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Kundenrezensionen

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am 24. Mai 2007
Über Kunst lässt sich trefflich streiten. Das möchte ich aber gar nicht. Ich versuche nur an das, bei jedem Menschen auf irgendeine Weise vorhandene, Kunstverständnis zu appelieren. Kunst ist mal blendend schön, aber auch mal roh und dreckig, wild und apokalyptisch. Mit letzterer haben wir es hier zu tun.
Würde man diese CD der Allgemeinheit zwangsweise auf die Ohren drücken, würden 95 Prozent vor Schreck in den nächsten Graben hüpfen. 'Musik, als wenn die Russen kämen', sagte mein Großvater kopfschüttelnd als er mich einmal beim Abspielen der DoLP überraschte. Seine Sorgenfalte auf der Stirn habe ich bis heute (es liegen 25 Jahre dazwischen) im Gedächtnis. Eine Sorgenfalte, die sich wohl auch heute noch bei allen 'normalen' Musikkonsumenten, egal ob sie Eltern, Großeltern, Onkels oder Tanten sind, durchs Gesicht zöge.
Dass ist aber auch genau der Ansatzpunkt, an dem ich diese Musik festmache! Viele von euch älteren Semestern erinnern sich sicherlich noch an die Mittsechziger Jahre, als Stones, Beatles, Yardbirds, Who und was weiß ich wer noch alles, die jungen Leute verrückt machten. Viele haben sicherlich auch noch die abwertende Meinung der damaligen Erwachsenengeneration im Ohr: Als 'Negermusik', beschimpfte man alles, was auch nur ein bisschen wild, rauh oder auch nur hype war. Heute findet sich kaum noch jemand, der sich über die genannten Bands ereifern würde.
-Nur bei der 'Trout mask replica' sind sie wieder alle vereint; die bringt sie alle auf die Palme!! 'Trout mask replica' ist auch heute noch vielen ein unverstandenes Rätsel voller vermeintlicher Misstöne das befremdet, verstört oder geradezu provoziert. Leute, dass, und nichts anderes war der Sinn dieses Albums. -Und wie frisch und unverbraucht es heute noch ist, zeigen die Reaktionen darauf. Da sind die wenigen, die die Scheibe, den Captain und seine Musik verstanden haben und damit ihren 'Deal' gemacht haben; Leute, die diese Musik durchaus 'erleben' und 'erhören' können. Dann gibt es eine ganze Schar an Mitläufern, die das Album zwar im Schrank stehen haben (weil man's ja haben muss) aber nie damit zurecht kamen. -Und dann gibt es die große Mehrheit, die mit dieser Musik absolut nichts anfangen kann. Diesen Leuten nutzt es dann aber nicht, mit dem Hinweis zu kommen, dass man sich sonst mit schwieriger Musik zu beschäftigen weiß. Das könnte einem schnell (ich betone hier ausdrücklich, dass ich das selbst nicht tue!) als hohle Phrase ausgelegt werden. Wer sich mit schwieriger Musik (egal ob die vom Captain, von den Residents oder Eela Craig stammt) beschäftigen kann, der kommt auch mit der 'Trout mask replica' zurecht. -Punkt!
Natürlich habe ich vor all denen Respekt, die sagen, dass dieses Album über ihre Grenzen hinausgeht. Das ist kein Thema, denn diese Scheibe fordert den Hörer über Gebühr. Sie ist definitiv das sperrigste Stück der Rockmusikhistorie. Aber: Wer sie sich einmal 'erhört' hat, für den bietet sie einen wohl unendlichen Hörgenuss, der auch nach dem hundertsten Durchgang immer wieder Neues offenbart!

Ich kann und möchte keine einzelnen Titel hervorheben. Die Scheibe ist ein Gesamtkunstwerk. Ich kann auch niemanden dazu raten, sie sich in voller Länge auf die 12 zu geben. Man muss sie sich Stück um Stück, Take für Take erarbeiten. -Und selbst dann funktioniert sie nur, wenn man offen und vorurteilsfrei an sie herangeht.
Musikalisch bietet 'Trout mask replica' einen rauhen, wilden Bluesrock, der immer wieder von Jazz- und Boogie-Einlagen und teils 'freien Musikformen' durchdrungen wird. Einzelne Titel beruhen auf reinem Blues, andere kann man vielmehr dem Freejazz zuordenen. Die Scheibe bietet einen wilden Ritt, ja ein wahres Rodeo durch die genannten Musikstile. Der mitunter bis an den Rande der Selbstzerstörung gehende Gesangsstil des Captain tut sein übriges. Vielleicht ist das die musikalische Apokalypse, vielleicht der Vorhof zur Hölle, vielleicht ist es aber auch nur so, als wenn die 'Russen' kämen...

Wem empfiehlt man so ein Album? Sicherlich erstmal allen geduldigen und beharrlichen Menschen, die Rockmusik 'leben' und auch 'hören' können. Dann all denen, die mit vermeintlichen Misstönen (sei es aus der Jazz- oder der Rock-Ecke) umgehen können und daran Spass haben. -Und letztlich auch all denen, die sich die (musikalische) Kunst auf die Fahnen geschrieben haben (wobei die 'Trout mask replica' hier mehr mit einem Hieronymus Bosch zu vergleichen ist, als mit Dürer oder Tizian). Außerdem ist auch derjenige klar im Vorteil, der den Begriff Dada nicht mit 'gaga' verwechselt...;-)

'Trout mask replica' ist ein Album, das schmerzt, das von Blut, Schweiß, Dreck und Tränen lebt. -Und genauso muss man sich diese Scheibe 'erhören'. Sie ist ein hartes Stück Arbeit und alles andere als ein erholsamer Nachmittagsspaziergang. Wer sich dessen bewusst ist, wird wirklich sein Leben lang nicht mehr davon (oder zumindest von einzelnen Titeln) lassen können.
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am 18. Dezember 2010
Vor einigen Stunden (es ist Samstagabend, 18.12.2010, während ich das hier schreibe) erfuhr ich von seinem Tod. Mit 69 ist er nun verstorben, nach jahrelanger Multiple Sklerose-Erkrankung. Als Musiker war er bereits 1983 "gestorben" - freiwillig hatte er sich aus der Musikszene völlig zurückgezogen. Aber für die Musikszene wird er noch lange nicht tot sein, dessen darf man sich sicher sein.

Hatte der Captain 1967 mit seiner ersten Magic Band mit "Safe As Milk" eine exzellentes Debütalbum hingelegt, und 1968 mit "Strictly Personal" eine recht gute, aber keineswegs sensationelle Platte veröffentlicht, so machte er mit seiner neu besetzten Magic Band dann 1969 einen gewaltigen Sprung vorwärts. Das lag auch daran, dass nun die Produktionsbedingungen optimal waren: Das erste Album auf dem Buddah-Label, das zweite bei United Artists/Liberty, und das dritte Label hieß Straight! Dessen Labelchef hatte es sich unter anderem zum Programm gemacht, Platten zu veröffentlichen, die den anderen Firmen in den Spätsechzigern und Frühsiebzigern zu heiß waren, oder musikalisch zu anspruchsvoll für den breiten Markt. Einige geniale Alben von Tim Buckley und Alice Cooper fanden sich im Straight-Katalog, und der erwähnte Boss des Labels war auch gleich Produzent dieses Doppelalbums, und schon als Schulfreund von Don Van Vliet, so der Captain bürgerlich, einer, mit dem er ungewöhnliche musikalische Vorlieben geteilt hatte: Frank Zappa! Beide hatten nun mit dieser Produktion die Möglichkeit, ans Äußerste zu gehen, und taten es auch.

Wenn man damals unter "progressiver Rockmusik" lang ausufernde Improvisationen verstand, dann bewies diese Gruppe gerade das Gegenteil, wenn sie kalkulierten Wahnsinn in kurze Stücke - 28 in 79 Minuten, gerade einmal eines über 5 Minuten, und sechs unter zwei Minuten - verpackte. Eine der wunderschönen Erfahrungen, die man mit dieser Platte in langen Jahren machen kann, ist die, dass man irgendwann erkennt, dass diese Band im Prinzip nur eine Bluesband war. Aber eine, wie es sie auf diesem Planeten nur einmal gab - und das nicht nur, weil ca. 99 % aller Blues- und Bluesrock-Formationen nur ihre eigenen Klischees unzählige Male wiederholten, viele nur so von Einfallslosigkeit und Unoriginalität strotzten, und weder von ungewöhnlichen Rhythmen und Sounds etwas wissen wollten. Viele der 28 Songs leben von einer differenzierten und vielschichtigen Rhythmik (oft innerhalb eines Stückes!), sind häufig erfrischend asymmetrisch komponiert, und zwei der sechs Musiker blasen Freejazziges in so manchen Song hinein, nämlich Bassklarinettist Mascara Snake und der Captain selber (ebenfalls Bassklarinette, sowie Tenorsax und Sopransax); die Gitarren bedienten Zoot Horn Rollo und Antennae Jimmy Semens, der dünne, silbrige Gitarrensound klingt erfrischend unorthodox und unterschied sich auch von fast allen anderen Gitarrensounds jener Zeit, und kommt auch weitgehend ohne Effektgeräte aus. Die diffizile, aber ungemein dynamische Rhythmusarbeit erledigen Bassist Rockette Morton und Schlagzeuger Drumbo (bürgerlich John French). Captain Beefheart schrieb alle Songs und singt auch fast alle, seine rabenschwarze Bluesstimme lässt einen immer wieder an Bluesgiganten wie Howlin' Wolf und John Lee Hooker denken, ohne irgendetwas Imitatives an sich zu haben, wie man es von ungezählten Bluesrockbands kennt. Und die Texte! Meisterhafte, bizarre Lyrik, und ein Themenreichtum, den es damals kaum sonst wo gab, ob über den Holocaust ("Dachau Blues"), Horror und Mondsucht ("Moonlight On Vermont"), Beziehungsdramatik ("She's Too Much Fot My Mirror") oder auch nur über ein Sparschwein ("China Pig"). Und wer sich rund 74 Minuten durch die ersten 27 Stücke durchgekämpft hat oder hinreißen ließ (das mag eine emotionale Frage sein), wird durch die Schlussnummer "Veteran's Day Poppy" auf spezielle Weise für seine Geduld (oder was auch immer) belohnt: Konventionellere Melodie und Text, und dann legen die Burschen einen flotten, straighten Boogie hin, der sich dann in ein langsam gespieltes, hübsches Instrumental wandelt, womit die Platte richtig schön ausklingt. Als hätte die Band (und ihr Produzent) damit sagen wollen: Na schaut mal, so können wir auch, bitte schön ...

Von Beefheart haben Generationen von New Wave-Musikern gelernt, ob Pere Ubu, die frühen XCT, die Young Marble Giants (Gitarrensound!) oder die späteren Radiohead (ab "Kid A", und vor allem jene Platte) und viele andere mehr, und im Gegensatz etwa zu den meisten Krautrockern war es nie Dilettantenkram (Faust und ungezählte andere, die nur deshalb so schräg klangen, weil sie schlicht und einfach weder spielen noch komponieren konnten), sondern das Werk hoch talentierter Rock-, Blues- und Jazz-Musiker.

"Trout Mask Replica" ist eines der außergewöhnlichsten und allerbesten Doppelalben der ganzen Rockgeschichte, und hat in 41 Jahren nicht nur keine Patina angesetzt, sondern scheint jetzt erst so richtig in seine Zeit gekommen zu sein. Wenn vor vier Jahrzehnten ein Musikjournalist vom "Folkblues aus dem 21. Jahrhundert" schrieb, dann mag dies eine Bestätigung dafür sein. Fast'n'Bulbous! Ruhe in Frieden, Captain!
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am 4. Februar 2003
Um es kurz zu machen: Dies ist die beste Platte der Welt. Es rockt und rödelt , es funkt und treibt - es passiert permanent irgendetwas neues. Nach inzwischen bestimmt 1000-maligen Hören weiß ich immer noch nicht genau wie manche Lieder eigentlich gehen, geschweige denn, dass ich den Takt mitklopfen könnte. Trotzdem geht keine Platte mehr ab als diese hier. Ein ganz heißes Album mit 28 Anspieltipps, mit der man jahrelang Spaß heben kann. Wenn das kein Rockn'Roll ist, dann weiß ich auch nicht mehr weiter....
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am 10. Juni 2005
Ein Musiker-Kollege machte mich bekannt mit der Musik von Captain Beefheart. Die anfängliche Skepsis, die einen überzeugten Rock & Roller (50er Jahre) anweht, wenn er sich mit Musik der 70er Jahre befassen soll, die wurde schon mit den ersten Takten von "Frownland" wieder zu den Ohren hinausgeblasen und machte einer seltsamen Faszination Platz, die sich mit jedem weiteren Titel der CD steigern sollte.
Tatsächlich stellt ein jedes Stück der Trout Mask Replica ein Kleinod experimenteller Rockmusik dar. Ich denke da beispielsweise an Moonlight on Vermont, das ganz entgegen der im Titel angedeuteten Stimmung von sanftem Mondenschein mit der Wildheit und Brutalität eines Atomblitzes auftrumpft, ich denke an das herrlich bluesige China Pig oder an das schräge, chaotisch erscheinende Wild Life, wo das Amok laufende Saxophon dem Hörer wilde Klangfetzen um die Ohren haut.
Bei einem oberflächlichen Hörer mag sich dabei durchaus der Eindruck des Ungeordneten einstellen, der einer sinn- und hemmungslosen Kakophonie. Bei mehrmaligem konzentriertem Hinhören aber offenbaren sich einem doch gewisse Strukturen in dieser seltsamen Musik des Captain Beefheart. Obwohl sie einem Genre angehört, das nicht unbedingt das meinige ist, zählt die Trout Mask Replica inzwischen zu den meistgeliebten Schätzen meiner Plattensammlung.
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am 23. Dezember 2014
Ich habe die CD vor einigen Jahren auf Anraten eines Straßenmusikers gekauft - in Seatle. Der Verkäufer meinte: " You really have to be in the mood for it!". Ich habe die CD im Herausgehen in den Discman gelegt, volle Lautstärke durch die Straßen der Stadt. Mein Gott war das schön! Ein musikalisches Werk, das mich von Anfang bis Ende so beeindruckt hat, habe ich nur sehr selten in meinem Leben erlebt ("Court of the Crimson King" von King Crimson zählt dazu). Eine Empfehlung auszusprechen ist trotzdem Unsinn. Musik und Charakter und ihr Zusammengehen ist von grundlegender Bedeutung. Der Straßenmusiker wusste, wem der die Empfehlung gibt, ich in dieser Plattform nicht.
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TROUT MASK REPLICA ist ein Doppelalbum mit 28 Stücken von 1969. Hier muss man das Wort Kunst wirklich groß schreiben, denn die Musik darauf ist niemals einfach oder eingängig. Sie eröffnet sich einem nicht beim ersten Hören sondern will erarbeitet werden. Wie hat es schon MATT GROENING, der Erfinder der SIMPSONS, so treffend formuliert: Als ich die Platte das erstemal abspielte, hielt ich sie für den größten Mist, den ich je gehört hatte. Es schien, als spielten die Musiker zufällig das, was ihnen grade eingefallen ist. Beim 2. Hören dachte ich, es klingt entsetzlich, aber vielleicht ist es das, was sie bezwecken wollen. Beim 3. und 4. Versuch wuchs das Interesse, mich mit dem Werk näher zu beschäftigen. Beim 5. und 6. Abspielen begann ich das Album zu lieben. Nach dem 7. oder 8. Durchgang war ich der Meinung, dass dies das beste Album sei, was je aufgenommen wurde und das glaube ich immer noch.

Mir hat sich die Platte bis heute nicht erschlossen. Ich empfinde es als extrem anstrengend, sie in einem Rutsch durchzuhören. Man hat es hier mit einer Fülle von kakophonischen Klängen, Spoken-Word-Beiträgen und rhythmisch vertrackten Tracks, die mit Beefhearts röchelnder, prustender und zirpender Vocal-Artistik(lt. Rock Lexikon) garniert werden, zu tun. Das will erst mal verdaut werden. Aber das Album hat viele Leute dazu inspiriert, sich eingehender mit Musik zu beschäftigen, genauer zuzuhören und neue Klangwelten zu entdecken. Interessant ist auch die Entstehungsgeschichte von TROUT MASK REPLICA. Frank Zappa bot an, das Album auf seinem Straight-Records-Label zu veröffentlichen und es auch zu finanzieren. Angeblich hat der Captain alle Stücke in 8 Stunden am Klavier komponiert. JOHN FRENCH alias DRUMBO, der Trommler, musste aus den Tonbändern für alle Instrumente die Noten ableiten, da van Vliet sie nicht zu Papier bringen konnte. Er stand dabei oft vor der Schwierigkeit, für einen Akkord von zehn Noten eine Entsprechung für sechs Saiten zu finden. Für die Umsetzung stellte der Captain die Band um. Gitarrist Jeff Cotton und Schlagwerker John French blieben. Beefheart wollte frische Leute dazunehmen, die sich jungfräulich unbelastet der Umsetzung seiner Ideen widmen sollten. Die Wahl fiel auf Mark Boston am Bass, den er Rockette Morton nannte. Er kam frisch aus einer Nervenklinik, in der er seine Probleme, die aus dem Umgang mit psychedelischen Drogen resultierten, auskuriert hatte. Dann wurde noch der Gitarrist Bill Harkleroad angeheuert, der den Spitznamen Zoot Horn Rollo erhielt. Nachdem die Band zusammengestellt war, zog man sich sage und schreibe neun Monate in das Städtchen Woodland Hill zurück, um für die Aufnahmen zu proben. Und das angeblich unter zermürbenden, asketischen Bedingungen: keine Drogen, keine Frauen und wenig Nahrung. Und alles unter der unbarmherzigen Fuchtel von Don van Vliet, der die Tracks haarklein so umgesetzt haben wollte, wie er sie erdacht hatte und die Musiker deshalb 14 Stunden am Tag üben ließ. Die Umsetzung im Studio ging dann deshalb auch sehr schnell: an 4 Abenden wurden alle Instrumente eingespielt. Van Vliet hat dann noch mal 4 bis 5 Stunden für die Texte gebraucht. Sie variieren von Nonsens zu Ökologie, von der Unmenschlichkeit der Menschheit bis zu Zukunftsvisionen, vom verkappten Liebeslied bis zu sozialen Themen. Es besteht das Gerücht, Beefheart habe die Worte teilweise eingesungen, ohne die Musik dazu zu hören. Legendär ist auch das Cover der Platte. Vorne sieht man den Captain, wie er sich einen Karpfen vor das Gesicht hält. Dies symbolisiert den Titel des Albums: eine Forellen-Masken-Nachbildung. Auf dem Innenfoto sieht man die Band, die wie ein Haufen Ausgeflippter aussieht. So trägt Jeff Cotton ein Frauenkleid und der Captain präsentiert einen Lampenständer wie eine Strahlenpistole. Nach der Veröffentlichung zerstritten sich Zappa und Beefheart. Der Captain war sauer, weil Zappa als Produzent auf dem Cover genannt wurde. Er behauptete, Zappa hätte nichts zu den Aufnahmen beigetragen, er sei sogar am Mischpult eingeschlafen. Zappa argumentierte, er habe den Musikern absichtlich alle künstlerische Freiheit gelassen und sich deshalb nicht eingemischt.
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am 28. Mai 2011
Beam me back, Scottie: ca. 1969/70, österreichische Bundesautobahn, ca. Nachmittag; möglicherweise und hoffentlich ein sonniger, freundlicher, lichter. Ein trachtenbehüteter Autolenker schaukelt sich und seine ihm Zugemutete gemächlich Richtung Heurigenlokal (weil: "ausgsteckt iss!"). Autoradio an, Ö3, Nachrichten: die täglich stündlich sich wiederholenden Meldungen von hinter dem eisernen Vorhang, aus Kuba, von wieder-ein-Skandal-im-österreichischen-Parlament, über amerikanische Kriegshandlungen usw. entlocken ihm bestenfalls ein müdes Lächeln: Ois scho gheard, ois scho dalebd, nix neichs ned... Ah, Wettervorhersage: scho indressandda: Kenne ma draussn sitzn?.
Und jetzt Musik, Ö3-Musicbox. Jetz werds zünfdig... "A bisse lauda macha": sie, vom Beifahrersitz aus kommandierend.
"My smile is stuck / I cannot go back to your frownland" plärrt einer aus dem offenbar plötzlich verendenden Empfangsgerät. Verzweifelt kurbelt er erst am Blaupunkt, dann, als sich die Reifen schon im tiefen Bankett gefangen haben, auch am Volant. Seine Artgenossin artikuliert sich in captainschem Idiom als die rechte Seite des gewienerten Wagens die Leitplanke rasiert und so auch noch zum Sound der Musik beiträgt: "De Graddla bring i um, un wanns as ledste iss wos i no dua, de daschiass i..". Den Rest des komplett(!) gespielten Albums hört er aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr...

Oh Gott, gib sie uns wieder, unsere Ö3-Musicbox, am hellichten Nachmittag (und nicht im Nachtprogramm versteckt), für alle Trachtler dieser Welt!

Oder, noch besser: Gebt mir eine Radiostunde, täglich, wöchentlich, oder wie auch immer, und ich spiel sie, all diese göttliche Musik: den Captain, Red Crayola, Popol Vuh, Can, Amon Düül, Anima (Limpe Fuchs ist übrigens immer noch aktiv, spielt auch immer wieder live, googled mal!), Glenn Branca, Throbbing Gristle...: alle Herrlichkeiten dieser Welt für alle Gmüatlichen und Gmüadlichinnen und für alle Blasmusikliebhaber und -liebhaberinnen und für alle Freunde und Freundinnen des Achterls und für alle Schuhplattler nebst -innen und für alle Dirndl und für alle Buam und für Marianne und Michael und für Hansi Hinterseer und für Florian Silbereisen und für Traudl Sifferlinger und für alle Stadl-Freunde und Freundinnen und für die soachelnde Lederhosnfraktion und für die feschen Dirndlgwandträgerinnen.

Vielleicht Sonntag Mittag, gleich nach dem Zwölfeläuten: zum Bierbradl, Schnitzel oder Tafelspitz. Prost und Mahlzeit!
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am 25. November 2010
Lieber Fred, liebe Inge,

ich finde es einfach schön, dass ich bei euch mit diesem Blues aufgewachsen bin.
So höre ich Trout Mask Replica heute noch mit dem Gefühl zuhause zu sein.

Euer Sohn sagt Danke.
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am 16. Dezember 2003
Das befremdliche ist dieses ich-ruf-besser-doch-mal-unseren-
Arzt-an-Gesicht meiner Frau ,wenn ich dieses Juwel versehentlich
im Automusikkästchen stecken lasse .Die Platte ist mir pure
Medizin ,seit 15 Jahren , was der Captain und seine Leut'hier
machen ist mir reinste Musik und wenn jemand das nicht hört
irritiert's mich auf köstliche Art , aber Coltrane versteht
auch nicht jeder , und diese Platte hat für den der sie
versteht was ähnlich erhebendes wie Coltranes "A love supreme",
für mich Herrn van Vliets zweitbestes Werk.
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am 15. April 2008
So es noch nicht längst geschehen ist, erhebe ich das 1969 von Frank Zappa produzierte Album "Truth Mask Replica" by Captain Beefheart & His Magic Band zur ewigen Ehre der beataltäre®.
Nach etwa fünfstündiger Beschäftigung mit meiner Steuererklärung 2007 (noch lange nicht fertig und gepaart mit der berühmten Fluch-Litanei des Deuterenomiums!) und der erneuten Erkenntnis, dass im deutschen Steuersystem etwas nicht ganz rund läuft, war diese Scheibe die rechte Gabe zur Entfrustung. Beefheart irrlichtert zwischen "Beat" und "Pulse", mal Folk-Tunes, dann wieder Ornette Coleman. Bassläufe, die mich an Mingus erinnern, nehme ich ebenso wahr wie Archies Sax und Alberts Sax. Und dann ist da die buchstäblich brüllende Wut auf das System, die im Text etwa so zum Ausdruck kommt: "Du trägst ein tolles Kleid, doch Jesus und ich kennen dich gerade unter dem Kleid...". Für mich sehr beeindruckend auch der wiederholt versuchte Ansatz, "... Dustin Bullbus!" richtig rüberzubringen. Dazu die Stimme mit der vehementen Aufforderung aus dem OFF (Zappa persönlich?): "Try it again!"
So gehet denn hin, öffnet Euch und betet an:
Captain Beefheart & His Magic Band, "Truth Mask Replica", (P) 1969.
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