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am 6. August 2009
Ich kannte diese unglückliche Romanze schon sehr lange von einem alten Film mit Horst Buchholz, der den geisteskranken König gespielt hat und O. W. Fischer den Leibarzt.

Das Buch ist natürlich wesentlich realistischer, düsterer und zeigt die wirklichen Hintergründe dieses Dramas auf.
Warum wird ein König überhaupt verrückt und war er es denn schon seit Geburt oder wurde er verrückt gemacht in einem Tollhaus von Königshof?
Steht er so bestimmten Leuten im Lande nun nicht mehr im Wege?

Wie soll eine junge Frau, mehr noch ein Mädchen in dieser Situation zurecht kommen und dann noch den notwendigen Erben auf die Welt bringen?
Hat sie kein Recht auf Liebe und Leben?

"Der Leibarzt" Arzt und Aufklärer Struensee tritt in das Leben dieser beiden unglücklichen Menschen und deren Leben verändert sich dadurch radikal.
Beiden wird er zum Freund und damit wird ihm Macht aufgebürdet und er nutzt diese Macht, um ein Land zu revolutionieren.
Das einfache Volk versteht seine Taten nicht, dankt es ihm nicht.
Die Gegner der Aufklärung bekämpfen ihn und die Liebe zur Königin macht es möglich, diesen Mann vom Feld der Politik und der Macht zu fegen.
Auf der Strecke bleiben dabei der geisteskranke König, die junge Königin und nicht zuletzt die beiden Kinder unterschiedlicher Väter.
Dem Arzt kostet es sein Leben, die unglückliche junge Königin darf das Land verlassen, um nur einige Jahre später in Gefangenschaft zu sterben.
Der König versinkt wieder in seinen Wahnsinn, seine Freunde der Arzt und die junge Königin hat er verloren.

Dieses Buch ist weit weg vom üblichen Klischee einer großen Liebesgeschichte.
Vielmehr beschäftigt sich der Autor mit den Gedanken und Überlegungen der Hauptfiguren, er beschreibt deren innerste Beweggründe und das macht dieses Buch zu etwas Besonderem.
Weil sich der Autor manchmal zu sehr in diesen Gedanken verliert gibt es von mir "nur" vier Sterne.
Ansonsten möchte ich dieses Buch allen Geschichtsinteressierten, welche die wahren Hintergründe dieser Geschichte erkunden wollen und sich keine Liebesromanze erwarten, sehr empfehlen.
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am 11. Oktober 2014
Ein gross angelegter historischer Roman über das Schicksal des deutschen Arztes Struensee, der das Königreich Dänemark in das Paradies auf Erden verwandeln wollte, der im verbotenen königlichen Liebesgarten verloren ging, und der in der Dornenhecke der sozial-merkantilen Verflechtungen hoffnungslos scheiterte. Ein herzzerreissender Bericht über die Unwandelbarkeit menschlichen Zusammenlebens.
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am 30. August 2015
Wahre historische Begebenheiten, psychologisch interessante Entwicklungen, Liebe, Schmerz und Spannung pur - Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen!
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am 4. September 2013
Am Anfang sehr zäh und manchmal schwer zu folgen.
Aber eine wunderbare,traurige und unglaublich interessante Geschichte.
Kann ich nur weiter empfehlen..
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am 20. Mai 2010
Per Olov Enquist wurde 1934 in einem Dorf im Norden Schwedens geboren. Er ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen Autoren Schwedens.
In seiner Jugend war er Hochspringer (1,94 Meter), studierte dann Literaturwissenschaft in Uppsala, schrieb 1961 seinen ersten Roman und war lange Zeit als Zeitungskolumnist und Fernsehmoderator (München) tätig. Einige Jahre lebte er in Dänemark. Er heiratete zwei Mal und lebt heute in Stockholm. Sein neuestes Buch ist 2009 erschienen und trägt den Titel "Ein fremdes Leben". Darin erzählt er seine eigene Lebensgeschichte aus der Sicht eines anderen Menschens.

Das königliche Dänemark im 18. Jahrhundert wird in diesem Roman unter die Lupe genommen. Christian VII ist König, führt jedoch keine einzige Machthandlung durch. Die Machthaber sind ganz andere Leute, unter anderem seine Erzieher und sein Leibarzt Johann Friedrich Struensee, der eine verbotene Liebschaft mit der jungen Königin Caroline Mathilde pflegt und am Ende deswegen geköpft wird. Struensee kommt die wichtigste Bedeutung zu, denn es ist ja auch geschichtlich nachgewiesen, dass er über 300 Reformen innerhalb weniger Jahre in Dänemark durchführte, wie die Aufhebung der Folter, die dann jedoch von seinen Nachfolgern (Ove-Hoegh-Guldberg) wieder rückgängig gemacht wurden. So wie es in diesem Roman beschrieben wird, scheint es nicht so, als würden die Könige regieren. Im Gegenteil, die Erzieher und Lehrer bemühten sich, die Könige völlig unselbständig zu erziehen und auf falsche Fährten zu führen, so dass sie entweder geisteskrank wurden, wie Christian VII oder zu Alkoholiker sowie dessen Vater Friedrich.
Es gibt in diesem Roman mehrere Hauptfiguren die genau beschrieben werden. Die Macht hungrigen und die "aufgeklärten" Gutmütigen wie der Arzt und Pockenimpfungspezialisten Struensee. Christian VII lebt in einer Scheinwelt und wird von Ängsten und Zweifel gepeinigt. Sein Leben gestaltet er als Theaterstück, es kommt zu einer Umkehrung der Wahrnehmung, die reale Welt ist nichts anderes als eine Bühne, worauf er sein Leben spielt. Er verliebt sich in eine Prostituierte, weil sie die einzige ist, die ihn achtet. Für ihn wird diese Frau zur Herrscherin des Universums, mit seiner jungen Frau, der Königin Caronline Mathilde kann er nichts anfangen, im Gegenteil, er fürchtet sich vor ihr. Größtes Vertrauen entwickelt er zu Struensee, deshalb beauftragt er ihn auch mit der Regierung des Königreiches. Struensee hingegen, möchte gar nicht regieren, es bleibt ihm im Angesicht der desolaten Zustände in dem Land aber nichts anderes übrig und so führt er von der Schreibstube aus alle möglichen Reformen durch. Die anderen "Politiker", die sich anfangs um die politische Machtergreifung stritten, wie Guldberg und Rantzau (der Name leitet sich aus einer adeligen Familie in Schleswig Holstein ab) leiten alles in die Wege um Struensee zu Fall zu bringen und schaffen das schließlich auch.
In diesem Roman wird auf politisch gesellschaftlicher Ebene der Unterschied zwischen einer "aufgeklärten" Vorgehensweise und einer traditionell, macht hungrigen Politik deutlich.
Namen wie Voltaire, Rousseau, Goethe werden in die Romanhandlung mit eingeschlossen.
Die Machtspiele sind immer dieselben, die Schwächen und die Gurtgläubigkeit der anderen wird für eigene Zwecke missbraucht und man scheut vor den Mitteln hierfür nicht zurück. Die Bibel, Jesaja, wird dem Dr. Struensee kurz vor seinem Tod vorgelesen und auch Guldberg bezieht sich auf die Bibel wenn er seine Machtergreifung rechtfertigen will. Ein bisschen hat mich dieser Roman, sowohl was die unmögliche Liebesbeziehung als auch die Machtspiele betrifft an "Die Päpstin" (von Donna Woolfolk Cross bzw. in der Verfilmung mit Johanna Wokalek in der Hauptrolle) erinnert. Auch dort wird der Päpstin aus machtpolitischen Gründen ihr eigenes Leben schwer gemacht und auch ihre Liebesverbindung ist eine unmögliche.
Mir hat dieser Roman deshalb gut gefallen, weil ich viel über die Geschichte Dänemarks erfahren habe.

Hier noch ein paar Textauszüge, die mir gefallen haben:

Die Macht war von Gott dem König verliehen. Dieser übte seinerseits die Macht nicht aus, sondern delegierte sie. Dass der König die Macht nicht ausübte, war keine Selbstverständlichkeit. Die Voraussetzung dafür war, dass er geisteskrank, schwer alkoholisiert oder arbeitsunwillig war. War er das nicht, musste sein Wille gebrochen werden. Die Apathie und der Verfall des Königs waren so gesehen entweder angeboren, oder sie konnten anerzogen werden.

Was weiß ich jetzt, was hab ich anderes gelernt, wenn nicht, dass Lüg und Wahrheit sich so gleichen, als wären sie zwei Tropfen Wasser. Zweifel! Zweifel! Ja, alles ist Zweifel. Und nichts andres ist wahr als der Zweifel.

"Aufklärer wie Sie, Doktor Struensee, sollten nicht unverschämt sei!"
"Wir sind nur sachlich."

"Die Massen verstehen leider nicht die Segnungen der Aufklärung. Schade. Für Sie. Die Massen sind nur am Schmutz interessiert. An den Gerüchten."

Struensee hatte über die Ideologie des Parks gesprochen. Er hatte diese phantastische Anlage gelobt, deren Gänge ein Labyrinth bildeten und deren Hecken die Symmetrie der Anlage verbargen. Er hatte hervorgehoben, dass diese Symmetrie so angelegt war, dass es nur einen Punkt gab, von dem aus die Logik im System des Parks sichtbar wurde. Dort unten war alles Verwirrung. Straßen, Gänge, die blind endeten, Sackgassen und Chaos. Aber von einem einzigen Punkt aus wurde alles deutlich, logisch und vernünftig. Und zwar von dem Balkon aus, auf dem sie jetzt saßen. Es war der Balkon des Herrschers. Nur von diesem einzigen Punkt aus würden die Zusammenhänge deutlich. Dieser Ort, der Punkt der Vernunft und des Zusammenhangs, durfte nur vom Herrscher betreten werden.

Wird der Gedanke irgendwo unterdrückt, taucht er dennoch irgendwo anders siegreich wieder auf. Wird er in dem einen Land verabscheut, wird er in dem anderen bewundert.

Was war "Furcht"? War es die Fähigkeit zu sehen, was möglich war und was unmöglich? Waren es die Fühlhörner, waren es die Warnsignale in seinem Inneren, oder war es der lähmende Schrecken, von dem er ahnte, dass er alles zerstören würde?

Nur Menschen aus einem Guss konnten keine Furcht fühlen. Der dumme Bruder, der keine Furcht kannte, besiegte die Welt.

"Er glaubt, der Mann des Volks zu sein", hatte Brandt verbittert gesagt, "und sie hassen ihn. Alles hat er für sie getan, und sie hassen ihn. Das Volk frisst seinen Wohltäter. Trotzdem verdient er es. Er wollte alles auf einmal."
"Die Ungeduld der guten Menschen", hatte Rantzau geantwortet, "ist schlimmer als die Geduld der Bösen."

Dass die Vögel träumten, war so wichtig geworden: dass sie Geheimnisse hatten und träumen und lieben konnten, wie Bäume lieben konnten, und dass die Vögel "Erwartungen hatten" und Hoffnung hegten und dann plötzlich aufflogen und mit den Flügelspitzen die quecksilbergraue Oberfläche peitschten und zu etwas hin verschwanden. Zu etwas hin, einem anderen Leben. Es war eine so schöne Vorstellung gewesen.

Vielleicht hatte er schon jetzt verstanden. Vielleicht hatte er sein Zeichen bekommen. Er war nur ein Mensch, nichts anderes. Der Regen begann zu fallen, immer schwerer, und bald würden vielleicht die Pferde kommen, und vielleicht würde man dann umkehren, vielleicht zum Schloss, und vielleicht gab es einen barmherzigen Gott, aber warum hast Du mir nie Dein Angesicht gezeigt und mir Führung und Rat gegeben und mir von Deiner Zeit gegeben, von Deiner Zeit, mir Zeit gegeben, und jetzt immer stärkerer eiskalter Regen.
Keiner hörte seine Rufe. Keine Pferde. Kein Gott. Nur Menschen.
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VINE-PRODUKTTESTERam 24. August 2015
"Dieses ganze Buch", urteilt ein gewisser Stefan Winkle, "ist die reinste Pornografie. Von Struensee stimmt nichts, aber auch gar nichts." Der sich so grämlich äußert, ist ein intimer Kenner der Biografie Struensees, des Helden dieses Romans. Aber dass das Buch "die reinste Pornografie" sei, stimmt ebenfalls nicht. Wenn ich es richtig sehe, gibt es zwei Passagen, die in diesem Sinne inkriminiert werden könnten, aber nur von einem uneinsichtigen Faktenhuber. Was also?

Im Gegensatz zu solchen Urteilen, die bei Erscheinen des Buches 2001 in Deutschland geäußert wurden, befinden wir uns heute in der Lage, Enquists Autobiografie von 2008 ("Ein anderes Leben") mit heranziehen zu können, wenn wir diesen Roman verstehen wollen. Im Spiegel von Enquists Autobiografie wird deutlich: Er zeichnet in dem Roman bis in kleine Details hinein ein Pandämonium seiner eigenen Lebensprobleme. Deswegen zuerst ein kurzer Blick auf sein eigenes Leben.

In einem entlegenen Flecken Nordschwedens 1934 geboren, wurde Enquist von seiner streng-religiösen Mutter im asketischen, lustfeindlichen, gottesfürchtigen Sinne der pietistischen Pflingstgemeinde erzogen, was ihm jahrelang schwere Schuld- und Abhängigkeitsgefühle und Schwierigkeiten bereitete, mit sich und seiner Sexualität zurecht zu kommen. In dem Roman verlegt er diesen religiösen Fundamentalismus in die Zeit, in der er historisch entstand, in das noch mittelalterlich anmutende Dänemark vor der Zeit der Französischen Revolution. Seine eigenen Probleme finden sich überzeichnet im gestörten und verstörten König Christian wieder, ebenso wie er sich in den anderen Figuren spiegelt: im Intellektuellen Struensee, der glaubte, die Gesellschaft vom Schreibtisch aus per Erlassen im Namen des Königs ändern zu können. Ebenso in der Liebesbeziehung Struensees zur Königin, in der Enquist seine eigene sexuelle Emanzipation nachvollzieht. Er zieht zwar immer wieder nachprüfbare Fakten aus der Vita der Beteiligten heran, aber letzten Endes geht es ihm um seine eigene Wahrheit. Ein Zitat aus dem Roman: "So ist es mit der Geschichte, man kann wählen, was man sieht." (359).

Abgesehen von dem typischen Stil Enquists, indem er gerne in die Masken der Beteiligten hineinschlüpft und aus deren Perspektive erzählt , oder in forciert einfacher Weise kurze Sätze formuliert, variiert und ironisch pointiert wiederholt, finden sich Stilbrüche und Ansichten, die eher für Enquists eigene Zeit und Lebenserfahrungen als für das 18.Jahrhundert typisch sein dürften. Man lese nur, wie sich die Geliebte des Königs und die Königin gegen Übergriffe der Frömmler und Tugendbolde zur Wehr setzen! (S.81 bzw. 303).

Bemerkenswert, dass Enquist sich in einem historischen Stoff spiegelt, in dem die Reaktion schließlich siegt. Der Schluss macht aber deutlich, dass dieser Sieg nur vorübergehend war und dass die geistige und politische Emanzipation nicht aufzuhalten war. - Man kann diesen Umgang mit der Geschichte sehen, wie man will. Enquist hat von seiner dichterischen Freiheit Gebrauch gemacht und es verstanden, durch die Verquickung des Materials mit seinem eigenen Leben eine intensive, spannende Sicht der Dinge zu geben.
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TOP 500 REZENSENTam 8. Dezember 2014
Das Buch spielt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Königreich Dänemark. Christian VII, eine nervenkranker, aber empfindsamer Monarch, erlaubt, dass seinem Leibarzt, dem Altonaer Arzt G.F. Struensee, als erstem Minister die rückständigen Gesellschaftsstrukturen des heruntergekommenen Königreiches zu reformieren. Da der erste Minister zugleich ein Verhältnis mit der vernachlässigten jungen Königin beginnt, macht er sich angreifbar, so dass seine mächtigen reaktionären Gegner eine Gegenrevolution planen…

Soweit der Plot des vorliegenden Buches, der sich weitgehend auf die realen historischen Fakten der sogenannten dänischen "Struenseezeit“ (1768-1772) bezieht. Aus diesem Material hat Per Olof Enquist einen Roman geformt, der nicht nur sehr gut unterhält, weit über das rein historische Sujet hinausgeht sondern auch noch literarischen Maßstäben genügt. Eine raffinierte erzähltechnische Entfaltung der Handlung, eine Reihe analytisch und feinfühlig geschilderter Charaktere, die konsequente Vermeidung von Schwarz-Weiß-Malerei und die Ausleuchtung der großen historischen Bühne machen das vorliegende Buch zu einem Gesellschaftsroman der späten Aufklärung, wie ich bisher wenige gelesen habe. Und das in einer Sprache, die ihrem Gegenstand voll entspricht: anschaulich, innovativ, tastend und suchend, als versinnbildlche sie selbst als Form die inhaltliche Frage, die der Roman als Ganzes aufwirft.

Die Hauptfrage, um die der Roman kreist, ist die Frage nach der Perfektibilität des Menschen und seiner Fähigkeit, die Welt und die Gesellschaft als eigener Kraft und Einsicht heraus zu verbessern. Von den Feinden der Aufklärung wird ein eindringliches, ein finsteres Bild gezeichnet, es sind weniger die raffgierigen und debilen Idioten des dänischen Hofes sondern Figuren wie der Hofrat Guldberg, der alttestamentarischen Rachephantasien wie dem "Keltermeister“ des Jesaja folgt. Aber auch das durchaus zerfurchte Gesicht der Aufklärung wird deutlich: es ist nicht reine Menschen, die das edle Licht der Vernunft entzünden wollen, diese Menschen sind mitunter wie der unselige Graf Rantzau recht charakterlose Figuren. Und was die Guten und Reinen betrifft, wird die Frage aufgeworfen: "Warum werden immer die falschen Menschen auserwählt, das Gute zu tun?“ Die Antwort, die die gefangene Königin am Ende des Romans gibt, gibt, lautet: "Es musste der Teufel ein, der die Guten auswählte“ – eben, weil sie als Gute und Gewaltlose wie Struensee sich gegen das Schlechte auf Dauer niemals behaupten können. Und wer sollte von den 362 Reformdekreten des guten Arztes aus Altona eigentlich profitieren? Das tumbe Volk, das die Reformen begeistert begrüßt, weil es in den geöffneten Schlossgärten nun nach Herzenslust im Unterholz f… darf, aber dann dröge zusieht, wie Struensee hingerichtet wird. Fragen über Fragen. Und lauter Denkanstöße ohne bündige Antworten – genauso, wie es bei einem guter Roman auch sein soll.
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am 23. Juli 2015
nach vielen Jahren habe ich dieses Buch ein zweites Mal gelesen und es hat mir genauso gut gefallen wie beim ersten Mal.

Als geschichtlich interessierter Mensch habe ich Zugang zu und interessante Informationen über einen kurzen Zeitraum der dänischen Geschichte gewonnen. Hierüber hatte ich vorher keine Kenntnisse, was das Buch für mich so interessant macht.

Aber es handelt sich hierbei nicht um eine geschichtliche Abhandlung, sondern um einen biografischen, gut recherchierten, tiefgründigen und bestens ausgearbeiteten Roman von hoher literarischer Güte, der angenehm zu lesen ist, auch wenn er manchmal etwas langatmig wirkt.
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am 26. November 2014
„Der Besuch des Leibarztes“ – das klingt leise, sachlich, nüchtern, beiläufig, unaufgeregt. Und genauso erzählt Enquist vom Aufstieg des Hamburger Arztes Johann Struensee zum Berater des dänischen Königs Christian VII. am Vorabend der französischen Revolution; davon wie Struensee das Vertrauen des derangierten Königs erwirbt und schließlich selbst die Gesetze verfasst, die Dänemark im 18. Jahrhundert auf den Weg der Aufklärung bringen sollen.

„Der Besuch des Leibarztes“ – das klingt auch kurz, zufällig, unbedeutend. Vordergründig betrachtet mag das für Struensees Zeit Dänemark gelten. Doch sein Wirken war nicht vergeblich – die Saat der Aufklärung war ausgebracht, die Idee lebte weiter. Das Buch, das keine Nacherzählung geschichtlicher Ereignisse ist, bringt das klar zum Vorschein. Präzise wie ein Uhrwerk analysiert Enquist die begünstigenden Bedingungen, die Ränke, Wechselfälle und Widerstände, die Struensees ungewollten Aufstieg und tragischen Fall ermöglichen. Vor allem aber zeigt aber, dass es Menschen und ihre Entscheidungen sind, aus denen Geschichte entsteht, und dass vermeintlich kleine Vorfälle große Wirkung entfalten können.

Enquist geht ähnlich wie Hillary Mantel vor. Viele Dialoge zwischen den Hauptpersonen und genaue Beobachtungen ihrer Eigenheiten und Denkweise sorgen dafür, dass der Leser sich wie mitten im Geschehen vorkommt. Enquist bevorzugt kurze, klare Sätze, und ist in seinen Deutungen des Geschehens an vielen Stellen klug und manchmal poetisch und philosophisch.

So gelingen ihm feine Charakterstudien der Personen und ihrer Beziehungen, die manchmal schauern lassen: Wie konnte ein so ungeeigneter Charakter wie Christian so jung so viel Verantwortung erhalten? Wie die ebenso junge englische Prinzessin so früh per Vermählung Königin werden? Es ist schwer zu glauben, dass Länder über Jahrzehnte so ineffizient regiert wurden.

Bleibt als einziger Kritikpunkt nur, was ich bei der „Vermessung der Welt“ angemerkt habe: Der Stoff wirkt so echt und authentisch, dass man vergisst, dass er genau das NICHT ist – obwohl etliches belegt sein dürfte.

Fazit: So persönlich erzählt macht Geschichte Spaß. Unbedingt lesen.
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am 26. April 2010
Per Olov Enquists "Der Besuch des Leibarzt" dürfte wohl die bekannteste literarische Darstellung des Lebens Struensees sein. Der Plot orientiert sich weitestgehend an den tatsächlichen Gegebenheiten, soweit sie heute bekannt sind; lediglich in Details weicht Enquist ein wenig ab.

Die Vita Struensees ist der beste Beweis dafür, dass das Leben noch die besten Geschichten schreibt - gerade dann, wenn es diese tragischen Schicksale betrifft. Der Plot hat insofern alles, was einen packenden Roman ausmacht - und letztlich auch als i-Tüpfelchen, den realen Hintergrund.

Das Hörspiel wurde von Valerie Stiegele bearbeitet. Mit gut zweieinhalb Stunden Spielzeit hat die Geschichte recht viel Raum, um viel von der Vorlage einfließen zu lassen. Dabei schleichen sich kaum Längen ein, da man die Zeit gut nutzt, um Geschichte und Charaktere deutlich zu zeichnen.

Die Inszenierung von Walter Adler ist angenehm gradlinig. Man schafft eine gute Kulisse der Handlungszeit und überlässt die dramatischen Aspekte den Akteuren.
Hans Peter Hallwachs ist hier der gewohnt gute Erzähler, desssen besondere und wiedererkennbare Stimmfarbe, diese vom Cast losgelöste und auch sehr oft eingesetzte Funktion gut unterstützt.
Ein besonderes Lob geht an Ulrich Matthes, der mich in anderen Hörspielen schon mal etwas enttäuscht hat. Er gibt der Figur des Struensees eine solch gelungene naiv-geniale Färbung, dass der Charakter richtig gut greifbar wird.
Ebenfalls sehr gut: Alexander Pietschmann als Christian VII. und Felix von Manteuffel als fieser Widersacher Guldberg.

Ein sehr interessantes und spannendes Hörspiel, das ich wirklich nur empfehlen kann. Gerade der reale Hintergrund und die glaubwürdige Darstellung sorgen für ein besonderes Hörerlebnis.
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