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am 27. November 2010
Wir schreiben das Jahr 1969. Apollo 11 landet auf dem Mond. Der Protagonist des Romans Babels Berg" Gustav Horbel befindet sich in einem Studentenwohnheim der Hauptstadt der DDR und bereitet seine legendären Schmalzbrote zu. Es wird Doppelkopf mit den Kommilitonen gespielt. Ungefähr zur selben Zeit saß ich im sogenannten Interzonenzug", der mich nach Berlin (West) bringen sollte. Der Zug war gut besetzt, mit älteren Reisenden hauptsächlich, die auf Westbesuch gewesen waren. In einem Ort namens Probstzella verließen gut drei Viertel der Reisenden den Zug, schweigend und ohne einen Blick zurückzuwerfen, und ich war von einem ebenso rätselhaften wie niederschmetternden Gefühl durchdrungen, versagt zu haben.
Danach wurden die Türen des Zuges verriegelt, kein Halt mehr bis West-Berlin. Die Bundesbürger hockten eingesperrt in ihrer Freiheit herum und wurden durch die DDR regelrecht hindurchgeschossen. Auffällig, dass der Zug immer dann an Fahrt aufnahm, wenn er durch Bahnhöfe fuhr, gerade so, als sollte den Westbürgern jeder noch so kurze Blick auf an Bahnsteigen wartende Ostbürger verunmöglicht werden - ein absurder Vorgang.

Was hat das nun mit dem Roman von Immo Sennewald zu tun?

Nun, ich wurde beim Hineinlesen daran erinnert. Und dann, mit fortschreitender Lektüre, wurde klar, dass der Autor den Zug angehalten hatte, um dem Westbürger einen langen Blick mitten in den fremden Staat hinein zu ermöglichen, in das Alltagsleben derer, die man - staatlich verordnet - unsere "Brüder und Schwestern im Osten" nannte, lesend zwar nur, aber so dicht und so nah beschrieben, dass ich Gustav Horbels Schmalzbrote auf der Zunge zu schmecken glaubte.

Es ist, das sei vorweggenommen, ein grandioser Roman, geschrieben mit einer Fabulierfreude, die ihresgleichen sucht, wortreich und wortgewaltig, erinnernd an große Entwicklungs- und Schelmenromane - eine selten gewordene Tradition, die Sennewald wieder zum Aufblühen bringt.

Ist dies ein DDR-Roman? Eine Frage, die der Autor gewiss oft gestellt bekommt. Und wenn man sie bejahen würde, dächte man sofort an Vergleichbares (etwa Tellkamp & Co), dächte an Staatssicherheit, Überwachung, Bespitzelung usw., aber so direkt kommt Sennewald nicht daher. Weitaus hinter- und tiefgründiger entblättert und entlarvt er diesen Staat anhand des dargestellten Personals, anhand auch von wunderbaren Metaphern, wobei eine gleich zu Beginn besonders ins Auge sticht: Die drehenden Teller und rollenden Münzen, die man als Abbild eines Systems verstehen kann, das sich nur um sich selber dreht (und ausgerechnet von einer Russischlehrerin in eine aberwitzig langdauernde Rotation versetzt). Immer schneller und immer lauter drehen die Teller, um am Ende, "Dschong-dschong-dschong-ong-ong-gengengeng" abrupt liegenzubleiben. Welchen Rang diese Metapher einnimmt, lässt sich alleine daran erkennen, dass den Tellerdrehern, die die Nachtruhe (sic!) stören, der Rauswurf aus dem Studentenheim droht, gar die Exmatrikulation.

Es ist ein komplexer Roman, dem man unmöglich mit nur wenigen Worten gerecht werden kann.
Sennewald stellt nicht nur dar, er entblößt ein ganzes System, das alles planbar machen möchte, vom Wetter bis hin zu den Goldmedaillen, die im Jahr der olympischen Spiele in München 1972 den Klassenfeind demütigen sollen. Es werden uns Sportfunktionäre und Wissenschaftler vorgeführt, die verbissen am Rekord aller Rekorde herumtüfteln, schließlich eine Diskusscheibe präsentieren, die, von nämlicher Russischlehrerin geworfen, gar bis in den Westteil Berlins segelt, dort am Kopf eines Theaterkritikers landet, der gerade mit einem Strichjungen zugange ist. Was für eine Satire, was für eine weitere großartige Metapher, die Sennewald überdies dazu benutzt, um erzählend die Geschichte in den Westen zu treiben, denn natürlich muss dort nun untersucht werden, welche Botschaft in der Scheibe verborgen sein könnte.

Viel Personal, viele Geschichten. Und im Zentrum eben Gustav Horbel, der Physikstudent aus der Provinz, der in Ostberlin den Westen als unerreichbar nah empfindet und in seiner Heimatstadt, von der aus er bis in die Rhön sehen kann, als unerreichbar fern. Gustav lebt und liebt und lernt im Leben und Lieben mehr als in den Hörsälen, er leistet sich das Vergnügen, so ein eigenes Leben zu führen, wo seine Kommilitonen sich ausliefern oder ausgeliefert werden an das System, es scheint, als habe sich Gustav Horbel auf die Fahnen geschrieben, ein Vergnügen nie auf morgen zu verschieben, wenn man es heute schon haben kann. Er ist, in einem übertragenen Sinn der "abenteuerliche Simplicissimus" des 20. Jahrhunderts, Version Ost.

Womit ich als Leser wieder am Anfang wäre: der Zug, den Immo Sennewald angehalten und die Weichen anders gestellt hat, in das Land hinein und eben nicht hindurch. Und wenn dies ein DDR-Roman ist, der in/ von/ und über sie handelt, dann ist es einer, der Vereinigung möglich macht, ja, man könnte sagen, es ist ein Vereinigungsroman, ein grenzüberschreitender oder die noch vorhandenen Grenzen überwindender Roman, besser gesagt, indem der Leser mit reiner Westbiografie diese nun vergleichend und begreifend an die Geschichte Gustav Horbels anlehnen kann. Mithin also ein Roman über "Das Leben der Anderen", wie er bis dato noch nicht geschrieben worden ist. Und daher jedem zur Lektüre ans Herz gelegt sei. Unbedingt!
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am 16. Februar 2011
Eine Rezension sollte keine Kurzfassung sein - soviel sei nur verraten : "Babels Berg" ist viel, viel mehr als die (erwartete) Schilderung einer Jugend in der DDR der 60er und 70er Jahre. Es sind die beispielhaften, mal umwerfend komischen, mal bedrückenden, aber immer mitreißenden Lehrjahre eines neuartigen Candide namens Gustav Horbel. Er, der Physikstudent in Ostberlin, ist Zeuge und Akteur einer Fülle von Ereignissen und Entwicklungen, die ihn - und uns Leser - manchmal bis zu der Frage bringen könnten, ob die Welt ( nun ja, die damalige ... ) doch nicht etwa eine Scheibe sein könnte. Eine sich ewig drehende oder ins Unendliche fliegende, versteht sich.

Mit welcher Chuzpe der Physiker Sennewald für den Augenblick eines folgenschweren Diskuswurfs die Naturgesetze ausser Kraft setzt, ist eines Mikhail Bulgakow oder eines Georges Méliès würdig. Und auch der "Überhorbel" als freudscher Schutzengel sei hier erwähnt als ein Beispiel für die vielen augenzwinkernden Jubelmomente, die den Leser reichlich belohnen.

Sollte ein Kinoliebhaber - etwa aufgrund des Titels - einen Rückblick auf die berühmte Potsdamer Filmfabrik erwarten, so wird er hier Anderes, aber auch viel Besseres finden - nämlich ein filmreifes Drehbuch in der Gestalt eines sprachlich eleganten Romans : verblüffende Bildmetaphern, spritzige Dialoge, skurrile bis hinreißende Akteure, einen temporeichen Szenenwechsel, einen hintergründigen, niemals menschenverachtenden Humor. Dem Autor ist ein erstaunlicher Grenzgang , nicht nur zwischen Ost und West, sondern zwischen Fiktion und Realität, Dichtung und Naturwissenschaft, Satire und Information glänzend gelungen. Diese fulminante " Raumzeitreise" durch Ost- und Westberlin um 1970 - und weit darüber hinaus - ist eine große Lesefreude, die ich jedem empfehlen kann.
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am 31. August 2011
Ausgerechnet Gustav heißt der junge Romanheld, der aufgrund seiner Geradlinigkeit, seiner Arglosigkeit und einer ausgeprägten Gewissenhaftigkeit alles mitbringt, um sich das Leben in der DDR der frühen 70er Jahre schwer zu machen. Er scheint zum 'schwarzen Schaf' prädestiniert, steht immer dort, wohin der Überwachungsapparat gerade seinen Fokus richtet und wird so in den Strudel bizarrster Ereignisse hineingezogen. Zum Beispiel in die Geschichte mit dem Tellerdreher: In Gustav Horbels Studentenwohnheim wird die nächtliche Ruhe durch einen unbekannten Tellerdreher gestört, der einen schweren Porzellanteller so zu drehen versteht, dass er minutenlang einen Heidenlärm auf den leeren Gängen verursacht. Es mahlen bereits die Mühlen des Staatsapparates und der FDJ, da stolpert der betrunkene Horbel eines Nachts über den Täter: eine äußerst attraktive Russischstudentin, die keinen Moment zögert, ihm die Tat in die Schuhe zu schieben.
Dabei ist der Physikstudent Gustav Horbel denkbar unpolitisch. Sein wirkliches Interesse gilt dem Leben, dem Theater und - vor allem - den Frauen. Doch auch hier fehlt ihm die glückliche Hand. Entweder wird er von den Schönen ausgenommen oder er lässt die Guten ziehen, weil ihm sein Über-Ich, sein 'Über-Horbel', einen Strich durch die Rechnung macht.
Horbel ist der sympathische Anti-Held, der den Leser sofort für sich einnimmt und ständig zum Lachen bringt. So ist das Buch ein großes Lesevergnügen, und das, obwohl es ein Stück ungeschönter DDR-Geschichte spiegelt. Zwar wird hier nicht schwarz-weiß gemalt, nichts donnernd verurteilt, aber die düstere Sphäre von Unfreiheit und Angst vor Verrat und Bespitzelung liegt wie ein dunkler Nebel über dem ganzen Geschehen. Horbel will im Grunde 'nur' moralische Integrität, 'nur' leben und seinen Talenten nachgehen, genau das aber macht ihn zum Repräsentanten eines freien Bürgers und damit zum Gegner eines jeden autoritären Systems.
Trotzdem mit 'Babelsberg' ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte vorliegt, ist der Roman allem voran ein großes und schönes Buch, in dem ebenso poetisch wie ironisch die Geschichte einer Jugend erzählt wird.
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