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TOP 1000 REZENSENTam 5. März 2016
PROLOG
Wir schreiben das Jahr 1975: Auf der Suche nach neuen musikalischen Herausforderungen ging ich (wie mehrmals die Woche) zum einzig relevanten Neumünsteraner Plattenladen MEMBRAN, um mein begrenztes Taschengeld in (damals ausschließlich) schwarzes Vinyl umzutauschen. DEEP PURPLE, ELP, FOCUS, GENESIS, JETHRO TULL, KING CRIMSON, LED ZEPPELIN, MANFRED MANN'S EARTHBAND, PINK FLOYD, RENAISSANCE u.a. kannte/mochte ich bereits und allein aus dieser Tatsache könnte man jetzt im Nachhinein vielleicht meine zukünftige Prog-Rock-Vorliebe ableiten. Wie dem auch sei, Gründe für das Heraus-Picken, das anschließende Probe-Hören und letztlich den Kauf von GENTLE GIANT's FREE HAND war nicht mehr und nicht weniger als das Cover, diese eine (freie) Hand, die nach zwei anderen (gefesselten) Händen auf einem Foto greift und dann natürlich der geradezu lächerliche Preis von sage und schreibe 5,99 DM (für eine eingeschweißte, gerade erst erschienene, NEUE LP!). Das Probe-Hören am sogenannten „Vorspiel-Service“ (was für'n Wort!) gestaltete sich nicht ohne Probleme und alles andere als „easy-going“: erster (jungfräulicher) Eindruck: „hm, SELTSAMER Gesang“, zweiter (vorläufiger) Eindruck: „wirklich SELTSAMER Gesang“, dritter (entscheidender) Eindruck: „also, trotz des SELTSAMEN Gesang's kauf ich das Teil!“

So, das ist nun geschlagene 41 Jahre her und als Grund für diese dermaßen verspätete Rezension von GENTLE GIANT's FREE HAND kann ich beispielsweise einen temporärer Retro-Flash meinerseits anführen, also eine Art Wieder-Entdeckung alter Klänge/Platten/Werte. Nun liegt sie hier bzw. rotiert IM Player oder AUF dem Teller und versetzt mich zurück in alte, andere, weit entfernte Welten/Zeiten/Zustände. Hach ja, meine allererste GENTLE GIANT - ohne jegliche Empfehlung von Bekannten/Freunden/Schulkameraden (bzw. deren größeren Brüdern) und ohne jeglichen Radio-Input hatte ich weder von der Band noch von deren bereits veröffentlichten Scheiben gehört, ich war sozusagen 100%ig ahnungslos...
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DIE MUSIKER/DIE PERFORMANCES (7 Sterne)
Gary GREEN (guitars, backing vocals), Kerry MINNEAR (keyboards, lead- and backing vocals), Derek SHULMAN (lead and backing vocals), Ray SHULMAN (bass, backing vocals) und John WEATHERS (drums) sind seit ihrem OCTOPUS natürlich DIE sanft-riesige Besetzung. Hier auf FREE HAND fügen sie ihren „Haupt-Instrumenten“ Image-, Klang- und Stil definierende Instrumente wie Akustik- und 12-saitige Gitarre, Alt- und Blockflöte, Cabasa, Cello, Cembalo, Geige, Glockenspiel, Klavier, Marimba, Mellotron, Orgel, Pauken, Roto-Toms, Saxophon, Shaker, Timbales, Triangel, Trompete, Vibraphon, Woodblocks und Xylophon hinzu. Diese tauchten zwar bereits vorher (speziell auf AQUIRING THE TASTE und OCTOPUS) auf, werden hier aber (vielleicht zum letzten Mal) so fantasievoll/konsequent/musikalisch/sonor/virtuos wie vorher und nachher nicht wieder bearbeitet.
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DIE MUSIK/DIE SONGS (7 Sterne für 7 Songs)
und zwar nicht etwa jeweils ein Stern für jeweils einen Song, sondern ohne wenn und aber, absolut zweifelsfrei 7 Sterne für jeden einzelnen dieser 7 Songs:

Track 1/JUST THE SAME („just doing what I want to do“)
wird durch ein rhythmisch nicht sofort einzuordnendes Finger-Schnippen eröffnet. Erinnerungen an das scheppernde Glas vor THE RUNAWAY/IN A GLASS HOUSE oder den zuschnappenden Foto-Apparat von I AM A CAMERA/CIVILIAN, bei denen diese Geräusche das jeweilige Stück rhythmisch einführen, werden wach. Hier nun setzen irgendwann Kerry's Keyboard, dann Gary's Gitarre ein und zusammen leiten beide das Geschnippe in die (wie sollte es anders sein) 7/8el-Strophe, der Refrain dann im fast schunkelnden 3/4tel-Takt. Nach diversen nicht nachvollziehbaren Breaks und Stopps folgt ein 4/4tel-Instrumental-Part mit auskomponierter E-Gitarren-Melodie, direkt im Anschluss ein obskures Synthesizer-Solo, hinterlegt von einem dezenten Saxophon-Arrangement, diesmal wieder im 3/4tel bzw. 6/8el. Erneute Strophe und Refrain münden in ein instrumentales Fade-Out, während die snappenden Finger einfach stehen bleiben.

p.s.
Jordan RUDESS (auf DREAM THEATER-Fame) hat auf seiner Solo-CD THE ROAD BACK HOME neben anderen auch genau dieses Stück gecovert. Gecovert? Nun ja, ein faktisch nicht nachspielbares Stück einer praktisch nicht kopierbaren Band interpretiert von einem der vielleicht letzten „wirklichen“ Tasten-Drücker unserer Zeit grenzt allein an eine mittelschwere Sensation – ich meine, wer (wenn nicht Jordan) traut sich ÜBERHAUPT an GIANT? Hier nun gelingt es ihm, dem Original nicht nur erstaunlich nahe zu kommen, sondern ihm auch (auf typische RUDESS-Manier) eigene, interessante, neue Facetten/Nuancen/Teile im Stile GIANT's hinzu zu fügen, sozusagen ein sanft-traumatisches Riesen-Theater, ha!

Track 2/ON REFLECTION („remember the good things“)
Leute, was soll man zu solch einem Audio-Absurdium bloß schreiben, wie soll man einem Außenstehenden dieses musikalische Mysterium bloß erklären? Am Anfang hören wir Derek völlig allein eine fast fröhliche Melodie singen, die aber schon kurze Zeit später von Gary oder Ray (kann ich bis heute gesanglich nicht auseinander halten) aufgegriffen/ebenfalls (nur zeitversetzt) gesungen wird. Ja, der Prototyp des unerreichten GENTLE-GIANT-Kanon's, HIER ist er, HIER fängt die Legende an! Das Problem ist, dass Derek's Melodie aber noch gar nicht beendet ist, sie geht ja noch viel weiter, und wenn dann noch Kerry und Ray oder Gary dasselbe (ebenfalls zeitversetzt) machen, selbstverständlich in einem ungeraden 15/4tel-Konstrukt (3x4/4tel, 1x3/4tel), dann scheint das CHAOS perfekt. Da die Melodie aber 1. so außerordentlich eigenartig und 2. so außerordentlich lang ausgefallen ist, kann man bei vier gegeneinander singenden Einzel-Stimmen durchaus von einem Stimmen-Gewirrwarr sprechen. Und als wenn all das nicht schon verwirrwarrend genug wäre, kommen beim zweiten Gesangs-Durchgang auch noch doppelnde/korrespondierende Instrumente hinzu! Na klar, bis hierher war das Ganze ja SOOO was von einfach, voll langweilig, kann doch Jede/r, haha! Leute, sowas wie hier hat die Welt vorher nicht und nachher schon gar nicht wieder gehört, das ist einfach nicht mehr NORMAL! Am Ende (des ersten Teil's) wird der übrig gebliebene 3/8el-taktige Sprachfetzen „all around“ wiederholt und wiederholt und wiederholt UND ausgefaded! Zeitgleich wird der 3/4tel-taktige zweite Teil (ich nenne ihn mal den „remember-forget-our-way“-Part) eingefaded – das nannte sich damals „Crossfade“ (heute völlig abgesagt) und wurde speziell von GIANT des Öfteren strapaziert.

Ja, der zweite Part des offensichtlich von Kerry zu verantwortenden Stück's: E-Bass, (echte) Flöten, Cello, Geige, Glockenspiel und dann Kerry's extrem direkter/intimer/naher, schöner, sensibler, warmer, weicher Gesang, ostinat wiederholt, kurzzeitig unterbrochen von distanziertem Gesang („not your game, together just in name“), Cembalo und gestimmten Pauken, bis urplötzlich Gary's Klampfe EXAKT das spielt, was Derek anfänglich gesungen hat, danach Kerry on keys, Ray on bass und noch mal Kerry on second keys – ein instrumentaler Kanon! Die gesamte Band steigt ein, exekutiert den oben erwähnten 15/4tel in Schleife und fadet zusammen mit einer seltsam geflangten Snare in's Aus – also, meine lieben Herren Gesangs-Verein...

Dieses Stück sollte im Laufe der Zukunft unzählige verschiedene (Live-)Arrangements erfahren und zu einer Art Showcase für die sowohl gesanglichen als auch instrumentellen Fähigkeiten der Band als Einheit UND der einzelnen Musiker werden – eine Art Zirkus-Attraktion, also etwas, was die Leute anzieht, erregt, erstaunt, fasziniert, verwundert, gleichermaßen aber auch abstößt, befremdet, sprachlos macht, verängstigt, zweifeln lässt, weil es eben so dermaßen unbeschreiblich/unerhört/unsagbar gut ist. SPOCK'S BEARD waren die einzige mir bekannte Neo-Prog-Kapelle, die es geschafft hat, mit Songs wie z.B. THOUGHTS diesen ureigenen GIANT-Spirit halbwegs authentisch nicht nur auf die Bühne zu bringen, sondern auch in die Gegenwart hinüber zu retten, WOW!

Track 3/FREE HAND („never thougt it would ever come to me“)
Keyboard-Arpeggio, dazu E-Bass und E-Gitarren-Einwürfe, Tonart nicht definierbar, bis dann abrupt das HOHNER Clavinet D6 übernimmt und los geht's: 4/4tel-Rhythmus, fast hardrockig und Derek on Lead Vocals („who would believe me now that my hands are free, that my hands are free?“). Zwischendurch immer wieder die anfänglichen Keyboard-Arpeggios, Band-Interruptionen und die Phrase „hands are free“, teilweise so häufig wiederholt, dass es schon nervt – naja, zum ersten Mal im (Band-)Leben freie Hand, diesen paradiesischen Zustand kann selbst GIANT natürlich nicht häufig genug wiederholen. Der ganz offensichtlich von Kerry beigesteuerte Mittelteil kommt mit seinem walzerartigen 3/4-Takt, dem gephasten SOLINA String-Ensemble, und dem HOHNER Clavinet wie aus einer anderen, weit entfernten Welt, klingt wie ein Traum (traumatisch?). Live wurde diese Version des Stück's tatsächlich mal gespielt (LIVE AT THE BICENTENNIAL 1976), bevor der gesamte Mittelteil dann zugunsten eines grünen Gitarren-Solos rausflog (PLAYING THE FOOL). Der Anfangs-Rock wird erneut angelegt, Derek bölkt erneut („or did you really think it was over yet, it was over yet?“) und nach diversen (noch nervenderen) Arpeggio- und „hands are free“-Wiederholungen ist abrupt Schluss (auch mit der damals ersten LP-Seite).

Track 4/TIME TO KILL („where did he come from, what did he do?“)
Das erste Stück der zweiten Seite der siebenten GIANT-LP: Ja, auch dieses startet mit einem Geräusch, allerdings weder klanglich noch rhythmisch erkennbar (was brummt, klötert, knackt denn da, was hören wir bloß?). Die Band wirft abgehackte Instrumental-Fragmente ein, von denen man anfänglich selbst beim besten Willen weder wissen kann, was sie bedeuten sollen noch ahnen kann, wohin sie führen werden! GIANT wären aber nicht GIANT, wenn sie es nicht auch hier schaffen würden, dieses allgemeine Chaos in einen hörbaren 9/4tel-Rhythmus zu verwandeln, über den Derek (wie so häufig) seine seltsamen Melodie- und Textbögen spinnt. Nach dem zweiten Refrain bleibt die Band einfach stecken, stolpert kurzzeitig vor sich hin, nur um von Kerry gerettet zu werden, der zusammen mit Ray's Bass unisono singt. Aber nicht lange, denn das anfängliche zerhackte Gestolpere ertönt erneut und führt zur dritten Strophe und (TATA!) einer tonalen Erhöhung um einen ganzen Ton! Nach der vierten Strophe fadet ein warmer/weicher „Ah-Ah-Huhuhu“-Chor (der mich an das Stück THREE FRIENDS erinnert) hinaus aus diesem, direkt in das nächste Stück:

Track 5/HIS LAST VOYAGE („rose in early morning as the light came through“)
Ein E-Bass-, E-Gitarren- und Vibraphon-Intro, das mal wieder als Pseudo-Kanon aufgebaut ist, erinnert ein wenig an SCHOOLDAYS, wird aber abrupt von akustischer Gitarre und Kerry's hochfrequentem, weit distanziertem Gesang abgelöst, dazu (in ca. 10 Kilometern Entfernung) ein gelegentliches Cembalo oder doch das berüchtigte D6? Die Refrains dann mit ganzem Schlagzeug und mittelalterlichem Harmonie-Gesang. Im darauffolgenden Mittelteil lässt Gary seine LES PAUL quaken und quietschen, während John on drums, Kerry on piano und Ray on bass für einen (für GIANT-Verhältnisse) relativ relaxten Hinter-/Untergrund sorgen. Gegen Ende des Solo's kurze Hektik, nur um in einen Part überzugehen, der mir bis heute meinen Kopf zerbricht: WEATHERS stampft einfach stumpf seinen Mittelteil-Groove weiter, während alle anderen (außer Derek, der während des gesamten Stück's P-Pause zu haben scheint) gnadenlos das Intro-Thema drüber spielen. Alles easy, kein Problem – ja, denkste! Die Crux ist nämlich, dass hier weder Geschwindigkeiten noch Taktarten beider Teile auch nur ansatzweise zusammen passen, sodass der Eindruck von zwei verschiedenen, zeitgleich gegeneinander spielenden Bands quasi zwangsweise entsteht. Mann-O-Mann, das strengt schon reichlich an hier! Egal, zum Schluss haben sich alle wieder lieb und schließen nach zwei weiteren Strophen wie sie anfänglich begonnen haben – nur langsamer, mit längeren Pausen und einem endlosen Sustain von Ray's Bass (thanks by the way to Leo FENDER for his amazing PRECISION BASS), dafür aber OHNE Vibraphon...

Track 6/TALYBONT
Hey, nicht nur einer der ganz wenigen reinen Instrumentals, sondern auch einer der kürzesten, mittelalterlich anmutenden Songs der Band, obwohl (siehe auch*): Blockflöten, Hohner Clavinet D6 (mit rhythmisch abgestimmtem Delay), flötender Solo-MOOG, alle zusammen als Kanon angeordnet/arrangiert/ausgeführt, dazu E-Bass, ein „richtiges“ Cembalo(?) in den Refrains und Percussion (Tambourine und Trommeln) – KEINE A- oder E-Gitarre, KEINE Orgel, KEIN Sax, KEINE (echten oder falschen) Strings. Ganz eindeutig ein MINNEAR-Stück, *auf dem er höchstwahrscheinlich sämtliche Instrumente (außer Bass) selbst spielt.

Track 7/MOBILE („finish stronger than you first began“)
Tja, das letzte Stück der ersten CHRYSALIS-LP: Bass- und Geigen-Intro deuten auf eine Ray SHULMAN-Komposition hin, zumindest anfänglich. Die ganze Band platzt herein und ein ziemlich schwerer WEATHERS arbeitet sich durch ein rhythmisch verqueres Stück Musik. Jeder scheint gegen Jeden zu spielen, ein Wunder, dass keiner die Orientierung verliert. Und dann die Vocals, immer wieder diese sensationell seltsamen Vocals: Was sind das hier bloß für unorthodoxe Betonungen/Melodiebögen/Tonfolgen, wie kommt (Schul-)MAN bloß auf sowas - ein einziges und ewiges Rätsel. Im Mittelteil (nennen wir ihn mal so) kann man erst Telefon-Vocals, dann eine verwahwahte E-Geige über seltsam verfremdeten Drums vernehmen. Gegen Ende kommt die Band (ohne Derek) noch mal so richtig in Wallung, E-Geige und E-Gitarre fragen und antworten und dann – schier endloser AUSKLANG. Genau in dem Moment, da man schon aufstehen will, um entweder die Platte umzudrehen oder den Play-Button erneut zu drücken, haut John nochmal so richtig in Bass-Drum und Stand-Tom, dass nicht nur die Speaker wackeln!
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DIE ARRANGEMENTS/DIE EXPERIMENTE/DIE INNOVATIONEN (7 Sterne)
die sich durch absolut absurde, geradezu halsbrecherische Exekution oben aufgelisteter Instrumente, schier end-, grenzen- und tabulose Ideen-, Produktions- und Sound-Vielfalt auszeichnen, scheinen hier ihren Zenit erreicht zu haben. Schon auf dem Nachfolger INTERVIEW von 76 wurde das benutzte Instrumentarium rigoros reduziert, die Produktion (für GIANT-Verhältnisse!) vereinfacht. Ich behaupte mal, dass keine andere Band des Planeten zu keinem anderen Zeitpunkt der (Musik-)Geschichte in keiner anderen Welt des Universum's ein solches Album hätte aufnehmen können. GENTLE GIANT's FREE HAND ist ohne aber, wenn und Zweifel ONE-OF-A-KIND!

Waren GIANT bis einschließlich OCTOPUS bei VERTIGO und auf IN A GLASS HOUSE und POWER AND THE GLORY bei WWA (World Wide Artists) unter Vertrag, so symbolisiert FREE HAND auf CHRYSALIS ihr Break-Away-Album. Mit neuem Vertrag in der Tasche profitierte die Band nun endlich von finanziellem, organisatorischem, technischem Support, von dem sie vorher nur träumen konnte. Sie (die Band) hatte plötzlich mehr oder weniger „freie Hand“ (deswegen ja auch der Album-Titel). Wenn man bedenkt, dass die Band mit „ähnlichen“ Acts wie TULL auf Tour war und wenn man ferner bedenkt, dass nur aufgrund dieser gemeinsamen Erlebnisse ein gewisser Ian ANDERSON auf die glorreiche Idee kam, GIANT „seinem“ Label vorzuschlagen, erscheint FREE HAND (besonders im Nachhinein) umso einschneidender/entscheidender/essentieller.
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DIE PRODUKTION/DER SOUND (3,5 Sterne)
Ich habe hier noch die 75er-Original-LP, eine remasterte CD-Version vom Anfang des neuen Jahrtausend's, dann natürlich den 2012-Remix und die weiter unten aufgeführte Obskurität liegen/stehen. Um's kurz zu machen: Keine der Ausgaben wird jemals eine Meisterschaft der Audiophilie oder einen Preis als Referenz-Produktion gewinnen, keine der verschiedenen Versionen wird der extrem anspruchsvollen Musik letztlich gerecht, Punkt! Ein wirklich rabiater Remix (zur Abwechslung bitte mal NICHT vom Prog-Remixer No.1, Mr. Steven WILSON) müsste her, am besten gleich mehrere verschiedene. Auch würden (wahrscheinlich nicht nur) mich Alternative-/sonstige Out-Takes oder Work-In-Progress-Mixes interessieren! Einen Vorgeschmack davon bekommt man ja bereits auf der 4-CD-Box „SCRAPING THE BARREL“, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass die definitive, endgültige, highest-possible-quality-version nach wie vor auf sich warten lässt.
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DER UMSCHLAG (3,5 Sterne)
der damaligen LP war genauso wie die Cover-Gestaltung der mir bekannten CD-Ausgaben nichts Großartiges. Ein nicht klappbares Cover mit dem oben beschriebenen Hand-Motiv auf der Vorder-, das dasselbe Motiv (diesmal ohne Hände) auf der Rückseite und dazu ein Textblatt innen – keine Fotos, keine Interviews, keine Track-By-Track-Informationen der sanften Riesen, sehr schade. Ach, ich finde einfach nur ärgerlich/bedauerlich/unverständlich, dass es von musikhistorischen Meilensteinen wie FREE HAND nicht ähnlich aufgemotzte Ausgaben wie z.B. von BEATLES-, FLOYD- oder STONES-Zeug gibt (die diese Aufmotzung nicht immer und schon gar nicht zwangsweise verdienen).
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FRAGE
Ich habe irgendwann in den 90ern bei WOM eine recht seltsame FREE HAND-Version kaufen können, deren Ursprung mir bis heute Rätsel aufgibt: Manche Songs sind darauf definitiv identisch mit der Original-LP, andere scheinen anders gemixt, irgendwie noch nicht „fertig“ zu sein. So fehlen z.B. E-Gitarren-Parts, teilweise sind Mono-Edits hier noch in Stereo und insgesamt ist der Sound deutlich klarer. Das sogenannte Booklet (ohne Fotos, Texte oder weiterführende Infos, quasi ohne alles) gibt auf all diese Fragen keine Antworten und ist dementsprechend nicht weiter erwähnenswert. Hat irgendjemand von Euch da draußen irgendeine Ahnung, worum es sich hier handeln könnte?
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GENTLE GIANT
welch eine außergewöhnliche, einzigartige, intelligente, kompromisslose, talentierte, unangepasste, verschrobene Band, welch eine arbeits- und ereignisreiche, mühsame, tragische Karriere! FREE HAND als ihr vielleicht energischtes Album spricht mit Textzeilen wie z.B. „read no thoughts I didn't think myself“ (JUST THE SAME) oder „on reflection now it doesn't matter“ (ON REFLECTION) oder „now that my life's my own I leave you behind leaving you behind“ (FREE HAND) oder „he needs no friend“ (TIME TO KILL) oder „wind cut like a knife“ (HIS LAST VOYAGE) oder „finish stronger than you first began“ (MOBILE) eine ungewöhnlich aggressive, direkte, entschlossene Sprache – GIANT auf neuen Wegen, gegen den Strich, im Umbruch.
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HAAX/Kiel
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EPILOG
Viel ist analysiert/diskutiert/theoretisiert, angenommen/gemutmaßt/spekuliert, gedacht/geschrieben/gesponnen worden über die britische Progressive-Legende GENTLE GIANT im Allgemeinen und deren insgesamt siebentes Album (erstes für CHRYSALIS) FREE HAND im Besonderen. Zusammen mit anderen Größen wie (in alphabetischer Reihenfolge und auf gar keinen Fall vollständig) ELP, FOCUS, GENESIS, GREENSLADE, JETHRO TULL, KING CRIMSON, LED ZEPPELIN, MANFRED MANN'S EARTHBAND, PINK FLOYD, RENAISSANCE, RUSH, UK, YES und FRANK ZAPPA erschufen sie eine Musik-Richtung, die damals als ART-, heute gerne als Progressive-, kurz PROG-ROCK bezeichnet wurde/wird. Im Gegensatz zu allen genannten (und so einigen nicht genannten) Gruppen schafften GIANT den Sprung in die ewige Hall-Of-Fame, die musikalische Ober-Liga finanziell seltsamerweise nie, künstlerisch dafür sehr wohl. Keine andere 70er-Jahre-Band hat einen solch elaborierten, individuellen, unverwechselbaren Sound zustande gebracht.

Ich möchte den künstlerischen Output der sanften Riesen in drei grundsätzliche Abschnitte unterteilen: Da hätten wir zum einen die ersten 3 LPs: Diese reichen vom recht durchwachsenen, relativ rockigen, unentschlossenen/nicht aber unsicheren Debut GENTLE GIANT (70) über das atemberaubend abenteuerliche AQUIRING THE TASTE (71) bis hin zum Quasi-Konzept-Album THREE FRIENDS (72). Gemein war all diesen Scheiben außer der (Noch-)Mitgliedschaft von Onkel Phil SHULMAN am Blech und Gesang auch die ständig wechselnde Drummer-Position. Auf OCTOPUS (73), GLASS HOUSE (74), POWER AND THE GLORY (ebenfalls 74), FREE HAND (75) und INTERVIEW (76) glänzte dann die allseits bekannte/beliebte/beneidete/bewunderte/bezweifelte 5-Mann-Kombination bestehend aus GREEN/MINNEAR/SHULMAN/SHULMAN/WEATHERS. Diese Scheiben sprengten ein um's andere Mal instrumentale, kompositorische, spielerische Grenzen. Nach der einzigen offiziellen Live Doppel-LP PLAYING THE FOOL (76) kam dann das 3-LP-Abschluss-Paket in Form von THE MISSING PIECE (77), GIANT FOR A DAY (78) und schließlich CIVILIAN (80), auf denen die Band (aus welchen Gründen auch immer/anderes Thema) versuchte, andere/ihnen grundsätzlich nicht ähnlich sehende/hörende, moderne/neue Wege zu beschreiten - mit allseits bekanntem Misserfolg. Wie formulierte Derek einst in irgendeinem Interview auf die Frage, wie die Band denn ihren Status im Rock'n Roll-Zirkus einschätze, so tödlich treffend typisch: „we're not LOW profile, we're NO profile!“. Das lag aber weniger an GIANT's halbherziger Mimikri, sondern hauptsächlich am brutal veränderten Musik-Markt Ende der Siebziger (ich sage nur PUNK).

Nach dem beschlossenen, klang- und sanglosen, unausweichlichen Split mutierte Derek zum Label-Boss (ATCO, die auch das sensationelle YES-Comeback-Album 90125 rausgebracht haben), Gary und Kerry spielten zusammen mit Ex-Drummer-Kollege Malcolm MORTIMORE und einigen Jazz-Musikern eine Zeit lang in einer Band, die sie sinnigerweise THREE FRIENDS tauften (hab ich leider nie gehört oder gesehen), John ging zeitweise zurück zu seiner Uralt-Kapelle MAN, bevor seine Gelenke dann einer Arthrose zum Opfer fielen und Ray produzierte so einige Wave-Bands, u.a. die SUGARCUBES. Sein Sohn macht jetzt übrigens auch recht erfolgreich Musik, die mit GIANT allerdings faktisch nichts zu tun hat, Kerry schreibt ab und zu Kirchen-Choräle...
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TOP 1000 REZENSENTam 5. März 2016
PROLOG
Wir schreiben das Jahr 1975: Auf der Suche nach neuen musikalischen Herausforderungen ging ich (wie mehrmals die Woche) zum einzig relevanten Neumünsteraner Plattenladen MEMBRAN, um mein begrenztes Taschengeld in (damals ausschließlich) schwarzes Vinyl umzutauschen. DEEP PURPLE, ELP, FOCUS, GENESIS, JETHRO TULL, KING CRIMSON, LED ZEPPELIN, MANFRED MANN'S EARTHBAND, PINK FLOYD, RENAISSANCE u.a. kannte/mochte ich bereits und allein aus dieser Tatsache könnte man jetzt im Nachhinein vielleicht meine zukünftige Prog-Rock-Vorliebe ableiten. Wie dem auch sei, Gründe für das Heraus-Picken, das anschließende Probe-Hören und letztlich den Kauf von GENTLE GIANT's FREE HAND war nicht mehr und nicht weniger als das Cover, diese eine (freie) Hand, die nach zwei anderen (gefesselten) Händen auf einem Foto greift und dann natürlich der geradezu lächerliche Preis von sage und schreibe 5,99 DM (für eine eingeschweißte, gerade erst erschienene, NEUE LP!). Das Probe-Hören am sogenannten „Vorspiel-Service“ (was für'n Wort!) gestaltete sich nicht ohne Probleme und alles andere als „easy-going“: erster (jungfräulicher) Eindruck: „hm, SELTSAMER Gesang“, zweiter (vorläufiger) Eindruck: „wirklich SELTSAMER Gesang“, dritter (entscheidender) Eindruck: „also, trotz des SELTSAMEN Gesang's kauf ich das Teil!“

So, das ist nun geschlagene 41 Jahre her und als Grund für diese dermaßen verspätete Rezension von GENTLE GIANT's FREE HAND kann ich beispielsweise einen temporärer Retro-Flash meinerseits anführen, also eine Art Wieder-Entdeckung alter Klänge/Platten/Werte. Nun liegt sie hier bzw. rotiert IM Player oder AUF dem Teller und versetzt mich zurück in alte, andere, weit entfernte Welten/Zeiten/Zustände. Hach ja, meine allererste GENTLE GIANT - ohne jegliche Empfehlung von Bekannten/Freunden/Schulkameraden (bzw. deren größeren Brüdern) und ohne jeglichen Radio-Input hatte ich weder von der Band noch von deren bereits veröffentlichten Scheiben gehört, ich war sozusagen 100%ig ahnungslos...
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DIE MUSIKER/DIE PERFORMANCES (7 Sterne)
Gary GREEN (guitars, backing vocals), Kerry MINNEAR (keyboards, lead- and backing vocals), Derek SHULMAN (lead and backing vocals), Ray SHULMAN (bass, backing vocals) und John WEATHERS (drums) sind seit ihrem OCTOPUS natürlich DIE sanft-riesige Besetzung. Hier auf FREE HAND fügen sie ihren „Haupt-Instrumenten“ Image-, Klang- und Stil definierende Instrumente wie Akustik- und 12-saitige Gitarre, Alt- und Blockflöte, Cabasa, Cello, Cembalo, Geige, Glockenspiel, Klavier, Marimba, Mellotron, Orgel, Pauken, Roto-Toms, Saxophon, Shaker, Timbales, Triangel, Trompete, Vibraphon, Woodblocks und Xylophon hinzu. Diese tauchten zwar bereits vorher (speziell auf AQUIRING THE TASTE und OCTOPUS) auf, werden hier aber (vielleicht zum letzten Mal) so fantasievoll/konsequent/musikalisch/sonor/virtuos wie vorher und nachher nicht wieder bearbeitet.
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DIE MUSIK/DIE SONGS (7 Sterne für 7 Songs)
und zwar nicht etwa jeweils ein Stern für jeweils einen Song, sondern ohne wenn und aber, absolut zweifelsfrei 7 Sterne für jeden einzelnen dieser 7 Songs:

Track 1/JUST THE SAME („just doing what I want to do“)
wird durch ein rhythmisch nicht sofort einzuordnendes Finger-Schnippen eröffnet. Erinnerungen an das scheppernde Glas vor THE RUNAWAY/IN A GLASS HOUSE oder den zuschnappenden Foto-Apparat von I AM A CAMERA/CIVILIAN, bei denen diese Geräusche das jeweilige Stück rhythmisch einführen, werden wach. Hier nun setzen irgendwann Kerry's Keyboard, dann Gary's Gitarre ein und zusammen leiten beide das Geschnippe in die (wie sollte es anders sein) 7/8el-Strophe, der Refrain dann im fast schunkelnden 3/4tel-Takt. Nach diversen nicht nachvollziehbaren Breaks und Stopps folgt ein 4/4tel-Instrumental-Part mit auskomponierter E-Gitarren-Melodie, direkt im Anschluss ein obskures Synthesizer-Solo, hinterlegt von einem dezenten Saxophon-Arrangement, diesmal wieder im 3/4tel bzw. 6/8el. Erneute Strophe und Refrain münden in ein instrumentales Fade-Out, während die snappenden Finger einfach stehen bleiben.

p.s.
Jordan RUDESS (auf DREAM THEATER-Fame) hat auf seiner Solo-CD THE ROAD BACK HOME neben anderen auch genau dieses Stück gecovert. Gecovert? Nun ja, ein faktisch nicht nachspielbares Stück einer praktisch nicht kopierbaren Band interpretiert von einem der vielleicht letzten „wirklichen“ Tasten-Drücker unserer Zeit grenzt allein an eine mittelschwere Sensation – ich meine, wer (wenn nicht Jordan) traut sich ÜBERHAUPT an GIANT? Hier nun gelingt es ihm, dem Original nicht nur erstaunlich nahe zu kommen, sondern ihm auch (auf typische RUDESS-Manier) eigene, interessante, neue Facetten/Nuancen/Teile im Stile GIANT's hinzu zu fügen, sozusagen ein sanft-traumatisches Riesen-Theater, ha!

Track 2/ON REFLECTION („remember the good things“)
Leute, was soll man zu solch einem Audio-Absurdium bloß schreiben, wie soll man einem Außenstehenden dieses musikalische Mysterium bloß erklären? Am Anfang hören wir Derek völlig allein eine fast fröhliche Melodie singen, die aber schon kurze Zeit später von Gary oder Ray (kann ich bis heute gesanglich nicht auseinander halten) aufgegriffen/ebenfalls (nur zeitversetzt) gesungen wird. Ja, der Prototyp des unerreichten GENTLE-GIANT-Kanon's, HIER ist er, HIER fängt die Legende an! Das Problem ist, dass Derek's Melodie aber noch gar nicht beendet ist, sie geht ja noch viel weiter, und wenn dann noch Kerry und Ray oder Gary dasselbe (ebenfalls zeitversetzt) machen, selbstverständlich in einem ungeraden 15/4tel-Konstrukt (3x4/4tel, 1x3/4tel), dann scheint das CHAOS perfekt. Da die Melodie aber 1. so außerordentlich eigenartig und 2. so außerordentlich lang ausgefallen ist, kann man bei vier gegeneinander singenden Einzel-Stimmen durchaus von einem Stimmen-Gewirrwarr sprechen. Und als wenn all das nicht schon verwirrwarrend genug wäre, kommen beim zweiten Gesangs-Durchgang auch noch doppelnde/korrespondierende Instrumente hinzu! Na klar, bis hierher war das Ganze ja SOOO was von einfach, voll langweilig, kann doch Jede/r, haha! Leute, sowas wie hier hat die Welt vorher nicht und nachher schon gar nicht wieder gehört, das ist einfach nicht mehr NORMAL! Am Ende (des ersten Teil's) wird der übrig gebliebene 3/8el-taktige Sprachfetzen „all around“ wiederholt und wiederholt und wiederholt UND ausgefaded! Zeitgleich wird der 3/4tel-taktige zweite Teil (ich nenne ihn mal den „remember-forget-our-way“-Part) eingefaded – das nannte sich damals „Crossfade“ (heute völlig abgesagt) und wurde speziell von GIANT des Öfteren strapaziert.

Ja, der zweite Part des offensichtlich von Kerry zu verantwortenden Stück's: E-Bass, (echte) Flöten, Cello, Geige, Glockenspiel und dann Kerry's extrem direkter/intimer/naher, schöner, sensibler, warmer, weicher Gesang, ostinat wiederholt, kurzzeitig unterbrochen von distanziertem Gesang („not your game, together just in name“), Cembalo und gestimmten Pauken, bis urplötzlich Gary's Klampfe EXAKT das spielt, was Derek anfänglich gesungen hat, danach Kerry on keys, Ray on bass und noch mal Kerry on second keys – ein instrumentaler Kanon! Die gesamte Band steigt ein, exekutiert den oben erwähnten 15/4tel in Schleife und fadet zusammen mit einer seltsam geflangten Snare in's Aus – also, meine lieben Herren Gesangs-Verein...

Dieses Stück sollte im Laufe der Zukunft unzählige verschiedene (Live-)Arrangements erfahren und zu einer Art Showcase für die sowohl gesanglichen als auch instrumentellen Fähigkeiten der Band als Einheit UND der einzelnen Musiker werden – eine Art Zirkus-Attraktion, also etwas, was die Leute anzieht, erregt, erstaunt, fasziniert, verwundert, gleichermaßen aber auch abstößt, befremdet, sprachlos macht, verängstigt, zweifeln lässt, weil es eben so dermaßen unbeschreiblich/unerhört/unsagbar gut ist. SPOCK'S BEARD waren die einzige mir bekannte Neo-Prog-Kapelle, die es geschafft hat, mit Songs wie z.B. THOUGHTS diesen ureigenen GIANT-Spirit halbwegs authentisch nicht nur auf die Bühne zu bringen, sondern auch in die Gegenwart hinüber zu retten, WOW!

Track 3/FREE HAND („never thougt it would ever come to me“)
Keyboard-Arpeggio, dazu E-Bass und E-Gitarren-Einwürfe, Tonart nicht definierbar, bis dann abrupt das HOHNER Clavinet D6 übernimmt und los geht's: 4/4tel-Rhythmus, fast hardrockig und Derek on Lead Vocals („who would believe me now that my hands are free, that my hands are free?“). Zwischendurch immer wieder die anfänglichen Keyboard-Arpeggios, Band-Interruptionen und die Phrase „hands are free“, teilweise so häufig wiederholt, dass es schon nervt – naja, zum ersten Mal im (Band-)Leben freie Hand, diesen paradiesischen Zustand kann selbst GIANT natürlich nicht häufig genug wiederholen. Der ganz offensichtlich von Kerry beigesteuerte Mittelteil kommt mit seinem walzerartigen 3/4-Takt, dem gephasten SOLINA String-Ensemble, und dem HOHNER Clavinet wie aus einer anderen, weit entfernten Welt, klingt wie ein Traum (traumatisch?). Live wurde diese Version des Stück's tatsächlich mal gespielt (LIVE AT THE BICENTENNIAL 1976), bevor der gesamte Mittelteil dann zugunsten eines grünen Gitarren-Solos rausflog (PLAYING THE FOOL). Der Anfangs-Rock wird erneut angelegt, Derek bölkt erneut („or did you really think it was over yet, it was over yet?“) und nach diversen (noch nervenderen) Arpeggio- und „hands are free“-Wiederholungen ist abrupt Schluss (auch mit der damals ersten LP-Seite).

Track 4/TIME TO KILL („where did he come from, what did he do?“)
Das erste Stück der zweiten Seite der siebenten GIANT-LP: Ja, auch dieses startet mit einem Geräusch, allerdings weder klanglich noch rhythmisch erkennbar (was brummt, klötert, knackt denn da, was hören wir bloß?). Die Band wirft abgehackte Instrumental-Fragmente ein, von denen man anfänglich selbst beim besten Willen weder wissen kann, was sie bedeuten sollen noch ahnen kann, wohin sie führen werden! GIANT wären aber nicht GIANT, wenn sie es nicht auch hier schaffen würden, dieses allgemeine Chaos in einen hörbaren 9/4tel-Rhythmus zu verwandeln, über den Derek (wie so häufig) seine seltsamen Melodie- und Textbögen spinnt. Nach dem zweiten Refrain bleibt die Band einfach stecken, stolpert kurzzeitig vor sich hin, nur um von Kerry gerettet zu werden, der zusammen mit Ray's Bass unisono singt. Aber nicht lange, denn das anfängliche zerhackte Gestolpere ertönt erneut und führt zur dritten Strophe und (TATA!) einer tonalen Erhöhung um einen ganzen Ton! Nach der vierten Strophe fadet ein warmer/weicher „Ah-Ah-Huhuhu“-Chor (der mich an das Stück THREE FRIENDS erinnert) hinaus aus diesem, direkt in das nächste Stück:

Track 5/HIS LAST VOYAGE („rose in early morning as the light came through“)
Ein E-Bass-, E-Gitarren- und Vibraphon-Intro, das mal wieder als Pseudo-Kanon aufgebaut ist, erinnert ein wenig an SCHOOLDAYS, wird aber abrupt von akustischer Gitarre und Kerry's hochfrequentem, weit distanziertem Gesang abgelöst, dazu (in ca. 10 Kilometern Entfernung) ein gelegentliches Cembalo oder doch das berüchtigte D6? Die Refrains dann mit ganzem Schlagzeug und mittelalterlichem Harmonie-Gesang. Im darauffolgenden Mittelteil lässt Gary seine LES PAUL quaken und quietschen, während John on drums, Kerry on piano und Ray on bass für einen (für GIANT-Verhältnisse) relativ relaxten Hinter-/Untergrund sorgen. Gegen Ende des Solo's kurze Hektik, nur um in einen Part überzugehen, der mir bis heute meinen Kopf zerbricht: WEATHERS stampft einfach stumpf seinen Mittelteil-Groove weiter, während alle anderen (außer Derek, der während des gesamten Stück's P-Pause zu haben scheint) gnadenlos das Intro-Thema drüber spielen. Alles easy, kein Problem – ja, denkste! Die Crux ist nämlich, dass hier weder Geschwindigkeiten noch Taktarten beider Teile auch nur ansatzweise zusammen passen, sodass der Eindruck von zwei verschiedenen, zeitgleich gegeneinander spielenden Bands quasi zwangsweise entsteht. Mann-O-Mann, das strengt schon reichlich an hier! Egal, zum Schluss haben sich alle wieder lieb und schließen nach zwei weiteren Strophen wie sie anfänglich begonnen haben – nur langsamer, mit längeren Pausen und einem endlosen Sustain von Ray's Bass (thanks by the way to Leo FENDER for his amazing PRECISION BASS), dafür aber OHNE Vibraphon...

Track 6/TALYBONT
Hey, nicht nur einer der ganz wenigen reinen Instrumentals, sondern auch einer der kürzesten, mittelalterlich anmutenden Songs der Band, obwohl (siehe auch*): Blockflöten, Hohner Clavinet D6 (mit rhythmisch abgestimmtem Delay), flötender Solo-MOOG, alle zusammen als Kanon angeordnet/arrangiert/ausgeführt, dazu E-Bass, ein „richtiges“ Cembalo(?) in den Refrains und Percussion (Tambourine und Trommeln) – KEINE A- oder E-Gitarre, KEINE Orgel, KEIN Sax, KEINE (echten oder falschen) Strings. Ganz eindeutig ein MINNEAR-Stück, *auf dem er höchstwahrscheinlich sämtliche Instrumente (außer Bass) selbst spielt.

Track 7/MOBILE („finish stronger than you first began“)
Tja, das letzte Stück der ersten CHRYSALIS-LP: Bass- und Geigen-Intro deuten auf eine Ray SHULMAN-Komposition hin, zumindest anfänglich. Die ganze Band platzt herein und ein ziemlich schwerer WEATHERS arbeitet sich durch ein rhythmisch verqueres Stück Musik. Jeder scheint gegen Jeden zu spielen, ein Wunder, dass keiner die Orientierung verliert. Und dann die Vocals, immer wieder diese sensationell seltsamen Vocals: Was sind das hier bloß für unorthodoxe Betonungen/Melodiebögen/Tonfolgen, wie kommt (Schul-)MAN bloß auf sowas - ein einziges und ewiges Rätsel. Im Mittelteil (nennen wir ihn mal so) kann man erst Telefon-Vocals, dann eine verwahwahte E-Geige über seltsam verfremdeten Drums vernehmen. Gegen Ende kommt die Band (ohne Derek) noch mal so richtig in Wallung, E-Geige und E-Gitarre fragen und antworten und dann – schier endloser AUSKLANG. Genau in dem Moment, da man schon aufstehen will, um entweder die Platte umzudrehen oder den Play-Button erneut zu drücken, haut John nochmal so richtig in Bass-Drum und Stand-Tom, dass nicht nur die Speaker wackeln!
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DIE ARRANGEMENTS/DIE EXPERIMENTE/DIE INNOVATIONEN (7 Sterne)
die sich durch absolut absurde, geradezu halsbrecherische Exekution oben aufgelisteter Instrumente, schier end-, grenzen- und tabulose Ideen-, Produktions- und Sound-Vielfalt auszeichnen, scheinen hier ihren Zenit erreicht zu haben. Schon auf dem Nachfolger INTERVIEW von 76 wurde das benutzte Instrumentarium rigoros reduziert, die Produktion (für GIANT-Verhältnisse!) vereinfacht. Ich behaupte mal, dass keine andere Band des Planeten zu keinem anderen Zeitpunkt der (Musik-)Geschichte in keiner anderen Welt des Universum's ein solches Album hätte aufnehmen können. GENTLE GIANT's FREE HAND ist ohne aber, wenn und Zweifel ONE-OF-A-KIND!

Waren GIANT bis einschließlich OCTOPUS bei VERTIGO und auf IN A GLASS HOUSE und POWER AND THE GLORY bei WWA (World Wide Artists) unter Vertrag, so symbolisiert FREE HAND auf CHRYSALIS ihr Break-Away-Album. Mit neuem Vertrag in der Tasche profitierte die Band nun endlich von finanziellem, organisatorischem, technischem Support, von dem sie vorher nur träumen konnte. Sie (die Band) hatte plötzlich mehr oder weniger „freie Hand“ (deswegen ja auch der Album-Titel). Wenn man bedenkt, dass die Band mit „ähnlichen“ Acts wie TULL auf Tour war und wenn man ferner bedenkt, dass nur aufgrund dieser gemeinsamen Erlebnisse ein gewisser Ian ANDERSON auf die glorreiche Idee kam, GIANT „seinem“ Label vorzuschlagen, erscheint FREE HAND (besonders im Nachhinein) umso einschneidender/entscheidender/essentieller.
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DIE PRODUKTION/DER SOUND (3,5 Sterne)
Ich habe hier noch die 75er-Original-LP, eine remasterte CD-Version vom Anfang des neuen Jahrtausend's, dann natürlich den 2012-Remix und die weiter unten aufgeführte Obskurität liegen/stehen. Um's kurz zu machen: Keine der Ausgaben wird jemals eine Meisterschaft der Audiophilie oder einen Preis als Referenz-Produktion gewinnen, keine der verschiedenen Versionen wird der extrem anspruchsvollen Musik letztlich gerecht, Punkt! Ein wirklich rabiater Remix (zur Abwechslung bitte mal NICHT vom Prog-Remixer No.1, Mr. Steven WILSON) müsste her, am besten gleich mehrere verschiedene. Auch würden (wahrscheinlich nicht nur) mich Alternative-/sonstige Out-Takes oder Work-In-Progress-Mixes interessieren! Einen Vorgeschmack davon bekommt man ja bereits auf der 4-CD-Box „SCRAPING THE BARREL“, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass die definitive, endgültige, highest-possible-quality-version nach wie vor auf sich warten lässt.
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DER UMSCHLAG (3,5 Sterne)
der damaligen LP war genauso wie die Cover-Gestaltung der mir bekannten CD-Ausgaben nichts Großartiges. Ein nicht klappbares Cover mit dem oben beschriebenen Hand-Motiv auf der Vorder-, das dasselbe Motiv (diesmal ohne Hände) auf der Rückseite und dazu ein Textblatt innen – keine Fotos, keine Interviews, keine Track-By-Track-Informationen der sanften Riesen, sehr schade. Ach, ich finde einfach nur ärgerlich/bedauerlich/unverständlich, dass es von musikhistorischen Meilensteinen wie FREE HAND nicht ähnlich aufgemotzte Ausgaben wie z.B. von BEATLES-, FLOYD- oder STONES-Zeug gibt (die diese Aufmotzung nicht immer und schon gar nicht zwangsweise verdienen).
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FRAGE
Ich habe irgendwann in den 90ern bei WOM eine recht seltsame FREE HAND-Version kaufen können, deren Ursprung mir bis heute Rätsel aufgibt: Manche Songs sind darauf definitiv identisch mit der Original-LP, andere scheinen anders gemixt, irgendwie noch nicht „fertig“ zu sein. So fehlen z.B. E-Gitarren-Parts, teilweise sind Mono-Edits hier noch in Stereo und insgesamt ist der Sound deutlich klarer. Das sogenannte Booklet (ohne Fotos, Texte oder weiterführende Infos, quasi ohne alles) gibt auf all diese Fragen keine Antworten und ist dementsprechend nicht weiter erwähnenswert. Hat irgendjemand von Euch da draußen irgendeine Ahnung, worum es sich hier handeln könnte?
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GENTLE GIANT
welch eine außergewöhnliche, einzigartige, intelligente, kompromisslose, talentierte, unangepasste, verschrobene Band, welch eine arbeits- und ereignisreiche, mühsame, tragische Karriere! FREE HAND als ihr vielleicht energischtes Album spricht mit Textzeilen wie z.B. „read no thoughts I didn't think myself“ (JUST THE SAME) oder „on reflection now it doesn't matter“ (ON REFLECTION) oder „now that my life's my own I leave you behind leaving you behind“ (FREE HAND) oder „he needs no friend“ (TIME TO KILL) oder „wind cut like a knife“ (HIS LAST VOYAGE) oder „finish stronger than you first began“ (MOBILE) eine ungewöhnlich aggressive, direkte, entschlossene Sprache – GIANT auf neuen Wegen, gegen den Strich, im Umbruch.
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HAAX/Kiel
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EPILOG
Viel ist analysiert/diskutiert/theoretisiert, angenommen/gemutmaßt/spekuliert, gedacht/geschrieben/gesponnen worden über die britische Progressive-Legende GENTLE GIANT im Allgemeinen und deren insgesamt siebentes Album (erstes für CHRYSALIS) FREE HAND im Besonderen. Zusammen mit anderen Größen wie (in alphabetischer Reihenfolge und auf gar keinen Fall vollständig) ELP, FOCUS, GENESIS, GREENSLADE, JETHRO TULL, KING CRIMSON, LED ZEPPELIN, MANFRED MANN'S EARTHBAND, PINK FLOYD, RENAISSANCE, RUSH, UK, YES und FRANK ZAPPA erschufen sie eine Musik-Richtung, die damals als ART-, heute gerne als Progressive-, kurz PROG-ROCK bezeichnet wurde/wird. Im Gegensatz zu allen genannten (und so einigen nicht genannten) Gruppen schafften GIANT den Sprung in die ewige Hall-Of-Fame, die musikalische Ober-Liga finanziell seltsamerweise nie, künstlerisch dafür sehr wohl. Keine andere 70er-Jahre-Band hat einen solch elaborierten, individuellen, unverwechselbaren Sound zustande gebracht.

Ich möchte den künstlerischen Output der sanften Riesen in drei grundsätzliche Abschnitte unterteilen: Da hätten wir zum einen die ersten 3 LPs: Diese reichen vom recht durchwachsenen, relativ rockigen, unentschlossenen/nicht aber unsicheren Debut GENTLE GIANT (70) über das atemberaubend abenteuerliche AQUIRING THE TASTE (71) bis hin zum Quasi-Konzept-Album THREE FRIENDS (72). Gemein war all diesen Scheiben außer der (Noch-)Mitgliedschaft von Onkel Phil SHULMAN am Blech und Gesang auch die ständig wechselnde Drummer-Position. Auf OCTOPUS (73), GLASS HOUSE (74), POWER AND THE GLORY (ebenfalls 74), FREE HAND (75) und INTERVIEW (76) glänzte dann die allseits bekannte/beliebte/beneidete/bewunderte/bezweifelte 5-Mann-Kombination bestehend aus GREEN/MINNEAR/SHULMAN/SHULMAN/WEATHERS. Diese Scheiben sprengten ein um's andere Mal instrumentale, kompositorische, spielerische Grenzen. Nach der einzigen offiziellen Live Doppel-LP PLAYING THE FOOL (76) kam dann das 3-LP-Abschluss-Paket in Form von THE MISSING PIECE (77), GIANT FOR A DAY (78) und schließlich CIVILIAN (80), auf denen die Band (aus welchen Gründen auch immer/anderes Thema) versuchte, andere/ihnen grundsätzlich nicht ähnlich sehende/hörende, moderne/neue Wege zu beschreiten - mit allseits bekanntem Misserfolg. Wie formulierte Derek einst in irgendeinem Interview auf die Frage, wie die Band denn ihren Status im Rock'n Roll-Zirkus einschätze, so tödlich treffend typisch: „we're not LOW profile, we're NO profile!“. Das lag aber weniger an GIANT's halbherziger Mimikri, sondern hauptsächlich am brutal veränderten Musik-Markt Ende der Siebziger (ich sage nur PUNK).

Nach dem beschlossenen, klang- und sanglosen, unausweichlichen Split mutierte Derek zum Label-Boss (ATCO, die auch das sensationelle YES-Comeback-Album 90125 rausgebracht haben), Gary und Kerry spielten zusammen mit Ex-Drummer-Kollege Malcolm MORTIMORE und einigen Jazz-Musikern eine Zeit lang in einer Band, die sie sinnigerweise THREE FRIENDS tauften (hab ich leider nie gehört oder gesehen), John ging zeitweise zurück zu seiner Uralt-Kapelle MAN, bevor seine Gelenke dann einer Arthrose zum Opfer fielen und Ray produzierte so einige Wave-Bands, u.a. die SUGARCUBES. Sein Sohn macht jetzt übrigens auch recht erfolgreich Musik, die mit GIANT allerdings faktisch nichts zu tun hat, Kerry schreibt ab und zu Kirchen-Choräle...
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TOP 1000 REZENSENTam 5. März 2016
PROLOG
Wir schreiben das Jahr 1975: Auf der Suche nach neuen musikalischen Herausforderungen ging ich (wie mehrmals die Woche) zum einzig relevanten Neumünsteraner Plattenladen MEMBRAN, um mein begrenztes Taschengeld in (damals ausschließlich) schwarzes Vinyl umzutauschen. DEEP PURPLE, ELP, FOCUS, GENESIS, JETHRO TULL, KING CRIMSON, LED ZEPPELIN, MANFRED MANN'S EARTHBAND, PINK FLOYD, RENAISSANCE u.a. kannte/mochte ich bereits und allein aus dieser Tatsache könnte man jetzt im Nachhinein vielleicht meine zukünftige Prog-Rock-Vorliebe ableiten. Wie dem auch sei, Gründe für das Heraus-Picken, das anschließende Probe-Hören und letztlich den Kauf von GENTLE GIANT's FREE HAND war nicht mehr und nicht weniger als das Cover, diese eine (freie) Hand, die nach zwei anderen (gefesselten) Händen auf einem Foto greift und dann natürlich der geradezu lächerliche Preis von sage und schreibe 5,99 DM (für eine eingeschweißte, gerade erst erschienene, NEUE LP!). Das Probe-Hören am sogenannten „Vorspiel-Service“ (was für'n Wort!) gestaltete sich nicht ohne Probleme und alles andere als „easy-going“: erster (jungfräulicher) Eindruck: „hm, SELTSAMER Gesang“, zweiter (vorläufiger) Eindruck: „wirklich SELTSAMER Gesang“, dritter (entscheidender) Eindruck: „also, trotz des SELTSAMEN Gesang's kauf ich das Teil!“

So, das ist nun geschlagene 41 Jahre her und als Grund für diese dermaßen verspätete Rezension von GENTLE GIANT's FREE HAND kann ich beispielsweise einen temporärer Retro-Flash meinerseits anführen, also eine Art Wieder-Entdeckung alter Klänge/Platten/Werte. Nun liegt sie hier bzw. rotiert IM Player oder AUF dem Teller und versetzt mich zurück in alte, andere, weit entfernte Welten/Zeiten/Zustände. Hach ja, meine allererste GENTLE GIANT - ohne jegliche Empfehlung von Bekannten/Freunden/Schulkameraden (bzw. deren größeren Brüdern) und ohne jeglichen Radio-Input hatte ich weder von der Band noch von deren bereits veröffentlichten Scheiben gehört, ich war sozusagen 100%ig ahnungslos...
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DIE MUSIKER/DIE PERFORMANCES (7 Sterne)
Gary GREEN (guitars, backing vocals), Kerry MINNEAR (keyboards, lead- and backing vocals), Derek SHULMAN (lead and backing vocals), Ray SHULMAN (bass, backing vocals) und John WEATHERS (drums) sind seit ihrem OCTOPUS natürlich DIE sanft-riesige Besetzung. Hier auf FREE HAND fügen sie ihren „Haupt-Instrumenten“ Image-, Klang- und Stil definierende Instrumente wie Akustik- und 12-saitige Gitarre, Alt- und Blockflöte, Cabasa, Cello, Cembalo, Geige, Glockenspiel, Klavier, Marimba, Mellotron, Orgel, Pauken, Roto-Toms, Saxophon, Shaker, Timbales, Triangel, Trompete, Vibraphon, Woodblocks und Xylophon hinzu. Diese tauchten zwar bereits vorher (speziell auf AQUIRING THE TASTE und OCTOPUS) auf, werden hier aber (vielleicht zum letzten Mal) so fantasievoll/konsequent/musikalisch/sonor/virtuos wie vorher und nachher nicht wieder bearbeitet.
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DIE MUSIK/DIE SONGS (7 Sterne für 7 Songs)
und zwar nicht etwa jeweils ein Stern für jeweils einen Song, sondern ohne wenn und aber, absolut zweifelsfrei 7 Sterne für jeden einzelnen dieser 7 Songs:

Track 1/JUST THE SAME („just doing what I want to do“)
wird durch ein rhythmisch nicht sofort einzuordnendes Finger-Schnippen eröffnet. Erinnerungen an das scheppernde Glas vor THE RUNAWAY/IN A GLASS HOUSE oder den zuschnappenden Foto-Apparat von I AM A CAMERA/CIVILIAN, bei denen diese Geräusche das jeweilige Stück rhythmisch einführen, werden wach. Hier nun setzen irgendwann Kerry's Keyboard, dann Gary's Gitarre ein und zusammen leiten beide das Geschnippe in die (wie sollte es anders sein) 7/8el-Strophe, der Refrain dann im fast schunkelnden 3/4tel-Takt. Nach diversen nicht nachvollziehbaren Breaks und Stopps folgt ein 4/4tel-Instrumental-Part mit auskomponierter E-Gitarren-Melodie, direkt im Anschluss ein obskures Synthesizer-Solo, hinterlegt von einem dezenten Saxophon-Arrangement, diesmal wieder im 3/4tel bzw. 6/8el. Erneute Strophe und Refrain münden in ein instrumentales Fade-Out, während die snappenden Finger einfach stehen bleiben.

p.s.
Jordan RUDESS (auf DREAM THEATER-Fame) hat auf seiner Solo-CD THE ROAD BACK HOME neben anderen auch genau dieses Stück gecovert. Gecovert? Nun ja, ein faktisch nicht nachspielbares Stück einer praktisch nicht kopierbaren Band interpretiert von einem der vielleicht letzten „wirklichen“ Tasten-Drücker unserer Zeit grenzt allein an eine mittelschwere Sensation – ich meine, wer (wenn nicht Jordan) traut sich ÜBERHAUPT an GIANT? Hier nun gelingt es ihm, dem Original nicht nur erstaunlich nahe zu kommen, sondern ihm auch (auf typische RUDESS-Manier) eigene, interessante, neue Facetten/Nuancen/Teile im Stile GIANT's hinzu zu fügen, sozusagen ein sanft-traumatisches Riesen-Theater, ha!

Track 2/ON REFLECTION („remember the good things“)
Leute, was soll man zu solch einem Audio-Absurdium bloß schreiben, wie soll man einem Außenstehenden dieses musikalische Mysterium bloß erklären? Am Anfang hören wir Derek völlig allein eine fast fröhliche Melodie singen, die aber schon kurze Zeit später von Gary oder Ray (kann ich bis heute gesanglich nicht auseinander halten) aufgegriffen/ebenfalls (nur zeitversetzt) gesungen wird. Ja, der Prototyp des unerreichten GENTLE-GIANT-Kanon's, HIER ist er, HIER fängt die Legende an! Das Problem ist, dass Derek's Melodie aber noch gar nicht beendet ist, sie geht ja noch viel weiter, und wenn dann noch Kerry und Ray oder Gary dasselbe (ebenfalls zeitversetzt) machen, selbstverständlich in einem ungeraden 15/4tel-Konstrukt (3x4/4tel, 1x3/4tel), dann scheint das CHAOS perfekt. Da die Melodie aber 1. so außerordentlich eigenartig und 2. so außerordentlich lang ausgefallen ist, kann man bei vier gegeneinander singenden Einzel-Stimmen durchaus von einem Stimmen-Gewirrwarr sprechen. Und als wenn all das nicht schon verwirrwarrend genug wäre, kommen beim zweiten Gesangs-Durchgang auch noch doppelnde/korrespondierende Instrumente hinzu! Na klar, bis hierher war das Ganze ja SOOO was von einfach, voll langweilig, kann doch Jede/r, haha! Leute, sowas wie hier hat die Welt vorher nicht und nachher schon gar nicht wieder gehört, das ist einfach nicht mehr NORMAL! Am Ende (des ersten Teil's) wird der übrig gebliebene 3/8el-taktige Sprachfetzen „all around“ wiederholt und wiederholt und wiederholt UND ausgefaded! Zeitgleich wird der 3/4tel-taktige zweite Teil (ich nenne ihn mal den „remember-forget-our-way“-Part) eingefaded – das nannte sich damals „Crossfade“ (heute völlig abgesagt) und wurde speziell von GIANT des Öfteren strapaziert.

Ja, der zweite Part des offensichtlich von Kerry zu verantwortenden Stück's: E-Bass, (echte) Flöten, Cello, Geige, Glockenspiel und dann Kerry's extrem direkter/intimer/naher, schöner, sensibler, warmer, weicher Gesang, ostinat wiederholt, kurzzeitig unterbrochen von distanziertem Gesang („not your game, together just in name“), Cembalo und gestimmten Pauken, bis urplötzlich Gary's Klampfe EXAKT das spielt, was Derek anfänglich gesungen hat, danach Kerry on keys, Ray on bass und noch mal Kerry on second keys – ein instrumentaler Kanon! Die gesamte Band steigt ein, exekutiert den oben erwähnten 15/4tel in Schleife und fadet zusammen mit einer seltsam geflangten Snare in's Aus – also, meine lieben Herren Gesangs-Verein...

Dieses Stück sollte im Laufe der Zukunft unzählige verschiedene (Live-)Arrangements erfahren und zu einer Art Showcase für die sowohl gesanglichen als auch instrumentellen Fähigkeiten der Band als Einheit UND der einzelnen Musiker werden – eine Art Zirkus-Attraktion, also etwas, was die Leute anzieht, erregt, erstaunt, fasziniert, verwundert, gleichermaßen aber auch abstößt, befremdet, sprachlos macht, verängstigt, zweifeln lässt, weil es eben so dermaßen unbeschreiblich/unerhört/unsagbar gut ist. SPOCK'S BEARD waren die einzige mir bekannte Neo-Prog-Kapelle, die es geschafft hat, mit Songs wie z.B. THOUGHTS diesen ureigenen GIANT-Spirit halbwegs authentisch nicht nur auf die Bühne zu bringen, sondern auch in die Gegenwart hinüber zu retten, WOW!

Track 3/FREE HAND („never thougt it would ever come to me“)
Keyboard-Arpeggio, dazu E-Bass und E-Gitarren-Einwürfe, Tonart nicht definierbar, bis dann abrupt das HOHNER Clavinet D6 übernimmt und los geht's: 4/4tel-Rhythmus, fast hardrockig und Derek on Lead Vocals („who would believe me now that my hands are free, that my hands are free?“). Zwischendurch immer wieder die anfänglichen Keyboard-Arpeggios, Band-Interruptionen und die Phrase „hands are free“, teilweise so häufig wiederholt, dass es schon nervt – naja, zum ersten Mal im (Band-)Leben freie Hand, diesen paradiesischen Zustand kann selbst GIANT natürlich nicht häufig genug wiederholen. Der ganz offensichtlich von Kerry beigesteuerte Mittelteil kommt mit seinem walzerartigen 3/4-Takt, dem gephasten SOLINA String-Ensemble, und dem HOHNER Clavinet wie aus einer anderen, weit entfernten Welt, klingt wie ein Traum (traumatisch?). Live wurde diese Version des Stück's tatsächlich mal gespielt (LIVE AT THE BICENTENNIAL 1976), bevor der gesamte Mittelteil dann zugunsten eines grünen Gitarren-Solos rausflog (PLAYING THE FOOL). Der Anfangs-Rock wird erneut angelegt, Derek bölkt erneut („or did you really think it was over yet, it was over yet?“) und nach diversen (noch nervenderen) Arpeggio- und „hands are free“-Wiederholungen ist abrupt Schluss (auch mit der damals ersten LP-Seite).

Track 4/TIME TO KILL („where did he come from, what did he do?“)
Das erste Stück der zweiten Seite der siebenten GIANT-LP: Ja, auch dieses startet mit einem Geräusch, allerdings weder klanglich noch rhythmisch erkennbar (was brummt, klötert, knackt denn da, was hören wir bloß?). Die Band wirft abgehackte Instrumental-Fragmente ein, von denen man anfänglich selbst beim besten Willen weder wissen kann, was sie bedeuten sollen noch ahnen kann, wohin sie führen werden! GIANT wären aber nicht GIANT, wenn sie es nicht auch hier schaffen würden, dieses allgemeine Chaos in einen hörbaren 9/4tel-Rhythmus zu verwandeln, über den Derek (wie so häufig) seine seltsamen Melodie- und Textbögen spinnt. Nach dem zweiten Refrain bleibt die Band einfach stecken, stolpert kurzzeitig vor sich hin, nur um von Kerry gerettet zu werden, der zusammen mit Ray's Bass unisono singt. Aber nicht lange, denn das anfängliche zerhackte Gestolpere ertönt erneut und führt zur dritten Strophe und (TATA!) einer tonalen Erhöhung um einen ganzen Ton! Nach der vierten Strophe fadet ein warmer/weicher „Ah-Ah-Huhuhu“-Chor (der mich an das Stück THREE FRIENDS erinnert) hinaus aus diesem, direkt in das nächste Stück:

Track 5/HIS LAST VOYAGE („rose in early morning as the light came through“)
Ein E-Bass-, E-Gitarren- und Vibraphon-Intro, das mal wieder als Pseudo-Kanon aufgebaut ist, erinnert ein wenig an SCHOOLDAYS, wird aber abrupt von akustischer Gitarre und Kerry's hochfrequentem, weit distanziertem Gesang abgelöst, dazu (in ca. 10 Kilometern Entfernung) ein gelegentliches Cembalo oder doch das berüchtigte D6? Die Refrains dann mit ganzem Schlagzeug und mittelalterlichem Harmonie-Gesang. Im darauffolgenden Mittelteil lässt Gary seine LES PAUL quaken und quietschen, während John on drums, Kerry on piano und Ray on bass für einen (für GIANT-Verhältnisse) relativ relaxten Hinter-/Untergrund sorgen. Gegen Ende des Solo's kurze Hektik, nur um in einen Part überzugehen, der mir bis heute meinen Kopf zerbricht: WEATHERS stampft einfach stumpf seinen Mittelteil-Groove weiter, während alle anderen (außer Derek, der während des gesamten Stück's P-Pause zu haben scheint) gnadenlos das Intro-Thema drüber spielen. Alles easy, kein Problem – ja, denkste! Die Crux ist nämlich, dass hier weder Geschwindigkeiten noch Taktarten beider Teile auch nur ansatzweise zusammen passen, sodass der Eindruck von zwei verschiedenen, zeitgleich gegeneinander spielenden Bands quasi zwangsweise entsteht. Mann-O-Mann, das strengt schon reichlich an hier! Egal, zum Schluss haben sich alle wieder lieb und schließen nach zwei weiteren Strophen wie sie anfänglich begonnen haben – nur langsamer, mit längeren Pausen und einem endlosen Sustain von Ray's Bass (thanks by the way to Leo FENDER for his amazing PRECISION BASS), dafür aber OHNE Vibraphon...

Track 6/TALYBONT
Hey, nicht nur einer der ganz wenigen reinen Instrumentals, sondern auch einer der kürzesten, mittelalterlich anmutenden Songs der Band, obwohl (siehe auch*): Blockflöten, Hohner Clavinet D6 (mit rhythmisch abgestimmtem Delay), flötender Solo-MOOG, alle zusammen als Kanon angeordnet/arrangiert/ausgeführt, dazu E-Bass, ein „richtiges“ Cembalo(?) in den Refrains und Percussion (Tambourine und Trommeln) – KEINE A- oder E-Gitarre, KEINE Orgel, KEIN Sax, KEINE (echten oder falschen) Strings. Ganz eindeutig ein MINNEAR-Stück, *auf dem er höchstwahrscheinlich sämtliche Instrumente (außer Bass) selbst spielt.

Track 7/MOBILE („finish stronger than you first began“)
Tja, das letzte Stück der ersten CHRYSALIS-LP: Bass- und Geigen-Intro deuten auf eine Ray SHULMAN-Komposition hin, zumindest anfänglich. Die ganze Band platzt herein und ein ziemlich schwerer WEATHERS arbeitet sich durch ein rhythmisch verqueres Stück Musik. Jeder scheint gegen Jeden zu spielen, ein Wunder, dass keiner die Orientierung verliert. Und dann die Vocals, immer wieder diese sensationell seltsamen Vocals: Was sind das hier bloß für unorthodoxe Betonungen/Melodiebögen/Tonfolgen, wie kommt (Schul-)MAN bloß auf sowas - ein einziges und ewiges Rätsel. Im Mittelteil (nennen wir ihn mal so) kann man erst Telefon-Vocals, dann eine verwahwahte E-Geige über seltsam verfremdeten Drums vernehmen. Gegen Ende kommt die Band (ohne Derek) noch mal so richtig in Wallung, E-Geige und E-Gitarre fragen und antworten und dann – schier endloser AUSKLANG. Genau in dem Moment, da man schon aufstehen will, um entweder die Platte umzudrehen oder den Play-Button erneut zu drücken, haut John nochmal so richtig in Bass-Drum und Stand-Tom, dass nicht nur die Speaker wackeln!
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DIE ARRANGEMENTS/DIE EXPERIMENTE/DIE INNOVATIONEN (7 Sterne)
die sich durch absolut absurde, geradezu halsbrecherische Exekution oben aufgelisteter Instrumente, schier end-, grenzen- und tabulose Ideen-, Produktions- und Sound-Vielfalt auszeichnen, scheinen hier ihren Zenit erreicht zu haben. Schon auf dem Nachfolger INTERVIEW von 76 wurde das benutzte Instrumentarium rigoros reduziert, die Produktion (für GIANT-Verhältnisse!) vereinfacht. Ich behaupte mal, dass keine andere Band des Planeten zu keinem anderen Zeitpunkt der (Musik-)Geschichte in keiner anderen Welt des Universum's ein solches Album hätte aufnehmen können. GENTLE GIANT's FREE HAND ist ohne aber, wenn und Zweifel ONE-OF-A-KIND!

Waren GIANT bis einschließlich OCTOPUS bei VERTIGO und auf IN A GLASS HOUSE und POWER AND THE GLORY bei WWA (World Wide Artists) unter Vertrag, so symbolisiert FREE HAND auf CHRYSALIS ihr Break-Away-Album. Mit neuem Vertrag in der Tasche profitierte die Band nun endlich von finanziellem, organisatorischem, technischem Support, von dem sie vorher nur träumen konnte. Sie (die Band) hatte plötzlich mehr oder weniger „freie Hand“ (deswegen ja auch der Album-Titel). Wenn man bedenkt, dass die Band mit „ähnlichen“ Acts wie TULL auf Tour war und wenn man ferner bedenkt, dass nur aufgrund dieser gemeinsamen Erlebnisse ein gewisser Ian ANDERSON auf die glorreiche Idee kam, GIANT „seinem“ Label vorzuschlagen, erscheint FREE HAND (besonders im Nachhinein) umso einschneidender/entscheidender/essentieller.
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DIE PRODUKTION/DER SOUND (3,5 Sterne)
Ich habe hier noch die 75er-Original-LP, eine remasterte CD-Version vom Anfang des neuen Jahrtausend's, dann natürlich den 2012-Remix und die weiter unten aufgeführte Obskurität liegen/stehen. Um's kurz zu machen: Keine der Ausgaben wird jemals eine Meisterschaft der Audiophilie oder einen Preis als Referenz-Produktion gewinnen, keine der verschiedenen Versionen wird der extrem anspruchsvollen Musik letztlich gerecht, Punkt! Ein wirklich rabiater Remix (zur Abwechslung bitte mal NICHT vom Prog-Remixer No.1, Mr. Steven WILSON) müsste her, am besten gleich mehrere verschiedene. Auch würden (wahrscheinlich nicht nur) mich Alternative-/sonstige Out-Takes oder Work-In-Progress-Mixes interessieren! Einen Vorgeschmack davon bekommt man ja bereits auf der 4-CD-Box „SCRAPING THE BARREL“, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass die definitive, endgültige, highest-possible-quality-version nach wie vor auf sich warten lässt.
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DER UMSCHLAG (3,5 Sterne)
der damaligen LP war genauso wie die Cover-Gestaltung der mir bekannten CD-Ausgaben nichts Großartiges. Ein nicht klappbares Cover mit dem oben beschriebenen Hand-Motiv auf der Vorder-, das dasselbe Motiv (diesmal ohne Hände) auf der Rückseite und dazu ein Textblatt innen – keine Fotos, keine Interviews, keine Track-By-Track-Informationen der sanften Riesen, sehr schade. Ach, ich finde einfach nur ärgerlich/bedauerlich/unverständlich, dass es von musikhistorischen Meilensteinen wie FREE HAND nicht ähnlich aufgemotzte Ausgaben wie z.B. von BEATLES-, FLOYD- oder STONES-Zeug gibt (die diese Aufmotzung nicht immer und schon gar nicht zwangsweise verdienen).
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FRAGE
Ich habe irgendwann in den 90ern bei WOM eine recht seltsame FREE HAND-Version kaufen können, deren Ursprung mir bis heute Rätsel aufgibt: Manche Songs sind darauf definitiv identisch mit der Original-LP, andere scheinen anders gemixt, irgendwie noch nicht „fertig“ zu sein. So fehlen z.B. E-Gitarren-Parts, teilweise sind Mono-Edits hier noch in Stereo und insgesamt ist der Sound deutlich klarer. Das sogenannte Booklet (ohne Fotos, Texte oder weiterführende Infos, quasi ohne alles) gibt auf all diese Fragen keine Antworten und ist dementsprechend nicht weiter erwähnenswert. Hat irgendjemand von Euch da draußen irgendeine Ahnung, worum es sich hier handeln könnte?
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GENTLE GIANT
welch eine außergewöhnliche, einzigartige, intelligente, kompromisslose, talentierte, unangepasste, verschrobene Band, welch eine arbeits- und ereignisreiche, mühsame, tragische Karriere! FREE HAND als ihr vielleicht energischtes Album spricht mit Textzeilen wie z.B. „read no thoughts I didn't think myself“ (JUST THE SAME) oder „on reflection now it doesn't matter“ (ON REFLECTION) oder „now that my life's my own I leave you behind leaving you behind“ (FREE HAND) oder „he needs no friend“ (TIME TO KILL) oder „wind cut like a knife“ (HIS LAST VOYAGE) oder „finish stronger than you first began“ (MOBILE) eine ungewöhnlich aggressive, direkte, entschlossene Sprache – GIANT auf neuen Wegen, gegen den Strich, im Umbruch.
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HAAX/Kiel
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EPILOG
Viel ist analysiert/diskutiert/theoretisiert, angenommen/gemutmaßt/spekuliert, gedacht/geschrieben/gesponnen worden über die britische Progressive-Legende GENTLE GIANT im Allgemeinen und deren insgesamt siebentes Album (erstes für CHRYSALIS) FREE HAND im Besonderen. Zusammen mit anderen Größen wie (in alphabetischer Reihenfolge und auf gar keinen Fall vollständig) ELP, FOCUS, GENESIS, GREENSLADE, JETHRO TULL, KING CRIMSON, LED ZEPPELIN, MANFRED MANN'S EARTHBAND, PINK FLOYD, RENAISSANCE, RUSH, UK, YES und FRANK ZAPPA erschufen sie eine Musik-Richtung, die damals als ART-, heute gerne als Progressive-, kurz PROG-ROCK bezeichnet wurde/wird. Im Gegensatz zu allen genannten (und so einigen nicht genannten) Gruppen schafften GIANT den Sprung in die ewige Hall-Of-Fame, die musikalische Ober-Liga finanziell seltsamerweise nie, künstlerisch dafür sehr wohl. Keine andere 70er-Jahre-Band hat einen solch elaborierten, individuellen, unverwechselbaren Sound zustande gebracht.

Ich möchte den künstlerischen Output der sanften Riesen in drei grundsätzliche Abschnitte unterteilen: Da hätten wir zum einen die ersten 3 LPs: Diese reichen vom recht durchwachsenen, relativ rockigen, unentschlossenen/nicht aber unsicheren Debut GENTLE GIANT (70) über das atemberaubend abenteuerliche AQUIRING THE TASTE (71) bis hin zum Quasi-Konzept-Album THREE FRIENDS (72). Gemein war all diesen Scheiben außer der (Noch-)Mitgliedschaft von Onkel Phil SHULMAN am Blech und Gesang auch die ständig wechselnde Drummer-Position. Auf OCTOPUS (73), GLASS HOUSE (74), POWER AND THE GLORY (ebenfalls 74), FREE HAND (75) und INTERVIEW (76) glänzte dann die allseits bekannte/beliebte/beneidete/bewunderte/bezweifelte 5-Mann-Kombination bestehend aus GREEN/MINNEAR/SHULMAN/SHULMAN/WEATHERS. Diese Scheiben sprengten ein um's andere Mal instrumentale, kompositorische, spielerische Grenzen. Nach der einzigen offiziellen Live Doppel-LP PLAYING THE FOOL (76) kam dann das 3-LP-Abschluss-Paket in Form von THE MISSING PIECE (77), GIANT FOR A DAY (78) und schließlich CIVILIAN (80), auf denen die Band (aus welchen Gründen auch immer/anderes Thema) versuchte, andere/ihnen grundsätzlich nicht ähnlich sehende/hörende, moderne/neue Wege zu beschreiten - mit allseits bekanntem Misserfolg. Wie formulierte Derek einst in irgendeinem Interview auf die Frage, wie die Band denn ihren Status im Rock'n Roll-Zirkus einschätze, so tödlich treffend typisch: „we're not LOW profile, we're NO profile!“. Das lag aber weniger an GIANT's halbherziger Mimikri, sondern hauptsächlich am brutal veränderten Musik-Markt Ende der Siebziger (ich sage nur PUNK).

Nach dem beschlossenen, klang- und sanglosen, unausweichlichen Split mutierte Derek zum Label-Boss (ATCO, die auch das sensationelle YES-Comeback-Album 90125 rausgebracht haben), Gary und Kerry spielten zusammen mit Ex-Drummer-Kollege Malcolm MORTIMORE und einigen Jazz-Musikern eine Zeit lang in einer Band, die sie sinnigerweise THREE FRIENDS tauften (hab ich leider nie gehört oder gesehen), John ging zeitweise zurück zu seiner Uralt-Kapelle MAN, bevor seine Gelenke dann einer Arthrose zum Opfer fielen und Ray produzierte so einige Wave-Bands, u.a. die SUGARCUBES. Sein Sohn macht jetzt übrigens auch recht erfolgreich Musik, die mit GIANT allerdings faktisch nichts zu tun hat, Kerry schreibt ab und zu Kirchen-Choräle...
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am 15. Dezember 2010
absolut Spitze! Für alle Gentle Giant Fans ein MUSS. Wurde in den letzten 35 Jahren von dieser Band NIE entäuscht.
Schade daß es GG nicht mehr gibt. Über die Scheibe braucht man eigentlich kein Wort mehr zu verlieren, da ist alles gesagt. Diese Version ist aber auf Grund der geschmackvollen Überarbeitung ein besonderer Kick fürs Ohr. Viele kleine Details im Hintergrund, die der aufmerksame Hörer eh schon immer wahrnahm, wurden jetzt noch ein bisserl mehr herausgekitzelt, (ganz besonders der Bass),und das ohne das ursprüngliche Feeling zu verändern. Es ist als ob man den Staub weggeblasen hätte. Danke! Ich freu mich schon auf die nächsten zig... Hörgenüsse mit meiner Free Hand.
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TOP 1000 REZENSENTam 19. Februar 2010
PROLOG
Wir schreiben das Jahr 1975: Auf der Suche nach neuen musikalischen Herausforderungen ging ich (wie mehrmals die Woche) zum einzig relevanten Neumünsteraner Plattenladen MEMBRAN, um mein begrenztes Taschengeld in (damals ausschließlich) schwarzes Vinyl umzutauschen. DEEP PURPLE, ELP, FOCUS, GENESIS, JETHRO TULL, KING CRIMSON, LED ZEPPELIN, MANFRED MANN'S EARTHBAND, PINK FLOYD, RENAISSANCE u.a. kannte/mochte ich bereits und allein aus dieser Tatsache könnte man jetzt im Nachhinein vielleicht meine zukünftige Prog-Rock-Vorliebe ableiten. Wie dem auch sei, Gründe für das Heraus-Picken, das anschließende Probe-Hören und letztlich den Kauf von GENTLE GIANT's FREE HAND war nicht mehr und nicht weniger als das Cover, diese eine (freie) Hand, die nach zwei anderen (gefesselten) Händen auf einem Foto greift und dann natürlich der geradezu lächerliche Preis von sage und schreibe 5,99 DM (für eine eingeschweißte, gerade erst erschienene, NEUE LP!). Das Probe-Hören am sogenannten „Vorspiel-Service“ (was für'n Wort!) gestaltete sich nicht ohne Probleme und alles andere als „easy-going“: erster (jungfräulicher) Eindruck: „hm, SELTSAMER Gesang“, zweiter (vorläufiger) Eindruck: „wirklich SELTSAMER Gesang“, dritter (entscheidender) Eindruck: „also, trotz des SELTSAMEN Gesang's kauf ich das Teil!“

So, das ist nun geschlagene 41 Jahre her und als Grund für diese dermaßen verspätete Rezension von GENTLE GIANT's FREE HAND kann ich beispielsweise einen temporärer Retro-Flash meinerseits anführen, also eine Art Wieder-Entdeckung alter Klänge/Platten/Werte. Nun liegt sie hier bzw. rotiert IM Player oder AUF dem Teller und versetzt mich zurück in alte, andere, weit entfernte Welten/Zeiten/Zustände. Hach ja, meine allererste GENTLE GIANT - ohne jegliche Empfehlung von Bekannten/Freunden/Schulkameraden (bzw. deren größeren Brüdern) und ohne jeglichen Radio-Input hatte ich weder von der Band noch von deren bereits veröffentlichten Scheiben gehört, ich war sozusagen 100%ig ahnungslos...
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DIE MUSIKER/DIE PERFORMANCES (7 Sterne)
Gary GREEN (guitars, backing vocals), Kerry MINNEAR (keyboards, lead- and backing vocals), Derek SHULMAN (lead and backing vocals), Ray SHULMAN (bass, backing vocals) und John WEATHERS (drums) sind seit ihrem OCTOPUS natürlich DIE sanft-riesige Besetzung. Hier auf FREE HAND fügen sie ihren „Haupt-Instrumenten“ Image-, Klang- und Stil definierende Instrumente wie Akustik- und 12-saitige Gitarre, Alt- und Blockflöte, Cabasa, Cello, Cembalo, Geige, Glockenspiel, Klavier, Marimba, Mellotron, Orgel, Pauken, Roto-Toms, Saxophon, Shaker, Timbales, Triangel, Trompete, Vibraphon, Woodblocks und Xylophon hinzu. Diese tauchten zwar bereits vorher (speziell auf AQUIRING THE TASTE und OCTOPUS) auf, werden hier aber (vielleicht zum letzten Mal) so fantasievoll/konsequent/musikalisch/sonor/virtuos wie vorher und nachher nicht wieder bearbeitet.
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DIE MUSIK/DIE SONGS (7 Sterne für 7 Songs)
und zwar nicht etwa jeweils ein Stern für jeweils einen Song, sondern ohne wenn und aber, absolut zweifelsfrei 7 Sterne für jeden einzelnen dieser 7 Songs:

Track 1/JUST THE SAME („just doing what I want to do“)
wird durch ein rhythmisch nicht sofort einzuordnendes Finger-Schnippen eröffnet. Erinnerungen an das scheppernde Glas vor THE RUNAWAY/IN A GLASS HOUSE oder den zuschnappenden Foto-Apparat von I AM A CAMERA/CIVILIAN, bei denen diese Geräusche das jeweilige Stück rhythmisch einführen, werden wach. Hier nun setzen irgendwann Kerry's Keyboard, dann Gary's Gitarre ein und zusammen leiten beide das Geschnippe in die (wie sollte es anders sein) 7/8el-Strophe, der Refrain dann im fast schunkelnden 3/4tel-Takt. Nach diversen nicht nachvollziehbaren Breaks und Stopps folgt ein 4/4tel-Instrumental-Part mit auskomponierter E-Gitarren-Melodie, direkt im Anschluss ein obskures Synthesizer-Solo, hinterlegt von einem dezenten Saxophon-Arrangement, diesmal wieder im 3/4tel bzw. 6/8el. Erneute Strophe und Refrain münden in ein instrumentales Fade-Out, während die snappenden Finger einfach stehen bleiben.

p.s.
Jordan RUDESS (auf DREAM THEATER-Fame) hat auf seiner Solo-CD THE ROAD BACK HOME neben anderen auch genau dieses Stück gecovert. Gecovert? Nun ja, ein faktisch nicht nachspielbares Stück einer praktisch nicht kopierbaren Band interpretiert von einem der vielleicht letzten „wirklichen“ Tasten-Drücker unserer Zeit grenzt allein an eine mittelschwere Sensation – ich meine, wer (wenn nicht Jordan) traut sich ÜBERHAUPT an GIANT? Hier nun gelingt es ihm, dem Original nicht nur erstaunlich nahe zu kommen, sondern ihm auch (auf typische RUDESS-Manier) eigene, interessante, neue Facetten/Nuancen/Teile im Stile GIANT's hinzu zu fügen, sozusagen ein sanft-traumatisches Riesen-Theater, ha!

Track 2/ON REFLECTION („remember the good things“)
Leute, was soll man zu solch einem Audio-Absurdium bloß schreiben, wie soll man einem Außenstehenden dieses musikalische Mysterium bloß erklären? Am Anfang hören wir Derek völlig allein eine fast fröhliche Melodie singen, die aber schon kurze Zeit später von Gary oder Ray (kann ich bis heute gesanglich nicht auseinander halten) aufgegriffen/ebenfalls (nur zeitversetzt) gesungen wird. Ja, der Prototyp des unerreichten GENTLE-GIANT-Kanon's, HIER ist er, HIER fängt die Legende an! Das Problem ist, dass Derek's Melodie aber noch gar nicht beendet ist, sie geht ja noch viel weiter, und wenn dann noch Kerry und Ray oder Gary dasselbe (ebenfalls zeitversetzt) machen, selbstverständlich in einem ungeraden 15/4tel-Konstrukt (3x4/4tel, 1x3/4tel), dann scheint das CHAOS perfekt. Da die Melodie aber 1. so außerordentlich eigenartig und 2. so außerordentlich lang ausgefallen ist, kann man bei vier gegeneinander singenden Einzel-Stimmen durchaus von einem Stimmen-Gewirrwarr sprechen. Und als wenn all das nicht schon verwirrwarrend genug wäre, kommen beim zweiten Gesangs-Durchgang auch noch doppelnde/korrespondierende Instrumente hinzu! Na klar, bis hierher war das Ganze ja SOOO was von einfach, voll langweilig, kann doch Jede/r, haha! Leute, sowas wie hier hat die Welt vorher nicht und nachher schon gar nicht wieder gehört, das ist einfach nicht mehr NORMAL! Am Ende (des ersten Teil's) wird der übrig gebliebene 3/8el-taktige Sprachfetzen „all around“ wiederholt und wiederholt und wiederholt UND ausgefaded! Zeitgleich wird der 3/4tel-taktige zweite Teil (ich nenne ihn mal den „remember-forget-our-way“-Part) eingefaded – das nannte sich damals „Crossfade“ (heute völlig abgesagt) und wurde speziell von GIANT des Öfteren strapaziert.

Ja, der zweite Part des offensichtlich von Kerry zu verantwortenden Stück's: E-Bass, (echte) Flöten, Cello, Geige, Glockenspiel und dann Kerry's extrem direkter/intimer/naher, schöner, sensibler, warmer, weicher Gesang, ostinat wiederholt, kurzzeitig unterbrochen von distanziertem Gesang („not your game, together just in name“), Cembalo und gestimmten Pauken, bis urplötzlich Gary's Klampfe EXAKT das spielt, was Derek anfänglich gesungen hat, danach Kerry on keys, Ray on bass und noch mal Kerry on second keys – ein instrumentaler Kanon! Die gesamte Band steigt ein, exekutiert den oben erwähnten 15/4tel in Schleife und fadet zusammen mit einer seltsam geflangten Snare in's Aus – also, meine lieben Herren Gesangs-Verein...

Dieses Stück sollte im Laufe der Zukunft unzählige verschiedene (Live-)Arrangements erfahren und zu einer Art Showcase für die sowohl gesanglichen als auch instrumentellen Fähigkeiten der Band als Einheit UND der einzelnen Musiker werden – eine Art Zirkus-Attraktion, also etwas, was die Leute anzieht, erregt, erstaunt, fasziniert, verwundert, gleichermaßen aber auch abstößt, befremdet, sprachlos macht, verängstigt, zweifeln lässt, weil es eben so dermaßen unbeschreiblich/unerhört/unsagbar gut ist. SPOCK'S BEARD waren die einzige mir bekannte Neo-Prog-Kapelle, die es geschafft hat, mit Songs wie z.B. THOUGHTS diesen ureigenen GIANT-Spirit halbwegs authentisch nicht nur auf die Bühne zu bringen, sondern auch in die Gegenwart hinüber zu retten, WOW!

Track 3/FREE HAND („never thougt it would ever come to me“)
Keyboard-Arpeggio, dazu E-Bass und E-Gitarren-Einwürfe, Tonart nicht definierbar, bis dann abrupt das HOHNER Clavinet D6 übernimmt und los geht's: 4/4tel-Rhythmus, fast hardrockig und Derek on Lead Vocals („who would believe me now that my hands are free, that my hands are free?“). Zwischendurch immer wieder die anfänglichen Keyboard-Arpeggios, Band-Interruptionen und die Phrase „hands are free“, teilweise so häufig wiederholt, dass es schon nervt – naja, zum ersten Mal im (Band-)Leben freie Hand, diesen paradiesischen Zustand kann selbst GIANT natürlich nicht häufig genug wiederholen. Der ganz offensichtlich von Kerry beigesteuerte Mittelteil kommt mit seinem walzerartigen 3/4-Takt, dem gephasten SOLINA String-Ensemble, und dem HOHNER Clavinet wie aus einer anderen, weit entfernten Welt, klingt wie ein Traum (traumatisch?). Live wurde diese Version des Stück's tatsächlich mal gespielt (LIVE AT THE BICENTENNIAL 1976), bevor der gesamte Mittelteil dann zugunsten eines grünen Gitarren-Solos rausflog (PLAYING THE FOOL). Der Anfangs-Rock wird erneut angelegt, Derek bölkt erneut („or did you really think it was over yet, it was over yet?“) und nach diversen (noch nervenderen) Arpeggio- und „hands are free“-Wiederholungen ist abrupt Schluss (auch mit der damals ersten LP-Seite).

Track 4/TIME TO KILL („where did he come from, what did he do?“)
Das erste Stück der zweiten Seite der siebenten GIANT-LP: Ja, auch dieses startet mit einem Geräusch, allerdings weder klanglich noch rhythmisch erkennbar (was brummt, klötert, knackt denn da, was hören wir bloß?). Die Band wirft abgehackte Instrumental-Fragmente ein, von denen man anfänglich selbst beim besten Willen weder wissen kann, was sie bedeuten sollen noch ahnen kann, wohin sie führen werden! GIANT wären aber nicht GIANT, wenn sie es nicht auch hier schaffen würden, dieses allgemeine Chaos in einen hörbaren 9/4tel-Rhythmus zu verwandeln, über den Derek (wie so häufig) seine seltsamen Melodie- und Textbögen spinnt. Nach dem zweiten Refrain bleibt die Band einfach stecken, stolpert kurzzeitig vor sich hin, nur um von Kerry gerettet zu werden, der zusammen mit Ray's Bass unisono singt. Aber nicht lange, denn das anfängliche zerhackte Gestolpere ertönt erneut und führt zur dritten Strophe und (TATA!) einer tonalen Erhöhung um einen ganzen Ton! Nach der vierten Strophe fadet ein warmer/weicher „Ah-Ah-Huhuhu“-Chor (der mich an das Stück THREE FRIENDS erinnert) hinaus aus diesem, direkt in das nächste Stück:

Track 5/HIS LAST VOYAGE („rose in early morning as the light came through“)
Ein E-Bass-, E-Gitarren- und Vibraphon-Intro, das mal wieder als Pseudo-Kanon aufgebaut ist, erinnert ein wenig an SCHOOLDAYS, wird aber abrupt von akustischer Gitarre und Kerry's hochfrequentem, weit distanziertem Gesang abgelöst, dazu (in ca. 10 Kilometern Entfernung) ein gelegentliches Cembalo oder doch das berüchtigte D6? Die Refrains dann mit ganzem Schlagzeug und mittelalterlichem Harmonie-Gesang. Im darauffolgenden Mittelteil lässt Gary seine LES PAUL quaken und quietschen, während John on drums, Kerry on piano und Ray on bass für einen (für GIANT-Verhältnisse) relativ relaxten Hinter-/Untergrund sorgen. Gegen Ende des Solo's kurze Hektik, nur um in einen Part überzugehen, der mir bis heute meinen Kopf zerbricht: WEATHERS stampft einfach stumpf seinen Mittelteil-Groove weiter, während alle anderen (außer Derek, der während des gesamten Stück's P-Pause zu haben scheint) gnadenlos das Intro-Thema drüber spielen. Alles easy, kein Problem – ja, denkste! Die Crux ist nämlich, dass hier weder Geschwindigkeiten noch Taktarten beider Teile auch nur ansatzweise zusammen passen, sodass der Eindruck von zwei verschiedenen, zeitgleich gegeneinander spielenden Bands quasi zwangsweise entsteht. Mann-O-Mann, das strengt schon reichlich an hier! Egal, zum Schluss haben sich alle wieder lieb und schließen nach zwei weiteren Strophen wie sie anfänglich begonnen haben – nur langsamer, mit längeren Pausen und einem endlosen Sustain von Ray's Bass (thanks by the way to Leo FENDER for his amazing PRECISION BASS), dafür aber OHNE Vibraphon...

Track 6/TALYBONT
Hey, nicht nur einer der ganz wenigen reinen Instrumentals, sondern auch einer der kürzesten, mittelalterlich anmutenden Songs der Band, obwohl (siehe auch*): Blockflöten, Hohner Clavinet D6 (mit rhythmisch abgestimmtem Delay), flötender Solo-MOOG, alle zusammen als Kanon angeordnet/arrangiert/ausgeführt, dazu E-Bass, ein „richtiges“ Cembalo(?) in den Refrains und Percussion (Tambourine und Trommeln) – KEINE A- oder E-Gitarre, KEINE Orgel, KEIN Sax, KEINE (echten oder falschen) Strings. Ganz eindeutig ein MINNEAR-Stück, *auf dem er höchstwahrscheinlich sämtliche Instrumente (außer Bass) selbst spielt.

Track 7/MOBILE („finish stronger than you first began“)
Tja, das letzte Stück der ersten CHRYSALIS-LP: Bass- und Geigen-Intro deuten auf eine Ray SHULMAN-Komposition hin, zumindest anfänglich. Die ganze Band platzt herein und ein ziemlich schwerer WEATHERS arbeitet sich durch ein rhythmisch verqueres Stück Musik. Jeder scheint gegen Jeden zu spielen, ein Wunder, dass keiner die Orientierung verliert. Und dann die Vocals, immer wieder diese sensationell seltsamen Vocals: Was sind das hier bloß für unorthodoxe Betonungen/Melodiebögen/Tonfolgen, wie kommt (Schul-)MAN bloß auf sowas - ein einziges und ewiges Rätsel. Im Mittelteil (nennen wir ihn mal so) kann man erst Telefon-Vocals, dann eine verwahwahte E-Geige über seltsam verfremdeten Drums vernehmen. Gegen Ende kommt die Band (ohne Derek) noch mal so richtig in Wallung, E-Geige und E-Gitarre fragen und antworten und dann – schier endloser AUSKLANG. Genau in dem Moment, da man schon aufstehen will, um entweder die Platte umzudrehen oder den Play-Button erneut zu drücken, haut John nochmal so richtig in Bass-Drum und Stand-Tom, dass nicht nur die Speaker wackeln!
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DIE ARRANGEMENTS/DIE EXPERIMENTE/DIE INNOVATIONEN (7 Sterne)
die sich durch absolut absurde, geradezu halsbrecherische Exekution oben aufgelisteter Instrumente, schier end-, grenzen- und tabulose Ideen-, Produktions- und Sound-Vielfalt auszeichnen, scheinen hier ihren Zenit erreicht zu haben. Schon auf dem Nachfolger INTERVIEW von 76 wurde das benutzte Instrumentarium rigoros reduziert, die Produktion (für GIANT-Verhältnisse!) vereinfacht. Ich behaupte mal, dass keine andere Band des Planeten zu keinem anderen Zeitpunkt der (Musik-)Geschichte in keiner anderen Welt des Universum's ein solches Album hätte aufnehmen können. GENTLE GIANT's FREE HAND ist ohne aber, wenn und Zweifel ONE-OF-A-KIND!

Waren GIANT bis einschließlich OCTOPUS bei VERTIGO und auf IN A GLASS HOUSE und POWER AND THE GLORY bei WWA (World Wide Artists) unter Vertrag, so symbolisiert FREE HAND auf CHRYSALIS ihr Break-Away-Album. Mit neuem Vertrag in der Tasche profitierte die Band nun endlich von finanziellem, organisatorischem, technischem Support, von dem sie vorher nur träumen konnte. Sie (die Band) hatte plötzlich mehr oder weniger „freie Hand“ (deswegen ja auch der Album-Titel). Wenn man bedenkt, dass die Band mit „ähnlichen“ Acts wie TULL auf Tour war und wenn man ferner bedenkt, dass nur aufgrund dieser gemeinsamen Erlebnisse ein gewisser Ian ANDERSON auf die glorreiche Idee kam, GIANT „seinem“ Label vorzuschlagen, erscheint FREE HAND (besonders im Nachhinein) umso einschneidender/entscheidender/essentieller.
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DIE PRODUKTION/DER SOUND (3,5 Sterne)
Ich habe hier noch die 75er-Original-LP, eine remasterte CD-Version vom Anfang des neuen Jahrtausend's, dann natürlich den 2012-Remix und die weiter unten aufgeführte Obskurität liegen/stehen. Um's kurz zu machen: Keine der Ausgaben wird jemals eine Meisterschaft der Audiophilie oder einen Preis als Referenz-Produktion gewinnen, keine der verschiedenen Versionen wird der extrem anspruchsvollen Musik letztlich gerecht, Punkt! Ein wirklich rabiater Remix (zur Abwechslung bitte mal NICHT vom Prog-Remixer No.1, Mr. Steven WILSON) müsste her, am besten gleich mehrere verschiedene. Auch würden (wahrscheinlich nicht nur) mich Alternative-/sonstige Out-Takes oder Work-In-Progress-Mixes interessieren! Einen Vorgeschmack davon bekommt man ja bereits auf der 4-CD-Box „SCRAPING THE BARREL“, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass die definitive, endgültige, highest-possible-quality-version nach wie vor auf sich warten lässt.
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DER UMSCHLAG (3,5 Sterne)
der damaligen LP war genauso wie die Cover-Gestaltung der mir bekannten CD-Ausgaben nichts Großartiges. Ein nicht klappbares Cover mit dem oben beschriebenen Hand-Motiv auf der Vorder-, das dasselbe Motiv (diesmal ohne Hände) auf der Rückseite und dazu ein Textblatt innen – keine Fotos, keine Interviews, keine Track-By-Track-Informationen der sanften Riesen, sehr schade. Ach, ich finde einfach nur ärgerlich/bedauerlich/unverständlich, dass es von musikhistorischen Meilensteinen wie FREE HAND nicht ähnlich aufgemotzte Ausgaben wie z.B. von BEATLES-, FLOYD- oder STONES-Zeug gibt (die diese Aufmotzung nicht immer und schon gar nicht zwangsweise verdienen).
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FRAGE
Ich habe irgendwann in den 90ern bei WOM eine recht seltsame FREE HAND-Version kaufen können, deren Ursprung mir bis heute Rätsel aufgibt: Manche Songs sind darauf definitiv identisch mit der Original-LP, andere scheinen anders gemixt, irgendwie noch nicht „fertig“ zu sein. So fehlen z.B. E-Gitarren-Parts, teilweise sind Mono-Edits hier noch in Stereo und insgesamt ist der Sound deutlich klarer. Das sogenannte Booklet (ohne Fotos, Texte oder weiterführende Infos, quasi ohne alles) gibt auf all diese Fragen keine Antworten und ist dementsprechend nicht weiter erwähnenswert. Hat irgendjemand von Euch da draußen irgendeine Ahnung, worum es sich hier handeln könnte?
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GENTLE GIANT
welch eine außergewöhnliche, einzigartige, intelligente, kompromisslose, talentierte, unangepasste, verschrobene Band, welch eine arbeits- und ereignisreiche, mühsame, tragische Karriere! FREE HAND als ihr vielleicht energischtes Album spricht mit Textzeilen wie z.B. „read no thoughts I didn't think myself“ (JUST THE SAME) oder „on reflection now it doesn't matter“ (ON REFLECTION) oder „now that my life's my own I leave you behind leaving you behind“ (FREE HAND) oder „he needs no friend“ (TIME TO KILL) oder „wind cut like a knife“ (HIS LAST VOYAGE) oder „finish stronger than you first began“ (MOBILE) eine ungewöhnlich aggressive, direkte, entschlossene Sprache – GIANT auf neuen Wegen, gegen den Strich, im Umbruch.
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HAAX/Kiel
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EPILOG
Viel ist analysiert/diskutiert/theoretisiert, angenommen/gemutmaßt/spekuliert, gedacht/geschrieben/gesponnen worden über die britische Progressive-Legende GENTLE GIANT im Allgemeinen und deren insgesamt siebentes Album (erstes für CHRYSALIS) FREE HAND im Besonderen. Zusammen mit anderen Größen wie (in alphabetischer Reihenfolge und auf gar keinen Fall vollständig) ELP, FOCUS, GENESIS, GREENSLADE, JETHRO TULL, KING CRIMSON, LED ZEPPELIN, MANFRED MANN'S EARTHBAND, PINK FLOYD, RENAISSANCE, RUSH, UK, YES und FRANK ZAPPA erschufen sie eine Musik-Richtung, die damals als ART-, heute gerne als Progressive-, kurz PROG-ROCK bezeichnet wurde/wird. Im Gegensatz zu allen genannten (und so einigen nicht genannten) Gruppen schafften GIANT den Sprung in die ewige Hall-Of-Fame, die musikalische Ober-Liga finanziell seltsamerweise nie, künstlerisch dafür sehr wohl. Keine andere 70er-Jahre-Band hat einen solch elaborierten, individuellen, unverwechselbaren Sound zustande gebracht.

Ich möchte den künstlerischen Output der sanften Riesen in drei grundsätzliche Abschnitte unterteilen: Da hätten wir zum einen die ersten 3 LPs: Diese reichen vom recht durchwachsenen, relativ rockigen, unentschlossenen/nicht aber unsicheren Debut GENTLE GIANT (70) über das atemberaubend abenteuerliche AQUIRING THE TASTE (71) bis hin zum Quasi-Konzept-Album THREE FRIENDS (72). Gemein war all diesen Scheiben außer der (Noch-)Mitgliedschaft von Onkel Phil SHULMAN am Blech und Gesang auch die ständig wechselnde Drummer-Position. Auf OCTOPUS (73), GLASS HOUSE (74), POWER AND THE GLORY (ebenfalls 74), FREE HAND (75) und INTERVIEW (76) glänzte dann die allseits bekannte/beliebte/beneidete/bewunderte/bezweifelte 5-Mann-Kombination bestehend aus GREEN/MINNEAR/SHULMAN/SHULMAN/WEATHERS. Diese Scheiben sprengten ein um's andere Mal instrumentale, kompositorische, spielerische Grenzen. Nach der einzigen offiziellen Live Doppel-LP PLAYING THE FOOL (76) kam dann das 3-LP-Abschluss-Paket in Form von THE MISSING PIECE (77), GIANT FOR A DAY (78) und schließlich CIVILIAN (80), auf denen die Band (aus welchen Gründen auch immer/anderes Thema) versuchte, andere/ihnen grundsätzlich nicht ähnlich sehende/hörende, moderne/neue Wege zu beschreiten - mit allseits bekanntem Misserfolg. Wie formulierte Derek einst in irgendeinem Interview auf die Frage, wie die Band denn ihren Status im Rock'n Roll-Zirkus einschätze, so tödlich treffend typisch: „we're not LOW profile, we're NO profile!“. Das lag aber weniger an GIANT's halbherziger Mimikri, sondern hauptsächlich am brutal veränderten Musik-Markt Ende der Siebziger (ich sage nur PUNK).

Nach dem beschlossenen, klang- und sanglosen, unausweichlichen Split mutierte Derek zum Label-Boss (ATCO, die auch das sensationelle YES-Comeback-Album 90125 rausgebracht haben), Gary und Kerry spielten zusammen mit Ex-Drummer-Kollege Malcolm MORTIMORE und einigen Jazz-Musikern eine Zeit lang in einer Band, die sie sinnigerweise THREE FRIENDS tauften (hab ich leider nie gehört oder gesehen), John ging zeitweise zurück zu seiner Uralt-Kapelle MAN, bevor seine Gelenke dann einer Arthrose zum Opfer fielen und Ray produzierte so einige Wave-Bands, u.a. die SUGARCUBES. Sein Sohn macht jetzt übrigens auch recht erfolgreich Musik, die mit GIANT allerdings faktisch nichts zu tun hat, Kerry schreibt ab und zu Kirchen-Choräle...
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am 7. April 2012
Seit ca. 4 Wochen liegen bei mir die beiden GG Remaster-Versionen Free Hands und In'terview im DVD-Player. Bei dieser Rezension geht es mir nicht um die Musik oder Package, sondern ausschließlich um den mir vorher völlig unbekannten Quad-Mix. Es handelt sich hier nicht wie angegeben um CDs, sondern um je eine CD und eine Audio-DVD, die mit jedem DVD-Player abgespielt werden kann. Auf der DVD sind 3 Audioformate enthalten. Ein 96/24 Stereo LPCM Master vom original(!) Analog-Band. Dann noch zweimal den Quadmix in DTS 96/24 und im herkömmlichen Dolby AC3 Format, welches wirklich jeder 5.1 Verstärker abspielen kann. Die 3 Soundformate klingen völlig unterschiedlich und jeder für sich wirklich interessant. Der Stereo LPCM Stereo-Mix ist auf meiner Anlage (Yamaha Receiver, Teufel Surroundsystem, Sony DVD-Player und TV) der beiliegenden CD weit überlegen. Der Quad-Mix im Dolby AC3-Sound klingt komprimiert und daher am lautesten. Der DTS Mix ist vom Klang der Hammer. Eigentlich kein Quad-Mix , sondern ein 4.1 Mix was bedeutet, dass die Bässe zusätzlich auf den Subwooferkanal gegeben werden. Gewöhnungsbedürftig ist, dass man die Band nicht von vorne hört, sondern mitten drin sitzt. Der Gesang oder das Schlagzeug kommen nicht zwangsläufig von vorn und ich erwische mich dabei , wie ich ständig meinen Kopf in die Richtung drehe, wo ich ein neues Instrument oder eine Stimme entdecke. Der Sound in Detailtreue, Räumlichkeit und Dynamik lässt keine Wünsche offen und lässt einem das Alter dieser Aufnahmen nicht vermuten. DVD-Menü und Standbilder sind einfach aber ausreichend gehalten. Ich kann diese Scheibe wirklich nur jedem Liebhaber von Mehrkanal-Audios empfehlen.
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