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am 27. August 2010
(*) Um diesem wichtigen Buch gerecht zu werden, muss man es zweimal rezensieren, einmal als Sachbuch bzw. Dokument und einmal als Literatur. Als letztere fällt es durch. Schon nach wenigen Seiten möchte man es wegen seiner gezwungenen, ja schwülstigen und kitschigen Sprache zur Seite legen. Für den deutschen Leser ist schwer zu entscheiden, aber letztlich auch egal, ob dieser Stil der Autorin oder ihrem griechisch-schweizerischen Übersetzer Argyris Sfountouris geschuldet ist.
"... das Schwanenweiß ihres freien Halses spiegelte sich im seidenen Purpur und warf ein astrales Licht auf ihr Gesicht aus Elfenbein." (S. 11). Das geht dann mit "lichterfülltem Lächeln" (S. 12), "liliengleichen Fingern", "Augenstern" und "honigsüßen Vogellauten" (S. 13) immer so weiter.

Es bleibt unverständlich, wie die Südosteuropa-Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung in ihrer sonst neugierig machenden Rezension dafür den Satz fand: "Nina Nahmia hat für diese Familienskizze eine zarte, behutsame Sprache gefunden und A.S. hat sie in ein schönes Deutsch verwandelt." Dass die Zitatstellen keine Ausrutscher sind, könnte leider mit vielen weiteren Beispielen belegt werden. U.a. gerät bei der mit Hilfe eines Bauern gelingende Flucht aus dem Ghetto Thessalonikis die Beschreibung der als Verkleidung dienenden Bauerntracht zu einem Folklorebild, wie man es früher in billigen griechischen Urlaubsprospekten finden konnte. Dass man den Schrecken des Holocaust oder südamerikanische Folterkeller auch literarisch überzeugend in Spache bringen kann, haben andere Autoren bewiesen. Ich denke u.a. an Saul Friedländer (Wenn die Erinnerung kommt.) oder Ariel Dorfmann (La Muerte y la Doncella / Der Tod und das Mädchen.)

Man könnte nun fragen, warum eine angemessene Sprache bei diesem Thema so wichtig sein soll. Die Antwort ist einfach: Damit auch schwer erträgliche Schilderungen von Grausamkeiten, die unsere Vorstellungskraft eigentlich übersteigen, vom Leser nicht als übertrieben oder gar unwahr abgetan werden können.

Der Leser, der sich durch solche Hürden nicht abschrecken lässt, begegnet mit diesen Erinnerungen einer griechisch-jüdischen Familie vor dem erschreckenden Abgrund des Holocaust in Griechenland, der bisher noch wenig thematisiert wurde. Vor allem wegen dieser Einsichten lohnt sich die Lektüre trotz ihrer literarischen Schwächen.

Bis hier meine Sprachkritik. Jedoch scheinen mir Inhalt und Ausage außerordentlich wichtig.

(***) Jahrzehntelang war Kalavrita das Synonym für deutsche Kriegsverbrechen in Griechenland. Erst spät gelangte Distimo in das Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit. Wenn auch die Massaker an der griechischen Dorfbevölkerung und die Judendeportationen nach Auschwitz auf der Schreckensskala deutscher Kriegsverbrechen in Griechenland eine unterschiedliche Qualität haben, bleibt es zunächst verwunderlich, dass das Schicksal der rund 45.000 vernichteten griechischen Juden, überwiegend aus Thessaloniki, in der griechischen Öffentlichkeit keine vergleichbare Erregung wie die mit Vergeltung für Partisanenüberfalle begründeten Morde an der griechischen Zvilbevölkerung hervorgerufen hat.

Nina Nahmias Buch berührt und entsetzt auch den mit aller Art von Brutalität und deren Darstellung vertrauten Leser. Am individuellen Schicksal der Demütigung und Zerstörung einer Familie aus Thessaloniki bewirkt der Blick in den Abgrund der Judenvernichtung erschütternde Eindrücke, die sich viel stärker und länger einprägen als die bloßen Horrorzahlen der Statistik.

Der Buchtitel verdeckt, dass die eigentliche Hauptfigur nicht das Kind Reina Gilberta, sondern ihre Mutter Edda ist. Ihr gelingt es, indem sie sich von der kleinen Reina trennt, ihr Kind zu retten. Sie selbst aber entgeht trotz zunächst gelungener Flucht aus dem Ghetto nicht dem KZ-Schicksal. Die Autorin lässt parallel zu dem Erzählstrang der Familiengeschichte einen historischen Strang laufen. In diesem wird die Geschichte der Juden Thessalonikis seit ihrer Vertreibung aus Spanien, fast 500 Jahre zuvor, bis zu den Leiden des Holocaust und ihrer Vernichtung dargestellt. Wer das so entstehende Bild vor allem um die von der aktuellen Holocaustforschung aufgezeigten politischen Dimensionen vervollständigen möchte, sei dringend auf den Griechenlandteil von Götz Alys " <a href="javascript:" cref="CitaviPicker3100004205"></a> Hitlers Volksstaat: Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus" hingewiesen. Diese 30 Seiten sollte man am besten vor der Lektüre Nahmias lesen. Sie vervollständigt den erwähnten Geschichtsstrang um wichtige Fakten.

PT August 2010
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am 10. März 2016
Das Buch ist von unschätzbarem dokumentarischem Wert und verdient deshalb eine breite Öffentlichkeit, vor allem in Deutschland, wo es bekanntlich kein Vat Yashem gibt, keines, wie wir es bräuchten. Dass hier keine passende Erzählsprache gefunden wird, verwundert nicht. Im Gegenteil: es zeigt nur, dass sich die Gräueltaten der Deutschen damals nicht "erzählen" lassen. Pflichtstoff? Das Wort ist unbeliebt. Aber ich sage das, weil wir die menschliche Pflicht zum Gedenken an die Opfer haben. Dr. Gerhard Oberlin
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