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am 13. März 2005
Der Film ist ein mustergültiges Beispiel für eine perfekte Filmadaption und der zugrundeliegenden Erzählung Thomas Manns mindestens ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen. Visconti macht aus einem Sprachwerk eine mit Mahlers Musik unterlegte visuelle Symphonie. Wohlüberlegt sind die verbessernden Kürzungen wie ein orgiastischer Traum, der Prolog in München und das unverfilmbare philosophierende vierte Kapitel. Einige Änderungen sind dem Medium Film geschuldet wie die Änderungen des Protagonisten vom Schriftsteller zum Komponisten, andere Ergänzungen aus Manns "Doktor Faustus" fügen sich nahtlos in die Geschichte ein. Das Resultat zieht den Zuschauer mit einem hypnotisierend langsamen Rhythmus in seinen Bann und führt den schrittweisen Zusammenbruch der Selbstkontrolle eines Menschen vor, der sich einer verbotenen Liebe hingibt. Auch die Besetzung mit Dirk Bogarde, der Mut zur Lächerlichkeit aufbringt, Silvana Mangano in einer eleganten Nebenrolle und dem außergewöhnlich schönen Björn Andresen ist makellos. Die einzige Achillesferse des Films sind die schwerfälligen Dialog-Flashbacks mit Alfred, die teils ganz ernst die Philosophie des Films transportieren sollen, teils sowenig wie alle anderen Dialoge in diesem Film wichtig sein sollen und leider letzten Endes einfach nur in ihrer Schwülstigkeit nerven. Davon abgesehen ist "Der Tod in Venedig" mit seinem detaillerten Dekor und der visuellen Pracht, die mit einer brillanten Kamera eingefangen wird, eines der Meisterwerke der Filmgeschichte schlechthin.
Die 2-DVD Special Edition ist dem Rang des Films angemessen, neben einem tadellosen Transfer gibt es 3 Trailer und verschiedene Kurzdokus. Auf der ersten DVD ist neben dem Film eine 10-minütige zeitgenössische Doku der Dreharbeiten eines Tages zu sehen, bei der Bogarde und Visconti einige interessante Beobachtungen machen. Die zweite DVD enthält 3 neue jeweils 20-minütige Dokumentationen, die erste ist ein Interview mit dem Co-Autor Viscontis, der verschiedene Entscheidungen beim Drehbuchprozeß erläutert. Die zweite Doku ist auf dem Cover bizarrerweise mit dem unsinnigen "Karnevals-Kostüme" übersetzt, in Wahrheit ist es eine Analyse des Films, der richtige Titel müßte "Die Macht des Karnevalesken" heißen, gelegentliche Schlampereien bei den Untertiteln sind der einzige Wermutstropfen der DVD. Die Analyse ist teils sehr scharfsinnig und macht Parallelen und Verweise mittels eines Split-Screen deutlich, teils versteigert sie sich in akademische Worthülsen. Die letzte Doku ist die beste, der Kostümbildner des Films erzählt von seiner Arbeit mit Visconti, von den Schauspielern und den Dreharbeiten.
Alles in allem kann man diese Special Edition nur empfehlen.
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am 2. März 2004
Morte a Venezia (Luchino Visconti, 1970)
1970 verfilmte der italienische Meisterregisseur Luchino Visconti Thomas Manns berühmte Novelle „Der Tod in Venedig", die den Tod des alternden Schriftstellers Gustav von Aschen-bach im untergehenden Venedig und das Dekadenzproblem in Thomas Manns Werk in extrem zugespitzter Form behandelt. Das Ergebnis gehört ohne Zweifel zu den besten Literaturverfilmungen, die es gibt. Vor allem weil es dem audiovisuellem Medium gelingt, die Atmosphäre der Textvorlage mit den eben nur ihm eigenen und zur Verfügung stehenden Mitteln kongenial (erwähnt sei hier vor allem die Musik aus Gustav Mahlers 3. und 5. Symphonie) einzufangen. Der schmale Grat zwischen unangemessener Verfälschung und nur reproduzierender Kopie ist perfekt gelungen.
In ruhig-bedächtigen, eng an die Erzählung von Thomas Mann angelehnten symbolträchtigen Bildern erzählt Visconti von Aschenbachs (sehr überzeugend: Dirk Bogarde) schicksalhafter Verstrickung an die Lagunenstadt, deren schon vom Tode gezeichneter Schönheit er sich ebenso wenig mehr rechtzeitig entziehen kann wie dem zwar kränklich-dekadenten, aber gleichsam die Schönheit verkörpernden Knaben Tadzio. Überdeutlich werden die Stationen auf dem Weg des unaufhaltsamen Verfalls der Künstler- und Fin-de-siècle-Figur sichtbar gemacht, immer wieder unterlegt und vertieft mit Rückblenden auf Aschenbachs Lebensgeschichte. In Anlehnung an Szenen aus Thomas Manns Roman „Doktor Faustus" deutet Viscontis Film den berühmten Schriftsteller in einen gescheiterten Komponisten um, der an einem sinnenfeindlichen, die absolute reine Schönheit darstellen wollenden Ideal scheitert.
Wenn sich am Ende beim Zuschauer, der unweigerlich Zeuge von Aschenbachs Untergang wird, eine Mischung aus Faszination und Ekel, Verachtung und Mitleid die Waage hält, zeigt sich, dass Viscontis Bildepos vor allem ein ästethisch gelungenes Werk ist, das der Vorlage seine Referenz erweist. An antiker Rhetorik geschulte Sprachgewalt wird durch ätherischen Wohlklang der Musik Gustav Mahlers und prächtig-schaurige Bilder ersetzt. Thomas Mann wäre sehr zufrieden gewesen.

Schön, dass auch die englische Originalfassung auf der DVD ist.
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am 20. Mai 2009
Thomas Manns Opus Magnum (neben dem Zauberberg und den Buddenbrooks) wird wohl ohnedies fast jeder kennen.
Biologisch - und geistig! - deutlich vorgealterter Komponist, an seinen eigenen hehren Maßstaben gescheitert, begibt sich aus den Bergen Bayerns nach Venedig, um dort "auszuspannen". Gebrochen an Geist und Gesundheit, lernt er dort Tadzio kennen, einen schönen "Jüngling" aus adeligem Hause. Nach und nach steigert sich des Meisters Verlangen, der wieder zu leben lernt; nur: wird es erfüllt werden?

Vorweg: ein meisterhaftes Stück Film.

Visconti kann's einfach, ist man versucht zu sagen: derart fesselnde, schwelgende Bilder hat man selten gesehen. Konzis, aber nie voyeuristisch, begleitet die Handkamera die Genese des alten Narren, die Werdung des nochmaligen Menschen, und dessen Fehlen. Mit sparsamsten Mitteln wird auf das Wesentliche reduziert.

Dies gilt auch für Schauspielleistungen - meisterhaft gibt Bogarde den Desillusionierten, Wiedererwachenden; unnachahmlich wird der androgyne Hermes dargestellt - und Musik (Mahlers Dritte und Fünfte reichen zitatweise völlig aus, um sprachmächtige Bilder nicht zu illustrieren, nein, zu verstärken).

Und, zurück zur Story: Die Entwicklung nimmt ungemein gefangen.
Am Ende stellt sich die Frage: hat sich der nunmehrige Daseinszweck für den Titelhelden erfüllt? Das Absterben, versunken in des Jünglings Abbild - Ideeverwirklichung oder (nur) ein Vorgschmack auf Erhofftes? Raum für Gedankenreisen bleibt genug. Ein Meisterwerk.

Kurzum: Anspruchsvolles Cineastenvergnügen auf höchstem Niveau. Zehn von Fünf.
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Luchino Visconti hat mit seiner "TOD IN VENEDIG" Verfilmung das einzig richtige gemacht: er hat ausschließlich die Stimmung der Thomas Mann Erzählung verfilmt. Die Handlung ist sekundär, für Visconti manchmal auch uninteressant. Dieser Film stellt eine perfekte Komposition von Bildern mit Musik dar; wenigen ist das mit dieser Intensität gelungen. Schade, daß Visconti den "Zauberberg" von Thomas Mann nicht mehr verfilmen konnte! Er hatte dies kurz vor seinem Tode noch vor (wie wir von Helmut Berger wissen.).
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am 31. Januar 2012
"Tod in Venedig" ist der Titel eines Films von Luchino Visconti aus dem Jahr 1971 nach der gleichnamigen Novelle von Thomas Mann, in dem der Protagonist Gustav von Aschenbach nach Venedig reist, wo er den schönen, polnischen Jungen Tadzio trifft, ihn beobachtet und schließlich an Cholera stirbt.

Der Film beginnt direkt auf dem Dampfer, der Aschenbach und andere Reisende nach Venedig bringt. Durch einen Rückblick wird gezeigt, warum er zu dieser Reise aufgebrochen ist. Der Grund unterscheidet sich von dem in der Novelle, wo Aschenbach während eines Spaziergangs einen Wanderer gesehen hat, der in ihm die Reiselust geweckt hat. Im Film hat er von seinem Arzt einen Klimawechsel verschrieben bekommen, was wiederum gut verdeutlicht, dass Aschenbach ein Mensch ist, der sein ganzes Leben der Arbeit widmet.

Gut umgesetzt hat der Regisseur das Leitmotiv Wetter, das in der Novelle Aschenbachs Zustand widerspiegelt. Immer wieder lässt Visconti Charaktere Bemerkungen über das Wetter machen, wodurch der Zuschauer erst darauf aufmerksam wird.

Aschenbach selbst ist im Film ein angesehener Komponist statt wie in der Novelle ein angesehener Schriftsteller. Diese Wahl ist etwas unglücklich, da es in Manns Novelle vor allem um den Gegensatz zwischen dem Dionysischen und dem Appolinischen Prinzip geht und dass der hoch angesehene, erfolgreiche Schriftsteller, der eigentlich von seinem Fleiß und seinem Eifer bei der Schaffung bildender Kunst geprägt ist, immer mehr der Lust und Rausch verfällt. Dionysos steht nicht nur für die Leidenschaft und Unordnung, sondern auch für die Musik. Wenn Aschenbach Komponist ist, kann er gar nicht mehr so tief fallen. Die wichtigste Botschaft aus Thomas Manns Novelle wird also im Film außer Acht gelassen.
Außerdem sind seine Haare noch nicht ergraut und er wirkt eher eingeschüchtert und wenig selbstbewusst, was einen verwirrt, wenn man die Novelle kennt, in der er sehr von sich und seinen Leistungen überzeugt ist.

Dass Visconti die Musik von Gustav Mahler gewählt hat, ist dahingehend passend, dass der Komponist für Mann ein Vorbild für die Figur Aschenbach war. Allerdings ist die Musik fast ständig präsent und das auch relativ laut, sodass es sehr leise ist, wenn sie einmal nicht zu hören ist. Noch dazu klingen die verwendeten Kompositionen eher gleichförmig und wenig abwechslungsreich, wodurch es etwas monoton wirkt, anstatt die Stimmung im Film zu unterstreichen.

Im Film sind auch Tadzios Reaktionen auf seinen Beobachter irreführend, wenn man die Novelle kennt, da Thomas Mann ihn eigentlich nicht wirklich darauf reagieren hat lassen, dass Aschenbach ihn beobachtet und ihm sogar durch Venedig folgt. Ihre Blicke treffen sich lediglich ein paar Mal, was auch Zufall sein könnte. Im Film dagegen sieht Tadzio Aschenbach so intensiv und lange an, dass man meinen könne, der Junge wolle den alternden Mann verführen, was wohl kaum die Absicht eines etwa vierzehn-jährigen Jungen ist und was überhaupt nicht Manns Darstellung in der Novelle entspricht.

Der Film "Tod in Venedig" ist an sich nicht schlecht gemacht, wenn man bedenkt, wie schwierig es ist, ein Buch zu verfilmen, in dem sich das Meiste im Innern des Protagonisten abspielt, sodass man es nur schwer darstellen kann. Kennt man jedoch die Novelle, fällt es einem schwer, sich von der Interpretation überzeugen zu lassen.
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am 25. Februar 2005
Wer Thomas Mann schon nicht mag, sollte natürlich auch kein Urteil über Visconti abgeben. Ich habe lange auf diese DVD gewartet, da bisher nur eine schlechte Vhs-Version erhältlich war.
Thomas Mann mit seinen extrem komplexen Erzählstrukturen zu verfilmen ist immer ein Wagnis und bucht automatisch eine große Gruppe von Kritikern, die keiner Verfilmung eine Chance geben.
Dieser Film ist ein eigenes Kunstwerk mit eigener Sprache und darf nie im Vergleich mit der Vorlage gesehen werden. Äpfel und Birnen wären sich ähnlicher.
Kurzum, Visconti hat dem Stoff ein derart eigenes Gepräge gegeben, daß ein eigenständiges Kunstwerk mit eigener Symbolik entstanden ist. Ein herrlicher Film, gut auf DVD konvertiert, JEDOCH nichts für die üblichen Couchpotato-Hollywood-Konsumenten. Die werden enttäuscht sein. Freunde der europäischen Filmsprache der 70er Jahre werden jubeln!!
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am 31. Januar 2015
In seinen früheren Filmen Il Gattopardo (1963) und L'Étranger (1967) hielt sich Luchino Visconti möglichst eng an die literarischen Vorlagen, dies ist hier nur teilweise der Fall. So verwandelte Visconti den Protagonisten der Thomas Mann Novelle vom erfolgreichen Schriftsteller in den gescheiterten und kränklichen Komponisten und Dirigenten Gustav von Aschenbach. Ausserdem beginnt die Filmhandlung nicht schon in München, sondern erst als sich Aschenbach per Dampfschiff bereits Venedig nähert. Durch diese Änderungen wird die Handlung konzentrierter und erhält in manchen Szenen einen eindeutigeren und bewusst provokativeren Ausdruck als bei Thomas Mann, der die Novelle meisterhaft ambivalent gestaltete. Zu den eigenen Erfindungen des Regisseurs gehören auch einige Rückblenden, wie die Episode mit der Prostituierten Esmeralda, die er Thomas Manns Doktor Faustus entlehnt hat, deren Namen er auch für das Schiff verwendet. Ansonsten orientiert sich Visconti am Handlungsaufbau der Novelle, wobei ihn sein künstlerischer Anspruch auch in Delusionen von Grandeur abstürzen lässt. Diese Abweichungen sollten nicht als Zeichen eines Missverständnisses angesehen werden sondern als als Zeugnis produktiver Kreativität. Thomas Mann benutzt eine feine Ironie, um Distanz vom Erzählten und von Aschenbach zu wahren. So entstand ein Vertreter des Intellektuellen, der zwar nach Perfektion strebt, sich aber im Netz von menschlichen Schwächen und Impulse verfängt. Diese Tragik präsentiert der Regisseur durch die Darstellung selbstzerstörenden Begehrens, dem der Intellektuelle am Ende zum Opfer fällt. Zeit der Handlung ist der Vorabend des Ersten Weltkriegs, was jedoch nicht politisch sondern lediglich kulturell bedeutsam ist, nämlich als Höhepunkt und Ende der Décadence, einer ästhetisierenden und in ihrer Überfeinerung auch unrealistischen und anti-moralischen Weltanschauung.

Da es sich hier um die Literaturverfilmung, eines klassischen Stoffs handelt, versuche ich, die Gesamtheit und Verknüpfungen beider Werke zu beleuchten, sodass ein Kunde der mit diesen Inhalten nicht vertraut ist, mit Spoilern zu rechnen hat.

ACHTUNG SPOILER BIS ZUM ENDE!
Unter den Klängen des Adagietto aus Mahlers 5. Sinfonie das immer wieder den Eindruck zerbrechlicher Intimität entstehen lässt, erreicht das Dampfschiff Esmeralda im Morgengrauen Venedig. Auf dem Hauptdeck sitzt allein und lesend Gustav von Aschenbach (Dirk Bogarde), er wirkt schwermütig und ist eingehüllt in Mantel, Schal und Wolldecke, aber man spürt, dass dies für ihn eine entscheidende Reise ist, die ihm Erholung bringen soll. Als die Esmeralda in der Lagune kleine Fahrt macht, lässt Visconti die prachtvolle Architektur Venedigs sowie einige Gondoliere geradezu balletartig vorübergleiten und zeigt einen zunehmend entspannten, ja glücklichen Aschenbach. Musik, Bild und Personnage stehen in geradezu perfekter Harmonie. Aber bereits bei der Ankunft wird dieser Eindruck abrupt beendet, Aschenbach wird von einem kleinwüchsigen älteren Mann, der jedoch geckenhaft gekleidet und grotesk lächerlich auf jung geschminkt ist, laut und öffentlich verspottet. Dies ist die erste von vielen mythologischen Anspielungen, die Visconti integriert. Allerdings sind sowohl der geschminkte Mann als auch ein seltsamer Gondoliere ohne Kenntnis der literarischen Vorlage kaum als Todesboten aus der griechischen Mythologie erkennbar.

Visconti zeigt uns Aschenbachs Ehestand, indem er ihn Bilder seiner Frau und seiner verstorbenen Tochter in seinem Zimmer im Grand Hôtel des Bains am Lido aufstellen lässt, trotzdem macht er den Eindruck eines Mannes ohne Bindungen, was seinem Künstlertum zu entsprechen scheint. Eine Empfindung die durch den hervorragenden Kameramann Pasqualino de Santis verstärkt wird, der Aschenbach auf seinen Spaziergängen durch die Stadt meist mit Teleobjektiv begleitet und ihn durch gezielte Verlagerung der Schärfentiefe optisch zusätzlich isoliert wirken lässt. Auf diese Weise entwirft Visconti das Bild eines alternden Mannes, der aufgrund seiner nachlassenden Schöpferkraft beim Komponieren an seinem Selbstbild zweifelt. Er wird anfällig für widersprüchlichste Gefühle und äussere Einflüsse und wendet sich deshalb von der Realität zusehends ab.

Mit Tadzio hat Thomas Mann eine Figur geschaffen, die in ihrer Mehrdeutigkeit und Vielfältigkeit nicht zu übertreffen ist und schreibt in seiner Novelle “Mit Erstaunen bemerkte Aschenbach, dass der Knabe vollkommen schön war.“ Er ist etwa vierzehn Jahre jung und erinnert Aschenbach mit Entzücken zunächst an einen Kunstgegenstand der Antike - den "Dornauszieher" in den Uffizien - und wird bei Visconti etwas zu eindeutig zum objet du désir eines Päderasten. Tadzio ist eine Gestalt, die sich zunächst dem Eindeutigen entzieht und im Verlauf der Handlung mehrere Bedeutungen annimmt. Tritt er zunächst als Kunstwerk und Liebesgott Eros auf, wandelt er sich in ein Lustobjekt, um dann im Höhepunkt der Tragödie schliesslich den Todesgott Hermes darzustellen.

Visconti besetzt diese Schlüsselrolle mit dem damals bereits 16jährigen Björn Andresen und übernimmt geschickt den Entwurf der Novelle, die auch einen starken Kontrast zwischen Tadzio und seinen drei Schwestern schafft. Die erste Begegnung findet in der Halle des eleganten Hôtel des Bains statt, wo Aschenbach zufällig von der Zeitung aufschauend die polnische Familie erblickt in deren Kreis Tadzio im weissen Matrosenanzug sitzt. Zweifellos begegnen wir Tadzio manchmal nicht als anmutigem Jüngling, sondern eher als einem Poseur, der bei jeder Begegnung mit Aschenbach selbstbewusster und aufreizender auftritt. Möglicherweise wollte Visconti mit seiner direkteren Darstellungsweise allzu engstirnige Moralvorstellungen der Bourgeoisie kritisieren, sodass Warner Bros. den Film nach dem ersten Studio Screening wegen Bedenken bezüglich Obszönität zurückziehen und abschreiben wollte. Es war dann die erfolgreiche Gala Premiere in London an der Queen Elizabeth II und Princess Margaret teilnahmen, die den Film rettete.

Der Persönlichkeitsbruch und Verlust von Selbstdisziplin bei Aschenbach entladen sich in völliger Enthemmung durch seinen Anteil am Maskenspiel Venedigs, gleichzeitig hat die Cholera Epidemie Venedig erreicht. Diese Entwicklung entspricht dem äusseren Verfall Venedigs, dem unaufhaltsamen Untergang in die Lagune und nun dem Verfall Aschenbachs, der bei einem Streifzug durch die Gassen einigen Strassenmusikanten begegnet, die physisch so abstossend sind, dass ihm der Kontrast zur Schönheit von Tadzio immer bewusster wird. Wahrscheinlich hat er sich in dieser Nacht durch den Verzehr überreifer Erdbeeren ebenfalls infiziert. So empfindet er anderntags eine düstere Befriedigung, wenn er beobachtet wie Gassen oder Brunnen mit dem Ausstreuen von Kalk desinfiziert werden. Er folgt sogar einem alten Mann in ein Armenviertel wo dieser zusammenbricht und stirbt. Als ihn der Manager einer Bank über die Choleragefahr aufklärt und zur Abreise rät, ist Aschenbach alarmiert und erinnert sich an den Tod seiner jungen Tochter. Er möchte die polnische Familie warnen aber verwirft den Gedanken, um die Nähe Tadzios nicht entbehren zu müssen.

Während der ganzen Spieldauer begegnen wir auffällig vielen Spiegeln, sie befinden sich in jeder Szene als ob sie auf die Eitelkeit des Menschen hinweisen wollten, auf Täuschung oder Scheinbilder, oder auf Betrug. Aschenbach hat nun alle Selbstachtung verloren. Den Höhepunkt dieser Symbole bildet Aschenbachs Besuch des Friseur Salons, der Ort der die Restauration der Jugend verspricht - und damit Liebe. Denn zuvor hatte er Tadzio am Strand mit zwei, drei anderen Jünglingen beobachtet und war sich seines eigenen Alters und der damit verbundenen Unerreichbarkeit von Tadzio schmerzlich bewusst geworden. Hier nun lässt er sich aufwendig schminken, die Lippen röten und die Haare schwarz färben. Die Pflege seines Äusseren ist aber in Wirklichkeit die Vorbereitung für den Tod, denn nun ähnelt er dem dämonischen alten Mann an Bord der Esmeralda - einem der Todesboten. In einer Traumszene erlebt er seinen totalen Zusammenbruch in Venedig und in einer Rückblende den Misserfolg seines letzten Konzerts nach dessen Ende er gnadenlos ausgebuht wurde.

Im Hochgefühl seiner scheinbar jugendlichen Ausstrahlung aber physisch bereits geschwächt begibt er sich zum Lido und lässt sich elegant gekleidet in einen Liegestuhl sinken um Tadzio beim sportlichen Spiel mit anderen Knaben zu beobachten. Aber Aschenbach ist zu geschwächt und erkennt seine Erniedrigung, die schwarze Haartinktur rinnt ihm wie schwarzer Schweiss über die Stirn und versinnbildlicht so ein weiteres Symbol des Todes aus der griechischen Mythologie. Er versucht, sich aufzuraffen um Tadzio zu sehen, aber dieser entfernt sich ins Meer und deutet mit einem Arm in die Ferne - wie Hermes, der Gott der die Seelen der Toten in die Unterwelt führt.
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am 30. Januar 2005
Hervorrgand dargestellt und durch Mahlers Musik perfekt unterlegte Geschichte von Gustav Aschenbach, dem alternden Komponisten, der sich während einer Erholungsreise nach Venedig zu einem sehr engelsgleichen 14jährigen Jungen hingezogen fühlt. Wie er (Aschenbach) gegen jeden Verstand, alle Konventionen nicht davon lassen kann diesen Jungen zu lieben, zu begehren. Er kommt ihm tatsächlich nie körperlich nah, spricht auch nicht mit ihm, nur im Traum darf er ihm einmal über das Haar streicheln! Da denkt man, man ist abgeklärt, kennt das Leben, ist gesichert und dann passiert etwas und man fragt sich wie Aschenbach "mein Gott, was ist nur mit mir los?" und kann nicht dagegen an. Diese Erkenntnis läßt sich sicher auf so manch "irrsinnige" Liebe übertragen von der man selbst meint, vor ihr geschützt zu sein! Aber der Verstand kann manchmal brüllen was er will, die Gefühle sind plötzlich und ungefragt da und können komplett Besitz von einem ergreifen! So kann es gehen im Leben ...
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am 29. April 2005
Aufwändige Verfilmung des literarischen Klassikers von Thomas Mann (1875 - 1955). Der Film von Luchino Visconti (gest. 1976) erhielt 1971 die Auszeichnung zum 25-Jahre-Jubiläum der Filmfestspiele in Cannes und ist heute noch sehenswert. Im Zentrum der Novelle steht der Kuraufenthalt des Schriftstellers Gustav von Aschenbach, der im Film allerdings Komponist ist. Die Nähe der Gestalt zu Gustav Mahler (1860 - 1911) könnte auch in der Intention von Thomas Mann gelegen haben. Der Komponist kommt an seiner weltfremden Art nicht vorbei. Auch als er im Hotel den schönen polnischen Knaben Tadzio sieht, schafft er es nicht, zu seinen homoerotischen Gefühlen zu stehen. Stattdessen verbirgt er sich hinter der Theorie, dass wahre künstlerische Schönheit nur durch die Anstrengung des Geistes geschaffen und nicht umgekehrt, vom Künstler perfekt vorgefunden werden kann, der sie dann, gleichsam einem Medium, nur noch zu portieren und sublimieren braucht. Von Aschenbach stirbt schliesslich, ob an der in Venedig grassierenden Cholera, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Der Film weist morbid-groteske Züge auf; einzelne Gestalten sind grell geschminkt und erinnern an Filme von Federico Fellini. Die Absenz von pulsierendem Leben, das Dahinfristen im Hotel (im Film wird fast nur gesessen, die einzigen, die Herumtoben, sind die Kinder am Strand), das adrette Nichtstun und die elegante Eintönigkeit, übertragen sich beinahe auf den Zuschauer, denn die ganze innere Spannung, der von Aschenbach unterliegt und die im Buch mehr als nur angedeutet ist, kommt hier nicht richtig zum Tragen.
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am 16. Mai 2003
Das Werk Luchino Viscontis zeigt uns, weshalb wir Begriffe wie ‚Schönheit' brauchen. Es erklärt auch, warum wir mit diesen Begriffen vorsichtiger umgehen, nachdem wir sie einmal benutzt haben. Wenige - ob Kritiker, Biographen oder Kommentatoren - konnten widerstehen, Viscontis subtile Bildkompositionen mit jenen Sinnbildern entrückter Fin-de-Siècle-Ästhetik zu vergleichen, die uns bereits bei Proust (den Visconti gern verfilmt hätte) in Verzückung setzte und hier ihre natürliche visuelle Fortsetzung findet.
All das bezieht sich auf einen Visconti (den mittleren und späten), den es so nicht immer gegeben hat und der erst Mitte der fünfziger Jahre mit ‚Senso' (Sensucht) begann, Filmgemälde zu erstellen, die geradezu vulgär berauschend erschienen. Zuvor hinterließ er u.a. in ‚Ossessione' (‚Von Liebe besessen') eine Studie dichter, perspirierender Intensität mit einer Kamera, die ihren Darstellern auf der Haut klebte und sie seelisch entblößt liegenließ.
Vor seinen späteren Filmen, in denen kaum noch Luft von draußen durch die purpurnen Vorhänge in die gewaltigen Innenräume großzügiger Stadtpalais, Hotels oder Schlösser dringt, dreht Visconti sozialkritische Analysen der italienischen Nachkriegsdemokratie, u.a. des sozialen Aufstiegs (‚Rocco e i suoi fratelli', Rocco und seine Brüder). Der eigentliche Sprung ins Reich der schönen Bilder findet in ‚Il Gattopardo' (Der Leopard) statt, der mit einem Bogen die gewaltigen sozialen Umwälzungen der Einigungskriege Italiens und seiner Befreiung von österreichischer Vorherrschaft beschreibt, die Ansprüche des Individuums und seines Rechts auf Freiheit gegenüber den Traditionen gewachsener aristokratischer Familienherrschaft seziert und die Beharrlichkeit sizilianischer Tradition der neuen, gesellschaftliche Konventionen sprengenden gegenüberstellt.
Die Lesbarkeit dieser Filme außerhalb Italiens hielt sich in Grenzen. Obgleich Visconti immer als einer der Großen galt - nicht zuletzt, weil der erwähnte, noch zu Mussolinis Zeiten gedrehte Erstling ‚Ossessione' eine ganze Bewegung, den italienischen Neorealismus, in Gang setzte - treffen seine Werke bis in die späten Sechziger auf fragendes ausländisches Publikum, das seine von Gramsci inspirierte Sicht der neueren italienischen Geschichte nicht immer nachvollzieht bzw. nicht interessiert.

Breitenwirkung erlangt der Regisseur schließlich durch ein Werk, das in manchen Programmkinos seit Jahrzehnten ohne wesentliche Unterbrechungen läuft: ‚Morte a Venezia' (Tod in Venedig), eine Nichtverfilmung Thomas Manns, ein eigenständger Beitrag bildlicher Gestaltungskunst, der unabhängig vom Buch bestehen kann.
Es fehlen die ausgiebigen Auseinandersetzungen Aschenbachs mit seinen Freunden über Kunst, Musik und Literatur, doch was das Buch so lesenswert macht, findet bei Visconti eine selbständige Filmsprache in der Gewichtsverlagerung weg vom intellektuellen Diskurs hin zur atmosphärisch durchgearbeiteten Gleitbewegung vom langsamen Zerfall zum engültigen Untergang, von schleichender Dekomposition zur vollständigen Zerstörung.
Viscontis Film setzt auf die mondänen Kräfte des in Schönheit dahinvegetierenden Architekturwunders Venedig, um Aschenbachs Selbstzerstörung einen würdevollen Rahmen zu geben. Dazu hört man die elegischen langsamen Sätze aus Mahlers dritter und fünfter Sinfonie, deren Wirkung in diesem Film schon manchen zur klassischen Spätromantik bekehrt hat.
Dieser Film ist nur schön, und dafür verdient er es, immer wieder gesehen zu werden.
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