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TOP 500 REZENSENTam 18. März 2012
Das Büchlein ADHS ' na und?: Vom heilsamen Umgang mit handlungsbereiten und wahrnehmungsstarken Kindern von Helmut Bonney ist ganz nach meinem Geschmack. Handlich, knapp, gut lesbar und inspirierend, da herkömmliche Denkweisen gegen den Strich gebürstet werden. Zahlreiche anschauliche Fallbeispiele laden dazu ein, den Bick zu weiten. Vom Krankheitsbild ADHS zum Resultat aus Wechselwirkungen des sozialen Miteinanders. So werden wir als Leser mitgenommen und verstehen, dass Säuglinge sich hin- und hergerissen fühlen können, wenn Eltern sich nicht kalkulierbar verhalten. Und dass z.B. das Bemühen von Eltern, mit Schreibabies besonders achtsam umzugehen, zu nicht gewollten Effekten führen können.
Kein Kind wird mit ADHS geboren.

Auch lohnt sich die Perspektive des Autors, Arzt und Therapeuten Helmut Bonney auf unser Verständnis von Zeit und dessen Auswirkung auf die neurologischen Strukturen des Gehirns. Denn das Gehirn ist ein plastizides Organ und entwickelt sich in Interaktion/Resonanz mit der umgebenen Wirklichkeit.

Daher freut es mich umso mehr, dass ADHS hier in diesem Buch eine kreative Umdeutung erfährt, weg vom Krankheitsbild hin zu hoher Handlungsbereitschaft und Wahrnehmungsstärke. Dies holt aus eingefahrenen Beurteilungsmustern heraus.
Am Krankenbett ruht jede Theorie.

Mit diesem Zitat mahnt Helmut Bonney vor theoretischem Hochmut und erinnert daran, erst hinzuschauen, zuzuhören und zu erfahren, was denn passiert sei. Nicht nur in der nahen Vergangenheit. Um dann klug zu handeln unter Zurhilfenahme von Wissen. Ein Buch, welches frischen Wind und Hoffnung verbreitet. Danke!
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am 2. März 2013
Endlich gibt es wieder einen Fachmann, der Kinder mit AD(H)S nicht als "Problem" sieht, sondern als junge Menschen, die zwar etwas anders sind, aber trotzdem sehr wertvoll und ein bereichernder Teil der Gesellschaft. Wenn man überlegt, waren diese Kinder schon immer da, wurden aber eben "nur" mit "Zappelphilip" oder "aufgewecktes Kerlchen" betitel, statt sie an die Wand zu stellen, mit einer Diagnose zu belegen und mit Medikamenten zu füttern.... Sicher ist der Wirkstoff für stark betroffene Kinder und deren Umfeld ein Segen, aber auch viele andere Kinder landen in Wartezimmern von Kinder- und Jugendpsychiatern statt auf dem Abenteuerspielplatz. Eltern sollen Mut bekommen, sich eine Diagnose nicht einreden zu lassen, wenn sie anderer Meinung sind. Für diese hat Helmut Bonney dieses Buch geschrieben.
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am 7. November 2012
Das Grundproblem vieler ADHS-kritischer Bücher ist, dass ihnen die Fakten fehlen. Das teilen sie durchaus mit zahlreichen Veröffentlichungen, welche die Diagnose und Therapie der ADHS nicht verneinen. Was die Geschichte der ADHS anbelangt, versteigen sich ihre Kritiker allerdings nicht selten zu abenteuerlichen Thesen und fragwürdigen Reduktionen. Da wird die medienaffine antipsychiatrische Meinungsmache eines Edward Shorter bemüht (Schmidt); da wird ein unsinniger Zusammenhang von Altsteinzeit, Industrialisierung, Streik, Ritual und ADHS geschaffen (Türcke); da wird eine schulische und gesellschaftliche Realität skizziert, die es so nicht gibt, um sodann öffentlichkeitswirksam gegen diese Chimäre anzuschreiben (Hüther, Winterhoff). Und es wird der Mythos eines vergangenen Kinderglücks beschworen, das durch die Industrialisierung, die Globalisierung, die Omnipräsenz des Multimedialen aufgefressen worden sei.

Letzterer ist ein Teil des Bonney’schen Märchens, quasi Helmut Bonneys Gründungsmythos der ADHS: Alles Elend begann mit dem „Struwwelpeter“, dem bis Harry Potter international erfolgreichsten Kinderbuch aller Zeiten. Wie aber kommen Autoren wie der Philosophie-Professor Christoph Türcke in „Hyperaktiv. Kritik der Aufmerksamkeitsdefizit-Kultur“ (2011, S.40) oder der Arzt Helmut Bonney in „ADHS – na und?“ nur darauf, Hoffmans „Struwwelpeter“ sei der Ausdruck einer repressiven bürgerlichen Moral zukunftsängstlicher Erwachsener und leistungsüberforderter Kinder?! Man mag sich überhaupt fragen, warum sich die ADHS-Kritiker beständig an Hoffmanns Geschenk für den kleinen Carl Philipp abarbeiten, für das sich der Arzt viel Zeit nahm und das die Freunde der Familie ausgesprochen witzig fanden – so witzig, dass sie seine Veröffentlichung empfahlen. Es ist ja kein Fachbuch über die ADHS, sondern eine drastisch-humorvolle Beschreibung kindlichen Verhaltens durch einen Menschen, der weder eine unglückliche eigene Kindheit beklagte noch im Verdacht steht, ein kühler Wissenschaftler oder verbohrter Pädagoge gewesen zu sein.

Ein hilfreicher Exkurs in die Geschichte

Heinrich Hoffmann – aber auch der Kinderarzt George Still, dessen „Goulstonian Lectures“ von 1902 von großer Bedeutung für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Symptomen der ADHS waren – haben jedoch nicht die ADHS als Störungseinheit beschrieben, sondern Aspekte aufgezeigt, die zu Teilen eines Puzzles wurden, dessen Gesamtbild damals noch nicht erfasst werden konnte. In gleicher Weise hat der amerikanische Kinder- und Jugendpsychiater Leon Eisenberg die ADHS nicht „erfunden“, wie manch ADHS-Kritiker unter Verweis auf einen späten Zeitschriftenbeitrag Eisenbergs heute glauben machen möchte. Vielmehr sorgte Eisenberg als Vorkämpfer von Empirie und Statistik in der Psychiatrie der 1960er Jahre für die Aufnahme der „Hyperkinetic Reaction of Childhood“ in die 2. Auflage des „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM) der American Psychiatric Organization. Mit sorgenvoll-selbstkritischem Blick zurück auf die bemerkenswerte Karriere der von ihm definierten Krankheit und ihrer über die Jahrzehnte exorbitant angestiegenen medikamentösen Behandlung bereute er dieses Engagement am Ende seines Lebens allerdings. Dennoch bleibt es Eisenbergs Verdienst, als einer der ersten Wissenschaftler auf das (Störungs-)Bild hingewiesen zu haben, das die bislang zusammengetragenen Puzzleteile ergaben.

In einer Zeit, in der die amerikanische Psychiatrie noch von psychodynamischen Konzepten dominiert wurde, war das ein großer Schritt hin zu einer faktengeleiteten Verhaltensmedizin. Eisenberg, der Leo Kanner als Chef der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie des weltberühmten Johns-Hopkins-Hospitals in Baltimore nachfolgte, wusste durch die Beschäftigung mit dem Autismus nur zu gut, wie sehr soziale Vorstellungen die Krankheitsbegriffe der Psychiatrie prägten. Das hochspekulative Freud’sche Konzept der „Neurose“ blieb im DSM-II ein bestimmender Krankheitsbegriff, ja selbst die Homosexualität galt bis zur 7. Auflage des DSM-II im Jahr 1974 als psychiatrische Störung – und konnte nur gegen den erklärten Widerstand der American Psychoanalytic Association aus dem DSM gestrichen werden. Es brauchte sechs weitere Jahre, bis im DSM-III von 1980 aus der „Hyperkinetic Reaction“ die „Attention Deficit Disorder“ wurde, aus der mit dem DSM-IIIR 1987 die „Attention Deficit Hyperactivity Disorder“ (ADHD, deutsch ADHS) entstand.

Welche historischen Fakten der sukzessiven Ausbildung des Störungsbegriffs der ADHS stützen nun die Bonney’sche These, die Entdeckung oder gar Erfindung der ADHS korrespondiere mit dem unvermittelten Verlust von Zeit und Kindheit Mitte des 19. Jahrhunderts (Hoffmann) oder aber an der Schwelle zum 20. Jahrhundert (Still)? Standen tatsächlich fünf Prozent der Mütter und Väter der „westlichen Welt“ (S.11) – wer immer auch sich zu dieser zählen mag – eines Tages vor ihren Kindern und befanden diese urplötzlich als zu unruhig, zu unaufmerksam und zu impulsiv? War das Zeitalter Hoffmanns und Stills, das den ersten allgemeinen Wohlstand von Gesellschaften nach dem Ende des Römischen Imperiums hervorbrachte, als die Arbeitszeit begrenzt und die Kinderarbeit eingeschränkt wurde, wirklich der historische Moment, in dem die „Zukunftsangst“ der Eltern einen neuen Höhepunkt erreichte und „die Erwachsenen ihren Kindern, kaum dass sie geboren waren, ängstlich und zugleich fordernd“ (S.9) begegneten? Macht es Sinn anzunehmen, dass es den Kindern gerade dann, als ihnen die Schulzeit wie eine Befreiung von der Lohnarbeit vorkommen musste, „zuwider [war], wenn die Eltern und die Lehrer nur noch wissen wollten, ob sie gut funktionieren“ (S.10)?

Warum, stellt sich die Frage, sollten Kinder nun, da es ihnen in der Gesellschaft besser ging als je zuvor, überraschend sozial bedingte Auffälligkeit ausbilden? Warum sollten Ärzte wie Hoffmann und Still, die wesentlich an der Verbesserung der Lebensumstände der Kinder zu ihrer Zeit mitwirkten, die Früchte der neu gewonnenen kindlichen Freiheiten pathologisieren wollen? Heinrich Hoffmann war ein Anhänger der bürgerlichen Märzrevolution von 1848, er war einer der Abgeordneten im Frankfurter Vorparlament und beherbergte den badischen Revolutionär Friedrich Hecker in seinem Haushalt. Er war als Kind geliebt und liebte seine Kinder. Großbritannien hatte zwischen 1802 und 1891 acht „Factory Acts“ erlassen, um die Arbeitszeiten der Eltern zu reduzieren und die Kinderarbeit in den Fabriken einzudämmen. Als der Kinderarzt George Still 1902 seine medizinischen Vorlesungen über „Some Abnormal Psychical Conditions in Children“ hielt, konnte er daher über Patienten sprechen, die im heutigen Sinne als Kinder aufwuchsen, die gerade nicht funktionieren mussten, um beispielsweise ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen.

Auch die hyperaktiven Jungen und Mädchen, welche die deutschen Ärzte Franz Kramer und Hans Pollnow in ihrer Arbeit „Über eine hyperkinetische Erkrankung im Kindesalter“ in der Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie 1932 ausführlich beschrieben, waren keine Kinder, die darauf „beharrten […], wie Kleinkinder mit Macht ihre Kinderwünsche gegen die Welt der Erwachsenen durchzusetzen“ (S.10). Sie waren Patienten der 1921 an der Berliner Charité eingerichteten „Kinder-, Kranken- und Beobachtungsstation“, der damals erst dritten Kinderpsychiatrie Deutschlands. Wer hatte vor Kramer und Pollnow verhaltensauffällige Kinder so lange und so ausführlich unter stationären Bedingungen beobachten und untersuchen können? Verfolgten die angestellten Krankenhausärzte mit ihrer Beschreibung einer „hyperkinetischen Erkrankung im Kindesalter“ etwa wirtschaftliche Interessen? Gab es zu dieser Zeit bereits eine etablierte Psychopharmaka-Industrie, die auf diesem Feld ein neues Leiden für Produkte suchte, die sie bereits entwickelt hatte? Nein!

Vom Funktionieren der Funktionslosen

Wenn historische Gründe für die Entstehung des Begriffs der ADHS im 20. Jahrhundert ausgemacht werden können, dann nachgerade vor dem Hintergrund einer in der Geschichte der Menschheit neuen und einmaligen Epoche der Hinwendung zum Kind, des Interesses am Kindlichen, der Würdigung des Kindseins als einer Entwicklungs- und Lebensphase. Kinder mussten nun nicht mehr das Leben ihrer Eltern teilen und fortführen, den Beruf des Vaters erlernen, die Pflichten der Mutter übernehmen. Das frühere Privileg des Spielens wurde zum kindlichen Lebensinhalt, aus der einst elitären Bildungschance wurde die allgemeine Schulpflicht.

Doch die gesellschaftlichen Wandlungen gingen weiter. Das Verbot der Kinderarbeit war nur der Anfang eines bis heute anhaltenden Prozesses wirtschaftlicher und sozialer Entpflichtung der Kinder auch innerhalb der Familie. Historisch betrachtet mussten Kinder zu keiner Zeit und in keiner Kultur weniger „funktionieren“ als in den westlichen Industriegesellschaften unserer Tage. Die Einzelkinder von heute müssen weder zum Lebensunterhalt der Familie beitragen noch Betreuungsaufgaben übernehmen. Abgesehen von ihrer Vorbereitung auf das Erwachsenenalter sind die meisten Kinder zu ihrem Vor- und Nachteil in Familie und Gesellschaft weitgehend funktionslos geworden, ohne die Pflichten und Zwänge früherer Zeiten, zugleich jedoch ohne Gelegenheit, aus sozial relevantem Tun gesunden Stolz und tägliche Befriedigung zu ziehen. Die Schule ist zum ein und alles vieler Kinder geworden, weil ihnen keine Aufgabe und kein Ort geblieben sind, wie und wo sie sich wichtig, wirksam und gebraucht erleben können. Scheitert aber ein Kind in der Schule, bekommt es keine sinnvolle andere Aufgabe, sondern Therapie.

Helmut Bonneys märchenhafte Kritik an den gesellschaftlichen Umständen, die aus seiner Sicht die ADHS als soziales Problem begründen, ist daher angesichts der historischen Fakten so fundiert wie der Hinweis, es habe früher kein Alzheimer gegeben. Stirbt die Mehrheit der Menschen an Krebs und Infekten, bevor sie ein Alter erreichen, in dem gehäuft degenerative Erkrankungen des Gehirns auftreten, ist dieses Leiden freilich schwer zu erkennen und zu beschreiben. In gleicher Weise war die ADHS als physiologische Störung der Selbststeuerung kaum ein Problem, solange man als Kind nicht ein Jahrzehnt in der Klassengemeinschaft einer Schule verbringen musste, solange der Lebensweg gesellschaftlich zwingend vorgezeichnet und Ablenkungen selten waren. Der allgemeine Wohlstand, eine ungekannte Freiheit des Kindseins sowie die neuen Perspektiven von Pädagogik, Psychologie und Psychiatrie haben der Veranlagung des Verhaltens eines Teils der Menschen erst den Raum gegeben, sich aus den früheren Strukturen existenzieller Nöte und Notwendigkeiten zu lösen und gegen eine Mehrheit anpassungsfähigerer Zeitgenossen in ihren jeweiligen Gesellschaften abzuheben.

Von Nutzen und Nichtigkeit ideographischer Schilderung

Das stärkste und schwächste Element von „ADHS – na und?“ sind die zahlreichen Fallbeispiele. Sie sind mal dünne, mal detailreiche Miniaturen, die Kinder in psychischen Nöten zeigen, jedoch kein ADHS. Kritiker mögen nun anmerken, dass dies naturgemäß so sein müsse, da es laut Autor ja kein ADHS gebe. Dennoch wäre es hilfreich gewesen, hätte Bonney sich zumindest angelegentlich mit einem Fall beispielhaft auseinandergesetzt, der die millionenfach vorkommende Charakteristik einer ADHS zeigte: Verhaltensprobleme, die vor dem sechsten Lebensjahr beginnen; eine Ablenkbarkeit, die nicht funktional ist und das Kind daher um Gelegenheiten und Dinge bringt, die ihm wichtig sind; eine motorische Unruhe, die das Kind bisweilen ohne Maß und Ziel erschöpft; eine Impulsivität, die dem Kind immer wieder Schaden zufügt, um den es weiß und den es rückblickend bedauert, ohne dass es ihm gelänge, denselben Fehler in Zukunft zu vermeiden.

Bonneys Fallbeispiele hingegen zeigen Kinder, die unter unklaren Familienverhältnissen, ängstlichen Eltern, erzieherischem Dissens und/oder unzureichender Erziehung, Migration, Lehrerwechsel, schlechten Lehrern, bösen Mitschülern und vielem mehr leiden – nur nicht an der ADHS. Dabei soll nicht in Abrede gestellt werden, dass manch Kind mit dem Verdacht der Eltern auf ADHS oder der Vordiagnose von Lehrern, Erziehern, Verwandten, Nachbarn und Kollegen in die Praxis des Autors kam. Andererseits hat Helmut Bonney längst landesweit den Ruf eines profilierten ADHS-Kritikers. Wer ein massiv verhaltensauffälliges Kind hat – zumal mit ausgeprägten Symptomen von Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität – und sich bereits im Internet mit dem Störungsbild vertraut machte, wird wohl kaum den Heidelberger Kinder- und Jugendpsychiater aufsuchen, von dem das Kind wohl manches Hilfreiche bekommen kann, insbesondere Psychotherapie in und für alle Lebenslagen, nur keine Behandlung der ADHS.

Der Kinder- und Jugendpsychiater Helmut Bonney macht genau das, was der Kinder- und Jugendpsychiater Leon Eisenberg einst ablehnte: Er erklärt die plastische Schilderung des Einzelschicksals zum Paradebeispiel und sozialen Paradigma des Gestörtseins. ADHS ist für Bonney nicht das Syndrom, das sich aus dem Zusammenhang statistisch valide beschriebener und zuverlässig erkennbarer Symptome ergibt, sondern das beliebige Auftreten von unaufmerksamem, unruhigem und impulsivem Verhalten, ganz gleich, wann und wo es auftritt, wer es schildert und wie sehr es stört. Daher ist das erste Kapitel „Die Diagnose überdenken“ auf neun weitgehend faktenfreien Seiten eine unlautere Reduktion der wissenschaftlichen Grundlagen des Störungsbilds und der Möglichkeiten seiner Identifikation. Bonney beschreibt weder das Störungsbild noch den diagnostischen Prozess. Er beklagt, dass „bis heute […] keine Untersuchungsverfahren entwickelt [wurden], mit denen die Abnormität eines AD(H)S-Gehirns unzweifelhaft feststellbar wäre“ (S.14) – ein Mangel, der nur in Teilen besteht, und welchen Depression, Migräne und zahllose andere, auch körperliche Erkrankungen teilen, ohne dass jemand auf die Idee käme, die Löschung der Diagnosen aus der weltweit gültigen „International Classification of Disorders“ (ICD) der Weltgesundheitsorganisation zu fordern.

Am unangenehmsten imponiert jedoch der Reflex, mit dem der Autor all jene pauschal abqualifiziert, welche die Dinge nicht so sehen wie er. „Alle wissen es: Wenn sich ein Kind wie der oben beschriebene Martin verhält, ist nicht lange zu rätseln: Das ist AD(H)S. Jeder fühlt sich als Fachmann dafür. Die Diagnose kann man ohne fundierte Ausbildung stellen.“ (S.15) Bonney unterstellt jedem, der die Diagnose ADHS vergibt, „wenig Bewusstsein über deren Komplexität“, ein Verharren an der „Verhaltensoberfläche“ sowie in der Biologie, eine schlechte Anamnese und schlichte Konstruktionen einer subjektiven Wahrheit (S.17). Eine amerikanische Studie , auf die Bonney verweist (S.15), wird von ihm inhaltlich falsch wiedergegeben. Bonney will aus ihr ableiten, dass 70% der ADHS-Diagnosen von Laien gestellt seien und nicht auf gültigen wissenschaftlichen Kriterien gründeten. Diese Schlussfolgerung lässt die angeführte Studie jedoch nicht zu, da sie lediglich die Daten der „Early Childhood Longitudinal Survey-Kindergarten Cohort“, einer US-amerikanischen Langzeitstudie, nutzt, um Elternaussagen über das Kind mit statistischen Daten über Familienstruktur, regionale Unterschiede, Lehrer- und Schulcharakteristiken sowie gesetzliche Bestimmungen zu korrelieren. Eine Beurteilung oder gar Überprüfung der Richtigkeit der seitens der Eltern berichteten ADHS-Diagnosen ihrer Kinder lassen Datenpool und Studiendesign überhaupt nicht zu.

Dies alles gipfelt in der Aussage: „Komplexe Verhaltensauffälligkeiten wie Neurosen und Psychosen aber lassen sich nach wie vor nicht organisch erklären. Dessen ungeachtet geht die psychiatrische Wissenschaft nach wie vor davon aus, dass diese Erkrankungen hirnorganische Ursachen haben.“ (S.18) Sieht man davon ab, dass allein das Begriffspaar „Neurose“ und „Psychose“ auf eine Terminologie verweist, von der sich die wissenschaftliche Psychiatrie bereits vor Jahrzehnten verabschiedete, da sie psychoanalytischen Konzepten entspringt und das heutige medizinische Wissen nicht mehr abzubilden vermag, so manifestiert dieses Zitat zugleich eine für einen Arzt erstaunliche Unkenntnis und/oder Leugnung der umfangreichen Erkenntnisse, welche Neurobiologie, Neurologie und Psychiatrie nicht zuletzt durch die Beobachtung von Stoffwechselprozessen in den letzten 30 Jahren gewonnen haben, sowohl im Fall der ADHS als auch im Fall anderer psychiatrischer Erkrankungen.

Der neue Morgen der Psychoanalyse

Die Kapitel 2 bis 6 von „ADHS – na und?“ sind eine Fortsetzung des Besserwollens und Besserwissens des ersten Kapitels. Kapitel 2 „Ein klares Licht auf die Entwicklung werfen“ ist mit dem programmatischen Untertitel versehen: „Kein Kind wird mit AD(H)S geboren.“ Für sich genommen klingt das einleuchtend, ein Votum für die soziale Genese der ADHS als einer Verhaltensstörung. Neben Sätze gestellt wie „Kein Kind wird mit Legasthenie geboren“ oder „Kein Kind wird depressiv geboren“ offenbart der Untertitel hingegen seine Banalität. Die Wahrnehmung von Störungen des Verhaltens, des Lernens oder der Emotionen bedarf eines normativen sozialen Rahmens, der Grenzen setzt, Leistungen einfordert und Gemeinschaft bedingt. Erst die Notwendigkeit und das Bemühen, sich in diesen Rahmen einzufügen, machen in der Gemeinschaft als Störung offensichtlich, was im Einzelnen als Temperament zuvor bereits angelegt war. Schließlich fällt auch die Kurzsichtigkeit von Kindern häufig erst dann auf, wenn sie in der Schule von einer Tafel lesen und abschreiben sollen.

„Kein Kind wird mit AD(H)S geboren“ hat allerdings über die Banalität der Aussage hinaus eine bittere Note. Was die Kinder von einer Störung freisprechen möchte, verurteilt die Eltern. Hat nicht manch Wissenschaftler mit denselben Phrasen, die heute der Bekämpfung der ADHS als Störungsbild dienen, einst den Autismus zum Produkt gefühlskalter Mütter erklärt?! Welcher ernstzunehmende Wissenschaftler und empathische Laie verträte heute noch die Ansicht „Kein Kind wird mit Autismus geboren“? Die genetische Disposition und intrauterine Prägung zur Ausbildung einer ADHS zu haben, bedeutet nicht, dass sich die Symptome der Störung zu jeder Zeit in gleicher Weise zeigen. Diese neurophysiologische Anlage der menschlichen Verhaltenssteuerung zu leugnen, die inzwischen in zahlreichen wissenschaftlichen Studien nachgewiesen wurde, ist nicht nur unsinnig, sondern im Hinblick auf die aus diesem Wissen abzuleitenden therapeutischen Maßnahmen fragwürdig.

Bonneys oberflächlicher Rigorismus im Kampf gegen das Störungsbild ADHS sowie seine ausschließlich psychodynamische Begründung menschlichen Verhaltens nimmt bisweilen fast biblische Züge an. Man fühlt sich an die Denkweise der Jünger im neunten Kapitel des Johannes-Evangeliums erinnert, als diese angesichts eines Blinden fragten: „Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, sodass er blind geboren wurde?“ (Joh 9,2). Ein umfangreiches Fallbeispiel schildert beispielsweise die Geschichte eines Jungen, dessen älteres Geschwisterkind am plötzlichen Kindstod starb; die Angst um das zweite Kind mündete in Überfürsorge und Grenzenlosigkeit. Die Zusammenfassung des Autors: „Nur wenige Forschungen beleuchten die Frage nach der Entstehung der AD(H)S.“ (S.25) Es scheint, als wolle Helmut Bonney den Leser glauben machen, er habe als erster die Frage nach frühkindlichen Einflüssen auf die menschliche Verhaltenssteuerung gestellt. Dabei ignoriert er schlicht die große Zahl an wissenschaftlichen Studien, die in den vergangenen Jahren zu frühkindlicher Entwicklung und Verhaltensstörungen erschienen sind.

In Kapitel 3 „Die körperliche Verfassung prüfen“ demonstriert der Arzt Bonney genau jene unprofessionelle Selbstgefälligkeit, der er die Diagnostiker der ADHS zuvor zieh: „Der erfahrene Kinderarzt erkennt mit Sicherheit, ob die körperliche Entwicklung regelrecht verlaufen ist, ob sich das Kind in altersentsprechendem Zustand befindet und ob die Stoffwechselvorgänge in Ordnung sind.“ (S.37) Der Röntgenblick des Mediziners für die Neurotransmitter-Aktivitäten des Gehirns ist gleichermaßen überraschend wie überheblich. Dagegen fallen die Ausführungen zu den „Wirkungen des Stimulations-Teufelskreises auf das Nervensystem“ (S.38ff.) arg laienhaft aus. Wieder verweist Bonney auf eine Studie , deren Inhalt er verzerrt darstellt. In ihr geht es um die Verfügbarkeit von Dopamin-D2-Rezep¬toren bei Makaken unter spezifischen sozialen Bedingungen, nicht um die „Ausprägung bestimmter Hirnstrukturen“ (S.40), wie Bonney schreibt. Zudem untersuchten die Autoren Faktoren des Drogenmissbrauchs, nicht der ADHS.

Weitaus interessanter für den Zusammenhang von Dopamin-Stoffwechsel und Lernen ist hingegen die Promotionsarbeit der amerikanische Neurowissenschaftlerin Kay Tye von 2008, die erstmals die begünstigende Wirkung von Methylphenidat auf strukturelle Hirnveränderungen bei Lernaufgaben nachwies. Durch ein aufwendiges Studiendesign konnten Tye und Kollegen im Tierexperiment zeigen, dass die Substanz nicht nur die aktuelle Effizienz und Unablenkbarkeit bei der Lösung von Aufgaben erhöht, sondern auch stabile Lerneffekte hervorruft. Muss man sich wundern, warum Bonney, aber auch manch anderer ADHS-Kritiker gerade diese Studie geflissentlich verschweigt? Vielleicht, da sie die Spekulationen Prof. Hüthers zur Wirkung der Medikation auf das Gehirn widerlegt, die eine hierzulande beliebte Weltsicht bedienen: Die Natur ist gut, jeder Eingriff in sie aber schlecht. Psychotherapie und Almurlaub sind hui, Tabletten pfui.

Gefälligkeit des Euphemismus

Die folgenden beiden Kapitel „Die Stärken erkennen“ und „In verlässlichen Kontakt kommen“ sind fortgesetzte Manifestationen einer Umdeutung der Alltagsprobleme von ADHS-Kindern in wohlmeinend-gefällige, zuletzt jedoch leere Vokabeln. Für die „wahrnehmungsintensiven“ – oder „wahrnehmungsstarken“, wie der Untertitel des Buches suggeriert – und „handlungsbereiten“ Kinder will Bonney „eine neue Kategorie“ (S.42) schaffen. Wie ist das zu verstehen? Als eine euphemistische Umbenennung oder Neufassung der ADHS-Diagnose des DSM-IV, welche die Verhaltensauffälligkeit der Kinder nun als missverstandene positive Qualität definiert?! In den USA wird Behinderung bereits seit Jahrzehnten als Herausforderung bezeichnet, aus der Verhaltensstörung (behavior disorder) der Psychologie und Psychiatrie wurde in der Pädagogik das herausfordernde Verhalten (challenging behavior). An den Problemen der Kinder in Familie und Schulalltag hat das wenig geändert.

Zudem haben wir das auch hierzulande bereits: Eltern, welche die Verhaltensstörung ihres Kindes auf dessen Hochbegabung zurückführen, ungeachtet aller Studien, die zeigen, dass Hochbegabte im Durchschnitt auch sozial kompetenter sind als Gleichaltrige, solange die Intelligenz ihr einziges Problem ist. Freilich kann man auch die bezugs- und bedeutungslose Sammlung von Eindrücken bei Autisten als Talent ansehen, wenn, ja wenn es ein Vorzug ist, Zahl und Gestalt der Fenster des Petersdoms nach einmaligem Überflug zu erinnern, ohne jemals zu verstehen, wofür der Vatikan steht. Zum Nutzen erhöhter „Handlungsbereitschaft“ von Menschen hat das amerikanische Militär seit dem Sezessionskrieg großes Wissen geschaffen: Nach psychischen Trainings schossen in späteren Kriegen weitaus weniger Soldaten absichtlich daneben, um keine Menschen zu töten. Impulsivität mag ja situativ hilfreich sein, doch als das Denken und Handeln des Menschen grundsätzlich konditionierender Temperamentszug ist sie störend und gefährlich – in den hochtechnisierten liberalen Gesellschaften von heute mehr als je zuvor.

Was hilft immer: Psychotherapie bei Dr. Bonney

„Wir leben in einer Schnellfeuerkultur. Das Lebenstempo hat sich erheblich beschleunigt, nachdem seit ca. 1900 die Uhrzeit das öffentliche Leben organisiert.“ (S.83) Das ist eine gewagte Theorie sowohl im Hinblick auf die historische Verbreitung von Uhren als auch in ihrem recht allgemeinen Gültigkeitsanspruch, ohne Art und Felder der Beschleunigung sozialer Prozesse zu benennen. Einmal mehr versucht Helmut Bonney, einen historisch-logischen Zusammenhang zwischen individuellem Verhalten und sozialen Gegebenheiten zu konstruieren, offenbar ohne jedes sozialgeschichtliche Wissen. Vor diesem selbstgeschaffenen Hintergrund wird die medikamentöse Behandlung der ADHS als pharmakologisches Instrument zur willfährigen Bedienung sozialer Erwartungen diskreditiert, seien es die Sorgen der Eltern oder die Nöte der Lehrer. Verächtlich konstatiert er: „Eine Mehrzahl in der medizinischen Welt scheint nicht zu wissen, dass und wie sich das Gehirn unter den Lebenserfahrungen zu verändern in der Lage ist.“ (S.84).

Tatsächlich? Fest steht zunächst einmal, dass Bonney nichts über die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrhunderte weiß. Früher waren die Werke des Soziologen Norbert Elias „Über den Prozess der Zivilisation“ (1939) und „Über die Zeit“ (1984) Pflicht-, aber auch Lustlektüre für jeden, der über soziale Veränderungen in der abendländischen Neuzeit schrieb. Die „Schnellfeuerkultur“ hingegen ist ein feuilletonistischer Begriff des amerikanischen Psychologen und ADHS-Kritikers Richard DeGrandpre, dessen Werk „Ritalin Nation: Rapid-Fire Culture and the Transformation of Human Consciousness“ von 1999 viel Polemik und wenig Fakten bietet. Malcolm Gladwell stellte im renommierten Magazin New Yorker die kluge Frage, wie man annehmen könne, die Symptome der ADHS seien Ausdruck der Anpassung an das Informationszeitalter, wenn doch nachgerade ADHS-Kinder die größten Schwierigkeiten hätten, sich in diese Kultur einzufügen. DeGrandpre könne beispielsweise nicht erklären, warum ADHS-Kinder Videospiele liebten und dennoch schlecht in ihnen seien, deutlich schlechter als nicht von der ADHS betroffene Kinder, wie Studien zeigten. Bonney aber übernimmt mehr als eine Dekade nach dem Erscheinen der deutschen Ausgabe von „Die Ritalin-Gesellschaft“ gedankenlos die offenkundigen und vielfach kritisierten Fehler der DeGrandpre’schen Darstellungen, zudem ohne Hinweis auf die Herkunft des Begriffs der „Schnellfeuerkultur“, dessen Autor er nur am Rande in der Bibliographie erwähnt. Er reiht sich damit ein in den bereits erwähnten illustren Kreis hemmungslos publizierender ADHS-Kritiker wie Christoph Türcke oder Gerald Hüther, die wenig über die ADHS schreiben, vieles allerdings auf dem Felde einer instrumentalisierten Soziologie, von der sie leider ebenso wenig verstehen.

Die Vorwurfshaltung und das therapeutisch-herablassende Besserwissen machen „ADHS – na und?“ zu einem unfairen Buch. Unfair gegenüber Eltern, die große Probleme mit ihren ungestümen Kindern haben, gerade weil sie für diese Kinder eintreten und mit ihnen leiden. War in Herrn Bonneys Praxis tatsächlich noch niemals eine Familie mit einem impulsiven, unaufmerksamen und hyperaktiven Kind, das humorvoll, intelligent und liebenswert ist, das jedoch „in ungeregelter Tätigkeit und leichtsinniger Vergesslichkeit fortlebt, überhaupt nicht im Stande ist, seine Betriebsamkeit nach eigenem freiem Willen auf eine vernünftige und zweckmäßige Weise zu regeln, und im Verfolg dieser Regellosigkeit, die Schande für seine Eltern, der größte Nachteil für ihn selbst zu gewärtigen ist“? Das ist es, was Eltern wie den Vater Heinrich Hoffmanns, der diese Zeilen 1823 an seinen 14-jährigen Sohn schrieb, was die Mutter Hermann Hesses , was die Lehrer und Erzieher so vieler kluger, leidenschaftlicher, empfindsamer und wütender Kinder seit Generationen bewegt und ihnen Sorgen bereitet. Dagegen wirkt „Hilfreiches und Nützliches – Anregungen für zu Hause“ (Kapitel 10) altbacken und schal – selbst im Vergleich mit dem pädagogischen Bemühen eines Philipp Jacob Hoffmann oder einer Marie Hesse, das dem von Bonney zu Unrecht pauschal diskreditierten, vielfach durchaus kinderfreundlichen Denken und Handeln des Bürgertums im 19. Jahrhundert entsprang.

Rückkehr der Ehrlichkeit

Das empörendste und traurigste Kennzeichen von Büchern wie „ADHS – na und?“ ist ihre Unehrlichkeit. Bonney lässt aus, verzerrt, deutet um, pauschalisiert, idealisiert. Sein Buch setzt sich weder mit dem umfangreichen aktuellen Wissen über die ADHS auseinander noch bietet es im Alltag eine nützliche Hilfestellung im Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern, da es diese außenvorlässt. Vielfach ist es eine Anklage und Bloßstellung nachgerade der Eltern seiner eigenen Praxis, basieren die zahlreichen Fallbeispiele denn tatsächlich auf realen Patienten und ihren Familien. Eltern und Therapeuten von ADHS-Kindern muss bei der Lektüre von „ADHS – na und?“ mal um mal das Gefühl beschleichen, diese vermeintlich prototypisch ängstlichen, schwachen, erzieherisch gleichermaßen einfallslosen wie dilettantischen Mütter und Väter repräsentieren eine Randgruppe, der man in Selbsthilfe und klinischem Alltag gelegentlich, doch kaum mehrheitlich begegnet. Ihnen kann in Erziehungsberatung und Elterntraining geholfen werden; diese Eltern und Kinder brauchen keine teure Therapie auf Kosten der Krankenkassen. Dann aber verbleiben jene unaufmerksamen, unruhigen und impulsiven Kinder, die von guter Erziehung profitieren und dennoch auffällig sind.

Bitter ist zudem, dass es dies- und jenseits der Oberflächlichkeit von falschen Ratgebern wie „ADHS – na und?“ durchaus Grund zur Kritik am Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern, nicht zuletzt solchen mit ADHS gibt. Unsere Gesellschaft hat ihren Anteil an der Pathologisierung von Kindern: durch eine überzogene Pädagogisierung und Therapeutisierung des Alltags; durch eine Schulpolitik, die an den Ideologien von Erwachsenen statt den Bedürfnissen von Kindern orientiert ist; durch die Verdrängung des freien Spiels und impliziten Lernens zugunsten einer Fremdorganisation des kindlichen (Er-)Lebens sowie eines dauerhaft beobachteten, aufdringlichen Lehrens und Lernens. Keines dieser Probleme wird in „ADHS – na und?“ thematisiert, keines bedacht und zumindest in Teilen gelöst. In Anlehnung an das berühmte Verdikt von Karl Marx über die Philosophie Feuerbachs möchte man sagen: Die Pädagogen, Psychologen, Ärzte und Therapeuten haben die ADHS und ihre Ursachen nur verschieden beschrieben; es kommt jedoch darauf an, sie zu verändern!

Diese Veränderung darf kein Wissen von vornherein ausschließen und keine Therapie aus ideologischen Gründen verwerfen. Sie darf die Nonchalance und Gleichgültigkeit eines „Na und?“ nicht zum Programm machen, als sei es unerheblich, was andere denken und sagen. Wirkliche Veränderung verharrt nicht beim Austausch der Begriffe, sondern fußt ihrerseits auf ehrlichem neuem Begreifen. „Heilsamer Umgang“ mit Kindern ist weder gefällig noch gewalttätig, sondern am Leben der Kinder und ihrer Familien interessiert, nicht an der vermeintlichen Wiederentdeckung vorgefasster Sichtweisen in beispielhaft inszenierten Fällen. Bitte schreiben Sie ein neues Buch, Herr Dr. Bonney, das sich mit dem auseinandersetzt, was wir über die ADHS tatsächlich wissen. Das wird Sie und den Leser mehr als 138 Seiten und 16,95 Euro kosten. Vielleicht hilft es dann aber auch mehr.

2012 Johannes Streif

Der längere Originaltext enthält zusätzliche Abschnitte sowie Fußnoten zu Zitaten und wissenschaftlichen Studien.
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am 12. Januar 2013
Das Buch geht sehr in die Theorie und mag für Ärtze und Psychologen interessant sein. Wer Hilfe für den Alltag mit ADHS Kindern / Jugendlichen sucht, wird hier nur eine recht magere Ausbeute finden. Störend fand ich vor allem das Vorstellen eines Computerspiels des Autors.
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am 20. April 2013
Das Buch "ADHS-na und" wurde mir von einer Lehrerin empfohlen. Ich bin dankbar für den guten Tip. Nachdem ich schon einige Bücher über ADHS gelesen habe, finde ich dieses am informativsten. Auch sehr gut für betroffenen Jugendliche, zum Selbstlesen geeignet.
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am 11. Juni 2012
Das ist ein tolles, aufmunterndes Buch. Es beschreibt toll die Vorteile von ADHS-Menschen und hebt nicht immer das "schlimme" hervor. Echt eine Motivationshilfe, nach dessen Lesen man sich fast wünscht, mit verhaltens-intensiven Menschen umgeben zu sein.
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