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Kundenrezensionen

4,3 von 5 Sternen
8
4,3 von 5 Sternen
Der Wohlfahrtsstaat: Ende einer Illusion
Format: Taschenbuch|Ändern
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am 15. August 2013
Für Gegner des Wohlfahrtsstaates ist dieses Buch eine wahre Fundgrube, wenn auch die darin geschildeten Entwicklungen für sie nicht gerade erbaulich sind. Selbst ein konsequenter Liberaler, hält Habermann sich mit eigenen Urteilen zurück und lässt lieber seine Gesinnungsgenossen sprechen, von den Kritikern des "aufgeklärten Absolutismus" bis zu den "Neoliberalen" nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei kommt eine große Vielfalt anti-wohlfahrtsstaatlicher Argumente zusammen, die nur teilweise zeitgebunden sind und sich meist auf die heutigen Verhältnisse übertragen lassen.

Schade finde ich nur, dass wegen Habermanns Konzentration auf den deutschen Fall die Entwicklung in anderen Ländern höchstens am Rande auftaucht. Die Wirkung des preußisch/deutschen "Beispiels" wird lediglich angdeutet, obwohl der Wohlfahrtsstaat ja keineswegs ein nationales Phänomen ist und mit dem Ausbau der EU zu einer Transferunion zunehmend internationale Dimensionen erreicht. Dennoch ein lesenswertes (und sehr gut lesbares!) Buch.
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am 21. Juni 2013
Durch die Brille des klassischen Liberalismus blickt in "Der Wohlfahrtsstaat" ein Autor auf die Entwicklung des Wohlfahrtsstaates von seinen Anfängen bis heute. Dabei nimmt Gerd Habermann auch die von Adam Smith, Friedrich August von Hayek und James M. Buchanan geprägten und inhaltlich weiterentwickelten, traditionsreichen Begriffe "Taxis" und "Kosmos" zur Hilfe. An ihnen veranschaulicht Habermann, wohin sich unser Wohlfahrtsstaat (und die Ökonomie) bis heute entwickelt hat. Er zeigt damit auch, welche Faktoren den liberalen Geist formen. Im steten Blick zurück veranschaulicht und bewertet er den aktuellen Ist-Zustand des Wohlfahrtstaats und kommt dabei zu manch überraschendem Ergebnis. Mit großem Selbstbewusstsein offeriert Habermann dabei die Vorzüge freiheitlicher Ideale und wirbt für Ihre Umsetzung.

Für mich klingt der Ton der Argumente in jeder Hinsicht selbstsicher. Fundiert durch einen reichen Wissensschatz über den Kern des liberalen Geistes schreitet Habermann durch die Geschichte und verbindet sie mit Geschichten. Man muss kein bekennender "Liberaler" sein, um manch interessanten Gedanken zu finden. Seine Ideale einer offenen Gesellschaft untermauert Habermann mit Gedanken von Humboldt genauso wie von Goethe, Schiller, Herder oder Kant. Für mich beeindruckend ist die Fähigkeit, an Gedanken dieser Geistesgrößen anzukoppeln, ohne dabei altväterlich oder rückwärtsgewandt zu wirken. Ganz im Gegenteil! Statt die Vorzüge des Liberalismus im unreflektierten Rückbezug auf "bessere Tage" zu sehen, befragt er die Vergangenheit auf ihre Relevanz für die Gegenwart. Und dabei fließt im besten Sinne viel Herzblut. Hier schreibt, so merkt man schnell, ein 'Überzeugungstäter', der tief an das glaubt, was er auf hohem Niveau und sehr reflektiert weitergibt.

Urliberalen Begriffen wie beispielsweise "Deregulierung" und "Ökonomie der Selbsthilfe" werden vom Autor bewusst Begriffe wie "Sozialintervention" und "Staatsregulierung" entgegengesetzt. Gerade durch diese – nicht selten provokant formulierte – Gegenüberstellung gewinnen sie an inhaltlicher Schärfe und argumentativer Prägnanz.

Der besondere Reiz dieses Buchs liegt darin, Politikgeschichte als Mentalitätsgeschichte zu verstehen. Dem Autor gelingt es sehr einleuchtend, liberale Ideale und ihre Bedeutung für die makroökonomische Entwicklung sowie den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft darzustellen. Die intensive theoretische Verankerung von Positionen und ihre Rückbindung an Grundlagentexte geben der präzisen Argumentation Gewicht.
Insofern es sich auf einem sehr hohen Reflexionsniveau bewegt und einen Rundblick auf die Geschichte und die Gedanken des Liberalismus wirft, darf man diese Arbeit wohl auch als Manifest lesen. Wohl kaum anderswo wird deutlicher, wie sehr eine funktionierende Gesamtordnung auch auf freiheitliche Ordnungsmuster angewiesen ist. Wer will daran zweifeln, dass es auch in diesem Fall schädliche wäre, "freiheitliches" Denken als abseitig und verzichtbar zu sehen?!? In der Mitte, so denke ich, liegt wie immer die Wahrheit. Dass in dieser Wahrheit auch die liberale Position ein Gewicht haben sollte, dürfte keiner bezweifeln – auch die nicht, die an der FDP verzweifeln …

Mein Bewertungsergebnis: Hier liegt eine kritische Geschichte des Wohlfahrtsstaats unter der Perspektive des klassischen Liberalismus vor. – Gleichzeitig erklärt ein in jeglicher Hinsicht sachkundiger Autor am Beispiel des Wohlfahrtsstaats, auf welcher Basis liberales Gedankengut fußt und warum es wichtig ist, es zu bewahren und weiterzuentwickeln. Damit blickt er nicht nur auf die Mechanismen der Wohlfahrtspolitik in Deutschland. Er schaut auch direkt ins Herz der Liberalen. Dies ist ein überaus lesenswerter Beitrag zum Verständnis der Mentalität "liberal" denkender Menschen.
Ich wollte die (wirtschafts)politischen Haltungen hinter der Politik der FDP genauso verstehen wie die Vor- und Nachteile unseres Wohlfahrtsstaats. Für mich hat dieses überdurchschnittlich gut geschriebene Buch viele Fragen beantwortet und war eine unglaubliche Bereicherung.
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am 4. Juni 2013
Dieses Buch ist nicht neu aber wirklich sehr interessant. Ich habe das in wenigen Tagen verschlungen. Nicht ganz leicht zu lesen da es einen Überblick über die Entwicklung und Strömungen der letzten (ca.) 250 Jahre in Bezug auf die Gesellschaftsentwicklung zusammenfasst.
Immer mehr wird der Staat ein allumfassendes System das dem Bürger alles vorschreibt und reguliert.
Natürlich gibt es eben diese unterschiedlichen Entwicklungen schon seit vielen Jahren aber in den letzten 15-20 Jahren wird das auch im liberalen Westen immer mehr perfektioniert und lückenlos.
"So hat wohlfahrtsstaatlicher Paternalismus aus einem bundesstaatlichen Gebilde (das es freilich schon während der Weimarer Zeit kaum noch war und welches auch das Grundgesetz und die jüngste Föderalismusreform von 2006 nur unvollkommen wiederherstellte) einen de facto dezentralisierten Einheitsstaat gemacht, der weit von echter Bundesstaatlichkeit (USA, Schweiz) entfernt ist." (S. 239)
Beeindruckend wie Hr. Habermann die Zusammenhänge und Entwicklungen darstellt und herausarbeitet.
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am 21. Dezember 2013
Gerd Habermann ist einer der renomiertesten Wissenschafter und Schreiber in dieser Sparte.Das Ende der Illusion der ständigen Alimentierung von allem und jedem sollte zur Pflichtlektüre in jeder höher bildenden Schulegemacht werden.
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am 6. November 2013
Wenn dem durchschnittlichen Facharbeiter in Deutschland gegenwärtig die Hälfte seines Einkommens für Umverteilungszwecke abgenommen wird, so wird ihm damit die Möglichkeit entzogen, gegen die Standardrisiken von Einkommensverlusten durch Alter und Krankheit selbst vorzusorgen. Der Angestellte, der heute etwa ein Fünftel seines Einkommens an die Bundesversicherungsanstalt zwangszahlen muß, hätte den Betrag vor 1880 für seine Zukunftsvorsorge kapitalisiert, so Habermann. Wenn sich heute ein Sozialminister der Höhe seines Budgets rühmt, weil es das weitaus höchste im Staatshaushalt ist, so ist das, wie wenn sich die Feuerwehr die Zahl ihrer Einsätze rühmte, dabei aber verschwiege, daß sie die Brände selber hat legen helfen. In einer Demokratie ist der Staat aber kein Abstraktum. Die Gesetzgeber sind die Parteien, die sich mit Umverteilungsversprechen die Wählerstimmen erkaufen. Und die Verursacher letztlich die Wähler, die dem Meistbietenden ihre Stimme geben. Die langfristigen Folgen werden nur von wenigen durchschaut, und die Stimmen der Wenigen zählen wenig. Ein beträchtlicher Teil der zweiten Nachkriegsgeneration hat sich darauf verlassen, daß ihre Altersrente von anderer Leute Kinder bezahlt werden wird und man selbst keine Kinder mehr haben braucht oder höchstens eins. Der Wohlfahrtsstaat zehrt auf diese Weise immer stärker von seiner Substanz.

Die Demokratisierung von Volk und Staat zieht als letzte wirtschaftliche und soziale Konsequenz mehr oder weniger automatisch die wohlfahrtsstaatlichen Maßnahmen nach sich. Als Grundlage unserer Demokratie wird das Gleichheitsprinzip gepriesen. Es hat sich allerdings im Laufe der Zeiten erheblich gewandelt. Die Forderung nach Gleichheit hatte zu der Zeit, als sie das erste Mal erhoben wurde, lediglich die Gleichheit vor dem Gesetz und die Einräumung gleicher Chancen zum Inhalt. Heute ist sie einer sozialökonomischen Forderung geworden, die keine gesellschaftliche Gliederung, kein Oben und Unten mehr anerkennen will.

Zu den verfassungsmäßigen Gewalten hat sich im Laufe der letzten Jahre eine neue Macht gesellt, nämlich die Volksmeinung, die durch die Massenmedien artikuliert wird. Die Demoskopen und Journalisten stellen fest, welche Wahlgeschenke den größtmöglichen Nutzen bringen und an welche Adresse sie geleitet werden müssen. Der hat am meisten Chancen, an der Macht zu bleiben oder sie zu erobern, der die Wähler am besten zu beeinflussen versteht. Die oppositionelle Kritik beschränkt sich im wesentlichen auf Versprechungen, die Leistungen der Regierung zu übertrumpfen. Die Parlamente in ihrer Gesamtheit zügeln die Ausgabefreudigkeit der Regierungen nicht mehr, sie bestärken sie vielmehr darin und treiben sie vorwärts. Da die Abgeordneten ja schließlich wiedergewählt werden wollen, wirken sie meist nur als Motor der Wohlfahrtspolitik.

Der Verfasser stellt dar, wie sich die Idee des Wohlfahrtstaates seit dem 19. Jahrhundert entwickelt und in der praktischen Politik ausgewirkt hat. Das ist der Schwerpunkt des glänzend geschriebenen Buches!
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am 19. April 2014
Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit liberalen Positionen. Dabei frage ich mich zunehmend: Wie radikal denke ich? Wo sind meine Grenzen?

Der Wohlfahrtstaat war dabei für mich so etwas wie der ultimative Test. Sollte es ein Anarcho-Kapitalist schaffen, mich vom Unsinn eines Wohlfahrtsstaates zu überzeugen, dann würde ich mich doch glatt am radikal-liberalen Rand wiederfinden. Etwas, das ich weder für schlimm, noch erstrebenswert halte. Ich wollte es einfach wissen. Den Wohlfahrtstaat empfand ich intuitiv - aufgrund meiner Sozialisation und den üblichen Alltagsargumenten für staatliche Unterstützung ("Die kommen ja sonst alle nicht klar") - zumindest grundsätzlich in unserer heutigen Form bisher als notwendig. Doch eben diese unsere heutige Form des Wohlfahrtstaates hatte mich über die Jahre zunehmend kritisch werden lassen. Finde ich ihn auch "richtig", vor dem Hintergrund der individuellen Freiheit?

Um es nicht zu lange hinzuziehen: Ich war eher enttäuscht von dem Buch. Selbst als historischer Abriss (was es de facto nämlich ist) geht das Werk kaum durch, denn dazu ist es viel zu einseitig. Argumente gegen den Wohlfahrtsstaat werden chronologisch eingestreut, aber auf keines wird näher (oder besser: zufriedenstellend) eingegangen. Wenn es interessante Punkte gab, dann wurden diese nicht vertieft. Als historischer Abriss liberaler Streitthemen und Positionen ist das Buch jedoch nützlich.

Die historische Betrachtung liberaler Positionen zum Wohlfahrtsstaat ist also an sich schön zu lesen, die Einseitigkeit ist aber einfach ärgerlich. Das Buch genügt mMn nicht der intellektuellen Redlichkeit. Zum Beispiel wird die Soziale Frage des 19. Jahrhunderts als "Mythos" betitelt - und dann aus Sicht der Liberalen ein paar Argumente eingefügt. Das ist super, aber bei so einer steilen These muss dann auch wirklich mehr kommen. Und erst der letzte Teil beschäftigt sich überhaupt mit dem modernen Wohlfahrtsstaat - und der Teil ist verhältnismäßig kurz.

So konnte das Buch mich auch nicht davon überzeugen, dass wir das Ende des Wohlfahrtsstaats so schnell wie möglich einleiten sollten. Mich hat auch gestört, dass in "dieser Ecke" dann doch einige weltfremde Spinner sitzen. Der Autor nennt später zum Beispiel Thilo Sarrazin als wichtigen gegenwärtigen Vertreter liberaler Positionen. Spätestens da habe ich aufgegeben, aber da war das Buch ohnehin schon zuende. Zuvor im historischen Teil Mill, Smith, Hayek und co. aufzuführen und dann später Hans-Hermann Hoppe und Sarrazin genauso locker flockig aus dem Ärmel zu schütteln ist - sry - einfach total daneben. Die genannten Leute sollen die Erben echter Liberaler sein? Dann wars das mit dem (konsequenten) Liberalismus. Ernsthaft: Diese Leute sind Totengräber.

Wer eine historisch einseitige anarcho-kapitalistische (einst schlicht: liberale) Sicht auf den Wohlfahrtsstaates will, der kann sich dieses Buch zulegen. Man gewinnt durchaus einen Einblick in diese (Gedanken)Welt. Viele zu Wort kommenden Menschen haben mir wirklich aus der Seele gesprochen (Stichwort: Historischer Teil). Mich hat das Buch weiter darin bestärkt, dass die Art und Weise, wie wir den Staat derzeit ausgestalten, nicht richtig ist. Der paternalistische Wohlfahrtstaat entmündigt eher, als das er den Weg zu mehr Freiheit ebnet. Aber Argumente für diese These habe ich in einigen anderen Büchern gefunden - dieses hier war ein kleiner Mosaikstein, der nicht zwingend nötig war.

Wer eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Wohlfahrtsstaat sucht und in einer ähnlichen Situation ist, wie ich oben beschrieben: dem rate ich also eher ab.
Wer einfach Input will und einen kleinen Überblick und Einstieg, der kann aber definitiv zugreifen.
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am 9. Oktober 2013
Auch wenn die Presse dieses Buch lobt – ich war total enttäuscht.

Zwar hat Gerd Habermann eine Menge an Material ausgegraben, doch ich konnte keinen richtigen roten Faden ausmachen – außer vielleicht den durchgehenden Versuch soziale Rechte und den Sozialstaat zu disqualifizieren. Vor allem fehlt mir eine klare liberale Position. Meinem Eindruck nach liegt dies daran, dass Habermann Texte aussucht, die irgendwie zu seiner Hauptthese vom Ende des „Wohlfahrtsstaates“ passen könnten - und stellenweise auch passend gemacht werden. Dies geht über Schiller, Kant, Wilhelm von Humboldt – ein interessanter Staatskritiker übrigens – bis hin zu recht fragwürdigen Sozialstaatsgegnern wie Eugen Richter, Wilhelm Röpkes oder Thomas Nipperdey. Inhaltlich ist Habermann Anhänger der sozialstaatsfeindlichen Anschauungen Ludwig von Mises, dem er auch ein ganzes Kapitel widmet. Allerdings drückt Mises sich verständlicher aus als Habermann, weshalb man gleich Mises lesen kann.

Ärgerlich sind die permanenten Einordnungen Habermanns von Aussagen anderer. So wird aus Wilhelm von Humboldt ein Verteidiger des staatlichen Schutzes des Privateigentums gemacht und aus dem entschiedenen Befürworter von Freiheit der Gewerkschaften, Max Weber, ein Gegner „individuellen Arbeitsrechts“ gemacht (S.300). Überhaupt versteht sich Habermann zwar als Liberaler, doch sein Liberalismus erscheint ziemlich einseitig und auch wenig substantiiert.

So waren nicht nur Wolff, Gottlob „Wohlfahrtstheoretiker“ (S.76), sondern beschäftigte sich auch Adam Smith bekanntlich mit dem Wohlstand der Nation, den Habermann allerdings recht einseitig behandelt (S.76ff). War Smith doch durchaus dafür „Brandmauern zu errichten“ gegen die „Ausübung der natürlichen Freiheit durch einige wenige Individuen“ (Bd. II, S.72). Ebenso war ihm als echten Liberalen klar: „Eine Gesellschaft kann sicherlich nicht blühen und glücklich sein, wenn ihr weitaus größter Teil arm und elend ist“ (Bd. I, S.102). Es ist deshalb völlig falsch, wenn Habermann behauptet: „Kinderarbeit findet bei den Liberalen des 19. Jahrhunderts eine größere Toleranz als heute“ (S.101). Echte Liberale lehnten Kinderarbeit gerade ab.

Was Habermann hier meint ist nicht der Liberalismus, sondern eher das, was man heute als „Neoliberalismus“ bezeichnet. Gemeint ist damit das Interesse auf individueller Freiheit auf Kosten anderer. Entsprechend ist auch das, was er da als Kritiker des Wohlfahrtstaates anführt. So bezeichnet z.B. Habermann Alexander Tille als „Heißsporn“, obwohl der abweichend von den klassischen Liberalen wie Adam Smith behauptete: „Es gibt keine Gleichberechtigung zwischen Unternehmer und Lohnarbeitern im Werke. Der eine ist der maßgebliche Faktor in ihm, der andere untergeordnet“ (S.317). Für Smith war eher das Kapital der Arbeit nachgeordnet. Ebenso werden Gegner von Arbeitszeitverkürzungen und Gewerkschaften kommentarlos zitiert, obwohl John Stuart Mill, neben Smith der zweite wesentliche Begründer des klassischen Liberalismus, genau für beides eintrat (vgl. Mill Principles of Political Economy“ Bd. II, S.713).

Weder Fleisch noch Fisch ist bei Habermann auch sein Hauptthema, der Wohlfahrtstaat, was sich wohl so übersetzen lässt, dass im Sinne von Smith der Markt Triebfeder für einen allgemeinen Wohlstand der Gesellschaft sein soll und nicht staatliche Maßnahmen. Hierzu fehlt es bei Habermann an einer der Entwicklung der Marktwirtschaft angemessenen Auseinandersetzung. Vielmehr zitiert er irgendwelche Sozialstaatsfeinde, obwohl der Markt gerade nicht von einem allgemeinen Wohlstand für alle gekennzeichnet ist und bei dem gerade die Vertreter eines Pseudo-Liberalismus, das heißt eines Liberalismus, der die vom Verkauf ihrer Arbeitskraft Abhängige ausspart, nach dem Staat ruft – wie jüngst bei der Finanzkrise, wo private Verluste zwar verstaatlich werden sollten, nicht jedoch die Gewinne. Der Liberalismus, den Habermann meint, schließt also die Mehrheit der Bevölkerung von liberalen Existenzformen aus.

Es ist schon eine arge Tatsachenverdrehung den preußischen Staat und gar Bismarck als Vertreter eines Wohlfahrtstaates umzuinterpretieren. Gerade letzter wendete sich entschieden gegen jede Freiheit der Arbeiter. Nur offensichtlich geht es Habermann hauptsächlich um die gesetzlichen Sozialversicherungen, die Habermann – neben Inflation und Arbeitslosigkeit – als Mitverursacher der „nationalsozialistischen Katastrophe“ betrachtet (S.307). Habermann „liebt“ Walter Weddigen, der statt für ausreichend hohe Löhne und einer gerechteren Verteilung des Produktivvermögens „für dezentrale Formen der Lohnfindung, größere Betriebsnähe und Flexibilität der Tarife“ plädierte (ebd.). Über ein gesetzlich verbürgtes „Recht auf Arbeit“ oder gar „Recht auf Streik“ kann sich Habermann nur erregen, obwohl gerade ein staatlich nicht reglementiertes Streikrecht dem am nächsten käme, was Habermann mit den „Regeln spontaner Ordnung“ meint (S.244). Er versteht nicht einmal Adam Smith, wenn er Gleichheit und Wettbewerb als Gegensatz behandelt (S.246), obwohl nur gleiche Bedingungen überhaupt Wettbewerb gewährleisten können.

Alles in allem kann ich selbst denjenigen dieses Buch nicht empfehlen, die sich mit der Entwicklung des Wohlfahrtstaates auseinandersetzen wollen. Dazu ist Habermann zu sehr ideologisch und sein Liberalismus zu wenig liberal. Wachsende „Schuldenlast“ und die „demographische Entwicklung“ sieht er als mögliche Totengräber des Wohlfahrtstaates (S.369) und nicht, dass das Privatvermögen in Deutschland zu wenig nach liberalen Grundsätzen verteilt ist – oder wie Kant es formulierte, den Habermann zwar zitiert, aber offen sichtlich nicht versteht: „Wenn ein anderer Mensch über ihn verfügt, wird er zum bloßen Mittel für fremde Zwecke“ (S.68). Wirklich liberal wäre es folglich, wenn kein Zwang mehr bestünde, sich für andere und deren Rendite zu verkaufen. Dann bräuchte es auch keinen staatlichen Zwang im sozialen Bereich, der eben bürokratisch im Sinne von Weber und nicht liberal ist.
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am 5. November 2013
Das Buch schildert die Situation des Sozialstaates im Spiegel der Politik seit dem 18ten Jahrhundert bis zur Gegenwart. Die Zukunft wird dabei kritisch unter die Lupe genommen. Es ist ein politisches Buch.
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