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am 28. Februar 2007
Erfahrung und Verbrechen - "Sandokan" von Nanni Balestrini

Sollten Sie Sandokan kennen, den "Tiger von Malaysia", so seien Sie gewarnt: Es geht hier nicht um den Helden aus den Abenteuerromanen von Emilio Salgari, dem italienischen Karl May, sondern um einen für seine Grausamkeit und Brutalität berüchtigten Camorrista, Francesco Schiavone, der wegen einer gewissen Ähnlichkeit in Haar- und Barttracht mit dem indischen Schauspieler Kabir Bedi, dem Sandokan aus der gleichnamigen populären italienischen Fernsehserie, zu diesem Beinamen kam. Doch eigentlich geht es um das nördlich von Neapel gelegene Casal di Principe, wo er sich in den neunziger Jahren in einer blutigen Fehde zwischen den Clans um die Nachfolge eines ermordeten Bosses bis zu seiner Verhaftung im Jahr 1998 als gefürchteter Pate der örtlichen Camorra, wie die Mafia in Kampanien heißt, einen Namen machte.

Mit der Verhaftung geht das Buch auch los, um erst dann die Geschichte dazu zumeist aus der Perspektive eines unbeteiligten Jungen aus demselben Ort zu erzählen. In verschiedenen Szenarien mit solch programmatischen Kapitelüberschriften wie "Die Anfänge, der Tod, die Wette, der große Sprung, die Politik, die Expansion, der Krieg" usw. bis zu "Sandokans Sieg" geht es, ohne Punkt und Komma und episch aufgeladen, um Aufstieg und Fall eines kriminellen internationalen Wirtschaftsimperiums, das vom Betrug mit EU-Geldern für die Vernichtung der landwirtschaftlichen Überproduktion vor Ort über Lateinamerika mit seinem florierenden Kokainhandel bis ins Eldorado des postsowjetischen Osteuropa reichte.

Schon früh hatte man die Chancen erkannt, die sich aus dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers ergaben, da in diesen Ländern Geld aus unrechtmäßigen Aktivitäten leicht zu waschen war. Mit Hilfe der zu neuen Bonzen mutierten Kader wurde heftig ursprünglich akkumuliert und großzügig in der Distributions- und Divertissementssphäre investiert. Da gab es dann als "Mitbringsel" fürs heimische Provinzkaff auch schon mal "ganze Ladungen hübscher Mädchen aus den Ostblockländern." Mit dem Krieg auf dem Balkan lief dann der Waffen- und Drogenhandel erst recht wie geschmiert. Und was schmieren anbelangt, so ließen sich die lokalen Politiker in Italien auch nicht lumpen.

Ohne Reminiszenzen an die Sozialromantik des Banditen, aber auch ohne moralisierende Verurteilung hat der italienische Schriftsteller und Dichter Nanni Balestrini mit dieser Erzählung eine reich illustrierte Innenansicht einer vom organisierten Verbrechen dominierten Gesellschaft vorgelegt. Er zeigt, wie die kriminelle Energie alle gesellschaftlichen Strukturen durchdringt, deren Verkehrsformen determiniert und sich zu einem System entwickelt, dass alle Subjekte gefangen hält, von der Schule bis zum "Leichenschauhaus", denn aus der Totalität des Verbrechens gibt es kein Entrinnen. Selbst noch die kleinsten Regungen des Alltags sind von dem bestimmt, was den allgemeinen gesellschaftlichen Gewaltverhältnissen sprichwörtlich zugrunde liegt: schiere Gewalt. In ihrer archaischen Direktheit läuft das ja den Komplexitätsanforderungen heutiger post- und neo-apostrophierter Zeiten nicht entgegen, im Gegenteil, die politische Ökonomie des organisierten Verbrechens produziert neue Subjektivitäten und gesellschaftliche Erfahrungszusammenhänge. "Wozu um sechs Uhr morgens aufstehen um bis sechs Uhr abends zu arbeiten", fragen sich die Jungs nicht zu Unrecht, "während das Leben doch darin besteht viel Geld ausgeben zu können weil es nämlich eine Menge schöner Dinge gibt schöne Frauen schöne Autos und schöne Häuser." Lieber in schicken Markenklamotten rumlaufen und im dicken Mercedes durch den Ort kurven sowie in Bars den Breiten machen als auf den Tomatenfeldern zu malochen, was "dann zu nichts als einem Haufen Mist führt." Oder zu kollektiver Erkenntnis: "Sie begreifen also ihre Lage und fangen an das zu tun was sie für das Beste halten jeder von ihnen erkennt sich im anderen wieder Leute die denselben Werdegang haben dieselben Probleme dieselben Ängste dieselben Wünsche und sie sind stark und entschlossen und also kommen sie zusammen sie schließen sich miteinander zusammen fangen an und werden nie Halt machen ... sie wollen mehr." Aber das doch bitte individuell: "Er will noch mehr haben er will die Macht haben er will das Maximum er will alles." Oder nichts, denn der Preis dafür ist hoch bei der gleichfalls mörderischen Konkurrenz; ganz darwinistisch ist die Alternative fressen oder gefressen werden, Leben oder Tod.

Auch bei "Sandokan" ist der Autor des einzigen operaistischen Romans "Wir wollen alles" sowie der Hooligan-Saga "I Furiosi" seinem experimentellen literarischen Verfahren der Montage von Gesprächsprotokollen und Zeitungsberichten treu geblieben. Der Semiologe und Romancier Umberto Eco hat ihn deswegen einmal treffend als den "faulsten Schriftsteller, den es jemals gegeben hat" bezeichnet, "weil man sagen könnte, dass er selbst nie ein einziges Wort geschrieben und bloß Stücke von Texten anderer neu zusammengesetzt habe."

Was aber Sandokan gar nicht gefiel. Vor drei Jahren klagte er vergeblich gegen die Veröffentlichung, da es seinen Prozess negativ hätte beeinflussen können. Es hält sich aber das Gerücht, schon zwölf Stunden nach Erscheinen des Buches seien in ganz Kampanien auf sein Kommando hin alle Exemplare davon aufgekauft worden. Sicher ist jedoch, dass in seinem Heimatort die Nachfrage nach einem Buch noch nie so hoch gewesen war. Leider ist es beim italienischen Verlag jedoch nicht mehr lieferbar. Aber dafür gibt es ja jetzt eine gut und flüssig übersetzte deutsche Ausgabe. Verwirrend ist nur die Wiedergabe einiger italienspezifischer Besonderheiten, die z.B. durch unnütze Synonyme wie Militärpolizei und Gendarmerie zu einer weiteren Vermehrung der sowieso schon zahlreich vorhandenen italienischen Ordnungskräfte führt.

(Reinhard Sauer)
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am 4. Januar 2009
vielleicht hätte man irgendwo einmal anmerken können, dass dieses Buch gänzlich ohne Satzzeichen geschrieben ist! Das ist vielleicht für den einen oder anderen Leser eine hilfreiche Information, da meiner Ansicht nach der Lesespaß doch erheblich hierunter leidet. Auch ist meiner bescheidenen Meinung nach die sprachliche Qualität dieses Buches nicht die allerhöchste. Passagenweise ist die Geschichte sehr holperig zu lesen.

Zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Buch kann ich hier auf die weiteren Rezensionen verweisen. Für jemanden der gerne Mafiageschichten liest ist das Buch durchaus zu empfehlen, wenn man sich nicht an den sprachlichen Unzulänglichkeiten und fehlenden Satzzeichen stört.
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am 2. September 2009
trotz der etwas anstrengenden form (der autor verwendet keine satzzeichen, was auf mich als leser, wie ein "atemloser" monolog wirkt) eine lohnende lektüre, da es dem autor gelingt, den leser in nachbarschaft der armen provinz mitzunehmen, in der eine mafia entstehen und gedeihen kann. mich hat der text beeindruckt, nimmt er doch eine ungeschminkte und authentische sicht auf die umstände und das vorherrschende lebensgefühl ein - stark!
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