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am 11. Februar 2017
Auch der 1930 erschienene Roman Hermann Hesses zeichnet sich durch die sprachliche Präzision und Variabilität aus, mit denen der Nobelpreisträger von 1946 seine vielschichtigen Gedankengänge modelliert – die als harmonischer Strom fließen, ohne jede Bruchstelle in fein justierter Geschwindigkeit und mit differenziertem Tiefgang.

In diesem Werk Hesses wird die Beschäftigung des Autors mit psychologischen Fragen besonders deutlich. Die Protagonisten Narziss und Goldmund repräsentieren die völlig gegensätzlichen und sich doch perfekt ergänzenden Grundmuster der Gefühls- und der Geisteswelt, von Yin und Yang.

Überdeutlich ist zu spüren, wie fasziniert Hesse von der Archetypen-Lehre des C. G. Jung gewesen sein muss. Von zentraler Bedeutung für Motive und Handlungsabläufe ist das psychologische Bild der Mutterfigur, die Hesse in vielfältigen Abwandlungen modelliert, kunstvoll, als Künstler eben. Die Nähe zur Psychologie zeigt sich auch an dem immer wiederkehrenden Phänomen der von Wahrnehmungen, Anmutungen ausgelösten „Erinnerungen“, fast so, als hätte Marcel Proust Pate gestanden.
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am 16. April 2016
Ulrich Noethen macht das natürlich absolut professionell, und der grundlegende Faden der Handlung bleibt auch erhalten ... dennoch fehlt ein wichtiges Kapitel, nämlich das, wo Goldmund während seiner ersten Reise zu einer Burg kommt und dort die ältere Tochter des Burgherrn verführt ... viel später, nach seiner Rückkehr nach Mariabronn, schnitzt er eine Madonnenfigur, deren Gesicht - und auch Gesichtsausdruck - nach dem Antlitz jener Rittertochter geformt ist: Goldmunds Meisterstück. Daß man das weggelassen hat, ergibt einen vollen Stern Abzug.
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Immer wieder zieht mich die Lebensgeschichte der beiden so gegensätzlichen und doch seelenverwandten Figuren Goldmund und Narziß in den Bann. Warum nur? Es ist wohl meine Empfindung, dass Hermann Hesse in dieser Erzählung eine tiefe Wahrheit unseres Daseins künstlerisch dargestellt hat.
Besonders an der Figur des Goldmund wird das Verzweifelnde unseres Daseins und der tiefe Riss des Lebens klar. Er, der in den Sinnen und der Seele reich begabte Künstler, greift mit vollen Händen ins irdene Lebensglück. Er genießt sein Dasein, er badet im Vollen des Lebens, er hat die Kraft der Liebe und er lernt den Sinn des Lebens kennen. Für ihn bedeutet das: Frauen zu lieben und sich ihnen hinzugeben. Liebe und Wollust, das trunkene und rechenschaftslose Spiel der Sinne und die Ungebundenheit und Freiheit des Landfahrers, der sich keinen gesellschaftlichen Zwängen beugt: das ist es, wonach dieser sinnenfrohe Mensch Goldmund drängt. Dies Leben wird von Hesse packend und eindringlich geschildert. Oberflächlich gesehen könnte man meinen: ein rundum glücklicher Mensch.

Aber in Wahrheit wäre dies völlig belanglos und nicht der Rede wert, wenn da nicht noch ein anderer Goldmund aufscheinen würde. Warum ist Goldmund bei allem Glück dennoch nicht ganz und gar glücklich, warum gibt es da einen letzten Rest von Grübeln über die Vergänglichkeit, die Zweifelhaftigkeit allen Treibens, das Nachdenken über den Tod und den Sinn des Lebens? Unnötige zweiflerische Gedanken? Nein, es ist die tief empfundene Trauer und das Wissen der Seele, die von jener Oberfläche des Lebens unangetastet bleibt. Es ist dies tiefe und stille Wissen, dass der Mensch nie und niemals aufgeht im schönen Schein des Lebens, in der Lustigkeit und im täglichen Trallalla, sondern etwas Höheres, Geistiges, Ewiges, vielleicht das Göttliche in sich trägt, aber auch die Trauer, dass dieser Kern unerreichbar bleibt, jedenfalls für uns Menschen, die aus Fleisch und Blut immer dem Sinnenspiel des Lebens verhaftet bleiben.

Was uns bleibt, ist immer nur die Annäherung. Als Künstler versucht sich Goldmund daran, Seele und Herz, Sinnlichkeit und Geist zu vereinbaren. In dem ein oder anderen großen Werk gelingt es ihm auch. Zum Beispiel dann, wenn er die Gebärden der Wollust, die den Mienen der Gebärenden und Sterbenden so ähnlich sind, oder tiefes Leid und ungeheures Glück in einem einzigen Ausdruck einer geschaffenen Figur festzuhalten und einzufrieren weiß für die Ewigkeit. Etwas schaffen, was ohne die Eitelkeit des eigenen Wollen befleckt aus dem reich empfundenen Sinnenleben geschöpft wird und doch den Geist des Ewigen und Unvergänglichen atmet. Viele kennen diese Erhabenheit, dieses Transzendieren des endlichen Lebens in der Betrachtung eines großartigen bildnerischen Werkes oder dem Hören eines ergreifenden Musikstückes.

In diesem Zusammenhang legt Hermann Hesse Goldmund wohl seine eigene Sicht des Künstlers in den Mund: alle großen Kunstwerke hatten dieses Zusammenspiel von Triebhaftem und reiner Geistigkeit, dieses Mann-Weibliche, jedes große Kunstwerk trägt ein Geheimnis in sich.
Das Leben des Künstlers hat nur einen Sinn, wenn man beides erreicht: das irdene Sinnenglück greifen und aufbewahren in etwas Ewigem, Unvergänglichen, das der Mensch eben auch ist. Schaffen, ohne den Preis des Lebens dafür zu bezahlen. Der Künstler versucht den Gegensatz des Lebens aufzubrechen, den Gegensatz zwischen Mann oder Frau, Landfahrer oder Spießbürger, Verstand oder Gefühl, Trieb oder Geist, Freiheit oder Werkstatt. Immer scheint man das eine mit dem anderen zu bezahlen. Der Sinn des künstlerischen Lebens aber besteht in beidem.

Hermann Hesse gelingt eine eindringliche Erzählung großen Glückes und schlimmer Tragik. Unerbittlich arbeitet der Tod in Zeiten der Pest. Hesse schildert das kalte, grausame Sterben ganzer Familien, die Grausamkeit der Überlebenden, die Halbtote verscharren, Unschuldige erschlagen, ins Feuer jagen und foltern. Hesse schildert kurz eine Welt ohne Erbarmen und Gnade. Wo ist Gott? Wo ist Gerechtigkeit, wo so viele Böse im Wohlleben schwimmen und so viele Unschuldige leiden und untergehen? Auch heute leben wir in Zeiten der Pest. Und das heißt auch, wir leben in Zeiten des schnellen Vergessens: wie schnell nach dem grausigen Unglück doch das Lachen zurück kommt, die Liebe und Wollust, der Spaß und die Heiterkeit.

Im Laufe der Erzählung gewinnt die Erzählung Hesses - dem Lebenslauf des Goldmund gemäß - immer mehr von einem memento mori. Schön war das Leben, schön und flüchtig war das Glück, schön und rasch verwelkt die Jugend. Wie man doch vom Leben genarrt wurde. Man lebte, ließ die Sinne spielen, empfand manche hohe Lust, aber keinen Schutz gegen die Vergänglichkeit. Man war wir ein Pilz im Walde, der heute in schönen Farben strotzt und morgen verfault ist.

Zu kurz kommt freilich der strenge Denker Narziß. Auch er hätte viel zu erzählen von dem Zwiespalt des Lebens.
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am 19. Juli 2017
Das war ein Geschenk. Ich selbst habe es vor Jahren auch mal gelesen. Tiefenpsychologisch interessant. Die zwei Hauptpersonen kann man als zwei Seelen in einer Brust auffassen.
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am 30. März 2004
Auf Empfehlung eines lieben Bekannten hin hab ich "Narziß und Goldmund" gekauft und gelesen - mein erster Hesse.
Ich hätte nie gedacht, dass jemand mit Worten so sehr "malen" kann! Zu jeder Beschreibung entsteht ein genaues Bild vor Augen. Ein Buch, dass so viele versteckte Wahrheiten, Träume und Sehnsüchte in sich hat, ist mir noch nie untergekommen.
Auf der einen Seite ist der kühle, intelligente, wissenschaftlich-denkende Narziß, dem Logik alles bedeutet, und der doch einen Blick dafür hat, was in anderen Menschen vorgeht. Und auf der anderen Seite ist sein Freund Goldmund, der schöne, gefühlvolle, künstlerische, charmante Träumer. Er zieht durch die Welt, von Frauen geliebt, vom Leben gezeichnet, immer auf der Suche nach neuen Zielen und Emotionen. Zwei offensichtlich verschiedene Charaktere, die doch die Zuneigung zueinander gemeinsam haben.
Es ist ein Buch voller Wahr- und Weisheiten. Es regt an, über das Leben nachzudenken, über das Sein, über richtig und falsch...! Wenn man mit dem Buch fertig ist, ist man irgenwie von einer höheren Zufriedenheit erfüllt. - Ein schönes Gefühl!
Es ist ein Buch für jeden, der noch Emotionen in sich hat und wirklich leben will. Nicht nur seichte Ablenkung, sondern eine intensiv fesselnde Wirklichkeit!
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am 31. Januar 2016
Können Bücher glücklich machen? Dieses hier definitv.

Thomas Mann beschrieb das Buch wie folgt: "Hesses Roman "Narziß und Goldmund" setzt mit großer sprachlicher Schönheit ein und scheint in einer mittelalterlichen Zeitlosigkeit zu schweben, die dem poetischen Bedürfnis dieser rohen Aktualität widerstrebenden Geistes entspricht, ohne darum seine schmerzliche Fühlung mit den Problemen der Gegenwart zu leugnen.... ein wunderschönes Buch mit seiner Mischung aus deutsch-romantischen und modern-psychologischen, ja psychoanalytischen Elementen....eine in ihrer Reinheit und Interessantheit durchaus einzigartige Romandichtung."

Ich finde vermutlich nicht so schöne Worte wie Thomas Mann, war jedoch nicht minder beindruckt als ich es das erste Mal mit Anfang 20 las. In einer extrem verlotterten Taschenbuchausgabe aus der Bücherei. Ich liebte es vom ersten Moment an. Und tue es bis heute. Alle paar Jahre schnapp ich es mir wieder (inzwischen nicht mehr auf der Warteliste der Bücherei, sondern als Bestandteil einer schönen Hermann Hesse Gesamtausgabe) und tauche darin ab. Es ist für mich wie ein geliebter Urlaubsort, ein schönes Hotel, ein bestimmter Strand, an den man immer wieder zurück kehrt, weil man weiss, es ist immer schön dort, man kann dort immer auftanken und entspannen.

Als junger Mensch begeisterte mich am meisten daran die (damals für mich wirklich gänzlich neue) Idee jeder dürfe, nein jeder müsse so sein wie er ist. Heute unter dem Schlagwort Authentizität sicherlich manchmal etwas überstrapaziert, war das für mich ein mentaler Durchbruch. Wieviel Leid in einer Seele entsteht, wenn sie einem falschen Vorbild nach eifert, es zu kopieren versucht, ihre eigene Natur hartnäckig verleugnet. So wie Goldmund, einer der beiden Hauptfiguren, es in seiner Jugend tut mit dem Ziel seinem Lehrer, dem nüchternen Denker Narziss, gleich zu sein. Und wieviel schöner, leichter ihm das Leben wird, als er nicht länger versucht den Denker zu kopieren, sondern seiner Künstlerseele und seiner Freude an den Schönen Dingen des Lebens nachgibt. Schöner - trotz aller neuen Hindernisse und Beschwerden die dieses neue Leben mit sich bringt. Die nun aber "seine" Hindernisse sind.

Später war es die schöne Sprache die mich zunehmend faszinierte. Wie macht er das? Bilder im Kopf entstehen zu lassen, die allesamt wirken, wie durch mildes Spätnachmittags-Sonnenlicht betrachtet. Glücklich macht mich beim Lesen auch immer wieder Goldmunds Reise, nicht nur die innere, sonder auch die äußere durch die Welt, das unterwegs sein. Wahrscheinlich ist Narziss und Goldmund der erste Roadmovie gewesen ;-)

Eine sehr oft zitierte Passage des Buches lautet:

"Es ist nicht unsere Aufgabe, einander näherzukommen, sowenig wie Sonne und Mond zueinander kommen oder Meer und Land. Wir zwei, lieber Freund, sind Sonne und Mond, sind Meer und Land. Unser Ziel ist nicht, ineinander überzugehen, sondern einander zu erkennen und einer im andern das sehen und ehren zu lernen, was er ist: des andern Gegenstück und Ergänzung."

Oft wird dieses Zitat als "Liebes-Statement" gebraucht. Für mich es beschreibt einen wesentlichen Kern meines gesamten Denkens: Weniger Zeit zubringen, andere sich ähnlich zu machen, oder sich selbst anpassen, keine Überzeugungsarbeit leisten, dass der eigene Weg der "bessere" sei, sondern versuchen die Gesamtlandschaft zu erkennen, warum ist jeder so wie er ist, wie kann man ihm helfen zu sich zu finden. Und dann - so meine Überzeugung, die ich wohl mit Hesse teile - passt auch alles zusammen und ergibt Sinn.
Danke für dieses wunderschöne Stück Weltliteratur!
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am 18. Januar 2012
... und das vielleicht schönste, das ich je gelesen habe.

Nach meiner ersten Begegnung mit Hesse während der Schulzeit, bei der mich der "Steppenwolf" so überhaupt nicht begeistern konnte, wagte ich mich vor einigen Jahren an "Narziss und Goldmund" heran. Ein Wagnis, das sich lohnte! Mittlerweile ist es zu meinem absoluten Lieblingsbuch avanciert. Hesse erzählt die Geschichte der beiden ungleichen Freunde so einfühlsam, so tiefgründig - und dennoch so angenehm leicht und bildhaft. Kurzum: ein wunderbares Buch.
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am 23. August 2016
Neulich lag in unserer Bücher-Fundgrube am Arbeitsplatz auch besagtes Hesse-Buch auf, das ich damals, im unreif-wilden Alter von 18 Jahren, dazu frisch und schwer verliebt, auf Anraten meiner literarisch bewanderten Freundin erstmals las, ja, geradezu heiss verschlang und es mein Einstieg in die Welt des Dichtertums wurde. Anschliessend, während meiner Reise nach Venedig, immer noch blütenschwer verliebt, las ich Siddharta, Demian, Unterm Rad und einige der Gedichte von Hermann Hesse.
Romantisch gesehen, machte ich also alles richtig.

Wenn ich heute mit jemandem, der dieses metaphorische Buch von Hermann Hesse ebenfalls einst gelesen hat, spreche, bekomme ich stets hören, dass gerade dieses Werk nicht gemocht wird. Zu schwülstig, zu langatmig, zu überzogen, zu wenig Strahlkraft.

Ich kann verstehen, was damit gemeint ist. Natürlich, damals, verliebt und rosenrot verloren, las ich Hesse vom Herzen und vom Bauche her, und konnte mich spielend leicht sowohl mit Narziss, dem asketisch Suchenden, als auch mit Goldmund, dem flirrend-glühenden Bacchus, identifizieren, auch wenn ich seine Mutter-Bild-Suche intellektuell nicht wirklich verstand - als Ahnung eines zukünftigen Gefühls oder gar zukünftiger Lebensumstände jedoch bauchwehhaft vorausgreifen konnte.

Heute also habe ich mit dem, um was bei der Figur Goldmund, die die schwieriger zugängliche im Buch ist, im Eigentlichen geht, keine Mühe mehr. Mit ist völlig klar, was Hermann Hesse zum Ausdruck bringen wollte, weshalb ich "posthum" diese Rezension schreibe.

Der Autor war, wie soviele Künstler, die Tiefgreifendes und kulturell Wegweisendes schufen (Hesse, Rilke, Nietzsche, Kierkegaard, Kafka, Trakl u.a.) eine zerissene, leidende, gottessuchende und heimatferne Seele. Die Frauenkontakte dieser emotional sowohl für sich selbst als auch für Aussenstehende schwierigen Männer waren dementsprechend chaotisch sowie selbst- und fremdquälerisch, jedoch katalytisch positiv für den künstlerischen Prozess, zu dem tiefes Leiden in Form einer generell unerfüllbaren Sehnsucht und einem angestrengten Suchen nach Glück im transformativen Sinne, unbedingt dazugehören.

Um es in der Figur des Goldmund auszudrücken: Kunst ist verdinglichtes Sehnen nach mütterlichem Licht.

Von jeher haben Künstler "Musen" gehabt, sie geliebt, verehrt, arg umlitten. Eine Muse ist eine durch den Schleier der Sehnsucht gesehene FrauMutterGöttinnen-Gestalt, die in ihrer Unerreichbarkeit den Künstler dazu auffordert, sich seiner Heimatlosigkeit in der dinglichen Welt vollumfänglich bewusst zu werden.

Zum Alter hin, wenn der Künstler merkt, dass sich die Zugänge zu den inneren und äusseren Himmeln aufgrund des physischen Altersprozesses erschweren, die Augen also trüber, die Gedanken wirrer, die Worte ferner und Krankheiten aufdringlicher und chronischer werden, werden die inneren Bilder der Sehnsucht umso stärker, weshalb Goldmund im Roman sagt: "Ohne Mutter kann man nicht lieben und ohne Mutter kann man nicht sterben".

Die Figur der Mutter ist das Sinnbild der Urheimat, die ein Dichter symbolisch in der Natur wie in der Frau gespiegelt sieht und mit Gemälden, Musikwerken und geschriebenen Sätzen immer wieder betauchen, anfühlen und umschlingen muss, um nicht verrückt zu werden ob dieser völligen Verlorenheit der eigenen Seele.

Zum Ende des Lebens hin verliert der Künstler, wenn er Glück hat, die Angst vor dem Tod. Erkennt diesen als die letztendlich sichere Mutter an, die ihn wieder zurückführt an den Anfang, in das umfassende Ganze, woher er einst kam, und wohin er sich doch zeitlebens symbolisch vielgestaltig sehnte. Erkennt er dies, kann er, so wie es Goldmund auch erkennt, endlich friedlich sterben.

Insofern ist "Narziss und Goldmund" eher ein Roman für altersreife Menschen. Die jungen, suchenden werden ihnen nur ahnend begreifen können. Die älteren werden wissend lächeln, schweigend nicken und ein Glas erheben auf die ewige Kunst, das ewige Suchen nach dem innersten Feuer des Menschen.
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am 12. Mai 2008
Ich persönlich bin völlig unbefangen an Hesses 'Narziss und Goldmund' herangegangen. Ich hatte bewusst keinerlei Interpretation gelesen, keine literaturgeschichtliche Einordnung - nichts.
Und fand mich so einfach als naiver, moderner Leser vor dem Buch wieder.
Und es hat mich sehr berührt.
Zwei Menschen stehen da im Zentrum. Zwei wunderbar tief ausgearbeitete Figuren. Narziss, der ältere, unterrichtet den jüngeren Goldmund als Lehrer in einem Kloster. Schon früh erkennt der Ältere aber, dass der Jüngere für dieses Leben nicht geschaffen ist. Mit sensibler Einfühlung und Mut eröffnet er seinem Freund und Schüler, was er meint, dass diesem fehle: nämlich die Erinnerung an Kindheit und Mutter. Wie vom Blitz getroffen werden dem Jüngeren die Augen geöffnet: und er überwindet die fehlgeleitete Lebensplanung, um aufbrechen zu können, hinaus ins pralle Leben. Hier nun beginnt das Buch ein weiteres Mal und lässt uns teilhaben an Goldmunds Fahrten, an seinen Abenteuern mit Frauen und Jahreszeiten, mit Gaunern, Herzögen und Stadthaltern. Ein wenig beginnt das Buch nun an Tiecks Franz Sternbald zu erinnern, das Hesse ein großes Vorbild gewesen sein muss.
Und genauso wie in Hesses 'Siddharta' auch, lernt Goldmund sich durch die Liebe zu vielen Frauen und durch das wilde Erleben langsam selbst kennen: bis er schließlich Jahre verweilt in der Werkstatt eines Malers, um zu lernen, die inneren Bilder zu gestalten.
Um Kunst geht es, um Lebensziele, um den Sinn des Lebens, um das, was überdauert, um das Vereinigen von Leben und Tod, um Psychoanalyse, um das Bild der Mutter, um Geist und Gefühl geht es.
Wenn Goldmund nach Jahren unter widrigen Umständen seinen Freund Narziss wiederfindet, begegnen sie sich, als wäre kein Tag vergangen - und doch als zwei neue Menschen - der eine, voll von Leben, Sünde, Liebe und Tod, der andere vergeistigt und zurückgezogen, auf abstraktes Konzentriert und auf Wesentliches beschränkt.
Ich habe auf jeder Seite viele viele Zeilen angestrichen, so bewegt hat mich das Buch.
Da hat ein neuzeitlicher Autor noch einmal den Mut zu einer romantischen Schwärmerei, die echt wirkt - da hat ein Autor noch einmal die Größe, nicht ironisch sein zu müssen, nicht postmodern, sondern einfach emotional, liebend, weinend, schreiend - und dies ohne Hysterie und mit Würde.
Die Hauptgestalten aber auch die vielen vielen liebenswerten Nebengestalten werden mich weiter begleiten.
Und die beiden Pole, Narziss und Goldmund, stehen mir in ihrem Widerspruch viel lebendiger ins Herz hinein, als alle Thomas Mannschen Tonio Krögers und alle Hauptmannschen Figuren und alle Georg Büchnerschen Woyzecks.
Dasselbe Thema wird bearbeitet wie in den Werken der eben Genannten, derselbe Inhalt, dieselbe Aussage wird erreicht, dasselbe gesagt, dasselbe gewollt - aber auf einem emotional unschlagbaren Niveau.
Hier finde ich den älteren Hesse in seiner Vollendung, hier empfinde ich ihn nicht altväterlich belehrend und doch letztlich unreif, wie es mir manchmal mit ihm ergangen ist - sondern einfach nur weise. Ich habe dann im Umschlag nachgeschlagen: er war über 50 als er dieses Buch schrieb.
Ich zolle ihm meinen Respekt.
Absolut lesenswert.
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am 5. Februar 2009
Ich habe selten ein Buch gelesen, das die Widersprüche, Konflikte und Schönheiten des Lebens auf solch überzeugende Art und Weise zu einem Ganzen, Sinngebenden formen konnte.
Der junge hübsche Goldmund verkörpert die Seele eines Sinnesmenschen, der genießt und verschwendet, verführt und liebt, träumt und leidet, ganz und gar die Schöpfung eines Gottes in sich aufnimmt, an den er nicht glaubt.
Der stets beherrschte und streng gläubige Narziß hingegen steht für den Denker, dem sich die Welt in Form von Texten, Sprachen, Gebeten und Formeln erschließt. Alle Lebendigkeit, die sich den Trieben und Sinnen eines Menschen erschließt, verkörpert für ihn die Sünde.

Zwischen den beiden Figuren entsteht trotz oder gerade wegen ihrer Gegensätzlichkeit im Wesen eine tiefe Freundschaft und Liebe füreinander, in der jeder der beiden in der Bewunderung für den jeweils anderen aufgeht.

Goldmund zieht schließlich als Landfahrer in die Welt hinaus, während Narziß seiner Laufbahn im Kloster folgt und es bis zum Stand des Abtes bringt. Es vergehen viele Jahre bis die zwei auf unerwartete Weise und in einer verzwickten Situation wieder aufeinandertreffen und sich eine Menge zu erzählen haben.
Unter den vielen Fragen, die beiden auf der Seele brennen ist auch die alles Entscheidene Frage nach dem Sinn des Lebens, der hier vielmehr in der Überwindung des Vergänglichen gesehen wird. Diese Frage wiederum ist v.a. für den rastlosen Goldmund nur unter Beachtung des Konflikts zwischen dem Denker und dem Künstler zu beantworten, da es dieser Widerspruch ist, der ein ganzes Leben lang in ihm lodert. Er wäre gern beides, der Sinnesmensch, der das Leben in vollen Zügen mit aller Leidenschaft genießt und zugleich der Denker, der sich auf die gesammelten Eindrücke der Wanderschaft in aller Ruhe besinnen kann, um sie der Vergänglichkeit zu entreißen. Goldmund bedient sich hierbei der Bildhauerei und erschafft etliche Figuren, die verschiedenen bewegten Etappen seines Lebens entspringen und somit noch viele Jahre, mindestens sein Leben überdauern werden. Aber mit der Arbeit an seinen Figuren erschöpft sich auch sein Vorrat an Kraft, seine Eindrücke des Lebens und er wird von Neuem in die Welt hinausgezogen.
Narziß hingegen verbringt sein gesamtes Leben im Kloster, widmet es dem Lernen und Lehren von Schülern und entreißt der Vergänglichkeit somit auf ganz andere Art und Weise seinen Geist.

Als Narziß und Goldmund schließlich wieder zusammentreffen, beneidet einer den jeweils anderen, denn beiden wurden Opfer abverlangt. Narziß hat nie die Lebendigkeit der Welt und seiner selbst , Goldmund hingegen nie die Wärme einer Heimat, Sicherheit und Geborgenheit spüren dürfen und doch muss man den beiden zugestehen die jeweils richtige Entscheidung getroffen zu haben. Am Ende steht die Erkenntnis, dass jeder sich entsprechend seines Gemüts und Geistes im Leben und auf Erden verwirklicht hat und es ihnen einzig dadurch gegeben war, ein Stück ihrer selbst und des Lebens der Vergänglichkeit, dem Tod zu entreißen und die Nachwelt mit sinnlicher und wissender Erfüllung zu bereichern.

Fazit:
Dieses Buch ist auch sprachlich meisterhaft geschrieben und ein wirklicher Genuss. Ich kann es nur jedem empfehlen, der nach einem Werk sucht, welches den Geist nicht mit dem Zeigefinger sondern auf liebevolle Art und Weise bereichert und gleichzeitig unterhaltsam ist.
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