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Kundenrezensionen

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am 1. Februar 2011
Wer weiß schon, was in einem Menschen vorgeht, der langsam sein Gedächtnis verliert? Arno Geiger hat es erfahren und in eine literarische Form gebracht, die anrührend, klar und feinfühlig an die Geschichte seines Vaters heranführt.

Zuerst noch unbemerkt, tastend und irritierend bemerkt der Sohn Veränderungen im Verhalten des Vaters, die er nicht deuten kann. Er verbessert Sätze, wenn sie wirr erscheinen und versucht dem Vater auf die Sprünge zu helfen bei Fehleinschätzungen und Erinnerungslücken. Doch eines Tages dämmert dem Sohn, dass der Vater die Realität nicht mit den gleichen Augen sieht wie er selber. Er muss sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass sich der Geist des Vaters verändert, und er sein Leben aus dem Griff zu verlieren droht. Mit wachen Sinnen und einfühlsamem Bemühen lernt der Sohn, den Vater in seiner sich stetig verändernden Andersartigkeit zu akzeptieren. Die oft wiederholte Phrase"'ich will nach Hause"' bringt Arno Geiger zu der Erkenntnis, dass '"Zu Hause sein"' ein zutiefst menschliches Bedürfnis nach Geborgenheit und Vertrautheit ist, das sich nicht zuletzt in der Religion mit dem Begriff des Himmelreichs bezeichnen lässt.

Feinsinnig und nachdenklich folgt Arno Geiger den Veränderungen im Verhalten seines Vaters und lässt noch einmal dessen Herkunft Revue passieren. Das karge Dasein eines Buben aus einer kinderreichen aber armen Familie lassen nicht viele Hoffnungen und Illusionen auf kommendes Glück zu.
Als der siebenunddreißigjährige Vater eine viel jüngere Lehrerin heiratete, waren beider Erwartungen an die Ehe und das Familienglück so diametral gegensätzlich, dass das Ende dieser Ehe geradezu vorprogrammiert schien. Sie überdauert nur die Zeit des Heranwachsens der Kinder.
Gut erinnert sich Arno Geiger an die eigene Kinderzeit, die Großeltern und die Atmosphäre im Haus und an den fleißigen und arbeitsamen Vater in seiner Rolle als kleiner Beamter in dem Ort Wolfurt in Österreich. Die Natur und erhabene Landschaft mit Blick auf den fernen Bodensee sind wiederholt Anknüpfungspunkte für Arno Geigers eigene Heimatbetrachtungen. Wohltuend steht er in seinen Erinnerungen an den Vater hinter diesem zurück und spiegelt nur seine Gefühle im Wandel zu dem an Demenz erkrankten Vater. Ein anrührendes Stück Literatur zeigt eine Vater-Sohn - Beziehung, die den Sohn zurück zu seinen Wurzeln führt und zu einem Vater, dem er sich lange entfremdet sah. Versöhnlich und liebevoll begleitet er mit wachen Sinnen dessen langsames Verlöschen aus der Gegenwart und aus den Bezügen der Vergangenheit. Wie tröstlich ist das Wiedererkennen der Charakterstrukturen des Vaters auch in seinen trüben Stunden!

Arno Geiger zeigt ein hervorragendes Talent, sich den Gefühlen zu stellen und sie in Worte zu fassen, die ihn zurück zum Vater seiner Kindheit führen und zu dem aus der Welt verschwindenden alten Menschen, der ihm wieder so nahe gekommen ist.
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am 21. April 2011
Auch mich hat dieses Buch tief berührt, habe ich doch genau das, was der Autor hier so ungeschminkt und zugleich einfühlsam schildert, mit meiner Mutter erlebt. Nur daß ich selbst völlig hilflos war und mit der Situation nicht umgehen konnte.

Geblieben sind Schuldgefühle und die Angst, eines Tages das gleiche Schicksal zu erleiden.
Obwohl seither viele Jahre vergangen sind, ist dieses Buch für mich eine wunderbare Hilfe, das Leiden meiner Mutter im Nachhinein mit anderen Augen zu sehen und mein "Versagen" in diesen auch für mich schlimmen Jahren nun aufzuarbeiten.

Dafür bin ich dem Autor zutiefst dankbar und ich kann hier nur jedem, der im Familien-und Freundeskreis mit dieser oder ähnlich verlaufenden Alterserkrankungen konfrontiert ist empfehlen, dieses Buch zu lesen.
Besser noch, JEDER sollte es lesen, denn es regt zum Nachdenken über den eigenen Lebensweg an und über unsere Beziehungen untereinander, besonders zu den Menschen, die uns nahestehen. Und wer weiß schon, wie das eigene Leben im Alter aussieht...

Ein zutiefst humanistisches Buch, eine echte Lebenshilfe für jeden, der sich auf diese authentische Schicksalsgeschichte einläßt.
Ich schreibe nur selten etwas hier bei Amazon,
aber dieses Buch gehört zu den wirklichen Raritäten im Literaturmarkt, die es wert sind, sie möglichst vielen Menschen nahe zu bringen. Das zeigen auch die wertvollen Beiträge der anderen Rezensenten, die hier nach dem Lesen dieses Buches ihr Herz geöffnet haben und mich inspirierten, es ebenfalls zu kaufen. Deshalb auch mein Dank an Sie alle für ihre wunderschönen Beiträge auf dieser Seite.

Allen Lesern und Rezensenten die besten Wünsche H.Friedrich
33 Kommentare| 104 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 1. Februar 2011
Eine Krankheit hält schleichend Einzug in das öffentliche Bewusstsein, nachdem sie schon seit vielen Jahren immer mehr Menschen betroffen hat. Die Alzheimer-Krankheit und andere Formen der Demenz geraten immer mehr in den Blickpunkt auch der Gesundheitspolitik. Neben der Situation der von der Krankheit betroffenen Menschen sind die Rolle der meist pflegenden Angehörigen und die professionellen Anforderungen an die pflegenden Berufe Gegenstand einer intensiven gesellschaftlichen Debatte.

Auch in der Literatur hat dieses Thema Einzug gehalten. Man denke an Tilman Jens` breit diskutiertes, 2009 erschienenes Buch "Demenz. Abschied von meinem Vater", in dem er die Krankheit und seine Beziehung zu Walter Jens, den begnadeten Autor und Rhetoriker beschrieb. Die Debatte war so kontrovers, dass Tilman Jens sich genötigt sah, im Mai 2010 mit einem weiteren Buch zu antworten: "Vatermord. Wider einen Generalverdacht.'"

Ganz anders kam im letzten Jahr das Romandebüt der 1975 geborenen englischen Schriftstellerin Samantha Harvey daher, das unter dem Titel "Tage der Verwilderung" bei DVA erschien, und den verzweifelten
Kampf eines Mannes gegen seinen Gedächtnisverlust und das erbitterte Ringen um die Wiedergewinnung seiner Erinnerung beschrieb.

Das neue Buch des preisgekrönten österreichischen Schriftstellers Arno Geiger ("Es geht uns gut", "Alles über Sally") geht bei der Annäherung an Alzheimer und Demenz einen anderen, sehr persönlichen und intimen Weg. Er beschreibt seinen an Alzheimer erkrankten Vater als den "alten König im Exil" und sein Verhältnis zu ihm, das durch die Krankheit und die Pflege des Vaters eine völlig neue, all die Jahrzehnte vorher nie gekannte und erlebte menschliche Qualität erhält.

Es kommt allerdings nur zu dieser Entwicklung, weil Arno Geiger seinen Vater über Jahre intensiv begleitet, unterstützt von Menschen, die sich noch als eine Familie im alten Sinne verstehen und sich das Engagement um den schwächer und dementer werdenden Vater teilen.
Insofern muss Arno Geiger im Gegensatz etwa zu Peter Härtling ("Nachgetragene Liebe", 1980) nicht lange nach dem Tod des Vaters dessen Leben rekapitulieren und so würdigen und damit seine eigene Existenz und Identität quasi neu begründen, sondern er kann es zu Lebzeiten tun.

In vielen Gesprächen mit ihm versucht er, die oft eigenwilligen und fremden Sätze seines Vaters zu verstehen, lernt auch darüber zu schmunzeln und schließt eine ganz neue Freundschaft mit ihm. Doch das gelingt ihm erst nach längerer Zeit: "Ich stellte mich weiterhin ungeschickt an, weil ich nicht aufhören wollte zu glauben, dass ich die Verbindung des Vaters zur Realität durch Hartnäckigkeit wach halten könne."

Erst als er lernt, diese Haltung aufzugeben und die Realität von Alzheimer zu akzeptieren, gelangt er zu einem völlig neuen und teilweise beglückenden Verständnis seiner Vaters und damit auch seines eigenen Lebens. "Und irgendwann schlugen wir einen Weg ein, der von der nüchternen Wirklichkeit wegführte und über Umwege zur Wirklichkeit zurückkehrte."

"Der alte König in seinem Exil" ist eine bewegende Geschichte einer Liebe zwischen Vater und Sohn, die erst am Ende eines Lebens wirklich zum Tragen kommt. Aus dieser Liebe heraus beschreibt Arno Geiger das Leben eines Mannes, der nach jugendlichen ernüchternden Erfahrungen im Krieg und in der Gefangenschaft nie wieder weggehen wollte aus seinem Dorf.

Es ist ein Buch, das trotz seines Themas an viele Stellen leicht, ja heiter, manchmal komisch daher kommt, weil sein Autor davon überzeugt, ist, das auch das Leben eines Alzheimerkranken ein Leben ist, das es "zutiefst wert ist, gelebt zu werden, und das sich vielleicht nur wenig unterscheidet von dem Leben, was wir alle tagtäglich führen."

Wegen seiner hohen literarischen Qualität und seiner tiefen Menschlichkeit hat dieses neue Buch von Arno Geiger zumindest die Nominierung für den Deutschen Buchpreis 2011 verdient.
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am 12. November 2011
Hätte ich dieses Buch nur früher gehabt! Es hätte mir sehr geholfen, mich von Anfang an in den zu betreuenden Angehörigen besser hineinzuversetzen. Bis man es begriffen hat, diese andere Wirklichkeit, in der sich der Kranke befindet, als für ihn wahr anzuerkennen und entsprechend zu reagieren, baut sich auf beiden Seiten sehr viel Widerstand auf, der unnötig Kräfte verzehrt.
Beim Lesen dieses Buches im Nachhinein gab es für mich eine Menge Parallelen und Aha-Erlebnisse.
Arno Geiger hat sicher nicht alle Facetten beschrieben, sondern sich gerade gegen Ende auf "schwierige Zeiten" beschränkt, ohne näher darauf einzugehen. Trotzdem ist dieses Buch seine 5 Sterne wert, weil es eindrucksvoll Situationen schildert, die die meisten Angehörigen von Demenzkranken so oder in ähnlicher Weise erleben - und vor allem die angemessene, respektvolle Reaktion gegenüber dem Kranken darauf nahebringt. Eine wertvolle Hilfe, deshalb: Lesen!
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am 9. Oktober 2011
Demenz zeigt sich bei jedem Betroffenen anders, und es ist schön zu lesen, dass es Menschen gibt, die scheinbar so gut zurecht kommen wie Arno Geigers Vater.
Mein Vater war selber dement und beim Lesen des Buches empfand ich dir Krankheit als zu einseitig beschrieben. Sicherlich, es soll ein Mutmach-Buch sein, eines, das zeigt, dass auch Demente noch Lebensfreude haben und nicht nur ihrer Familie und Umgebung zur Last fallen. Aber ich hätte mir gewünscht, dass mehr auf die dunkle Seite der Krankheit eingegangen wird.
Menschen, die keinen Kontakt zu Demenzkranken haben, erhalten einen viel zu unvollständigen Einblick in den Verlauf der Krankheit. Das unerträgliche Fortschreiten des Vergessens, das einem mehr und mehr den geliebten Menschen entreisst, ihn aber an guten Tagen noch einmal kurz herzeigt, damit man daran erinnert wird, wen und was man verloren hat. Das Schwinden von Charakter und Persönlichkeit, der lange Weg bis zu dem Punkt, an dem der Kranke so schwer dement ist, dass er seine eigene Veränderung nicht mehr wahrnimmt und sich tagtäglich darüber grämt und trauert. Das sind doch die wirklich schlimmen Zeiten. Den Zustand, den Arno Geigers Vater im Buch erreicht hat, ist wieder erträglicher.
Gegen Ende des Buches kamen mir viele Absätze nicht nachvollziehbar aneinander gereiht und nicht miteinander verbunden. Fast schien es mir so, als wolle Geiger hier noch ein paar weise Gedanken einfließen lassen, wisse aber nicht wie und wo.
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am 30. Juni 2012
Das Thema Alzheimer ist nicht einfach zu verstehen und schon gar nicht vorstellbar für jemanden wie mich, die bisher keinerlei Kontakt dazu hatte.
Dieses Buch vermittelt unaufgeregt und "ganz nah dran", dabei interessant und flüssig geschrieben, einen guten Einblick in ein Leben mit einem solchen Patienten. Es ist kein trauriges und kein deprimierendes Buch. Es macht auch Mut, sich dieser schwierigen Aufgabe, wenn sie einen denn erreicht, zu stellen.
Ich empfehle das Buch unbedingt allen, die Interesse an diesem Thema haben.

Zu Kindle: es liest sich gut damit. Ich genieße auf Reisen das Gerät, spart es doch so manche Bücherschlepperei im Koffer. Die Schrift ist klar und sehr gut lesbar. Das Gerät liegt leicht in der Hand.
Wer häufig Anmerkungen oder Notizen erstellen möchte: unbedingt nicht das einfachste Gerät kaufen sondern eines mit Touch Screen.
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am 5. März 2011
Dieses Buch ist so ergreifend und authentisch, daß man es in seinem Wert garnicht hoch genug einschätzen kann. Das zeigen auch die berührenden Rezensionen, bei denen man die persönliche Anteilnahme und Betroffenheit derjenigen spürt, die sich hier auch nicht scheuen,ihren Gefühlen Ausdruck zu geben und dem Werk einhellig die verdiente Wertschätzung zu geben
.
Wohl auch, wie in unserem Fall, aus Ehrfurcht und Dankbarkeit gegenüber dem Autor, der uns alle mit dieser Offenheit und Feinfühligkeit an seinem intimsten Erleben, seinem seelischen Leid, seiner eigenen Läuterung und seinem Wachstum teilhaben läßt - und uns natürlich auch minutiös die fortschreitende Erkrankung des Vaters miterleben läßt.

Das Besondere ist wohl aber, daß es sich um eine tief berührende, authentische Beziehungsgeschichte handelt, die nicht nur einen hohen humanistisch-moralischen Aspekt hat, sondern jedem von uns Denkanstöße für das eigene Leben gibt.
Dieses Buch berührt wohl in jedem von uns ganz tief diese verborgenen, individuell sehr verschiedenartigen Gefühle, Sorgen, Ängste und vielleicht auch Erinnerungen, die wir eigentlich lieber verdrängen, die uns aber helfen, uns wieder auf uns selbst zu besinnen und auf das, was für uns im Leben wirklich wichtig ist.
Darin liegt der größte Wert dieses Buches, gerade in der heutigen Zeit, wo man sich selbst immer wieder dabei ertappt, daß man im Streß der "Leistungsgesellschaft" die Maßstäbe für das verliert, wonach wir uns tief im Innern wirklich sehnen.
Deshalb ist es auch heilsam, daß die Geschichte uns so eindringlich mit der Vergänglichkeit unserer Existenz konfrontiert. Wenn wir im Leben, in unserer Lebenseinstellung, auch im Verhältnis zu den Menschen, die uns wichtig sind, etwas ändern wollen, dann sollten wir es sofort tun - morgen kann es schon zu spät sein....

Ein großartiges Buch, das auf eine ergreifende Art Lebensweisheit vermittelt und uns Anstöße zur Selbstbesinnung gibt.
Wir kennen nur eine authentische Schicksalsgeschichte, die wir mit diesem Werk auf eine Stufe stellen können - das mittlerweile zu recht auch durch die Medien bekanntgemachte, ergreifende Buch von Frau Pachl-Eberhard Vier minus drei: Wie ich nach dem Verlust meiner Familie zu einem neuen Leben fand, das wir all denen empfehlen, die wie wir aus dem hier zitierten Werk von Arno Geiger neue Kraft und Lebensweisheit schöpfen konnten.

Wir sind erst seit kurzem Kunden bei Amazon und haben bisher nur sehr vwenig Rezensionen geschrieben, denn wir möchten uns hier nur zu solchen Büchern äußern, die uns wirklich tief berühren und von denen wir überzeugt sind, daß sie uns allen wichtige Botschaften vermitteln für den eigenen Lebensweg, für den liebevollen Umgang miteinander und mit allen Geschöpfen, die diesen wunderschönen Planeten mit uns bewohnen.
Bei diesem beeindruckenden Werk fühlten wir beide, daß es gut ist, hier auch unseren Beitrag zu schreiben, denn es ist wünschenswert, daß möglichst viele Menschen dieses Buch lesen.

Danke,lieber Arno Geiger,für dieses Geschenk!

Pia und Ingo aus Zürich
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am 16. August 2015
Es ist ja keine Geschichte, die der Schreiber erzählt, sondern SEINE Geschichte, seine Erfahrungen, sein Leben. Ich finde es toll, daß dieser Mensch uns daran teilhaben lässt. Ich habe dieses Buch gelesen, obwohl ich keinen Fall von Demenz in meiner Umgebung habe. Ich fand es sehr interessant und glaube, diese Krankheit ein wenig besser verstanden zu haben. Der Umgang mit derart kranken Familienmitgliedern muss eine der härtesten Aufgaben sein, die uns alle erwarten kann.
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am 24. Juli 2015
Wer einen Angehörigen mit Demenz hat, wird die ersten beiden CDs viele bekannte Situationen und einen alternativen Umgang damit wieder erkennen. Bei den letzten beiden CDs hatte ich den Eindruck, die Geschichte zerfließt und der starke Eindruck der ersten Hälfte verblasste. Ich konnte damit dann nicht mehr sehr viel anfangen. Trotzdem empfehlenswert, vielleicht sieht es jemand anders.
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TOP 500 REZENSENTam 10. Februar 2011
Arno Geigers neues Buch ist eine echte Überraschung. Die Berner Buchhandlungen sind ausverkauft und man fragt sich, ist es der Autor, die Geschichte, das Interesse an Demenz, oder ganz einfach der aktuelle Zeitungsartikel des Bundes, der diese Neuerscheinung mit einer dermassen ausgeprägten Sogwirkung auf den Buchmarkt wirft. Martin Ebel widmet auf einer ganzen Zeitungsseite (!) vom 8.Februar der Berner Tageszeitung "Der Bund" differenziert und gekonnt, seine Buchrezension. Dieses Buch einen "Roman" zu bezeichnen, finde ich dann doch etwas daneben gegriffen und auch nicht zutreffend. (Rez. von W.St......)

"Papa, weisst du überhaupt, wer ich bin?" Die Frage machte ihn verlegen, er wandte sich zu Katharina und sagte scherzend mit einer Handbewegung in meine Richtung: "Als ob das interessant wäre." (..)Ich reiche ihm seine Socken, er betrachtet die Socken ein Weilchen mit hochgezogenen Augenbraunen und sagt dann: "Wo ist der dritte?" (..) "Bist du zufrieden August? Ich bin immer zufrieden. Ich war schon als Baby zufrieden." (..) Liliane erzählte von ihrer Mutter, die Alzheimer hatte. Hin und wieder habe die Mutter sie angeschaut und gefragt:"Bin ich schon gestorben?" Einmal habe die Mutter Liliane gebeten:"Bitte, wenn ich gestorben bin, sag es mir." Liliane habe ihr versichert: "Natürlich, Mama, wenn du gestorben bist, werde ich es dir sagen."

Arno Geigers Buch ist intim, persönlich, konfrontierend, einfühlsam, reflektierend, behutsam, nachspürend, eine Annäherung an den alten Vater, der von Demenz betroffen ist, es ist eine Biographie, eine Vatersuche, eine Versöhnung mit einer Krankheit, die einen verzweifeln lassen kann, vehement unergründlich bleiben wird. Es ist eine Würdigung eines Lebens, das den Boden unter den Füssen zu verlieren scheint, ein Buch über das Leben, wenn man so will, auch unter erschwerten Lebensumständen die eine solche Krankheit verursacht, noch etwas Positives zu abzugewinnen. Arno Geiger nimmt dem Gespenstischen, dem Unheimlichen seine Kraft, "Die Krankheit zog ihr Netz über ihn, bedächtig, unauffäliig. Der Vater war schon tief darin verstrickt , ohne dass wir es merkten" streut Sympathie, Licht, liebevolle Annahme auf ein Leben, dass auch dann seine Würde nicht zu verlieren scheint, auch wenn er sein Vater, im Gesicht den Stempel des Irrsinns trägt. Er zaubert trotz hautnaher Abgründe eine Liebeserklärung vor den Augen des Lesers her, die sich gewaschen hat. Unglaublich, dass man bei so einem Thema, das eine gewisse Beklommenheit verstrahlt, selbst dann es der Autor schafft, eine Literatur schreibt, die mit wie mit einem magischen Potential versehen zu sein scheint. Wörter, Sätze, Lebensweisheiten, die einen berühren, ja man möchte fast sagen, ein wenig glücklich machen. Als ob er Sterne wie mit einer Wunderkerze darüber sprühen würde..

Wir erfahren nicht nur etwas über das Leben eines August Geigers mit JG 1926 in Vorarlberg, der in Kriegsgefangenschaft war, er dort vier Wochen bettlägerig unter Toten und Sterbenden verbringt, vor lauter Hunger einen verdorbenen Knochen abnagt. Für den Pensionär scheint durch das Heimweh, irgendwann die Heimat zum kostbarsten Gut geworden zu sein, in seinem inneren Lebenszentrum dreht sich alles um Zuhause, Sicherheit, Geborgenheit. Seine quälende Überzeugung "nicht zuhause zu sein" die unaufhörlich in ihm wirkt und er ständig danach fragt, nach Hause zu gehen, nach Hause zu kommen, "obwohl er es bereits ist." "Zuhause sieht ganz ähnlich aus wie hier-nur ein wenig anders." Ein Leben das einen beruflichen wie familiären Verlauf erzählt, seine Frau verlässt ihn nach 30 Jahren Ehe, ein Mann, für den die eigenen Kinder das grösste Glück bedeutet. Wir erfahren auch Persönliches über Arno Geiger selbst, über seinen Wunsch zu schreiben, seine ersten Erfolge. Ganz natürlich trägt dieses Buch autobiographische Züge.
"Erst Jahre später begriff ich, dass der Wunsch, nach Hause zu gehen, etwas zutiefst Menschliches enthält."

Geiger, der als Erster 2005 den deutschen Buchpreis erhielt, ist unglaublich offen, authentisch, aufrichtig mit sich, aber auch dem Leser. Ein Buchautor, der aus innerer Solidarität dem Leben des eigenen Vaters nachspürt, warum der geworden ist, der er heute ist. "..dass der Vater die Toten ein bisschen lebendig machte und sich selbst dadurch den Tod ein bisschen näher brachte, gelang es mir, tiefer ein sein Leiden einzudringen." Es ist weder Blossstellung noch wirklich ein Buch nur über Demenz, es ist viel mehr. Die wenigen Worte die sein Vater spricht, gehen beim Leser direkt ins Herz, ins Zentrum von Wahrheit.

Geiger lässt dadurch das Unerwartete, das Irre, eben das nicht einschätzbare Demente direkt auf den Leser zugehen. Eine Gratwanderung zwischen Urkomik und Schrecken im gleichen Atemzug. Man schmunzelt und ist gleichzeitig von der Seltsamkeit betroffen. Eine Literatur die sich dem Wesentlichen, dem wirklich Wichtigen verschrieben hat. Von einer liebevollen, anteilnehmenden, vielleicht auch dankbaren Haltung durchdrungen, wo anmutige Kindheitserinnerungen genauso ihren Platz bekommen, wie der Möglichkeit mit etwas Frieden zu schliessen, an dem wir genauso verzweifeln könnten. Man geht wirklich durch Leseeindrücke, die bizarr, komisch, lustig, surreal, unergründlich, nicht fassbar, beunruhigend aber auch auf eine Art erschreckend sind.

Eine Jahrhundertkrankheit, die alle Betroffenen zu verändern scheint. Ein klasse gemachte literarische Verarbeitung einer Alterserscheinung, die uns längst an unsere Grenzen bringt, einer Beziehungssuche zum eigenen Vater, die trotz alledem eine zuversichtliche Weisheit und auch Hoffnung ausstrahlt, die dieses Buch zu etwas ganz Besonderem macht. Wo das verloren Geglaubte in eine neue Form und Ausrichtung gebracht wird. "Da mein Vater nicht mehr über die Brücke gelangen kann, muss ich hinüber zu ihm."

Arno Geiger hat für dieses Buch immerhin sechs Jahre gespart. Er schreibt: "Es hat lange gedauert, etwas herauszufinden über die grundlegenden Dinge, die uns getrieben haben, die Menschen zu werden, die wir sind."

Ich kann Arno Geiger zu seinem neuen Buch nur beglückwünschen, bei dem man zwischen den Zeilen schon fast etwas magisch Beglückendes zu spüren meint, und es mich persönlich nicht wundern würde, wenn es mit Preisen ausgezeichnet werden würde, verdient hätte es dieses Buch, darin bin ich mir ganz sicher.

Empfehlung.
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