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am 7. Juli 2017
Küchenhilfe Theo Stöhr (Jürgen Vogel) rastet aus, verlässt den Arbeitsplatz und fährt in die Dünen. Er lauert einer jungen Frau auf, zerrt sie vom Fahrrad und vergewaltigt sie brutal, nachdem er ihr mehrfach mit der Faust ins Gesicht geschlagen hat.
Gut 9 Jahre später in der forensischen Psychiatrie, wohin er wegen 3facher Vergewaltigung und schwerer Körperverletzung verbracht worden war, sitzt vor Theo einer Kommission, die über seine Freilassung entscheiden soll. Er meint, seinen Trieb im Griff zu haben, als Rettungsanker habe er die Psychiatrie, ehe er wieder rückfällig werde. Er kommt in einer WG mit dem Sozialarbeiter Sascha (André Hennicke) in Müjheim/Ruhr unter und findet Arbeit in der Druckerei von Claus Engelbrecht (Manfred Zapatka), wo wir auch dessen knapp 30jährige Tochter Netti (Sabine Timotei) erleben, die völlig unter der Fuchtel ihres Vaters zu stehen scheint.
Um Druck abzubauen geht Theo mit Sascha in einen Kampfsportverein oder onaniert. Abends geht er durch die Stadt, mehrfach in ein Lokal, die Kellnerin spricht er später zaghaft an, aber sie hat kein Interesse, mit ihm auszugehen.
Eines Tages lernt er Nettie kennen, ehe es aber zu einer engeren Beziehung kommt, geht sie zu einem Praktikum nach Belgien. Theo reist ihr nach, und da er kein Hotel findet, übernachtet er in ihrem Zimmer aiuf der Bettcouch, als Netti erwacht. liegt er neben ihr, schlafend. Abends holt er sie ab, und in einer leeren Kirche singt eine Sopranistin das "Ave Maria".
Zurück in Mülheim zieht Theo zu Netti, Sascha hat seinen Job verloren und ist nach Berlin gegangen.
Als Netti eines Abends mit anderen Leuten ausgeht, irrt Theo durch die Stadt und vergewaltigt schließlich in einem Parkhaus eine Frau ähnlich brutalst wie zu Beginn.
Er beichtet die Tat Netti und beendet seine Beziehung zu ihr - und sein Leben.

Musste der Film so lang (ca.160 Min.) und insbesondere der Beginn derart drastisch brutal sein, dass mancher ihn nach der Szene nicht weiter angesehen hat? Unbedingt, die Szene ist kein Selbstzweck und dient nicht der Befriedigung von Gewaltphantasien entsprechend veranlagter Zuschauer. Der Film zeigt in zahlreichen Szenen und Begegnungen Theos Bemühen, Kontakte zu knüpfen, seinen Trieb in den Griff zu bekommen, gipfelnd darin, dass er in die Wohnung einer schlafenden Frau, die er verfolgt hat, eindringt, die Bettdecke langsam wegzieht, seine Hand nähert sich dem halb entblößten Körper - und er zieht wieder ab! Man kann Mitleid mit ihm bekommen, die Anfangsszene ruft uns immer wieder drastisch in Erinnerung, welch grausamen Taten er begangen hat. Mit Netti hat er sowas wie einen Halt gefunden, aber eine Kleinigkeit reicht schon aus, dass sein Trieb wieder die Überhand gewinnt.

Der Film wirft mehr Fragen auf als er beantwortet.
Ist Theo durch seine Kindheit zum Triebtäter geworden oder durch eine angeborene Anomalie? Als Psychopath, Autist oder Homosexueller wird man geboren, wie ist es bei Triebtätern? (Wen das Nebeneinanderstellen dieser 3 Personengruppen befremdet oder empört: es sind wertfrei Anomalien genannt, nicht jeder Psychopath muss zum Verbrecher werden.)
Warum landete Theo in der forensichen Psychiatrie (maßregelvollzug) und nicht im Gefängnis? Wie sah seine Therapie aus?
Darf man Menschen wie Theo wieder"auf die Menschheit loslassen", geht nicht Opferschutz vor Täterschutz?

Bei Wikipedias Beurteilung des Filmes wird die Freudsche Instanzenlehre (Es, Ich und Über-Ich) herangezogen, eine Kritik beklagt das pessimistische Menschenbild, der Film gehe von deteministischen Verhaltensmustern aus, in denen Veränderungen keinen Platz hätten.
Der Vorwurf trifft m.E. nicht zu. Bei Theo setzt sich das Es (Trieb) gegen das Über-Ich (Moral, gesellschaftliche Normen) durch, es wird auch Menschen geben, die mit oder ohne Hilfe ihre abnormen Gelüste beherrschen können.

Das Beherrschen der dunklen Triebe, der Kampf eines schwachen Ich im Konflikt Es / Über-Ich, das macht dien Faszination des Filmes aus. Fast immer wenn wir Theo alleine mit einer Frau sehen(z.B. Bahnsteigszene, in der er sich kaum traut, zu der Frau zu blicken), erinnern wir uns an den brutalen Vergewaltiger in den Dünen und haben Angst, dass er jetzt wieder rückfällig wird. Wieviel schwächer wäre unsere Sorge wohl, wenn die Szene am Anfang nicht gezeigt worden, sondern z.B. "nur" in einer Verhandlung geschildert worden wäre. Wie schon gesagt, die Szene war notwendig.

Der Film ist mit den vier genannten Darstellern vorzüglich bessetzt, neben dem wie oft überragenden Jürgen Vogel möchte ich auch Sabine Timotei hervorheben, die Netti eine Zerbrechlichkeit, ein Zerbrochen-Sein durch den Vater verleiht, die aber manchmal auch ein bezauberndes Lächeln zeigen kann. Einem Rezensenten, der sinngemäß behauptet, die Rolle wäre angesichts der übrigen Darsteller eine Nummer zu groß für sie, kann ich nur widersprechen, ich glaube, nicht viele Darstellerinnen hätten die Rolle derart gut spielen können wie die damals 30jährige Schweizerin.
Auch Netti ist eine tragische Figur. Sie stand ihr Leben lang unter den (vielleicht inzestuösen) Fittichen des Vaters, hat sich endlich etwas befreit und ihr eigenes Leben mit eigener Wohnung begonnen, die mt herzzerreißendem Schreien begleitete Trennung und zuletzt das Ende von Theo läßt vermuten, dass dieser "Ausbruch" vorbei ist, der Vater wieder die Kontrolle über sie erlangen wird.

In meiner Überschrift steht das Fleisch für das Es, für den krankhaften Trieb, das Ich, die schwache Persönlichkeit mit geringer Frustrationstoleranz und Impulskontrolle, ist hier nicht in der Lage, das Es im Sinne des Über-Ich zu kontrollieren.

Der Film ist harter Tobak, geht an die Nieren, der Stoff lässt sich nicht auf alle Triebtäter übertragen, sondern nur auf diesen Theo, der von Jürgen Vogel genial gespielt wird, mit einer großartigen Sabine Timotei, deren Liebe nicht ausreicht, ihm einen Halt zu geben und seinen kranken Trieb zu kontrollieren.
Ein Mitrezensent bescheinigte ihr das interessanteste Gesicht, das er zuletzt im Film gesehen hätte, dem schließe ich mich gerne an.

Doc Halliday
99 Kommentare| 5 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich? Missbrauch melden
VINE-PRODUKTTESTERam 2. Januar 2008
ich habe den film grade gesehen und bin immer noch teilweise überwältigt.ich habe im vorfeld schon viel von dem film gehöhrt( leute haben schockiert den kinosaal verlassen etc.) und wollte mir nun selbst ein bild machen.

vorweg:der film ist nichts zum zwischendurch sehen!er fordert den zuschauer einiges ab und verstört ihn streckenweise.nach dem film kann man nicht einfach wieder abschalten.

grade die erste vergewaltigungsszene ist erschreckend drastisch und realistisch, was bei einigen zuschauern zum abschalten des filmes führen könnte.aber grade dieses intensive, realistische ist gewollt und erzielt die wirkung, die sie erzielen soll. der zuschauer soll den protagonisten( ich ziehe meinen hut vor jürgen vogel) abstoßend finden um dann anschließend seine entwicklung distanziert zu beobachten, dann nachvollziehen und seine meinung bilden.

der film behandelt ein schweres thema und niemand darf da erwarten, dass der vergewaltiger wattebällchen schmeißt.der film ist hart und verstörend aber grade das macht ihn so realistisch und dadurch so intensiv und beklemmend.in verbindung mit der (hand)kamera und des weglassens von filmmusik wird der film noch realistischer.

der einzige kritikpunkt für mich liegt darin, das einige szenen einfach zu lang sind( oft sieht der zuschauer minutenlang nur ein gesicht in der kamera).

ich empfehle diesen film jeden, der sehen will, was deutsches kino kann und im vorfeld auf nicht leicht zu verdaunde filmkost eingestellt ist.
sehr interessant ist das interview mit dem regisseur auf der bonusdisc!!
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am 29. September 2014
Leise erklingen die sphärischen Klänge von Schuberts "Ave Maria" durch eine fast menschenleere Kirche.
Eine einzelne Sopranistin singt die wehmütig, betörende Melodie und zwei Menschen lauschen ergriffen der feierlichen Harmonien.
Zwei Menschen, unsagbar verfangen in ihren eigenen psychischen Dämonen, unfähig zu einer offenen, vertrauensvollen Kommunikation, eingeschlossen in ihrem eigenen unausweichlichen Teufelskreis.
Und doch scheint die Ahnung einer wie immer gearteten vielleicht spirituellen Erlösung plötzlich durch dieses Lied in der Luft zu liegen.
Ein Herbeisehnen von einer übergeordneten, vielleicht verzeihenden mystischen (Gottes ) Kraft.
Theo Stoer blickt mit Tränen in den Augen nach oben, neben ihm in der Holzbank, ganz nah und doch so weit entfernt die junge Nettie.
Beide Menschen, Ausgeschlossene der Gesellschaft, immer am Rande des labilen, destruktiven Gefühlschaos.
Nettie, ein Leben lang ihrem Vater hörig , und nun erstmals seit 28 Jahren im Begriff ein selbstbestimmtes Leben zu führen, hat sich verliebt.
Verliebt in das menschliche Monster , das neben ihr sitzt.
Jürgen Vogel als Vergewaltiger Theo Stör.
Das ist eine Tour de Force der Schauspielkunst, in einem Film der so quälend niederschmetternd den Zuschauer so tief in den Fernsehsessel drückt, dass ihm das Atmen schwer fällt.
Film als unerträglich intensive, gleichzeitig in mutigster Weise ambivalent neutrale Inszenierungskraft.
Kunst, die weht tut, den Zuschauer immens fordert, ihn gnadenlos zurückwirft auf eigene Empfindungen, eigene Ängste und noch lange nach dem dreistündigen Blick in die finsteren Abgründe der Seele in der Psyche weiterarbeitet.
Ein Film, der in seiner furchteinflössend, äusserst intimen Atmosphäre wie ein langer ruhiger dunkler Fluß uns mehr und mehr in Untiefen ertrinken lässt.
Vergewaltigung ist das Thema, und Regisseur Mathias Glasner inszeniert ohne Kompromisse oder Rücksicht auf uns.
"Der freie Wille" ist von schonungsloser Ehrlichkeit., schlägt uns ins Gesicht, verdeutlicht von Anfang an, dass es hier keine Aussöhnung, auch kein Mitleid oder Verständnis für einem Menschen geben wird, der in sich die Hölle auf Erden trägt, und sie gleichzeitig seinen hilflosen Opfern auch bereitet.
Zerquält vom Schuldgefühl, zerrissen vom steten Drang, das auszuleben, was an zeitbombenhafter Aggression in ihm steckt agiert Jürgen Vogel hier seelisch und körperlich nackt. Unfassbar nah kommen wir ihm in seiner kümmerlichen , verstörten Existenz und damit verbunden seiner schockierenden Gefährlichkeit .
Ein emotionslos, reportagehafter Blick auf eine Welt der Verdammnis.
"Ich wollte den Werdegang zweier ausgestoßener Menschen erzählen", , so Glasner in einem Interview.
Kein Sozialdrama, kein moralinsaures Erbauungsdrama mit erhobenem Zeigefinger.
Glasner inszeniert Theos alltägliches Handeln .Die Kamera folgt ihm auf Schritt und Tritt.
Das stete Verhängnis, die ständige Angst vor einem Rückfall zerfrisst nicht nur den Hauptdarsteller sondern auch uns als Zuschauer. Mit dieser ständigen Beobachtung der Kamera, werden auch die beiläufigsten Szenen zu unangenehm packenden, ahnungsvollen Mosaiksteinchen.
Theo bei der Arbeit, beim Einkaufen, beim Kraftsporttraining, an der Bushaltestelle. Jede ruhige Bildinszenierung atmet Trostlosigkeit, und tiefe Verunsicherung.
Hektisch hören wir sein Atmen, wenn er alleine an der nächtlichen Haltestelle mit einer jungen Frau zusammen auf den Nachtbus wartet.
Und wir zucken vor Anspannung zusammen, wissen wir doch seit den ersten fünfzehn Minuten des Films zu was dieser verschlossen schüchtern wirkende Mensch fähig ist.
Damals war Theo irgendwo an der Ostsee als Küchenhilfe tätig.
Ein kleiner Moment der Frustration reichte aus , um ihn scheinbar ziellos durch die Dünen streifen zu lassen.
Eine zufällig vorbeikommende Radfahrerin wird mit blitzartiger Wut von ihm überwältigt, in die Hügel geschleift, blutig geschlagen, vergewaltigt.
Diese Szenen wirken in ihrer schonungslosen Drastik so entsetzlich wie eins in Noes "Irreversible".
Es ist Glasners Kamera die mitleidlos , bis in kleinste Details, die Angst, die Nacktheit, das Wimmern, die destruktive Kraft festhält.
Hilflos Opfer werden eines erbarmungslosen unbekannten Täters, der Würde beraubt, geschändet , der Körper zertrümmert- Eine Grundangst des Menschen auch durch die innewohnende wahllose Unberechenbarkeit und grausame Sinnlosigkeit.
Glasner überschreitet hier Grenzen jedweder herkömmlichen Darstellung.
"Wir wollten so schonungslos ehrlich sein wie möglich und nicht uns , wenn wir schon eine Geschichte von Vergewaltigung erzählen, feige hinter Andeutungen verstecken".
Gerade mit dieser Ausführlichkeit und hemmungslosen Zeigefreudigkeit könnte Glasner Gefahr laufen, (eine Gefahr , die übrigens auch Hanekes "Funny Games" innewohnt), daß mancher Zuschauer bereits hier "zumacht" und sich nicht mehr auf die Hauptperson für die kommenden zweieinhalb Stunden einlassen will.
Doch durch die unkonventionelle schier beispiellose Authentizität nicht zuletzt durch die Schauspielkunst aller Beteiligten hält uns das Werk psychisch gefangen, läßt uns hilflos und verstört in seiner messerscharfen Präzision mitfiebern. mitleiden, in grosser innerer Ambivalenz zu dieser Figur.
"Ich bin nun ein anderer, und ich will ein gutes Leben führen "- nach neun Jahren kommt Theo frei, und versucht verzweifelt sich in einer veränderten Welt wieder zu resozialisieren.
Stets wandert er auf dem schmalen Grat zwischen einem neuen verhängnisvollen Rückfall und dem verbitterten Versuch Fuß im gesellschaftlichen Leben zu fassen.
Phantastische urbane Nachtbilder, wenn diese zutiefst einsame Kreatur ohne Halt ziellos durch die glitzernden kalten Strassen Berlins wandert.
Sexuelle Reizüberflutung allerorten vor denen er ängstlich die Augen verschließt, hilfesuchende Anrufe bei seinem Sozialhelfer, stupider ständiger Kraftsport in seiner düsteren Etagen Wohnung.
Jürgen Vogel als von inneren Dämonen zerfressener Mensch, der um seine Taten weiß, dessen Gewissensqual in ständig zu Boden drückt und der sich dennoch im wieder aufbäumt das Gute zu tun und letztlich, das impliziert die hoffnungslose Bitternis des Films, scheitert. Nie eigentlich eine Chance hatte, dem Kreislauf zu entkommen.
Zerrissen sind wir Zuschauer, diesem Täter (und auch uns selbst ) dann doch eine Erlösung von seinen inneren Kämpfen zu wünschen und gleichzeitig Angst und Abscheu diesem Mann gegenüber zu empfinden.
Mathias Glasner manipuliert unsere Gefühle in exzellenter Weise, macht klare innere Stellungnahmen und Schwarz- Weiß Denken nahezu unmöglich.
Panik vor dieser unkontrollierbaren Bestie, die ständig emotional überreagieren könnte, erfüllt uns sehen wir ihn zwanghaft, an den flackernden Bildschirm gelehnt vor einem Pornofilm onanieren, oder noch nervenzereissender sich den Zugang des nachts in das Schlafzimmer einer jungen Frau verschaffend. Und doch sind wir selbst ebenfalls die Voyeure, die sich am nackten schlafenden Körper der Unbekannten ergötzen, und doch gleichzeitig beten Theo mögen so schnell wie möglich hier wieder verschwinden.
Eine Form von Anteilnahme erleben wir andererseits, sehen wir seine quälenden Versuche sich tagsüber in ein gesellschaftliches Umfeld eingliedern zu wollen, oder hilflos die richtigen Worte im Gespräch mit einer Kellnerin zu finden.
"Ich wollte sie fragen. ob sie vielleicht einmal mit mir ausgehen ?"
Einen genialer Drahtseilakt an Gefühlsirritationen beinhaltet dieser Ausnahmefilm.
Auf trügerische Weise keimt plötzlich etwas Hoffnung in diesem pessimistischen Seelendrama auf.
Theo lernt Netti kennen.
Zwei labile Menschen fühlen sich sehr oft zueinander hingezogen. Und so ist Nettie ebenfalls nicht gerüstet für ein Alltagsleben. Seit fast dreissig Jahren in emotionaler (vielleicht auch sexueller Hörigkeit) zu ihrem alten despotischen Vater gefangen, versucht sie ebenfalls aus ihrem inneren Gefängnis auszubrechen.
Könnte es möglich sein, das beide aneinander gesunden?
Theo, der aufgrund seiner Instabilität nur Zugang zu Frauen durch den schrecklichen Umweg von Hass und Gewalt findet.
Nettie, die vielleicht hier zum ersten mal Vertrauen , abseits der Klauen ihres Vaters aufbauen könnte.
Beider Einsamkeit ist grenzenlos.
"Ich mag keine Männer" sagt sie beim ersten zaghaft schüchternen Treffen in einem Café zu Theo.
'"Das ist gut, ich mag auch keine Frauen ". Diese Ebene gibt beiden Sicherheit. Sicherheit vor Verletzung, Sicherheit vor wahrer Intimität.
Könnte das der Weg zu einer Erlösung, einem sich zart anbahnenden Neuanfang sein .
Ein "Ave Maria" in der Kirche, doch Mathisas Glasners Film kennt keine Gnade.
Minutenlang im bläulichen Gegenlicht unbewegt, werden wir Jürgen Vogels Gesicht sehen bevor durch eine Nichtigkeit die böse Seite in ihm die Überhand gewinnen wird.
Ein Triebtäter, bei dem es nicht mehr ums Wollen , sondern um das zwanghafte Ausagieren - Müssen geht.
KIndlich entsetzt wird er danach vor dem Spiegel im Badezimmer zusammenbrechen, sich hilflos sein Geschlechtsteil abwaschen. Ein Bild des Jammers und ein Bild urbanen Horrors in einer Person.
Die Theorie vom freien Willen ist bei Glasner eine Farce.und die bittere Erkenntnis nach drei Stunden ist wohl oder übel die beständige Gefangenschaft in unfreiwilligen geistigen Gefängnissen, die jede Rebellion letztendlich ad absurdum führt.
Wie ein Sisiphos immer aufs neue scheitert einen Felsblock den Berg hochzuhieven, so scheitert auch Theo aufgrund seiner Persönlichkeitsstruktur immer wieder an dem Versuch seine Triebe langfristig zu domestizieren.
Am Ende bleibt der Tod als einzige Erlösungsform.
Bietet Glasner irgendwelche Erklärungen für das Handeln seiner Personen ?
Nein, der Film verschließt sich jedweden einfachen kausalen Gedankenketten um Ursache und Wirkung.
Das Böse im Menschen. es ist einfach da. Lauernd, sinnlos, unkontrollierbar.
Kranke Psychen, denen wir in ihrem Leid und in ihrem Erzeugen anderer Leiden folgen, in einem facettenreichen Filmpanorama, das sich jedweder normalen linearen Erzählstruktur widersetzt.
Wir begleiten eine verdammte Seele und werden unfreiwillig zu einem guten Bekannten, auch wenn wir uns dem widersetzen wollen. Jede Hoffnung, jedes kleine Glück wird vom grösseren Verhängnis wieder zunichte gemacht.
Nicht einmal die Liebe ist ein Ausweg, eher ist sie sogar selbst noch Auslöser.
"Der freie Wille " ist ein Abgesang auf den Homo- Sapiens an sich. Wie Theo Stoer agieren auch alle anderen in dem Film wie hilflose Fremdkörper, Täter und Opfer zugleich.
Verstörend morbide Bilder wenn der alte Vater des nachts mit seiner weinenden Tochter Nettie einen Schmuseblues tanzt.
Schockierend auch wie Gewalt zu Gegengewalt führt als Nettie von einem ehemaligen Opfer Theos auf einer Toilette mit einer Klobürste vergewaltigt wird, um sie ebenfalls die damaligen Leiden der Frau spüren zu lassen.
Bleibt in einer solchen aus den Fugen geratenen Welt der Akt des Sterben als einzige Form von Gnade und liebender Erlösung.
Wie ordnen wir eine Täter wie Theo Stoer ein ?
Das Perfide des Films ist, dass er uns eine Stellungnahme verweigert.
Ein Monster, das zutiefst menschliche Züge trägt und umgekehrt -das ist das wahre Grauen, das mitten unter uns existiert.
Entsetzliche Taten , die alle, Täter und Opfer zugleich ein Leben lang seelisch verkrüppelt in die ewige Hölle zieht.
Das Warum wird nie im Film beantwortet, die Vergangenheit aller Personen nur spärlich beleuchtet.
Nichts wird erklärt und das bietet somit unsagbar viel Spielraum für eigene Assoziationen und Denkansätze.
Jahrelang hat das Filmteam Recherche betrieben ,was die forensischen , psychatrischen Hintergründe dieses Dramas betrifft.
Letzlich muß man wohl sagen. Es gibt das Böse auf der Welt.
Unerklärlich, eine Geisel für das Opfer, den Täter, die gesamte Gesellschaft.
Hat der Triebtäter die Möglichkeit aus freien Stücken zu handeln, oder sind seine Taten das quälende Symptom eines Zwangs ?
Beide Antworten sind gleich erschreckend.
Glasners Film ist somit eine zutiefst verunsichernde , unglaublich kräftezehrende Auseinandersetzung mit genau dieser Fragestellung.
Nachvollziehbar, wer sich nicht knapp drei Stunden darauf einlassen will.
Allen anderen sei dieser unverfälschte harte, tief berührende und gleichzeitig vor Wut aufschreiend machende Film dringend empfohlen. Ganz grosses Kino.
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am 14. April 2017
Es ist ein Arthouse Film. Das sagt schon viel. Hier gibt es kein leichtgängiges Popcorn Kino. Und man fühlt sich auch nicht gut während man den Film guckt. Und auch danach nicht. Ich bin ein eher hartgesottenes Gemüt, aber diese Film hat mich schon an meine Grenzen gebracht. Ich habe ihn zuende gesehen und werde ihn auch kein zweites Mal sehen. Dieser Film ist nichts für Leite mit zartem Gemüt oder Leute, die selbst schonmal Opfer sexueller Gewalt waren, bzw. sollten diese sich im klaren sein, was sie hier erwartet.
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am 2. Januar 2013
Vorweg:

Meine Rezension bezieht sich nur auf den Film - wer Informationen zum beworbenen Film-Paket und den enthaltenen Extras sucht, kann meine Rezension einfach überspringen.

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INHALTLICHER ANSATZ:
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Theo Stoer (Jürgen Vogel), ein im Massregelvollzug therapierter Sexualstraftäter, versucht sich nach über neun Jahren wieder in die Gesellschaft zu resozialisieren. Das alte Problem wird mehr und mehr zur erneuten Herausforderung. Nettie Engelbrecht (Sabine Timoteo) versucht sich von ihrem Vater zu emanzipieren, der die Vater-Tochter-Bindung über Jahrzehnte hinweg zur Kompensation seiner eigenen psychischen Labilität ausgenutzt und sie damit emotional intensiv beschädigt hat. Die beiden Protagonisten, beide in ihrer Vertrauens- und Bindungsfähigkeit noch äußerst verletzlich, treffen aufeinander und nähern sich einander vorsichtig an.

VORWORTE:
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Zu allererst möchte ich klarstellen, dass "Der freie Wille" für mich nur auf den ersten Blick ein Film über einen "Vergewaltiger" war. Vielmehr handelt es sich dabei um die komplexe Darstellung psychischer Verletzung und der Versuche, trotz der persönlichen schweren seelischen Narben im alltäglichen Leben Fuß zu fassen. Um die Qualität des Films in seiner Gänze zu erleben ist es wohl notwendig, sich von dem polarisierenden Thema der sexualisierten Gewalt und der fortwährenden Verurteilung dieses "abscheulichen Vergewaltigers" zu lösen und eine offenere, hintergründigere Perspektive einzunehmen. "Der freie Wille" versucht, einem dies zu ermöglichen, ohne dabei jedoch die Abscheulichkeit und die gravierenden Konsequenzen der Taten dieses Mannes zu beschönigen oder auszusparen - ganz im Gegenteil. Und trotz allem Abscheu und Greuel den Theo Stoer in einem auszulösen vermag, ermöglicht uns "Der freie Wille" doch auch einen Blick auf den schwer gestraften und hilflosen Menschen hinter dem großen Thema der "Vergewaltigung". Natürlich schießen einem als Zuschauer immer wieder generalisierende Gedanken durch den Kopf ("Nützt der Massregelvollzug überhaupt etwas - sind Sexualstraftäter resozialisierbar?") aber ich denke, diese sind an dieser Stelle (wie auch sonst zumeist) völlig fehl am Platz. Hier geht es einzig und allein um das Schicksal ZWEIER individueller Menschen, nicht um DEN stellvertretenden "Vergewaltiger" oder DIE "Borderlinerin".

EINSCHÄTZUNG:
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"Der freie Wille" ist ein stellenweise zu 100 % expliziter Film, der sowohl schöne als auch abscheuliche Momente auf intensivste Weise darzustellen weiß. Er beschränkt sich ausschließlich darauf, Geschehnisse und Interaktionen zu zeigen - bewertet, verurteilt und beeinflusst dabei zu keiner Zeit. Das was gezeigt wird jedoch, ist weitestgehend hervorragend ausgewählt. Nicht selten wissen die dargestellten Szenen mit all ihren minimalistischen Nuancen weit mehr zu erzählen als noch so viele oberflächliche Dialoge. Auch gibt es keine stimmungskreierende oder lenkende Filmmusik. Der Beobachter wird in der Wirkung ganz sich und seinen eigenen Eindrücken überlassen.
Es handelt sich um einen sehr langen und ausführlichen Film, der in vielen Passagen auch auf alltägliche oder scheinbar unbedeutende Abläufe Bezug nimmt. Nachts um 2 Uhr gab es dann doch einige Phasen, in denen ich mir ein wenig mehr Beschränktheit und Kürze gewünscht hätte, jedoch würde ich für diesen müden Wunsch auch nicht auf nur einen einzelnen mitreißenden Moment verzichten wollen. Ich weiß nicht, ob eine kürzerere Version eine ebenso intensive Bindung zu den beiden Protagonisten ermöglicht hätte.
Die zweite Hauptperson Nettie wird vergleichsweise spät hinzugezogen, verleiht dem Film meiner Ansicht nach aber erst diejenige Vielfalt, Differenziertheit und Tiefe, die ihn zum absoluten Spitzenfilm macht. Was sich am Anfang noch als thematisch eindimensionaler Film über die interne und externe Resozialisierung eines Sexualstraftäters darstellt wird durch die zweite Hauptperson zu einer nachhaltig zermürbenden Geschichte über die authentisch ambivalente, hin- und hergerissene, verzweifelt mutige und immerwährend zwiegespaltene Gratwanderung zweier strauchelnder Seelen auf der Suche nach Stabilität, Sicherheit und Geborgenheit.
Vogel und Timoteo spielen absolut ausgezeichnet - insbesondere Nettie ist unheimlich authentisch und mitreißend dargestellt - eine so realistische Darstellung psychopathologischen Erlebens und Fühlens habe ich in Filmen bisher selten gesehen.

Alles in allem ein aufzehrender, erschütternder aber vor allem ausgezeichnet authentischer Film, der dem Zuschauer auf empathische Art und Weise den so wichtigen Perspektivenwandel ermöglicht, den es braucht, um hinter die Fassade menschlicher Abscheulichkeiten zu sehen.
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am 23. Mai 2015
"Der freie Wille" war im Jahre 2006 sicherlich einer der trübseligsten Filme des Jahres, jedoch zeichnet er sich genau dadurch aus, denn nur wenigen Werken gelingt eine derart authentische Darstellung eines Untergangs, des Verlorenseins und inneren Umkommens.
Obwohl die Hauptfigur aus überdeutlichen Gründen nicht gänzlich zum Sympathieträger wird, werden auch die nachdenklicheren Seiten selbiger hinterleuchtet, was zeitweise derart weit geht, dass die Umgebung als "Denkanregung" fungiert und der Protagonist einfach nur dabei gefilmt wird, wie er leb- und leidenschaftslos durch Straßen und Unterführungen wandelt, was wiederum dessen seelische Vorgänge des Inneren und Gedankenwelten unterstreicht, uns an selbigen zu 100 Prozent teilhaben lässt, die Grenzen zwischen Film und Wirklichkeit verschwimmen gar so sehr, dass wir nicht an diese glauben.
Um Unterhaltung zu erhalten, ersteht man dieses Psychogramm eines Films wohl weniger, war man doch eher bestrebt, eine fiktive Charakterstudie vorzunehmen und mutigen Schrittes keinerlei Rücksicht auf uns zu nehmen, doch sehen sollte man dieses Meisterwerk zweifelsohne, denn das Ergebnis ist erschreckend und beeindruckend.
Jürgen Vogel spielt die Hauptfigur mit hintergründiger Brillanz, trägt einen Film von Tragik und Dramatik, drastisch düster, aber bemerkenswert ehrlich, eine ganz und gar grandiose Vorstellung.
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am 3. September 2017
Der Film macht einen Sprachlos weil er so nah am Wesen des Menschen bzw. der dargestellten Personen ist. Es gibt in diesen Film, so wie im Leben selbst keine Täter sondern nur Taten und Opfer. Die Schauspieler samt Regie bringen dies Eindrucksvoll rüber, sodass ich hier einfach 5 Punkte geben muss, auch wenn der Film teils als sehr anstrengend erlebt wird.

Grosses Kino!
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am 30. Dezember 2007
Ein Film der sich der Pflicht zu unterhalten mit letzter Konsequenz entzieht. Wer auch nach fast drei Stunden nicht in der Lage ist die Protagonisten zu verabscheuen muss sich nicht schämen. Diejenigen, die sich nicht zum nachdenken angeregt fühlen, schon eher. Der Realitätsbezug ist hoch, die Darstellung glaubwürdig, die jahrelangen Recherchen sind erkennbar und die Umsetzung ist mehr als zweckmäßig. Ein besonderer, wichtiger deutscher Film.
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am 8. April 2007
Der Film ist gerade durch seine Länge von 164 Minuten !!!! so wirkungsvoll.
Was ihn für den Seher so schwierig und fast unerträglich macht ist die totale Sprachlosigkeit der"agierenden" Personen, vor allem im ersten Teil des Films.
Der Film fordet eine hohe Sensibilität für non-verbale optische visuelle Momente, hier werden wir aber durch wunderbare Darsteller wie Sabine Timoteo( "LÁmour") und Jürgen Vogel, ausgezeichnet bedient .
Ich habe in diesem Film Schmerz und Gewalt empfunden , auch die Unfähigkeit zu reden, zu schreien und zu lieben wahrgenommen, wie selten
in einem Film.
Ich habe in diesem Film aber auch einen wunderbaren starken Liebesfilm mit rührenden Szenen gesehen, wie lange nicht mehr.
Es gibt die Episode in Belgien , unser Blick weitet sich vielleicht zum
ersten Mal aus einer urbanen, kühlen, beklommenden "Welt" hin zu
Bildern von Strand, Meer und auch eine Pralinenfertigung können wir erleben-
dies geht einher mit den aufkommenden Gefühlen von Theo und Nettie, dem Versuch diese zuzulassen und sie auch einander zu zeigen,
(Höhepunkt das Ave Maria in der Kirche) um dann aber wieder in der visuell drückenden Atmosphäre u.a. in Mühlheim denoch zu scheitern.
Es geht hier nicht um das Warum ist jemand so, klarer wird das bei der Frau- hier gibt es klare Anzeichen für eine Inzestbeziehung zum Vater(Manfred Zapatka)- es geht um den Versuch einer leidenden gestörten
Person sich zu ändern , sich gegen seinen Trieb zu stellen, "normal " zu leben und den hoffungslosen Kampf auch mit Unterstützung (Liebe) nicht zu schaffen.
Liebe heißt hier am Ende des Films auch den freien
Wille des stark gestörten Mannes zu akzeptieren, sich selbst zu töten.
Wenn der Seher sich auf den Film einlässt wird er bis ins Unerträgliche die Momente eines Triebtäters im Kampf mit sich und anderen sehen, die sonst durch Schnitt oder Aus.- und Abblende nicht zu sehen sind.Der Regisseur Mathias Glasner (Fandango) lässt seinen Kameramann einfach draufhalten, was einfach die Stärke des Films ausmacht.
Deshalb hat der Film die bessere Wirkung im Kino , wo man als Zuschauer nicht wegguckt oder abgelenkt wird.Man hätte eine Stecknadel im Kino fallen hören, so still war es und einige Zuschauer rutschten immer tiefer in ihre Sessel.
Man kann dem Film vorwerfen , dass er nach
der Trennung der Beiden,
nicht mehr die Perspektive des Mannes , des Täters, folgt, sondern
die der Frau- und damit riskiert ein Melodram
zu eröffnen, aber ich sags mal ganz platt, mir hats so wie es war gefallen- ich habe nach dem Film noch viel durch die unausweichliche
Diskussion über den Film erfahren. Die 2.DVD ist hier von Vorteil
Deutscher Filmpreis für die Darsteller hätte ich mir gewünscht.

Lasst Euch auf den Film ohne Störungen ein nehmt Euch Zeit , die werdet ihr brauchen.
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am 24. Oktober 2007
Eines gleich vorweg: der Film ist nichts für "Freizeitcineasten", die sich eben mal eine DVD reinziehen wollen. Man muss sich (möglichst frei von Vorurteilen) auf den Film einlassen und darf sich getrost auf ein paar harte Stunden gefasst machen.

Über die Handlung und die Arbeit des Ensembles wurde hier schon genug geschrieben. Mir persönlich gefällt u.a. die Tragik der Figur des Sozialarbeiters, seine Machtlosigkeit, seine Resignation gegenüber den Tatsachen des Lebens. Fazit: Auch Sozialarbeiter sind Menschen. Nur dass ihr Scheitern (in diesem Fall wohl eher: Überforderung aufgrund persönlicher Probleme) schlimmstenfalls ihre Schützlinge ins Verderben stürzen kann. Unter anderem.

Der Film enthält sich bewusst jeder Bewertung der Charaktere und deren Handlungen. Das zwingt den Zuschauer dazu, sich selbst mit den teils unerträglichen Tatsachen auseinanderzusetzen. Die meisten sozialkritischen Filme verwöhnen uns mit schablonierten Denkmöglichkeiten. Das erlaubt uns in den meisten Fällen, uns von der eigenen "political correctness" überzeugen zu dürfen. Dies funktioniert bei diesem Film nicht. Erstens ist er kein sozialkritischer Film, er ist überhaupt nicht kritisch. Er erzählt. Zweitens lässt er uns mit unserer im Verlauf der Handlung frisch erworbenen Selbsterkenntnis gnadenlos allein. Das verstört. Drittens liefert er uns keinerlei Anhaltspunkte über die Ursachen der gezeigten Unsäglichkeiten. Einzige Erklärungsmöglichkeit ist unser eigenes Verständnis (oder Unverständnis) der Geschehnisse und deren Auslöser - wobei ich mir im Verlauf des Films mehrmals wünschte, nichts verstanden zu haben.

Bei jedem anderen Film hätte ich die ausschliessliche Arbeit mit der Handkamera als negativen Kritikpunkt aufgeführt. Hier führt diese Art der Kameraführung dazu, dass wir uns mitten im Geschehen wiederfinden. Es gibt demnach kein Entkommen, wir sind Teil des Ganzen und es hilft auch nicht, die Augen vor den weiteren Geschehnissen verschliessen zu wollen. Das gelegentliche Zittern des Bildes deckt sich mit den Empfindungen des Zuschauers - die erschreckendsten Szenen sind zugleich auch die zittrigsten.

Ob "Der freie Wille" Überlänge hat oder nicht, kann ich nicht objektiv beurteilen. Der Regisseur erwähnt in einem der Interviews (Bonus-DVD), dass eine der längeren Versionen ihm um Einiges kürzer vorkam. Paradox? Wohl eher nicht. Ich kann das durchaus nachvollziehen. Ich persönlich brauchte die ganzen "langen", ruhigen Szenen, um mich auf die verschiedenen Charaktere einstimmen zu können. In einigen Details hätte ich mir durchaus mehr Information gewünscht, z.B. das Verhältnis zwischen Nettie und ihrem Vater, das Unvermögen des Sozialarbeiters oder auch die nächtlichen Wanderungen Theos. Doch der Film funktioniert, so wie er ist. Ob weniger in diesem Fall wirklich mehr wäre - darüber lässt sich streiten!

"Der freie Wille" ist einer der besten Filme, die ich je gesehen habe. Ich würde ihn trotzdem nur mit allergrösster Vorsicht weiterempfehlen denn manche Menschen dürften erhebliche Probleme mit der geistigen Verarbeitung des Gesehenen haben.
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