Rezension aus Deutschland vom 21. Januar 2013
Dieser Dialog Platons (427-347 v. Chr.) gehört zu den Frühdialogen, zu den kürzesten aber anspruchsvollen und ist gleichzeitig einer des bekanntesten. Sokrates und Euthyphron treffen sich am Amtssitz des obersten Richters Athens. Euthyphron hat Klage gegen seinen Vater wegen Mordes erhoben, Sokrates ist angeklagt der Asebie (Gottlosigkeit), wegen der er später zum Tode verurteilt wird (Apologie, Kriton, Phaidon). Sokrates empfindet, dass es nicht Sache des Sohnes sei, seinen Vater anzuklagen. Dieser jedoch verweist auf sein Wissen der Frömmigkeit, behauptet gar, das "Wesen der Frömmigkeit" zu kennen. Das Stichwort für Sokrates ist gefallen, die Bitte, dieses zu erklären, folgt auf dem Fuße und der dialektische Teil des Dialoges beginnt.
"Fromm ist, was den Göttern lieb ist", so Euthyphron als einfache, aber für Sokrates unbefriedigende Erklärung. Die Erweiterung auf alle Götter schlägt ebenso fehlt, das Fromme als Teil des Gerechten zu sehen, befriedigt ebenso wenig und der vierte Versuch ist der Rückzug auf den zweiten. Euthyphron sieht sich dennoch als Wissenden, versucht sich mit Sokrates zu verbünden ("Aber gleichwohl sind sie auf UNS alle neidisch ..."), indem er das "daimonion" bemüht, aber Sokrates abzuwehren weiss, indem er über den Ablauf des Prozesses nichts sagt, außer: "dass weiß außer EUCH Sehern kein Mensch".
Mit Euthyphron entwirft Platon ein Bild eines Menschen, der sich in Selbstherrlichkeit präsentiert, dass er die nahezu ätzende Ironie, mit der Sokrates ihn behandelt, nicht einmal wahr nimmt. Aber - und so ist Platons Absicht - dem Leser in der Identifikation des Guten (Sokrates) dieses ins Auge springt. Sokrates Bitten, ihn als Schüler (mathetes) zu nehmen und ihm Wissen (sophia) über Frömmigkeit zu lehren (didaskein), damit er seinen Prozess gewinne, wird überhört. Sokrates Bösartigkeit, denn er wiederholt seine Bitten immer wieder, stellt Euthyphron Schach matt. Dieser zeigt sich als dumm. Selbst sein Name (übersetzt: "gradliniger Denker") wird zum Hohn, die blanke Ironie schlägt durch, weil Sokrates ihn in der Dialektik im Kreise (an der Nase) herumführte, in den übertriebenen, sarkastischen Bitten nach Unterricht zusätzlich blamierte. "Und bei einer solchen Erklärung kannst du dich noch wundern, wenn es zu Tage tritt, dass deine Sätze nicht an einer Stelle bleiben, [...] und du bewirkst, dass sie im Kreise herumlaufen".
Platons Verachtung spiegelt sich im Leser, insbesondere in der Parteilichkeit für Sokrates. Man spürt, dass Euthyphron das Fromme weder kennt, dass er in der Diskussion sich geistig beschränkt zeigt und letztendlich moralisch korrupt sein mag.
Platon mag die Selbstzufriedenheit der religiösen Haltung anprangern oder karikieren. Er hat eines sicher gestaltet: er hat den Niedergang vorbereitet. Er lässt Euthyphron in die Anstrengung laufen, seine Gedanken zu entfalten, seine tradierten Wurzel als Beweis zu entdecken und bietet ihm Platz, mit Talenten zu glänzen. Er hebt ihn hoch in einen Dialog, der am Ende in sich zusammenfällt und die ironische Bemerkung Sokrates, er möge von vorn beginnen, lässt ihn nur erinnern an eine plötzliche Verabredung. "Ein andermal also, mein Sokrates, ..." Unbeirrt und unbelehrt zieht er von dannen.
Was passiert dem Leser? Dieser versteht am besten die Täuschung, der ein anderer sich hingibt. Und der Leser merkt es gern, denn er ist auf der Seite Sokrates. Aber nach dem kurzen Dialog macht er vielleicht gleiches. Er klappt das Heft zu und geht wie Euthyphron den Alltagsdingen nach. Diese sind nicht geeignet, sich möglicher Selbsttäuschungen zu stellen. Platon nimmt Euthyphron stellvertretend für den Leser, Euthyphron ist für die Ironie des Sokrates nur ein Mittel. Platon zielt auf den Leser des Dialogs. Der Dialog fordert auf, Leben und Anschauung zu harmonisieren, Überzeugungen zu gewinnen, gemäß das Leben gelebt werden kann, das Leben in den Einklang mit den Argumenten zu bringen, die man vertritt.
Aber es bleibt die Frage, ob überhaupt für das Fromme (im übrigen gilt dieses für die Tugend (arete)) eine Überzeugung formuliert werden kann. Kann Frömmigkeit wie arete gelehrt werden? Das ist die Frage und es bleibt in aller Abwägung eines über, nämlich dem zu folgen, was zu begreifen ist und für vernünftig gehalten wird. Will man erkennen, ob ein anderer fromm oder tugendhaft ist, muss man es selbst bereits sein. Die paradoxe Konsequenz in den Sokrates-Dialogen ist: nur ein guter Mensch kann einen guten erkennen. Das daraus folgende Problem: Wie wird man tugendhaft? fordert eine dialogische Verständigung, in der alles vorläufig definitiv bleibt, solange bis die Schlussfolgerung wahr wird dadurch, dass dialektisch bewiesen, die angebotenen Alternativen unwahr sind. Noch heute verfährt die Rechtswissenschaft in diesem Sinne.
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