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TOP 1000 REZENSENTam 10. Februar 2015
"The Canterbury Tales" sind Erzählungen aus dem 14. Jahrhundert, sie wurden von Geoffrey Chaucer im Jahr 1387 festgehalten. Diese episodenhaften Geschichten sind in eine Rahmenhandlung eingebunden, die von einer Pilgergruppe auf ihrem Weg von Southwark, einem Vorort von London, nach Canterbury handelt. wo die Reisenden das Grabmal des Thomas Becket in der Kathedrale besichtigen wollen. Der Wirt des Tabard Inn, wo die Leute Rast machen, schlägt den etwa 30 Pilgern vor, auf dem Hin- und Rückweg Geschichten zu erzählen. Dem besten Erzähler soll ein schöner Preis, eine Gratismahlzeit, zukommen.

Nachdem schon "Decamerone" im Jahr 1970 sehr erfolgreich war, wagte sich der italienische Regisseur und Schriftsteller Pier Paolo Pasolini erneut an einen erotischen Klassiker der Literatur. "Pasolinis tolldreiste Geschichten" entstand 1971 und "Erotische Geschichten aus 1001 Nacht" sollte 3 Jahre später sogar die Trilogie komplettieren. Das Rezept blieb das Gleiche wie beim Vorgänger. Mit dem Einsatz von Laiendarstellern reihte der Filmemacher insgesamt 8 Geschichten zu einer erotischen Komödie. Nur wenige bekannte Gesichter wurden verpflichtet: Hugh Griffith, der Oscarpreisträger für "Ben Hur", Josephine Chaplin - Tochter des berühmten Charlie Chaplin sowie der bereits aus "Decamerone" bekannte Ninetto Davoli, der als Taugenichts in einer der Geschichten eine sehr gelungene Hommage an Charlie Chaplin abliefert.

Die Laiendarsteller wirken allesamt sehr glaubwürdig und am Ende fügt sich das bunte Kaleidoskop der Lüste zu einer Einheit zusammen. Die Geschichten kreisen um Sex, Ehebruch, Familienstreit, Wünsche, Streit zwischen Priestern und Klosterschwestern. De Humor ist derb, die Szenen vermitteln aber allesamt eine große Authentiztät und man hat sehr schnell das Gefühl wirklich im Mittelalter zu sein. Der Reigen der erotischen Gesichten beginnt mit Sir January (Hugh Grifftih), dessen junge Frau (Jospehine Chaplin) einen viel jüngeren Verehrer (Oscar Fochetti) hat. Pluto (Giuseppe Arigio) und Prosperine (Elisabetta Genovese) nehmen dabei Einfluss auf die Entwicklung dieser Geschichte. Eine andere Geschichte zeigt den Studenten Nicholas (Dan Thomas), der mit Alison (Jenny Runacre), der Frau des Zimmermanns (Michael Balfour) schlafen will, aber noch einen weiteren jungen und attraktiven Konkurrenten (Peter Cain) überlisten muss. Eine weitere Geschichte führt zwei Studenten (Patrick Duffett, Eamann Howell) zur Mühle und zum betrügerischen Müller (Tiziano Longo). Ja, selbst der Teufel (Franco Citti) ist als wandernder Reiter unterwegs und geht auf Seelenjagd. Auch die Habgier wird in einer Episode thematisiert. Drei junge Männer finden einen Goldschatz - während sie den Jüngsten (Edward Monteith) beauftragen in der Stadt Speis und Trank zu besorgen, planen sie bereits dessen Tod. Doch auch das potentielle Opfer hat die Idee die beiden anderen zu meucheln...

Der Film wurde zwar an der Kasse ein Erfolg - in den 70ern war man ja eh offen für freizügige Stoffe und auch künstlerische Filme wie die von Pasolini profitierten vom Interesse des Publikums an "Auf der Alm gibts koa Sünd" oder "Schulmädchenreport". Der Kritiker fanden den Film zu uneinheitlich - was ich aber anders sehe. Trotz des etwas derben Charakters des Films gelingt es dem Regisseur die Zeit um 1400 wunderbar einzufangen. Die pralle Lebensfreude steht dann auch immer wieder im Widerspruch mit dem Gottesglauben dieser Zeit und somit damit, dass die Religion immer wieder von Kirche und Staat für unlautere Zwecke missbraucht wurde. So gibt es eine Szene, die Gottesmänner auf der Jagd nach unzüchtigen Sündern zeigt. Mit einer Ablaßzahlung kann sich einer freikaufen, der arme Homosexuelle muss aber am Scheiterhaufen sterben. Derlei Zeitkolorit hat Pasolin perfekt in die Geschichte eingebettet und gesamthaft wirkt das Panorama genauso wie bei "Decamerone" sehr gelungen.
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am 20. März 2013
"Trilogie des Lebens" nennt Pasolini seine Adaptionen von spätmittelalterlicher, stark erotisch gefärbter Belletristik, und Boccaccio's Decamarone stellt den ersten Teil der Trilogie dar, in welchem der (in allen 3 Teilen) einen naiven, dauergrinsenden (und dadurch leicht debil wirkenden) Luftikus spielende Davoli Ninetto schon gleich zu Beginn seinen "schönsten" Auftritt hat.

Anders als Pasolini, der in Teil II (Canterbury Tales) in die Rolle von Geoffrey Chaucer schlüpft, schlüpft besagter Schauspieler, dem ich nicht viel abgewinnen kann, kurzfristig in die Rolle von Charlie Chaplin, was ich weniger als Gag oder Hommage an Chaplin, sondern als völlig deplatzierten Anachronismus empfinde.

Teil III (Erotische Geschichten aus 1001 Nacht) ist m. E. der schwächste Teil, was zum einen an zumeist unattraktiven Frauen, und zum anderen am ziemlich einfallslosen Drehbuch liegt, punktet aber mit kunstvollen Aufnahmen jemenitischer Architektur.

Gut möglich, dass ein Homosexueller (wie es auch Pasolini war) Teil I erotisch findet... Mich haben vor allem die Aufnahmen wunderschöner mittelalterlicher Architektur, die bunte spätmittelalterliche Atmosphäre und so manches "Galgengesicht" begeistert. Als einzigen Wermutstropfen empfand ich eine gewisse Langatmigkeit (Blutrache dreier Brüder) nach über einer Stunde grandiosem Bilderreigen.

An Teil II gefiel mir insbesondere die gute schauspielerische Leistung des reichen alten Lüstlings, der sich eine junge Frau zum Weibe nimmt, Pasolini's Bekenntnis zur Obszönität, das mit "Die 120 Tage von Sodom" eine neue Dimension annimmt, und das Ende, das Bosch's Höllenbilder zum Laufen bringt. Mit vier Sternen habe ich aufgerundet: 3 1/2 Sterne träfen meiner Einschätzung nach eher zu, da Teil I, den ich ebenfalls mit 4 Sternen bewertet habe, eindeutig besser ist.

Wer es niveauvoller (als die "Trilogie des Lebens") haben will und nicht zu zart besaitet ist, muss sich schon die kurz darauf gedrehte Marquis de Sade - Adaption ansehen, ein nicht nur äußerst morbider, sondern auch gesellschaftskritischer Film, der neben Ekel blanken Hass erzeugt: am liebsten würde man sich ins Geschehen einschleichen, um den mehr als dekadenten Hedonisten, allesamt Faschisten, den Garaus zu machen.

Wie man aber weiß, hat man Pasolini den Garaus gemacht...
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