Fashion Sale Hier klicken Jetzt informieren Neuerscheinungen Cloud Drive Photos UHD TVs Learn More sommer2016 HI_PROJECT Hier klicken Fire Shop Kindle PrimeMusic Summer Sale 16

Kundenrezensionen

4,0 von 5 Sternen
1
4,0 von 5 Sternen
5 Sterne
0
4 Sterne
1
3 Sterne
0
2 Sterne
0
1 Stern
0

Ihre Bewertung(Löschen)Ihre Bewertung
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel

Derzeit tritt ein Problem beim Filtern der Rezensionen auf. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.

am 23. Dezember 2012
Wie sind die ungeheuren Verbrechen des stalinistischen Regimes in den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts historisch und völkerrechtlich einzuordnen? Mit dieser forschungsleitenden Fragestellung setzt sich der amerikanische Historiker Norman Naimark in seinem hier zu besprechenden Essay auseinander. Das Buch basiert auf einem kürzeren Beitrag, den der Autor bereits 2008 in einer Festschrift zu Ehren von Robert Conquest veröffentlicht hatte.
Die Bewertung der unter der Führung von Josef Stalin begangenen Verbrechen ist dabei nicht unumstritten. Bis heute wird in linken Kreisen des politischen Spektrums die Behauptung vertreten, dass Stalin ein "Modernisierer" und "Kriegsheld" gewesen sei, der die Sowjetunion erst zur Weltmacht gemacht habe. Opfer und Verluste seien hierbei unvermeidlich gewesen und rechtfertigten sich letztlich durch den unbestreitbaren Erfolg.

Naimark hat für eine solche Argumentation nichts übrig. Sie verkennt aus seiner Sicht den völkermörderischen Charakter des roten Terrors, der sich durch nichts entschuldigen lässt. Er subsumiert die Verbrechen Stalins ausdrücklich unter der Kategorie des Völkermordes, auch wenn diese nicht immer von der klassischen Genozid-Definition erfasst werden. Die entsprechende UN-Konvention aus dem Jahre 1948 bezieht sich auf die angestrebte Vernichtung von ethnischen, nationalen, rassischen oder religiösen Gruppen. Sie schließt soziale und politische Gruppen aus, was auf einen starken Druck der sowjetischen Diplomatie zurückzuführen ist.
Für Naimark ist es deshalb sinnvoll und notwendig, den Begriff des Völkermordes umfassender zu interpretieren. Er kann sich dabei auf die internationale Strafgerichtsbarkeit berufen, die seit den neunziger Jahren das Völkerrecht in diese Richtung weiterentwickelt hat. Der Völkermord ist so zum ultimativen Verbrechen geworden, dass noch verwerflicher ist als Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Im sowjetischen Fall war es Josef Stalin, der den verhängnisvollen Weg in den Völkermord einschlug. Der gebürtige Georgier war durch seinen Lebensweg zunehmend radikalisiert worden. Seine entbehrungsreiche Kindheit und Jugend, sein Abgleiten in die Illegalität, die Oktoberrevolution von 1917, die Gewaltexzesse des Bürgerkrieges und der sich anschließende innerbolschewistische Machtkampf verhärteten ihn derart, dass er keinerlei Skrupel oder Hemmungen im Umgang mit seinen realen und eingebildeten Feinden mehr hatte.
An ambitionierten Helfern und Vollstreckern bestand gleichfalls kein Mangel, so dass systematische Angriffe auf wechselnde und sich teilweise überlagernde Zielgruppen schnell und konsequent erfolgen konnten. Zu diesem Zweck mobilisierte die politische Elite die Staatsgewalt und lieferte mit Hilfe des Marxismus/Leninismus bzw. Stalinismus noch eine ideologische Scheinbegründung.

Der Massenterror, der schon bald völkermörderische Dimensionen annahm, setzte zu Beginn der dreißiger Jahre mit dem Kampf gegen die sogenannten "Kulaken" ein. Diese Gruppe von relativ wohlhabenden Bauern sollte im Rahmen der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft eliminiert werden. In der Praxis lief dies auf einen erbarmungslosen Feldzug gegen die Landbevölkerung hinaus, wobei Enteignungen, Vertreibungen und Massenmorde zum Einsatz kamen.
Eine Folge dieser Gewaltmaßnahmen bestand in der Hungersnot, die insbesondere die Ukraine hart traf. Hier verhungerten Millionen von Menschen, ohne dass der Staat etwas zu ihrer Rettung unternahm. Es kam Stalin sogar entgegen, weil er die ukrainische Kultur und deren nationales Selbstbewusstsein ohnehin hasste.
Andere Volksgruppen, wie Polen, Deutsche oder Koreaner gerieten ebenfalls in das Visier der ungehemmten Staatsgewalt. Sie wurden unter unmenschlichen Bedingungen in abgelegene Gebiete deportiert, wobei viele von ihnen schon beim Transport starben.
Zu weiteren Opfern des Regimes wurden Menschen, die als asozial eingestuft wurden. Obdachlose, Prostituierte, Arbeitslose und weitere Randgruppen passten nicht in das Wunschbild einer sozialistischen Gesellschaft.
Schließlich gerieten in den Jahren des "großen Terrors", der von Herbst 1936 bis Ende 1938 tobte, die Funktionäre von Partei und Staat selbst in die Mühlen der Gewalt. Viele der Täter wurden so zu Opfern des eigenen Unterdrückungsapparates, den sie eigenhändig mit aufgebaut hatten.

Im letzten Kapitel seines aufschlussreichen Buches vergleicht Naimark noch die monströsen Verbrechen von Hitler und Stalin miteinander. Obwohl Hitler für ihn die extremere Form des Völkermordes verübte, relativiert sich dadurch keinesfalls die Verantwortung von Stalin. Sie waren beide Völkermörder, die ihre Gesellschaften ruinierten und ihre Staaten ins Verderben führten.
Kritisch bleibt anzumerken, dass Naimark einen zu klaren Trennungsstrich zwischen Lenin und Stalin zieht. Für ihn beginnt die Phase des Völkermordes erst mit der Herrschaft Stalins. Er unterschätzt hierbei die Kontinuität der extremen Gewalt, die bereits unter Lenin einsetzte. Das kurze Zwischenspiel der "neuen ökonomischen Politik" diente lediglich als ein taktisches Manöver zur Machtkonsolidierung. Stalin erwies sich insofern als gelehrsamer Musterschüler und "kongenialer" Nachfolger von Lenin.
Die Ausführungen von Norman Naimark werden durch diesen Kritikpunkt aber in ihrer Relevanz kaum geschmälert. Sie sind und bleiben absolut lesenswert.

Jürgen Rupp
0Kommentar| Eine Person fand diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
Benötigen sie kundenservice? Hier klicken

Gesponserte Links

  (Was ist das?)