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am 13. Januar 2013
Ich bin durch den Deutschlandfunk auf Ursula Krechels LANDGERICHT aufmerksam geworden und der Roman hat in mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Laut DLF ist die Autorin bei der Recherche zu ihrem Vorgängerroman („Shanghai fern von wo“) zufällig auf die authentische Figur des Richters Dr. Richard Kornitzer gestoßen.

Ursula Krechel erzählt eine fesselnde Geschichte (Geschichte hierbei im doppelten Sinne, denn es ist auch eine Geschichtsstunde). Die bedrückende Schilderung der Verfolgung und Emigration, aber auch und insbesondere die Hürden der so genannten Wiedergutmachung im Nachkriegsdeutschland der 50er bis circa 70er Jahre ist nüchtern-poetisch gezeichnet. An wenigen Stellen ist die Sprache für meinen Geschmack etwas zu gewollt, zu bemüht, brüchig auch, was jedoch mit den Brüchen im Leben der Figuren gut korrespondiert.

Beeindruckend und gleichzeitig verstörend ist das Gesamtbild, das sich am Ende der Lektüre einstellt: das gute Leben in Berlin vor dem Krieg, die Verfolgung, der Verlust der Kinder, die lange Zeit in Kuba, der Bodensee, die Arbeit als Landgerichtsdirektor in Mainz, die Korrespondenzen um vergebliche Wiedergutmachungsbemühungen, letztlich dann das langsame Zerbrechen, der Tod und auch, als kleines Detail: immer wieder der Apfel, in seiner An- oder Abwesenheit.

Es ist in meinen Augen auch ein Stellvertreterkampf, den der Protagonist Dr. Richard Kornitzer gerade gegen Ende seines Lebens ausficht, das verzweifelte Bemühen, verlorene Objekte (das Armband, die Schreibmaschine, das Porzellan mit efeugrüner Randbetonung und goldener Borte) zurückzuerlangen, als Ersatz für zerstörtes Elternglück, zerstörte Bindungen, zerstörte Karriere, die nicht mehr wieder zu bekommen sind.

Die dokumentarischen Belege in Form von Aktennotizen, Behördenschreiben und Zeitungsartikeln, habe ich als äußerst bereichernd empfunden.

Und: von der Umschlaggestaltung war ich sehr angetan, weniger jedoch vom Preis des Buchs, der mit 30 Euro wirklich am oberen Limit liegt...

Ich ermuntere zur Lektüre dieser außergewöhnlichen, bleibenden Geschichte.
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TOP 500 REZENSENTam 18. September 2012
Wer zum neuen nominierten Buch von Ursula Krechel greift, könnte leicht Abwehrimpulse in sich generieren, wenn man das altmodische Foto ansieht oder beispielsweise den verhältnismässig teuren Preis, mit Abstand das Teuerste, in Sachen Nomination "Deutscher Buchpreis" 2012. Die für mich bis dato unbekannte und wenig beachtete Autorin, kein Mensch schreibt im Moment über sie, hat ein äusserst sorgfältig recherchiertes Buch vorgelegt, das von dokumentarischer Atmosphäre durchdrungen ist. Eine sehr geführte Sprache, ein Buch dass man nicht einfach so runter lesen kann, wo man sich Zeit nehmen muss, und noch im Leser lange nachklingt, wenn man es aus den Händen legt. Für mich eine klare wertvolle Neuentdeckung in diesem Bücherherbst, der uns wohl mit seinen vielen Neuerscheinungen noch erschlagen wird...

Im Mittelpunkt der Geschichte, (die wie rückwärts erzählt wird) steht der jüdische Patent-Richter Richard Kornitzer, 1947 kommt er als ursprünglicher Flüchtling vor dem Naziregime, zurück aus Kuba, wir sind anfangs im ländlichen Lindau, einem Dorf namens Bettnang, wo er seine Frau aufsucht. Ein angebrochener Mann, der 10 Jahre getrennt von seiner Frau Claire gelebt hat, getrennt von seinen Kindern Selma und Georg, die bei einer Londoner Pflegefamilie aufwachsen, um zum Schutz in den Kriegsjahren dorthin gebracht wurden. Krechel erzählt ganz nah und intim das Leben und Empfinden dieses Mannes, der soviel Verlust, Erniedrigung, Trennung, verschmerzen musste, überhaupt ist dieses Buch von einem subtilen Ton von Wehmut und Heimatlosigkeit getragen, den man als Leser wahrnimmt.

Ausgerechnet ein Mensch, der sich für das Recht anderer einsetzt, erlebt ein Übermass an menschlicher Ungerechtigkeit, wie es eben damals für Juden der Fall war. Über einen zeitlichen Bogen von 40 Jahren (also den dreissiger bis zu den siebziger Jahren), blättert hier Ursula Krechel eine Biographie auf, die von den Jahren "danach" und "davor" also dem bevorstehenden Krieg, und der Zeit danach erzählt, und die in Abwesenheit erlebte Zeit im fernen Kuba, wo nur über Emigranten und der Presse etwas über den ungeheuren Verlauf in Deutschland etwas zu erfahren ist.

Wir erfahren, wie es diesem Paar damals mit dem Nazi-Regime erging, erfahren von ihrer Sorge um ihre kleinen Kinder, wir sind in den dreissiger Jahren, erleben mit, wie diese Familie auseinander gerissen wird, ihnen jegliche Existenzgrundlage weggenommen wird und wie dadurch jedes einzelne Lebensschicksal davon individuell betroffen ist. Wie verändert das das Leben der Kinder, kennen sie ihre Eltern überhaupt noch, wollen sie überhaupt noch zurück? Kann man eine Ehe noch leben, wenn man über 10 Jahre getrennt war? Was machen diese Umstände aus jedem Einzelnen? Wie hat jeden einzelnen dieses Schicksal verändert und wie gehen diese Menschen aufeinander zu und geht das überhaupt? Dieser Roman beschäftigt sich mit diesen Fragen.

Obwohl Kornitzer in Kuba eine Liebschaft haben wird, aus der eine Tochter hervorgeht, will er trotzdem zurück, zu seiner geliebten Ehefrau Claire. Wie kann er sich nur in dieser ihm fremdgewordenen Heimat noch zurechtfinden und sich orientieren? Alles scheint irgendwie brüchig geworden zu sein, die Kinder wollen in England bleiben, sie stehen ihren Pflegeeltern näher als den Leiblichen, und Kornitzer kämpft für eine Wiedergutmachung mit den Behörden, für etwas, das vielleicht nie gut zu machen ist. Kornitzer geht dabei einen langen und beschwerlichen Weg bis ins Jahr 1970, wo er stirbt. Eine zutiefst einfühlsam geschriebene Geschichte über erlebte Verluste, über Heimatlosigkeit, die die Nachkriegszeit im Fall hier eines jüdischen Richters mit sich gebracht hat.

Ursula Krechel lässt uns in berührender und intimer Weise daran teilhaben, lässt uns an diesem Schicksal teilhaben, lässt uns miterleben, mitfühlen und mitleiden ohne dabei sentimental zu werden, oder gar in eine Art Weinerlichkeit zu fallen. Es ist diese Mitleidlosigkeit, vielleicht auch Teilnahmslosigkeit, einer gewissen unüberwindlichen Fremdheit, mit der die zurückkehrenden Emigranten aufs Massivste in Deutschland konfrontiert werden und von der Ursula Krechel erzählen will.

Gibt es so etwas wie eine Versöhnung zwischen denen, die dageblieben sind und denjenigen, die wieder zurückkommen wollen? Die Stärke dieses Buches liegt darin, auch danach noch damit beschäftigt zu sein, Richard Kornitzer geht einem nach, als Leser ist man ihm ganz nahe gekommen, für mich ein Indikator für wirklich gute Literatur. Ursula Krechel hat ein Buch über ein Nachkriegs-Deutschland geschrieben, wie ich es bis dato nicht gelesen habe und mit soviel Sorgfalt verfasst wurde, wie es nur ganz wenige gibt. Mich hat dieses Buch berührt aber auch betroffen gemacht, solche Bücher kann man nur empfehlen, bezüglich seines Preises ist es jeden Cent wert!

Gerne möchte ich hier noch eine Stelle zitieren:
"Es fehlte ihm jemand, der sagte: Lass gut sein, Richard. Auch anderen Menschen ist Unrecht widerfahren. Du hast es im Gericht bemerkt und einen Beruf daraus gemacht, aber in deinem Leben willst du es nicht merken."

Klare Leseempfehlung, für ein starkes Buch in diesem Bücherherbst.

Nachträglicher Hinweis:

Dem interessierten Leser sei der Artikel "Die Geschichte vererbt sich an die Kinder" in der FAZ vom 26.12.2012 von Martin Bernd Michaelis empfohlen. (Enkel von Robert Bernd Michaelis, der für die Figur Richard Kornitzer Pate stand)

13.4.2013
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am 23. Juni 2013
Im Oktober letzten Jahres hatte ich Gelegenheit, Ursula Krechel auf der Frankfurter Buchmesse im literarischen Pavillon zu treffen, wo sie einige Passagen aus "Landgericht" vortrug. Die Geschichte von der (beschwerlichen) Rehabilitierung des unter dem Naziregime aussortierten und diskriminierten jüdischen Richters Dr. Kornitzer im Nachkriegsdeutschland hatte mich sofort angesprochen. Nach der Lektüre von "Landgericht" muss ich jedoch sagen, dass Ursula Krechel ihr großes Thema literarisch nicht bewältigt. Die historischen Hintergründe sind zwar sehr gut recherchiert und enthalten viel, das bislang weithin nicht oder wenig bekannt war. Allerdings gelingt nach einem vielversprechenden Einstieg ein nur allzu protokollarisch anmutender Roman mit einer Fülle von Quellen und Zitaten. Leider hat es die Literatur mit der Entfaltung viel zu schwer. Das zeigt sich vor allem an der fehlenden Lebendigkeit der Figuren, die beim besten Willen kein Eigenleben entwickeln. Das liegt unter anderem an den viel zu wenigen Dialogen. Alles liegt gleichsam in der Hand einer (fast) allwissenden Erzählinstanz, die sich die Charaktere einverleibt und für diese spricht. Die Figur des Kornitzer hat somit kaum Kontur. Das führt im Ergebnis dazu, dass nicht Kornitzer Rehabilitierung für das ihm widerfahrene Unrecht einfordert, sondern eine sich empörende Erzählinstanz. Auch sprachlich ist "Landgericht" nicht unbedingt gelungen, mir ist der Stil Krechels zu sperrig und unmodern. Insgesamt hat "Landgericht" zwar viele Schwächen, engagiert ist Krechels Auseinandersetzung mit den systematischen Ausbotungen jüdischer Amtsträger aus dem NS-Staat und deren mehr als schwierigen Rehabilitierung jedoch allemal. Die weitgehend einhelligen Lobeshymnen auf "Landgericht" in den Feuilletons kann ich mir selbst trotzdem nur schwer erklären.
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am 9. November 2012
Ursula Krechel hat mit ihrem Roman Landgericht ein faszinierendes und überzeugendes Werk über die Nazi-Zeit bis in die 70iger Jahre hinein erstellt. Der Protagonist, ein jüdischer Jurist durchlebt die Nazi-Verfolgung und flüchtet nach Kuba. Seine Frau, eine Arierin ist gleichermaßen Repressalien ausgesetzt, weil sie sich nicht scheiden lässt. Sie produzierte in Berlin Werbefilme, sehr erfolgreich sogar, aber ihre Firma wird ihr während der Nazizeit abgeluchst. Vier Bereiche machen das Buch absolut lesenswert:
Der verfolgte Jurist wird äußerst facettenreich dargestellt, mit all seinen Stärken und Schwächen. Ja, auch verfolgte Menschen müssen nicht unbedingt immer einwandfrei moralisch denken und handeln.
Aber er hat eine außergewöhnlich starke Frau, die mit großem Pragmatismus agiert und deren Fähigkeiten er oft nicht erkennen kann, denn Leid kann auch blind machen für den Alltag.
Wie kann jemals wieder ein Familienleben entstehen, wenn die Kinder zehn Jahre von den Eltern getrennt leben müssen und in England nur erfahren, dass die Deutschen gefährliche Feinde sind.
Es ist ein sorgsam recherchiertes Buch, geschrieben mit hoher Sprachkompetenz. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt und das in meiner Bibliothek einen Ehrenplatz bekommt.
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am 21. Dezember 2012
Ursula Krechels Roman „Landgericht“ erhielt 2012 den Deutschen Buchpreis, diese Auszeichnung ist fuer mich nachvollziehbar,schließlich schildert das Werk ein Schicksal der deutschen Geschichte, aber der fast 500 Seiten umfassende Roman hat mich nicht voll überzeugt. Nach der Hälfte ging ich zum kursorischen Lesen über, um bis zum Schluss durchzuhalten.

Der Handlungsverlauf ist in vielen Rezensionen bereits dargestellt.

Beeindruckend finde ich diese fiktionale Lebensgeschichte des jüdischen Richters Dr. Richard Kornitzer, die Ursula Krechel in sachlichem, lockeren Ton erzählt, manches aber auch episch breit schildert und dies mit historischen Fakten und Zitaten aus Dokumenten unterstützt, dass meist der Eindruck einer realen Biographie beim Leser entsteht.

Der Roman verknüpft gekonnt Exilliteratur, „Trümmerliteratur“ und deutsche Nachkriegsgeschichte.
Mit der Rückkehr zu seiner Frau Claire in der von Kriegsschäden verschonten Stadt Lindau am Bodensee zu Beginn des Romans scheint Kornitzers Emigrantenschicksal eine glückliche Wendung zu nehmen. Aber die Spannungen der Eheleute nach achtjähriger Trennung und die missglückliche Rückholung der beiden Kinder aus England sind ebenso belastend wie auch der berufliche Wiedereinstieg am Landgericht im zerstörten Mainz, wo Kornitzer als teilweise privilegiertes „Opfer des Faschismus“ Distanz bis Ablehnung seiner Kollegen erfährt.

Auch muss Kornitzer erkennen, dass die Praxis der Entnazifizierung große Mängel aufweist, seine Resignation über diesen Zustand mündet in sein - fast selbstzerstörerisches - Streben, für sich und seine Frau, die ihr Unternehmen in Berlin verloren hat, angemessenen entschädigt zu werden.

So wird der Richter Kornitzer zu einer tragischen Figur, die nach erlittenem Unrecht eine gerechte Gesellschaft mit aufbauen will, aber in engstirniger Verfolgung seines persönlichen Ziels/Rechts - wie Kleists Kohlhaas - zum Querulanten für das Landgericht wird und dabei letztlich auch seiner Frau und Familie schadet. Neben diesem individuellen Schicksal leistet der Roman eine Kritik der Nachkriegszeit und deren restaurativen Tendenzen.
Schlüsselsatz Seite 449: "Aus der Verfolgung seiner Person ist eine Verfolgung seiner Ansprüche geworden." Diese tragische Entwicklung liegt in der Person von Kornitzer, seinem beruflichen Umfeld aber auch dem politischen Klima der Adenauer-Zeit begründet.

Als "Opfer des Faschismus" muss Dr. Kornitzer erfahren, dass seine Diskriminierung und seine Emigration von den Mitmenschen nicht geachtet bzw. gewürdigt werden, ja wiederholte Ablehnung zur Folge hat. Ist deshalb - sozusagen als materielle Kompensation - die finanzielle Entschädigung für die Opfer so bedeutsam?

Ursula Krechel stellt ihre Hauptfigur recht distanziert dar, was durch Kommentare in Klammer noch verstärkt wird. Das Mitgefühl des Lesers wird zudem durch die häufigen Zitate aus dem Schriftverkehr (die "gerettete" Schreibmaschine spielt dabei eine große Rolle) auf Distanz gehalten. Die Handlungsmotive bleiben oft vage; nur angedeutet wird die Unterordnung der Ehefrau in der Mainzer Zeit, in der sie auf eigene Berufstätigkeit verzichtet, weil es nicht "standesgemäß" für die Gattin des Richters sei.
In mancher Hinsicht ist Claire die eigentliche tragische Figur - das Opfer - des Romans. Nur bruchstückhaft wird erzählt, wie Claire in der NS-Zeit ihr Leben nach der Emigration ihres Mannes und der "Verschickung" ihrer Kinder nach England meistert. Während sich Kornitzer in Kuba nach und nach einrichtet und eine neue Beziehung eingeht, nimmt Claire viele Nachteile auf sich, weil sie sich von ihrem jüdischen Mann nicht scheiden lässt. Durch die von ihr veranlassten Nachforschungen nach 1945 ist die "Wiedervereinigung der Familie" möglich geworden, wobei allerdings ihre "Treue" nicht zu neuem Familienglück führt. Die Selbstständigkeit, mit der sich Claire wie viele andere Frauen in der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit behauptet und durchgeschlagen hatte, geht mit der Rückkehr ihres Mannes nach und nach verloren.

Völlig ungeklärt bleibt die Rolle des Rechtsanwalts Erich Damm (S. 60), ein Kollege aus der Berliner Zeit, der mit ihm Kontakt aufnimmt, ihm vielleicht sogar die Stelle in Mainz verschafft hat, dem Kornitzer in seiner Mainzer Zeit dann nur einmal flüchtig begegnet. Insgesamt bleibt die Hauptfigur beruflich und privat fast beziehungslos und isoliert, dieses Einzelgängertum kann eine Erklärung für ihr Verhalten und ihr Scheitern sein.
Die umfangreiche Schilderung der Berliner Zeit des Ehepaars und des Exils in Kuba im Mittelteil des Romans vollständigt zwar die Biografie der Hauptfigur, wirkt aber spannungsmindernd. Hier drängt sich der Eindruck auf, dass die Autorin die Ergebnisse ihrer detaillierten Recherche und Vorarbeiten zu diesem Roman unbedingt einarbeiten wollte, auch wenn diese für das eigentliche Thema und die Konfliktkonstellation nicht bedeutsam sind.
Zum Schluss: Warum die Autorin auf Seite 230 meint, auf den 11. Sept. verweisen zu müssen, kann ich nicht nachvollziehen.
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Dieses Jahr standen wirklich sehr gute Bücher auf der short- list zum Deutschen Buchpreis 2012. "Landgericht" erhielt den begehrten Preis. Es ist das 25. Buch der in Berlin lebenden Autorin, die sich unstreitig sehr intensiv mit der Moralgeschichte der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft auseinandergesetzt hat. Sie hat fraglos tiefschürfend in Archiven, so wie Wohn- und Arbeitsorten recherchiert, doch literarische Transformation, psychologische Sensibilität und erzählerisches Potenzial sucht man in diesem Buch leider vergebens. Es entfaltet leider auch überhaupt keinen Sog, dem man sich gern hingeben möchte. Warum dieser Roman den Deutschen Buchpreis bekommen hat ist mir ebenso unerklärlich, wie die seinerzeitige Preisverleihung (2008) für den langweiligen und sprachlich nicht überzeugenden Roman "Der Turm" von Uwe Tellkamp. "Landgericht" ist ein Roman der in Fleißarbeit aus zahlreichen Dokumenten montiert ist, wobei deutlich wird welche Kontinuitäten es zum Nationalsozialismus gab. Es ist dokumentarisch faszinierend, aber es ist literarisch wirklich kein großer Roman. Man fragt sich bei der Lektüre immer wieder, wie würde der Roman wirken, wenn die Originaldokumente nicht wären? Vielleicht sollte man sich allmählich von dem Irrglauben befreien, dass literarische Preise, wie der Deutsche Buchpreis, eine außerordentliche Aussagekraft über die Qualität von Romanen haben.

Worum geht es in diesem Buch? Dr. Richard Kornitzer, ein begnadeter Jurist wurde 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft aus dem juristischen Dienst entlassen. Er flüchtet ins Exil nach Kuba, während seine arische Ehefrau in Deutschland bleibt und die Kinder aus Sicherheitsgründen nach England zu unterschiedlichen Pflegeltern gebracht werden. 1948 kommt Kornitzer aus der Vertreibung ins Nachkriegsdeutschland zurück, zunächst an den Bodensee, später ans Landgericht in der völlig zerstörten Stadt Mainz. Eine total zerrissene Familie, die Kinder kommen nicht wieder zurück und das Ehepaar war ja über Jahre nicht mehr zusammen. Das führt dazu, dass sie sich nur sehr schwer austauschen können. Eigentlich findet Kornitzer keine Heimat mehr. Ursula Krekel rekonstruiert nun diesen historischen Fall und zeigt uns sehr explizit diesen ambivalenten Menschen, wie er einerseits Wiedergutmachung einfordert und um Anerkennung des geschehenen Unrechts ringt, andererseits aber auch den demokratischen Staat Bundesrepublik mit aufbauen will und dafür in seinen ehemaligen Rang eingesetzt werden möchte.

Die Autorin fokussiert sehr schön die psychoanalytischen Episoden seines Lebens in Mainz. Kornitzer ist inzwischen Landgerichtsrat, gehört zu den angesehenen Bürgern der Stadt, aber es ist ihm nach wie vor ein Anliegen anderen Menschen von seiner Erfahrung als Verfolgter des Regimes zu erzählen, also ganz exorbitant sein Exilleid zu spiegeln. Das interessiert aber eigentlich niemand, denn seine Mitmenschen sind viel mehr geneigt von ihrem schlimmen Leid während des Zweiten Weltkrieges zu erzählen, vom Schicksal ihrer Verwandten, vom Hunger und von den zerstörerischen Luftangriffen. Damit wirft die Autorin die Frage auf, welches waren denn die heftigeren Leid Erfahrungen? Kornitzer verbittert zunehmend, da er seine eigene Leid Erfahrung immer wieder im Fokus mit der Leid Erfahrung der Mehrheit sieht. Und so kristallisieren sich im Laufe des Buches bei diesem scheinbar Recht schaffenden" Mensch plötzlich ganz andere Charakterzüge heraus, nämlich Vereinsamung, Versteinerung, Bitterkeit -- das Überlebenden Syndrom dieser Zeit.

Der Mann hat in der Authentizität eine enorme Fallhöhe, denn man erlebt einen Menschen der plötzlich ein maßloses Gerechtigkeitsempfinden entwickelt, dabei ist es ein ganz schmaler Grad von der Suche nach Gerechtigkeit zum Recht haben wollen, eben zur Selbstgerechtigkeit bis zur Ungleichgewichtigkeit dieses Rechts im Antagonismus zu anderen Rechten. Kornitzer wurde zum Bittsteller bei denselben Leuten, die ihn einst aus der Heimat getrieben haben und er zerbricht schließlich an einem System, in dem die Juristen des Dritten Reichs immer noch das "Sagen" haben, denn die Kontinuität in den Gerichten war scheinbar sehr ausgeprägt, dabei macht das Buch sehr deutlich was vermutlich Zitate sind und was als Collage Technik daher kommt.

Das Buch beginnt mit einem Kleist Zitat und vielleicht will uns die Autorin darauf hinweisen, dass sie in diesem authentischen Fall in Kornitzer einen modernen Michael Kohlhass sieht. Beharrlichkeit, endlose Geduld und der unerschütterliche Glaube an Gerechtigkeit sind die Eigenschaften die den Helden dieses Romans auszeichnen. Das faszinierende an diesem Menschen ist, dass er - und hoffentlich spoilere ich da nicht zu viel- bei der Verfolgung einer gerechten Sache zum Ungeheuer wird.

Dieser Fall Kornitzer ist eigentlich exemplarisch für die Emigrantenproblematik, eigentlich ein Menschheitsthema seit der Vertreibung aus dem Paradies. Das Buch wird in vielen Rezensionen als literarische Wiedergutmachung gefeiert. Es ist ein authentischer Fall und es ist insofern sicher der beste Dokumentarroman des Jahres, es ist auch ein moralisches Buch über die heute häufig verdrängte Emigranten Problematik, und wie die promovierte Germanistin es in einem Interview zum Ausdruck gebracht hat, um das Verständnis für das Schicksal heutiger Flüchtlinge, für ihre Einsamkeit und ihre Integrationssehnsüchte. Das ist großartig, kann aber meine ambivalente Einstellung zur literarischen Prätention dieses Buches nicht eliminieren.
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am 11. Januar 2013
Das Buch „Landgericht“ handelt von Kornitzer, einem Richter jüdischer Abstammung, der vor der Nazidiktatur nach Kuba emigriert. In der jungen Bundesrepublik gelingt es ihm nicht, wieder Fuß zu fassen.
Trotz des interessanten Themas kann ich dieses Buch nicht empfehlen: Da schnell klar wird, dass der Richter seinen Kampf um Gerechtigkeit in eigener Sache nicht gewinnen wird, verliert die Geschichte schnell den Spannungsbogen. Dennoch hätte es ein lesenswertes Buch werden können, wenn es der Autorin gelungen wäre, die handelnden Personen dem Leser/der LeserinLandgericht nahe zu bringen und bei ihm dauerhaft Interesse und Mitgefühl zu wecken. Deren Gedanken, Gefühle und innere Entwicklung bleiben jedoch häufig im Ungefähren, damit bleiben die Personen dem Leser fremd, Konstruktionen aus Papier.

Häufig stolpert man über Bilder und Vergleiche, die ich befremdlich bis abwegig finde. Ein paar Beispiele:
Über 33.000 Menschen hätten sich nach einem Bombenangriff „ins Umland verkrümeln müssen.“ (S 68).
Der unerfüllte Wunsch nach Gemeinsamkeit des Ehepaares wäre „wie ein Sehnsuchtstropfen verdampft“ (S 124).
Er „hörte auf das wässrige Ticken der Wanduhr“ (S 172).
Die Mitglieder eines SA-Schlägertrupps werden als „Hooligans“ bezeichnet (S 226).
Die „Überlebensschuld“ von Holocaustüberlebenden „breitet sich aus wie ein Fettfleck“ (S 404).
Kornitzer denkt: „Man bildet sich ein, viele Sachen zu sein, Kind, Vater, Engländer oder kein Engländer“ (S488).

Auch einige Fehler sind mir aufgefallen, z.B.
Die Raketen auf London kamen nicht aus Peenemünde (wo sie getestet wurden). Sie wurden in den besetzten Niederlanden abgeschossen. (S 160).
Knabenkraut und Küchenschelle blühen nicht zu Zeit der Apfelernte (S90)

Ganz schwierig wird es, wenn die Autorin ins Lyrische abdriftet. Zwei Beispiele von vielen:
Kornitzer besucht den Stadtteil Mombach in Mainz:
„Häuserchen in einer Gasse aneinandergelehnt, mit der Schmalseite aneinandergeklebt. Finger müssen klebrig geblieben sein beim Kniffen wie bei einer kleinteiligen Bastelarbeit. Alles ist feucht, befeuchtet, in einer künstlichen Erregung gehalten worden, in einer Erregung, die nur das Miniaturformat betrifft. Die Größe des Problems ist von der Kleinheit (Kleinlichkeit) des Formats nicht betroffen....“ (S 84)
In Kuba passt sich Kornitzer an das Land und an seine Geliebte an:
.“...an den subjektiven Faktor, der zu benennen war, den Neigungswinkel, in dem die Forscherin sich dem Forschungsobjekt näherte und die minimalinvasive Interessenkoalition zwischen dem Überlebensinteresse des Emigranten und einem einzelnen Subjekt (menschlich, weiblich, dem Gastland zugehörig)?“ (S 343).
Alles klar?

Vielleicht wäre das Buch lesbarer geworden, wenn es drastisch gekürzt worden wäre. Es enthält viel (Überflüssiges), was mit dem eigentlichen Thema kaum etwas zu tun hat: So wird die Emigrantenszene in Kuba ausgiebig vorgestellt, zu der Kornitzer nur wenig Kontakt hatte. Oder es wird die Frage ausgebreitet, ob der Richter außer in Kuba einen weiteren Nervenzusammenbruch erlitten haben könnte. Die Autorin selbst hält es für „gleichgültig“ dieser Frage nachzugehen (S 282). Auch das Zitat von Bush zum 11.9. „Go shopping“ (S 230) passt nicht in das Buch.
Vielleicht hätte dem Werk ein kompetenter Lektor gut getan.

Das Buch ist sicherlich politisch korrekt. Auch die Fleißarbeit der Autorin ist anzuerkennen. Ein Hinweis, dass es sich um einen authentischen Fall handelt und die kursiven Texte aus den Akten stammen, wäre hilfreich gewesen.

Wer sich mit dem Thema der nicht überwundenen Nazi-Ideologie der frühen Bundesrepublik beschäftigen will, erfährt hier viele Details. Aber ein guter Roman ist es m.E. nicht. Und dass er den Deutschen Buchpreis bekommen hat, ist mir völlig unerklärlich. An der Qualität des Romans kann`s nicht gelegen haben.
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Dieser Roman beginnt vielversprechend mit einigen filigran beschriebenen Szenen (das Wiedersehen am Bodensee), versandet dann aber (als Erzählwerk) zunehmend in einem Wust von Dokumentation und Aktendeutsch, weit über das Romandienliche hinaus.

Seitenlang werden vor allem in der zweiten Hälfte Behördenschriftsätze und Briefwechsel mit den Ämtern zitiert. Die erzählerische Umsetzung gelingt nicht mehr. Schon die Kapitel über das Exil in Kuba sind eher eine historische Dokumentation, nur noch lose mit der Hauptfigur verknüpft. Am Ende wurde mir das Schicksal Kornitzers immer gleichgültiger - zu strohig die Lektüre. Mir schleierhaft, wie man diesen "Roman" mit Kleists Michael Kohlhaas und dessen verbissenem Kampf um Gerechtigkeit vergleichen kann. Von Kleists mitreißender erzählerischer Wucht findet sich rein gar nichts.

Und die Moral von der Geschicht' ist sowieso klar, von Anfang an, viel zu sehr für einen Roman. Das moralische Versagen der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft ist zudem nicht gerade ein neues Thema. Seit Jahrzehnten wird es literarisch beackert, insbesondere von der Generation der Achtundsechziger-Autoren, zu der Krechel gehört. Schriftsteller wie FC Delius haben diesem Thema bessere, auch aufwühlendere Romane gewidmet (etwa "Mein Jahr als Mörder" über die Grosscurths, die deutsche Justiz und den empörenden Umgang mit den Widerständlern in den Fünfzigern).

Somit gibt das sterile Umschlagbild von "Landgericht" ganz gut meinen Leseeindruck wieder. Und dieser Roman soll das beste deutschsprachige Erzählkunstwerk des Jahres 2012 sein? (denn der Preis geht ja nicht an die "beste Dokumentation") Selten hat sich eine Jury wohl so vergriffen, offenbar geblendet vom gewichtigen zeitgeschichtlichen Thema. Dieses Buch wird viele Leser enttäuschen.
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am 29. Juli 2013
Diese Geschichte ist packend erzählt und hoch interessant, da sie die Auswirkungen der Vertreibung der Juden und anderer missliebiger Bürger aus Deutschland auf die Familien und auf das ganze Leben der Betroffenen beleuchtet. Wichtig auch die Probleme der zurückgekehrten Flüchtlinge mit der bei Weitem nicht entnazifizierten Gesellschaft. Bezüge zu aktuellen Ereignissen in Deutschland werden denn auch beklemmend bewusst. Für mich werden neue, mir bisher nicht bekannte Aspekte jener Zeit beleuchtet. Die Gedankengänge der Autorin sind mir zwar manchmal zu verschlungen und erschliessen sich mir dann auch bei mehrmaligem Lesen nicht. Darüber hinwegsehend kann ich das Buch zur Lektürenur wärmstens empfehlen.
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am 25. Oktober 2012
Das "zerstörte" Leben von 6 Personen rund um Richard Kornitzer. Einfühlsam und treffend dargestellt. Eine Sprache, die den Leser in die Zeit der 30er - 70er Jahre mitnimmt.

Wer hedonistischen Zeitvertreib sucht und nur kurze Sätze versteht, der ist mit diesem Buch überfordert.

Wer sich jedoch in die Zeit, in der der Roman handelt, versetzen möchte, wer auch Beklemmung und unterdrückte Wut verträgt, wer Empathie besitzt und vielleicht die Nachkriegszeit erlebt hat, dem empfehle ich dieses Buch.

Mich hat das Buch gefesselt und zu Diskussionen über die Protagonisten angeregt, die ich mit anderen Lesern dieses Buches führen konnte. Richard Kornitzer kam ich sehr nah. Warum hat er nicht ein wenig gelebt, nach all dem, was ihm und seiner Familie widerfahren ist? Statt dessen achtet er darauf, dass ihm keine Kohlen gestohlen werden.

Kornitzer macht auf mich den Eindruck des "Großbürgerlichen" Anwalts, der die Übergriffe der Nazis auf die Juden anfangs noch als relativ harmlos angesehen hat. Sogar seine Mutter erwähnt sinngemäß, dass es in Ordnung sei, einmal richtig unter dem "Zores" aufzuräumen. Nach dem Motto, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde.

Seine Zeit in Panama, das er nur durch die finanzielle Hinterlassenschaft seiner Mutter erreichen konnte, wusste er für sich zu nutzen. Auch die Tötung eines Ungeborenen Lebens war für ihn eine, glücklicherweise nicht realisierte, Option.

Wieder zurück in Deutschland und tätig in seinem zurückgeforderten Beruf passt er sich an und zieht alte Nazijuristen nicht durch Eigeninitiative vor das Gericht. Nein, er schweigt. Nur nicht, wenn es um seine Entschädigungsangelegenheit geht. Dafür findet er alle Zeit der Welt und vergeudet Lebenszeit für letztendlich ein paar hundert Mark. Verwehrt seiner Frau den Wiedereinstieg in den Beruf, findet eigentlich, dass sein Haus nicht standesgemäß ist und dass es in seiner Straße stinkt.

Bei mir als Leser wechselte die anfangs betroffene Stimmung in eine verständnislose.

Aber lesen Sie selbst.

Der Schreibstil passt absolut zum Thema. Man riecht förmlich das gebohnerte Linoleum auf dem Flur des Landgerichtes.

Es ist eines der Bücher, das ich zuerst als eBook gelesen und dann als gebundene Ausgabe gekauft habe.

Klare Kaufempfehlung.
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