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am 5. März 2013
Allen, die sich - sei es professionell oder interessehalber - die Frage stellen, wie aus dem einfachen, in der DNA hinterlegten genetischen Code komplexe Organismen entstehen mit völlig unterschiedlichem Körperbau, Organen, Gehirnen und Gliedmaßen, sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Ohne Vorkenntnisse in Molekularbiologie oder Genetik vorauszusetzen, erklärt es anschaulich, illustriert durch viele konkrete Beispiele, wie die Embryonalentwicklung der Lebewesen "funktioniert". Eindrucksvoll ist die Darstellung, wie einfachste genetische Variationen große phänotypische Unterschiede hervorbringen können und wie stammesgeschichtlich sehr alte Mechanismen auch in heute lebenden Organismen noch aktiv sind.
Das Buch zeigt eindrucksvoll, dass Formen, so komplex sie uns auch erscheinen mögen, durch erstaunlich "simple" Mechaninsmen erzeugt werden können: Nicht alles, was komplex erscheint, hat komplexe Ursachen.
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TOP 1000 REZENSENTam 4. Oktober 2016
Im Juni des Jahres 2000 verkündete der U.S. Präsident Bill Clinton stolz, dass es einem öffentlichen internationalen und einem privaten amerikanischen Team von Forschern nach ca. 10jähriger Arbeit gelungen sei, den genetischen Code des Menschen zu 97 Prozent entschlüsselt zu haben. Anlass gaben dazu auch die zahllosen Krebstoten in den Vereinigten Staaten und der Forderung der amerikanischen Medizin zur Entschlüsselung des Genoms. In diesem Zusammenhang ist sicher auch das Wirken des Medizin Nobelpreisträgers Renato Dulbecco zu benennen. Momentan analysiert man im Vergleich zum Genom gesunder Menschen die Veränderungen durch Mutationen im Erbgut von Krebskranken. Dabei werden derzeit die häufigsten Krebserkrankungen in den USA an erster Stelle behandelt. Dazu zählen Hirntumore, Lungen- und Eierstockkrebs. Eine der größten Schwierigkeiten bei solchen Unternehmungen ist das Aussondern bedeutungsloser Mutationen in den Proben. Man wunderte sich oft darüber, dass viele Krebsarten nicht einfach zu bekämpfen sind und plötzlich wieder noch heftiger zurückschlagen nach 2 - 3 Jahren Ruhephase. In diesem Zusammenhang wird derzeit die Bedeutung von unsterblichen Stammzellen intensiv untersucht. Derzeit werden 4 Modelle dargestellt: die erweiterte Nische, die Ersatznische, Nischenunabhängigkeit und das Modell der Mutation zur Selbsterneuerung. Die Beteiligung von Stammzellen wurde für folgende Krebserkrankungen nachgewiesen: akute myeloische Leukämie (1994), akute lymphoblastische Leukämie (1997), chronische myeloische Leukämnie (1999), Brustkrebs und multiples Myelom (2003), Hirntumore (im Jahr 2004), Prostata- und Lungenkrebs (2005), Dick- und Mastdarmkrebs (2006), Pankreaskarzinom sowie Melanome und Eierstockkrebs (2008).
Man sieht, welche Bedeutung die Erkenntnisse der Evolutionsbiologie für die moderne Wissenschaft haben.

In der Krebsforschung steckt man natürlich auch noch in den Anfängen, weil der Mensch das Geheimnis seiner Existenz bis heute noch nicht lüften konnte. 40 Jahre lang lag der Fokus der evolutionsbiologischen Wissenschaft auf jenen DNA - Abschnitten, die für Proteine kodieren. 98,5 % sind größtenteils wirr und unverständlich. Forscher taten sie vereinfachend als bloßen evolutionären DNA - Müll ab. Neuerdings kam man zu einer erweiterten Erkenntnis, denn der DNA - Müll zeigte sich unter der Lupe als ein System von Schaltern, die Gene an- und ausschalten können. Von diesen nichtcodierten Regionen erhoffen sich die Genforscher die Antwort auf die Rätselfrage, wieso der Mensch so wenige Gene hat, nur etwa 2000 mehr als ein Fadenwurm.

Dieser Fragestellung unter Bezugnahme zu den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen geht Sean Carroll, Professor für Molekularbiologie und Genetik an der University of Wisconsin in Madison, in diesem Buch nach und leistet damit einen wichtigen Beitrag zu aktuellen Forschungsthemen im Darwinjahr. Seine Basisthese lautet, dass eben nicht die Gene für die Artenvielfalt und die Unterschiede innerhalb der Spezies verantwortlich sind, sondern die "genetischen Schalter", die Gene zu gewissen Zeitpunkten aktivieren und wieder abschalten.

In diesem Kontext erläutert er, wie durch die Kooperation zweier wissenschaftlicher Disziplinen, gemeint ist die Entwicklungsbiologie und die Evolutionsbiologie, erstaunliche Erkenntnisse gewonnen werden konnten. Rund 150 Jahre nach Veröffentlichung des epochalen Werks "The Origin of Species by Means of Natural Selection" von Charles Darwin, gibt es nun einen fundierten Ansatz, die Entstehung der Artenvielfalt auf der Ebene einzelner Moleküle zu erklären. Carroll zählt in diesem Segment als Experte schlechthin. Die neue wissenschaftliche Disziplin wurde auch gleich mit einem neuen Namen getauft: Evo Devo, wobei das Evo für Evolution steht und das Devo für developmental biology (Entwicklungsbiologie).

Es ist keine neue Erkenntnis, dass die genetische Kontrolle bei der Embryonalentwicklung bei Lebewesen ähnlich ist, die wiederum recht unterschiedlich aussehen. Und das stand sogar meist im Kontext zu Atavismen schon seit langer Zeit in den Biologiebüchern der Gymnasien. In diesem Zusammenhang führt Carroll das Gen Pax 6 für die Entwicklung der Augen als Beispiel an. In den 1990er Jahren erkannten Forscher dass Fliegen keine Augen mehr ausbilden können, wenn das Gen Pax 6 defekt ist. Anschließende Untersuchungen an anderen Tieren zeigten, dass Pax 6 in mehr oder weniger abgewandelter Form bei fast allen Arten, einschließlich des Menschen, vorkommt und auch bei ihnen wichtig für die Entstehung der Augen ist. Wie ähnlich sich die Pax 6 Gene verschiedener Arten sind, zeigte sich aber erst, als Forscher den augenlosen Fliegen das Pax - 6 - Gen von Mäusen einpflanzten und diese daraufhin wieder völlig normale Augen bildeten. So erklärt Sean Carrol recht anschaulich, dass in grundverschiedenen Arten im Wesentlichen die gleichen Gene Vorgänge in der Entwicklung steuern.

"Durch die Sequenzierung ganzer Genome kam man auch zu der Erkenntnis, dass der Mensch sich in der Anzahl der Gene nur wenig von einfacheren Organismen, wie von Fadenwürmern oder Fliegen, unterscheidet. Nach und nach erkennen wir, dass das, was wir als genetischen Abfall bezeichneten, der Schlüssel zum Verständnis der Artenvielfalt ist. Nicht in erster Linie die Gene selbst, sondern genetische Schalter sind die Stellen, an denen die Evolution ansetzt. Diese Sequenzen entscheiden darüber, wann und wo in der Entwicklung bestimmte Gene aktiv sind. Durch Mutationen in den Schaltern ändern sich die Aktivitätsmuster von Genen während der Entwicklung. Das wiederum führt dazu, dass der entstehende Embryo eine neue Form erhält.

Diese "Genschalter" bestehen aus sogenannten Enhancern (bestimmte DNA Abschnitte) sowie sich daran anlagernde Transkriptionsfaktoren. Enhancer Sequenzen liegen oft in der Nähe des Gens, das sie bedienen. Für die Evolution anatomischer Merkmale sind sie oft maßgeblich. Denn vielfach verändern Mutationen, die Enhancer betreffen, die Aktivitätsmuster von Genen für den Körperbau. Die Aktivierung des Genschalters beginnt, wenn Transkriptionsfaktoren sich an Bindungsstellen des Enhancers heften. Dieser Komplex fungiert als Einschalter. Danach erzeugt das Enzym Polymerase eine RNA - Kopie des Gens. Bei der Proteinsynthese wird die RNA Abschrift von einem Ribosom gelesen. Diese Zellmaschinerie erstellt nach der Bauanweisung eine Aminosäurekette, die sich zum Protein faltet.

Carroll beschäftigt sich in recht anschaulichen Kapiteln damit, wie z.B. auf diese Art und Weise über zahllose Generationen und Selektion z.B. aus den Stummelbeinchen wurmähnlicher Meeresbewohner die komplexen Fortsätze (Beine, Antennen, Flügel, Mundwerkzeuge, usw.)von Insekten entstehen konnten. Darüber hinaus erklärt er dem Leser, wie die Wirbeltiere zu ihren vielfältigen Extremitäten kamen, von der Fischflosse bis zur menschlichen Hand. Auch die Frage nach dem Zustandekommen von Mustern im Tierreich wird fokussiert. Dazu zählen z.B. die Flügelzeichnung von Schmetterlingen oder die Streifen von Zebras, auch unter der Betrachtung des Überlebensvorteils für die Art. Im Weiteren fokussiert Carroll auch noch kurz die Evolution des Menschen und erläutert in diesem Kontext, was uns Menschen von anderen Menschenaffen unterscheidet, obwohl unsere DNA zu 98% mit der des Schimpansen übereinstimmt.

In den zahlreichen, recht anschaulichen Kapiteln, baut Carroll auch immer wieder Ergebnisse eigener wissenschaftlicher Untersuchungen ein. Letztendlich werden diese Erkenntnisse wohl dazu führen, dass viele Biologiebücher überarbeitet werden müssen. Ich denke, dass man trotz aller Evidenzen immer kritisch bleiben sollte, weil schon so oft irgendwelche Theorien und Hypothesen, wenn auch fundiert begründet, immer wieder einer Theorieevolution zum Opfer gefallen sind. Aber letztendlich gründet sich auf diesem Fundament der wissenschaftliche Fortschritt. In der Gentechnologie liegen nicht nur Gefahren, sondern auch viele Chancen.
Das Buch ist sehr spannend zu lesen, sowohl für interessierte Laien als auch für Biologen. Als unterhaltsame Strandbadliteratur für den Urlaub ist es vermutlich weniger geeignet. - Christoph Erlemeier -
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am 19. Januar 2017
Die Evolutionäre Entwicklungsbiologie, abgekürzt Evo-Devo, vereint drei Forschungsgebiete miteinander, nämlich:
- Kontrolle der Genexpression
- Embryogenese
- Evolutionsbiologie von Tieren und Pflanzen.

Der erste Teil des Buches beschäftigt sich mit der Embryogenese und der Kontrolle der Genexpression.
Und zwar in dieser Reihenfolge. Dabei sollte es umgekehrt sein. Denn um die Embryogenese zu
begreifen, muss man verstehen, wie die Kontrolle der Genexpression funktioniert. Entsprechend oberflächlich
gerät das entsprechende Kapitel. So wird behauptet der Embryo entwickle sich immer entlang kartesischer
Koordinaten. Das ist eine unzulässige Vereinfachung, die schon bei den Augenflecken von Schmetterlingen
nicht funktioniert. Warum das ganze ? Nur weil der Autor nicht in der Lage ist, die grundlegende Mechanik der Embryogenese verständlich darzustellen.

Der zweite Teil des Buches, der die evolutionsbiologische Seite zum Thema hat, gerät weitaus besser. Besonders schön wird dargestellt, wie sich im Laufe der Evolution Gliedmassen bis zur Unkenntlichkeit verändert haben. So haben sich z.B. die Flügel der Insekten aus den Kiemenanhängen der Beine ihrer wasserlebenden Vorfahren entwickelt. Warum das passiert ist, welche grundlegenden Gesetzmässigkeiten der Evolution dahinterstehen, an welchen Stellen Evo-Devo ins Spiel kommt, erklärt der Autor kenntnisreich, verständlich und mit einer gewissen Leidenschaft. Der Bogen spannt sich von den bereits erwähnten Fluginsekten, über Spinnen, Schmetterlingen, Mäusen bis zum Menschen.

Danach wird die Rezeption der Evolutionstheorie in den USA, der Heimat des Autors, erörtert. Dort scheint die Mehrheit der Bevölkerung nicht an die Evolution zu glauben. Der Autor macht einige Vorschläge, wie man durch bessere Lehrpläne für Biologiestudenten dagegen etwas tun kann. Vor allem sollte man seiner Ansicht nach weniger die genetisch-molekularbiologische Sicht des Evolutionsprozesses lehren, sondern die Evolutionstheorie durch ästhetisch ansprechende Bilder der Entwicklung von Embryonen veranschaulichen. Offensichtlich hat er sich bei der Abfassung des ersten Teils seines Buches an diese Maxime gehalten.

Was noch an dem Buch auffällt, ist die Unsitte, des langen und breiten anzukündigen, was als nächstes erläutert werde. Auch sind Anekdoten aus dem Laboralltag, persönliche Vorlieben des Autors oder seine Erlebnisse aus der Schulzeit höchst überflüssig. Genauso hätte er sich Anweisungen an den Leser, was der sich besonders gut merken solle, schenken können. Überhaupt ist die ganze Zwiesprache, die er mit dem Leser hält, für ein Sachbuch unpassend. Der Leser ist an dem Thema des Buches interessiert und nicht am Autor.

Noch etwas zu meinem eigenen Vorwissen. Ich habe eine Abschluss in Physik (Diplom) und lange als Softwareentwickler gearbeitet. Des weiteren ist Biologie im allgemeinen und Molekularbiologie im besonderen ein Hobby von mir. Das rezensierte Buch hat mich dazu motiviert, mich über die Kontrolle der Genexpression und Embryogenese in einem Fachbuch zu informieren, und zwar in: "Molekularbiologie der Zelle", einem sehr detaillierten und sehr dicken (über 1700 Seiten) Standardwerk. Deswegen hege ich die begründete Vermutung, dass man die beiden Themen - Kontrolle der Genexpression und Embryogenese - weitaus übersichtlicher darstellen kann, als es das rezensierte Buch getan hat.

Was mich an dem ganzen Buch stört, ist, dass dauernd versucht wird wissenschaftliche Forschung besonders unterhaltsam darzustellen und dem Leser jede Denkarbeit abzunehmen. Und ständig ist der Autor präsent und drängt sich einem auf. Das verleidet einem die Lektüre dieses sonst ganz interessanten Buches.
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am 1. April 2012
Ich möchte mich voll der (4-Punkte) Meinung von Herrn Erlemann anschließen, vergebe aber die verdienten 5 Punkte! Ich war am Ende nicht enttäuscht, sondern begeistert über den gewaltigen Wissenszuwachs, den ich dank Carroll auf dem Sektor der Entwicklungsbiologie gewonnen habe.

Meine weiteren Empfehlungen bzgl. Evolution sind die Bücher von Dawkins: "Das egoistische Gen", "Der erweiterte Phänotyp" und "Gipfel des Unwahrscheinlichen". Diese Bücher schließen die von Herrn Erlemann erwähnte Lücke.
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am 18. Dezember 2009
Darwin. Im Jahre 2009 gibt es mehr Veröffentlichungen von und über Darwin, als vielen Lesern lieb sein kann. Denn nicht nur Sinnvolles wird da als Beitrag zum Verständnis der Evolution veröffentlicht. Der berühmte Naturforscher und Begründer der Evolutionstheorie wurde vor zweihundert Jahren geboren und veröffentlichte vor einhundertfünfzig Jahren sein epochales Werk "Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl". Und viele Forscher, Wissenschaftler, Journalisten und sich berufen Fühlende versuchen im Zuge der öffentlichen Wirkung dieses Jubiläums ein Werk einzureihen, das vielleicht lieber ungeschrieben geblieben wäre.

"Evo Devo" von Sean B. Carroll gehört mit Sicherheit nicht in diese Kategorie. Der Professor für Molekularbiologie und Genetik am Howard Hughes Medical Institute der University of Wisconsin in Madison ist ein ausgewiesener Fachmann auf dem Gebiet der "Evolutionären Entwicklungsbiologie" (evolutionary developmental biology, daher der etwas irritierende und seltsam anmutende Titel "Evo Devo").

Sein Sachbuch räumt nicht nur reihenweise mit Irrtümern und überkommenen Vorstellungen auf, es führt auch fundiert und dezidiert vor, welchen Stand die Forschung erreicht hat und wo zur Zeit offene Fragen sind und wie er sich die Zukunft der "Synthetischen Theorie der Evolution" vorstellt.

In zwei Teilen und elf Kapiteln versucht Carroll dem geneigten Leser zu vermitteln, was "Evolutionäre Entwicklungsbiologie" ist und welchen Beitrag sie zu offenen Fragen der Evolutionstheorie beizutragen in der Lage ist.

Im ersten Teil "Die Entstehung der Tiere" legt Carrol die Grundlage zum Verständnis der Entwicklung eines Embryos zum fertigen Tier. Er vermittelt die komplexe Struktur des Genoms, die neben der schieren Anzahl der Gene entscheidend geprägt ist von Bereichen der DNA, die vor zwanzig Jahren noch als Schrott, sinnlose Basenabfolge und unwichtig für das Lebewesen und die Evolution abgetan wurden. Gerade in diesen Bereichen, den Genen vorgeschalteten Zonen und Schaltern, die eine Genexprimierung veranlassen oder eben unterbinden können, liegt das Potenzial des Genoms, der wahre Bauplan für die Embryonalentwicklung.
In vielen Beispielen vermittelt Carroll ein Wissen, das gerade erst gewonnen und in Form gegossen wurde, gerade erst seinen Beitrag zur Debatte leisten kann und wichtige Bereiche der Evolution und der Embryonalentwicklung erhellen kann.

Schnell wird in diesem ersten Teil klar, dass Carroll sein Buch nicht für den Laien und von Genetik und Molekularbiologie Ahnungslosen geschrieben hat. Er verwendet Fachsprache, schildert komplexeste Zusammenhänge und schwierigste Forschungsergebnisse. Zwar versucht er, immer wieder erklärend zu vereinfachen und klar zu stellen, doch bleibt das Buch ein schwieriges und forderndes Stück Arbeit - auch für den Studenten der Biologie, den Lehrer und fachfremden Wissenschaftler. Selten aber hat es ein lohnenderes Unterfangen gegeben, an der Spitze der Forschung mitreden zu können und zu verstehen, womit sich Genetiker, Evolutionsbiologen und Molekularbiologen zur Zeit beschäftigen.

Hat man diesen Teil hinreichend verinnerlicht - gelegentliches Nachlesen und konzentriertes sich Erinnern vorausgesetzt - kann man sich dem zweiten Teil des Buches widmen. "Fossilien, Gene und die Vielfalt der Tiere" behandelt die Frage, wie aus einem größtenteils bereits im Kambrium vorhandenen Genbestand eine solche Fülle von verschiedenen Arten entstehen konnte. Auch die Menschwerdung wird unter diesem Gesichtspunkt kurz angerissen, verbleibt aber an der Oberfläche und vermittelt nur einen knappen Überblick über den Stand der Forschung. Exzellent sind die immer wieder eingestreuten Fotografien und Zeichnungen. Die teilweise farbigen Bilder erleichtern das Verständnis des Textes enorm und dokumentieren meist aktuelle Forschungsergebnisse.

Suchte man bisher vergebens nach einer Verbindung mit aktuell diskutierten Evolutionstheorien, wird man auf den letzten zwanzig Seiten fündig. Hier gießt Carroll seine Ansichten, fußend auf den beschriebenen Erkenntnissen, in eine lesenswerte Form. Leider gerät diese Übersicht sehr kurz und hat wenig Tiefgang. Auch seine Zurückweisung der momentan erstarkenden Theorien der Kreationisten und des "Intelligent Design", die sich schlicht der modernen Wissenschaft verweigern und in allen ungeklärten Fragen einen Gottesbeweis sehen wollen, gerät zu knapp, um zu überzeugen. Hier muss man andere Bücher lesen und nach Informationen durchforsten.

"Evo Devo" ist das Arbeitsbuch eines Praktikers. Es ist brillant, komplex, schwierig und fordernd. Am Ende ist man zwar enttäuscht über den geringen Anteil an "Evolution", doch mehr als begeistert über den enormen Wissenszuwachs, den man dank Carrol auf dem Gebiet der Entwicklungsbiologie gewonnen hat. In diesem Sinne ist dieses Buch einmalig, fantastisch und äußerst lesenswert - doch Darwin und seine Theorie wird man hier nicht erklärt bekommen, das sollte man beachten!

Stefan Erlemann
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am 31. Dezember 2008
Nicht nur weil sich die Erstveröffentlichung von Charles Darwins Standardwerk zur Evolution in diesem Jahr jährt, sondern auch und vor allem, weil es auf dem Gebiet der Evolutionstheorie und der Entwicklungsbiologie eine Fülle neuer Erkenntnisse gibt, ist der Büchermarkt im Herbst 2008 voll von wissenschaftlicher Literatur zum Thema, die größtenteils so aufbereitet ist, dass ein breites Publikum sie verstehen kann. Da wurde Richard Dawkins opus magnum aus dem Jahr 2004 übersetzt ("Geschichten vom Ursprung des Lebens" ).
Ernst Peter Fischer legte das "Große Buch der Evolution" vor, das leicht verständlich einen allgemeinen Überblick verschafft, Joachim Bauer beschreibt bei Hoffmann & Campe "Das kooperative Gen" und nennt es den Abschied vom Darwinismus, und Sean B. Carroll, Professor für Molekularbiologie und Genetik an der University of Wisconsin ist in diesem Herbst mit gleich zwei Büchern auf dem deutschen Markt vertreten. Bei S. Fischer erklärt er "Die Darwin - DNA. Wie die neueste Forschung die Evolutionstheorie bestätigt", und der kleine, ambitionierte Verlag der Berlin University Press publiziert sein hier vorliegendes Buch "Evo Devo. Das neue Bild der Evolution."

"Evo Devo" ist die Abkürzung evolutional development und bezeichnet den Wissenschaftszweig der evolutionären Entwicklungsbiologie. Schon um die Wende zum 20. Jahrhundert unter anderen von Haeckel vertreten, trat sie wieder ins zweite Glied zurück, weil es keinen wirklichen Fortschritt in der Erkenntnis gab. Das lag wahrscheinlich daran, dass die evolutionäre Entwicklungsbiologie zunächst vergleichend arbeitete, die Entwicklungsbiologie aber zunehmend experimentell. Es konnten aber keine Arbeiten auf entsprechendem Niveau durchgeführt werden, wodurch die Entwicklungsbiologie ganz von der Genetik abgekoppelt wurde und das fand seinen Niederschlag in der bis heute favorisierten sogenannten synthetischen Evolutionstheorie.
Die Entdeckung der sogenannten Homer Box 1984, ein Genabschnitt, der in vielen wichtigen Genen, die die Entwicklung steuern, stark konserviert ist, belebte die evolutionäre Entwicklungsbiologie wieder sehr.

Sean B. Carroll erzählt nun in diesem faszinierenden Sachbuch die Geschichte einer Revolution. Es ist nämlich so, dass eine überschaubare Gruppe von stark konservierten Genen bei allen Tieren einschließlich des Menschen die Anordnung und Ausbildung der wichtigsten Organe und Gliedmaßen bestimmen.
Carroll beschreibt die Entwicklungsgeschichte von der kleinen Zelle bis zum ausgewachsenen Lebewesen. Gleich ob er die reine Genetik betrachtet oder den entwicklungsgenetischen Ansatz, immer ist für Carroll klar, dass es eine triumphale Bestätigung des Darwinismus darstellt, der kontinuierlichen Evolution durch Mutation und Selektion.

Der Rezensent weist an dieser Stelle hin auf das schon erwähnte Buch von Joachim Bauer, der gegen Dawkins Theorie vom egoistischen Gen polemisiert und anders als Carroll die Darwinsche Annahme einer kontinuierlichen Evolution als widerlegt ansieht.

Es bedarf keiner großen prophetischen Gabe um zu vermuten, dass die Debatten um diese Kontroverse gerade erst begonnen haben und sicher bald von einem der großen Wissenschaftsjournalisten in diesem Land für das breite Publikum verständlich aufbereitet werden wird.
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Es ist sehr zu begrüssen, dass nun endlich auch eine deutsche Übersetzumg dieses Werkes vorliegt. Sie trägt hoffentlich dazu bei, den Bekanntheitsgrad des Molekularbiologen auch in interessierten Laienkreisen zu etablieren.
2 Personen fanden diese Informationen hilfreich
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am 21. September 2008
Die Biologie hat sich in den letzten Jahren doch sehr stark gewandelt - immer neues Wissen kam hinzu und die Molekularforschung tat ihr übriges um das Wissen nochmals zu vergrößern. Auch die Forschung an den Genomen hat die Wissenschaft einen weiten Sprung voran gebracht. Der Autor Sean B. Carroll zeigt in seinem Buch EVO DEVO diese Revolution auf, anhand von umfassenden Beispielen und nun auch bekannten Steuerungsprozessen innerhalb der Zellen.

Professor Sean B. Carroll lehrt an der Howard Hughes Medizinischen Institut der Universität von Wisconsin. EVO DEVO ist sein erstes Buch in dem er sein Fachgebiet die Molekularbiologie vorstellt.

Die Fortschritte der Molekurbiologie sind umfassend und haben Einfluss auf viele andere Wissenschaftsgebiete - was innerhalb der letzten Jahre erforscht wurde hat unser Weltbild von den Abläufen innerhalb der Genetik und der Zellbildung revolutioniert.

Das Buch EVO DEVO beschäftigt sich eingehend mit folgenden Themen: Die Entstehung der Formen und Tierarten, die Vielfalt der Gene und die Verschiedenartigkeit der Ausprägungen.

Das Buch von Professor Sean B. Carroll beschreibt die Ausbildung immer neuerer Formen von denen der Mensch zurzeit die höchste Spezies ist und zeigt damit auf, dass die Evolution ein unbeschreiblich schöner und doch stiller Prozess ist.

Der Aufbau der Formen, die Ausprägungen der Unterschiede und das Zurückführen auf Urformen ist ein weiterer Teil des Buches. EVO EVO ist eine Hommage an die Schöpfung, an die Kraft der Natur aus sich selbst heraus immer neue Formen zu generieren und damit Vielfalt zu erzeugen.

Ein interessanter wissenschaftlicher Beitrag, welcher auch von Laien verstanden werden kann zum Thema der Evolution und der raffinierten Steuerungsprozesse, welche hinter allem Leben stehen.

Sehr empfehlenswert!
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am 8. Februar 2009
Ein hervorragendes Buch, spannend auf jeder Seite. Carroll berichtet über die grossen Fortschritte, welche die Evolutionstheorie in Verbindung mit der Erforschung der Entwicklung (development, daher Devo) der Lebewesen bis zur adulten Form in den letzten 20 Jahren gemacht hat. Reich bebildert, flüssig geschrieben, engagiert.
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