl auch der Grund, warum in unserer entzauberten Zeit, ein neues Dylan-Album immer noch ein wirkliches Ereignis ist, über das geredet und geschrieben wird. "Tempest" wird dieser Tage in den Feuilletons ziseliert und von allen Seiten mit der Lupe auf mögliche Schwächen untersucht. Gut so, dafür ist das Feuilleton schließlich da. Und wohin man ließt, man ließt fast ausnahmslos, mit "Tempest" ist Dylan einmal mehr ein Meisterwerk gelungen, ein knurriges, ein dunkles, aber auch ein groovendes wie lange nicht. Und die Texte sind über jeden Zweifel erhaben - wann bekommt der Mann endlich den Literatur-Nobel-Preis? Hat Sony Music in Schweden keinen Vertrieb? Würde mal bitte jemand Dylan-Platten nach Stockholm tragen? "Tempest" wäre als Referenz bestens geeignet! Alfred Nobel legte fest: "Der Preis soll denen zugeteilt werden, die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben" Also dann!

Die Welt wartet nicht darauf, dass nun auch ich jede Note und jeden Buchstaben des Albums umdrehe, deute und beleuchte. Und Dylan selbst ist es vermutlich am meisten leid, dass jedes neue Album von ihm entgegen genommen wird, wie die Schrifttafeln des Moses bei seiner Rückkehr vom Berge Sinai. Andererseits, nur wirklich wichtige Alben werden derartig kritisch beäugt...
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am 11. Juni 2013
Zuerst klingt Bobbys Gesang wie Louis Armstrong ... aber das Album ist einfach perfekt: sehr gute Musik und genial Lyrics. Dylan hört man nicht einfach, sondern hört zu, was er singt und genießt und staunt. Die Dylan-Basher werden's halt nie verstehen, so what...
Über 70 und immer noch topp! Hoffentlich kommt die Never Ending Tour bald wieder nach Deutschland!
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am 7. Juni 2014
Nach der Festrede zum Shakespeare Jubiläum neugierig geworden, leistete ich mir auch diese CD. Ein vorhersehbarer Glücksgriff. Besonders der erste und der Titelsong ziehen in Bann. So packend mit Shakespeare und über den Rezeptionsgenuss vom Barden gibt es kaum Musik zu hören. Detering sei Dank kann man sich viele Gedanken machen. Macht Lust auf mehr.
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am 24. Oktober 2013
Er hat es wieder getan- uns alle überrascht mit 'tempest'.
Ich hatte natürlich auf eine neue Platte gehofft/gewartet.Und da ist sie. Dylan wird nicht aufhören, er singt jetzt eben seinem Alter und seinem Lebenslauf entsprechend eindrucksvoll.Er ist ein Künstler durch und durch.
Bei ihm liegen in den songs Dichtung und Wahrheit nah beieinander. Und tempest ist keine sekunde zu lang.Dylan ist genial seit seiner New Yorker Zeit.
Ich habe alle Werke von Dylan aber nicht alles in Vinyl,aber genau da klingt er eben am besten. Interessant finde ich auch, daß er mit seinem letzten Lied 'roll on John' John Lennon huldigt.'tempest' die "wahre"Geschichte über den Titanic-Untergang ist wirklich ein Meisterwerk der Psychologie. Dylan singt mehr über die Empfindungen der Opfer und wie wir alle wissen, 'Nobody sings Dylan like Dylan', ausdrucksstark. Für seine fans eine große Freude.Persönlich mag ich auch 'soon after midnigt' weil seine Stimme da besonders gut kling und die Musik sowieso.
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am 28. Januar 2013
Der Altmeister zeigt es allen mal wieder. Keiner ist so in der Lage wie er, aus seiner Musik ellenlange Stücke zu arrangieren, ohne das es eintönig wird. Dazu seine unvergeichliche Stimme, die auch im Alter nichts an ihrer Ausdruckskraft verloren hat. Man kann Bob Dylan und seine Musik lieben oder hassen. Aber wenn man ihn liebt, dann ist diese CD ein Muß für alle Fans.
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am 30. Juni 2013
Was soll man über den Meister noch groß schreiben? Wer Dylan liebt wird auch dieses Album lieben, wer ihn ablehnt findet hier auch seine Gründe. Die Stimme ist einzigartig und wird von Jahr zu Jahr interessanter. Live klingt das Ganze sicher wieder etwas anders, aber das sind wir ja von ihm gewöhnt. Anspieltipp: Scarlett Town
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am 7. September 2012
In einigen Kritiken und Rezensionen war zu lesen, dass die neue Dylan-CD musikalisch nahtlos an die Vorgängeralben anschließt. Diese Meinung kann ich nicht teilen. Mit Ausnahme von "Narrow Way" und "Early Roman Kings" hat diese Platte einen deutlich anderen Charakter. Bei einigen Songs hat sich Dylan z. B. wieder sehr viel stärker den Folktraditionen (z. B. "Tempest" und "Scarlet Town")verschrieben und ist damit nicht so blueslastig wie zuletzt. Das gefällt mir sehr, nicht, weil ich die Platten seit "Love and Theft" nicht überaus gelungen fände, sondern weil ich es immer spannend gefunden habe, wenn Dylan etwas Neues probiert, wobei natürlich "Neues" ein völlig fehlerhafter Begriff ist. Denn Dylan trägt Jahrhunderte alte Traditionen mit sich herum, scheinbar lässig zaubert er aus seinem Ärmel, was er braucht. - Dylan nimmt sich auf "Tempest" sehr viel Zeit, um zu erzählen. Der gleichnamige Song etwa hat 45 Strophen a vier Verse. Das muss man erst mal bringen! Auch das ein deutliches Indiz dafür, dass auf dieser Scheibe denn doch vieles anders ist als z. B. bei "Together Through Life" von 2009. Es tut jeder Dylanplatte gut, wenn der Meister etwas zu sagen hat, und das bestätigt sich hier. Für mich gibt es hier sehr viele große Dylansongs zu bestaunen - gigantisch finde ich "Soon After Midnight", "Scarlet Town", "Roll On John" und "Long And Wasted Years". Bei "Tempest" und "Tin Angel" halte ich es für wahrscheinlich, dass sie mit dem häufigeren Hören noch deutlich zulegen werden. Die Songs haben jedenfalls gleichsam Riesenpotential. Das gilt auch für den Opener "Duquesne Whistle". Als ich den Song zum ersten Mal vor Veröffentlichung der CD hörte, fand ich ihn gut, aber nicht überragend. Dann kam das Video (wer das Video zu dem Song nicht kennt, sollte dies schleunigst nachholen); seither habe ich den Song bestimmt 20mal gehört - und er wird immer besser. - 5 Sterne für diese Scheibe, unbedingt, denn ich hatte Riesenerwartungen, und die wurden zum Glück auch nicht enttäuscht.
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TOP 1000 REZENSENTam 14. September 2012
eine rezension zu einer neuen dylan platte ist immer vorschnell.

dylans lieder setzen sich wie ein keim in den kopf und beginnen dann zu wachsen, manche schneller, manche langsamer, aber alle treiben sie irgendwann wunderschöne blüten - so geht's zumindest mir.
ich bin im besitz aller 35 studioalben und auch sämtlicher ausgaben der "bootleg series", die ich für unverzichtbar halte, wenn man sich ernstlich mit dem wunder bob dylan auseinandersetzen möchte.

viel ist hier schon geschrieben worden, das ding eröffnet eher schwungvoll mit bluesigen, rockigen nummern, denen aber eine seltsame leichtigkeit innewohnt.

der klang von dylans live-band ist einerseits gewohnt aber auch irgendwie aufregend und modernisiert.

spätestens bei "scarlet town" wird eine richtung eingeschlagen, die bis zum ende des albums immer tiefer in eine düstere und spannende nebenwelt entführt.

"early roman kings" ist ein stampfender blueser, der auf einem hooker-riff basiert, aber herrlich dreckig und krachend gespielt wird.

mit "tin angel" wird eine erzählerische phase des albums eingeleitet, die mit dem titelsong ihren ergreifenden höhepunkt erreicht.
unpackbar mit welcher leichtigkeit dylan hier eine dramatische erzählung (...all angels look aside...) über den untergang der titanic in endlosen vierzeilern ohne refrain vorträgt.
ohne witz: selbst wenn die nummer doppelt oder dreimal so lange dauern würde, das wird nicht fad, das endet viel zu früh.
der surreale text, das düstere rumpeln der begleitung, eine wimmernde fidel, die ein wenig zwischensoliert - viel braucht der meister nicht um eine dichte, aufgeladene und aufregende athmosphäre zu erzeugen - großes kino!

die letzte nummer ist john lennon gewidmet. die im netz befindlichen texte entsprechen bis hierher dem gesungenen. hier aber wird ein völlig anderer text gesungen - dylans art, JL gleich zweimal zu würdigen?

egal, das album ist ein hammer, dylan ist noch lange nicht leer, seine stimme tut genau das, was er will und was sie soll, hört nicht auf sonstige unkerei!

ich mag das album jetzt schon so, es ist qualitativ ohne weiteres mit zb "oh mercy" gleichzusetzen, ich weiß schon jetzt, dass ich es lieben werde!

die LP ist schön gemacht, ordentlich zentriert und sauber gefertigt.
der sound könnte besser sein, aber das ist bei einem zukünftigen klassiker nebensache.

dylan ist dylan ist dylan...

punkt!
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